Machen wir unseren Job…

Die Wahl im Saarland war noch nicht richtig ausgewertet, da durfte man sich mal wieder die Frage stellen: Wie weit kann man Journalisten und anderen Meinungsmachern noch trauen?

Keine Sorge, ich bin nicht unter die Populisten gegangen und brülle jetzt auch irgendwas von „Lügenpresse“. Aber ein paar Gedanken über den ritualisierten Journalismus darf man sich ja schon mal machen, vor allem dann, wenn einem der eigene Berufsstand doch noch ein wenig am Herzen liegt. Und der hat keinen guten Eindruck hinterlassen in den letzten Tagen, was dummerweise den Lügenpresseschreihälsen ein bisschen Wasser auf die Populistenmühlen geben könnte.

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Lügenpresse, na und?

Lustig ist das ja schon: Da krakeelen ein paar Unzufriedene irgendwas von „Lügenpresse“ – und schon gibt es ernsthafte Debatten darüber, wie viel an der gezielten Verleumdung wohl dran sein könnte. Deshalb: ein Plädoyer für einen deutlich weniger aufgeregten Umgang mit Schreihälsen, die von sich gerne auch mal behaupten, das Volk zu sein.

Was macht man mit jemandem, dem man sämtliche Glaubwürdigkeit nehmen und einfach mal ordentlich diskreditieren will? Man bezichtigt ihn einfach der Lüge. Pauschal, ohne konkrete Beispiele, einfach mal so.  Und schon dreht sich, schwuppdiwupp, der in diesem Land geltende Rechtsgrundsatz um: Wer als Lügner bezeichnet wird, muss erst mal sehen, dass er seine Glaubwürdigkeit herstellt, nicht etwa umgekehrt. Das ist weder ein sonderlich neues noch ein typisch deutsches Phänomen, sondern schlichte menschliche Psychologie.

Und auch das: ein Beleg für Denkfaulheit. Wer sich nicht in die Mühen der ernsthaften Auseinandersetzung begeben kann oder will, der nennt den anderen halt einfach einen Lügner. Das ist wie bei allen anderen Verschwörungstheorien (und was anderes als eine Verschwörungstheorie ist es, jemand anderen als einen Lügner zu bezeichnen, ohne es belegen zu können): Sie funktionieren ganz wunderbar, weil sie so furchtbar schwer zu widerlegen sind. Weil sie mit einer Absolutheit daherkommen, der bestenfalls mit ebensolcher Absolutheit zu entgegnen wäre. Was wiederum schwierig bis unmöglich ist, weil man dann ja behaupten müsste, in diesem riesigen Universum, das man irgendwie Presse nennen müsste, sei noch nie gelogen wurde. Und das würde ja nun wirklich nicht mal der wohlmeinendste Angehörige unseres Berufsstandes behaupten wollen…

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Lügenpresse also. Ein Begriff, den es in dieser und leicht abgewandelter Form schon lange gibt, nicht erst seit den Nazis (um diese Keule gleich mal rauszunehmen aus der Debatte).  Dass die Presse lügt, ist so sinnvoll und diskutabel, wie es der Satz „Alle Frauen lügen“ wäre.  Der Begriff ist weder ein Unwort noch eine Diskussionsgrundlage. Er ist eine gezielte Verleumdung. Das macht es nicht besser oder schlechter. Aber es ist unsinnig, Verleumder vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Wer den Begriff nutzt, dem ist ja nicht an einer ernsthaften Auseinandersetzung gelegen. Geschweige denn an Fakten. Es macht also wenig Sinn, sich in eine ernsthafte Debatte über diesen Begriff begeben zu wollen. Wie auch? Mit einem Faktencheck? Mit Zahlen? 98 Prozent aller Texte in der Presse stimmen?

Natürlich, niemand verlangt, dass man uns Journalisten immer alles durchgehen lassen sollte. Niemand, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde ins Gegenteil verfallen und ernsthaft behaupten, dass Journalisten immer nur gute Arbeit abliefern. Wenn man allerdings über solche Themen ernsthaft debattieren wollte, müsste auf der anderen Seite nicht nur Bereitschaft zur Debatte da sein. Sondern auch Fakten. Die Anhänger der „Lügenpresse“-Parolen bewegen sich aber nicht in einem argumentativen Rahmen. Sondern in einem, in dem es um gefühlte vermeintliche Wahrheiten geht. Dass dieses Land gerade kurz davor steht, die Scharia statt des Grundgesetzes einzuführen, dass es sich bei Politikern und Journalisten und allen, die irgendwie für dieses System stehen, um eine Masse korrupter, angelockter desinteressierter und verlogenener finsterer Gestalten, ist  nicht mehr als ein übles Bauchgefühl, das sich nicht mehr erklären ließe, wenn man sich ernsthaft mit Fakten auseinandersetzen würde. Die dumpfe Gemengelage von Islamistenhorden, abgehobenen Politikern und korrupten Politikern lässt sich also nur aufrecht erhalten, wenn man sich weigert, den Sumpf zu verlassen, in dem man sich wohlig wälzt und irgendwie eine Ahnung hat, dass hier alles nicht mit rechten Dingen zugeht.

Kann man sich als Journalist, als irgendwie medienmachender Mensch diesen Vorwürfen und Parolen irgendwie entziehen? Ja, kann man. Man darf und sollte sich ernst gemeinter Kritik nicht verweigern. Pauschalisierende und diffamierende Parolen, die erkennbar nur einem Zweck dienen, muss man aber nicht wirklich zum Gegenstand einer ernsthaften Debatte machen. Und es hilft im Übrigen, wenn man sich ein wenig von der momentanen Pegida- und Lügenhysterie fernhält. 20.000 Demonstranten in Dresden, die ziemlich viel Wind um sich machen, sind eben nicht das Volk.  Zumal in allen anderen Städten, in denen ähnliche Versuche der Bewegung gestartet wurden, die Gegner des vermeintlichen Volks schnell und deutlich in der Überzahl waren.

Lasst sie also quäken, die Lügenpresse-Schreihälse. Man muss den Mist, der im Fluss schwimmt, auch mal einfach an sich vorbeitreiben lassen können.