Jung, schwul, Sozi? Den machen wir rund!

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.  (Pressekodex, Ziffer 8).

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Michael Adam ist Landrat. In einem kleinen Landkreis im Bayerischen Wald, genauer gesagt in Regen. Zugegeben, Adam ist keiner der Landräte, wie sie im Buche stehen: Er ist mit 28 Jahren der jüngste Landrat in Deutschland und er ist, was in Niederbayern durchaus ungewöhnlich ist, Sozialdemokrat.

Und er ist bekennend homosexuell.

Über Michael Adam weiß man seit dieser Woche auch noch anderes: dass er nämlich in seinem Dienstzimmer Sex mit einem Mann hatte, der nicht sein (eingetragener) Lebenspartner war. Was das die Öffentlichkeit angeht? Offenbar sehr viel, befand man bei dem kostenlosen Blättchen „Am Sonntag“, das zum kleinen Imperium der „Passauer Neuen Presse“ gehört. In der jüngsten Ausgabe der Blatts wurde detailliert geschildert, wie und warum und wo es zum „Sex im Dienstzimmer“ kam.  Die große Schwester PNP nahm den Ball mehr oder weniger dankbar auf, berief sich auf die Berichterstattung des Sonntagsblättchens und berichtete ebenfalls über die „Sex-Affäre“. Nicht weniger erstaunlich: Die Geschichte vom niederbayerischen Landrat, der sein Dienstzimmer zweckentfremdete, schaffte es als Aufmacher (!) auf die Titelseite der „Bild am Sonntag“.

Michael Adam hat die Vorwürfe inzwischen weitgehend bestätigt (den kolportierten Poppers-Konsum bestreitet er allerdings). Dass er hinter den Veröffentlichungen eine gezielte Kampagne vermutet, kann man ihm kaum verdenken. Angenommen, irgendein anderer Landrat in Deutschlands Provinz hätte irgendwo in seinem Dienstzimmer Sex mit einer anderen Frau gehabt: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass das zu einer Titelgeschichte geworden wäre? Vermutlich hätten dann Deutschlands Redaktionen ziemlich viel zu tun, ganz davon abgesehen, dass der Pressekodex eine solche Geschichte gar nicht zulässt. Wo das „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bei einer sexuellen Eskapade eines Lokalpolitikers liegen soll, das würde man wirklich gerne mal erklärt bekommen. Es sei denn, man verwechselt Sensationsgier und Klatschlust mit „Information“. Tatsächlich gilt: Niemand ist zu Schaden gekommen, Landrat Adam hat sich insoweit korrekt verhalten, als dass er seine Dienstpflichten nicht verletzt hat. Der Seitensprung im Dienstzimmer geht also exakt drei Menschen etwas an: den Landrat, seinen Lebenspartner und den jungen Mann, der sich mit Adam im Dienstzimmer verlustierte. Sonst niemanden.

Und obwohl das so ist, hat diese Veröffentlichung zumindest eines geschafft: Adam zu diskreditieren, Dinge aus seinem Privatleben bekannt zu machen, die schlichtweg nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Bei der PNP verfährt man indes gerne nach journalistischer Gutsherrenart: Freunde sind Freunde, Feinde sind Feinde. Für immer und ewig. Ein schwuler, junger, sozialdemokratischer Landrat gehört offenbar zu den Dingen, die sich mit dem Weltbild der Zeitung nicht sehr gut vertragen.

PNP-Chefredakteur Ernst Fuchs übrigens erklärt in einem Kommentar, warum sich der Landrat diese „Enthüllung“ selbst zuzuschreiben hat:

Ein Landrat, dem – politisch oder moralisch berechtigt oder nicht – zu viel Häme entgegenschlägt, kann einpacken. Im Fall Adam kommt hinzu, dass einer, der gern so scharf das Wort gegen andere führt, um so weniger mit Barmherzigkeit rechnen kann (…)

Dann wünschen wir Fuchs und der PNP, dass niemand irgendwann auf die Idee kommt, er und sein Blatt würden „scharf das Wort gegen andere führen“. Ob man das in Passau auch als Begründung für fehlende Barmherzigkeit werten würde? Und ist das ernsthaft schon „Barmherzigkeit“, wenn man als Zeitung auf schmutzige Enthüllungen verzichtet? Das sagt viel über das journalistische Selbstverständnis des Blattes aus. An Zynismus jedenfalls ist das nicht mehr zu überbieten.

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Dabei hätte es durchaus anderes zu berichten gegeben aus Passau in diesen Tagen: Der freie Journalist Hubert Denk ist offensichtlich in das Visier von Fahndern geraten, die ein über 700 Seiten starkes Dossier über ihn angelegt haben. Denk hatte über eine umstrittene Parteispende berichtet, was sehr offensichtlich nicht jedem recht war. Über den Fall Denk berichteten unlängst u.a. die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk. In der „Passauer Neue Presse“ war davon exakt nichts zu lesen. Denk gehört allerdings auch nicht zum Freundeskreis des Monopolblatts: Früher selbst bei der Verlegerfamilie Diekmann arbeitend, überwarf er sich mit dem Monopolisten und gibt seither sein eigenes Stadtmagazin heraus.

Der Fall Adam jedenfalls zeigt, wie unsinnig das Gerede von medialer Vielfalt in Deutschland ist, zumindest in den weniger urbanen Regionen. Adam und Denk stehen ziemlich ohnmächtig vor der Macht der PNP da: Selbst wenn es zu einer Beschwerde beim Presserat und einer anschließenden Missbilligung käme – der „Schaden“ für das Blatt wäre nicht im Geringsten mit dem vergleichbar, was Michael Adam schon jetzt hinnehmen muss.

Was die anderen schreiben

Geständnisse eines selbstverliebten Laberers

Zunächst muss ich Ihnen heute ein Geständnis machen: Ich habe absolut gar keine Lösung für die Frage, wie sich eine Tageszeitung in die Zukunft retten könnte. Gar keine. Ich habe nur eine Ahnung, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Das denke ich übrigens auch vom klassischen, linearen Fernsehen. Aber eine fertige Lösung? Wenn ich sie hätte, würde ich heute noch meine Bank oder Jeff Bezos anrufen und würde das, was ich für richtig halte, ausprobieren, indem ich mir eine Zeitung kaufen würde. Muss ja nicht gleich die Washington Post sein, als kleine Experimentierfläche würde mir auch der „Dingolfinger Anzeiger“ völlig ausreichen. Aber erstens wüsste ich dann nicht so richtig, was ich damit anstellen soll und zweitens habe ich die Nummer von Jeff Bezos nicht. Deswegen wird es vorläufig dabei bleiben, dass ich lediglich hin und wieder öffentlich weiterhin behaupten werde, dass das Produkt Tageszeitung aus meiner Sicht keine große Zukunft hat. Das würde ich auch vom Tonträger CD behaupten, ohne dass ich ein Patentrezept für die Zukunft der Musikindustrie habe.

Warum das hier steht? In den letzten Monaten hat sich aus meiner Sicht mal wieder die Front zwischen Befürwortern des Modells Tageszeitung und der Skeptiker erheblich verschärft. Das ist erst mal nicht weiter schlimm, in einer guten Debatte darf es ruhig mal scheppern. Was ich allerdings weniger schätze: Es wird zunehmend persönlicher. Ein erster kleiner Höhepunkt dessen war für mich die unsägliche Debatte im „Medium Magazin“ zwischen Thomas Knüwer und Christian Lindner, bei der Sinn und Zweck der Beiträge erkennbar nicht war, Positionen auszutauschen. Sondern einfach Leute aufeinander loszulassen. Christian Lindner hat das dann auch brav getan, in dem er den „Onlinern“ (was auch immer das sein soll) Arroganz und Besserwisserei vorgeworfen hat.

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Seit gut einer Woche gibt es nun bei „Spiegel Online“ eine Debatte über die Zukunft der Zeitung. Dort haben bisher u.a. Thomas Knüwer, Mario Sixtus, Richard Gutjahr, Wolf Schneider, Armin Wolf, Stephan Weichert, Wolfram Weimer und Constantin Seibt versucht, die Frage zu beantworten, wie es um die Zukunft der Tageszeitung bestellt ist. Die Antworten der angefragten Autoren (einschließlich meiner eigenen) fielen nicht wirklich überraschend aus: Wenn man Knüwer, Sixtus, Gutjahr und ab und an mal meinen Kram liest, dann wird man schwerlich erwarten können, dass einer von uns etwas sehr viel anderes schreibt als das, was wir schon längere Zeit so schreiben und was – ich behaupte das mal einfach für die anderen mit – unserer Überzeugung entspricht.  Man kann das aus zweierlei Gründen kritisieren. Erstens, weil man schlichtweg anderer Meinung ist. Oder aber man kritisiert, dass der „Spiegel“ Leute angefragt hat, deren Haltungen weitgehend bekannt sind. Aber zu kritisieren, dass wir auf die Frage nach unserer Meinung unsere Meinung geäußert haben, ist ein kleines bisschen obskur.

Allerdings geht es offensichtlich bei der Debatte um die Zukunft der Zeitungen beileibe nicht mehr nur um die Sache als solche, sondern auch um sehr viel Emotionen. Stefan Winterbauer beispielsweise kritisiert beim Branchendienst „Meedia“ u.a. „selbstverliebtes Gelaber“ und „nervenzerfetzende Langeweile“. Und dass es ausschließlich darum gehe, dass jeder „selbsternannte Medienprophet“ bei dieser Debatte dabei sein wolle. Was im Übrigen ein hübscher Beleg dafür ist, dass Winterbauer erst genervt und dann genervt und schließlich gernervt war und deswegen nicht recherchiert hat: Bei der Debatte hat sich keiner von uns Selbstdarstellern aufgedrängt und wollte unbedingt mit dabei sein. „Spiegel Online“ hatte die Autoren angefragt. Aber es ist dann schon irgendwie erschütternd für mich selbst, wenn ein Medienjournalist offenbar denkt, ich hätte mit dem Ruf „Ich will da rein“ an der Tür des „Spiegel“ gescharrt.

Winterbauer konstatiert dann noch einen Redundanz-Overkill und merkt an, dass es sich um das ewige Geschwätz handle, das keinerlei Lösung anbietet. Tja, kann gut sein – allerdings fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein, welche probaten Lösungen ich nach Lektüre von Stefan Winterbauer oder „Meedia“ gefunden hätte. Und falls man dort jetzt einwenden sollte, dass ein guter Musikkritiker ja nicht auch gleichzeitig ein guter Musiker sein muss, würde ich sagen: Treffer. Natürlich dürfen Winterbauer und Meedia jede Kritik der Welt üben, ohne sofort eine Lösung für die Zukunft der Tageszeitung zu haben. Es ist nur schwierig, wenn man das im Gegenzug von uns verlangt.

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Zu den lustigen Wendungen dieser „Spiegel“-Debatte gehört auch, dass man Stefan Niggemeier lesen muss, um Sascha Lobo zu lesen. Lobo hat dort einen „Gastbeitrag“ verfasst, in dem er als Quintessenz mitnimmt, die SPON-Autoren würden in erster Linie sich selbst als die Lösung der Probleme anbieten. Von all den vielen Kritiken, die ich bisher gelesen habe, war das die Originellste. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich mag Sascha Lobo, finde ihn von seiner Frisur abgesehen sehr unterhaltsam und meistens auch bemerkenswert klug, nehme aber durchaus auch wahr, dass Sascha Lobos Geschäftsmodell u.a. darin besteht, sich als die Lösung aller offenen Netzfragen anzubieten. Und ich verstehe die Logik hinter dem Beitrag nicht: Richard Gutjahr beispielsweise fordert in seinem Beitrag „mehr Experimentierfreude“, Sascha Lobo attestiert ihm, eine der experimentierfreudigsten Figuren in der deutschen Medienszene zu sein. Wunderbar, würde ich daraus folgern: Da tut einer, was er selbst von anderen fordert. Mario Sixtus fordert mehr „mutige Ausprobierer“ und Lobo attestiert ihm, ein „mutiger Ausprobierer“ zu sein. So geht das am Beispiel aller Autoren weiter, am Ende kommt Sascha Lobo dann zu der verblüffenden Schlussfolgerung, die Mediendebatte kranke vor allem daran, dass ihre Teilnehmer „unfähig und unwillig“ seien, ihre eigene Perspektive mal zu verlassen.

Aber genau das ist der Punkt – der zum einen entscheidend ist für die Debatte und an dem zum anderen Herr Lobo irrt. Richard Gutjahr hätte sich ein angenehmes Leben als Moderator beim öffentlich-rechtlichen TV machen können. Mario Sixtus hätte andere Optionen gehabt, als ein neues Format zu kreieren. Thomas Knüwer wäre vermutlich heute noch beim „Handelsblatt“, hätte er sich nicht selbstständig gemacht – und (ich will Ihnen ja nicht vorjammern) ich hätte ebenfalls ein Leben in öffentlich-rechtlicher Tüdeligkeit führen können. Ich habe in meinem Leben zweimal Jobs aufgegeben, bei denen ich komplett unbefristete Verträge hatte und bei denen ich in Ruhe alt hätte werden können. Der Trugschluss, dem Sascha Lobo in seinem Text unterliegt, ist also der: Fast jeder der Autoren hat seine Perspektive schon mal verlassen und geändert, einige sogar ziemlich radikal. Das vermutlich manchmal etwas Schlaumereirische, Selbstverliebte und Arrogante an uns (nebenbei ernsthaft bemerkt: Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass das manchmal so rüberkommt) resultiert vermutlich daraus, dass wir diesen Perspektivwechsel hinter uns haben. Was im Übrigen nicht immer der Spaß ist, nachdem es manchmal nach außen klingt. Ich glaube, jeder der hier angesprochenen hat seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man neue Dinge ausprobieren will, die dann schlichtweg nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt.

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Ich nehme mich da keineswegs aus. Ich würde sogar sagen, dass ich mich in meinen Vermutungen, was die Zukunft für uns Medienmenschen bereit hält, öfter getäuscht habe als dass ich richtig gelegen wäre. Ich habe an eine große Zukunft von Blogs geglaubt, habe mich bei einem großen interaktiven TV-Projekt prächtig verhoben und meine letzten kapitalen Schnitzer waren die Vermutungen, bei Twitter handle es sich um eine Übergangserscheinung und das iPhone sei ein Spielzeug, das keiner braucht. Schon alleine wegen dieser Erfahrungen würde ich mich nicht trauen und Lösungen für Fragen propagieren, bei denen selbst der Verleger der „Washington Post“ sagt, er habe sie nicht gefunden. Im Gegenteil: Mir ist jeder suspekt, der genau wissen will, was in den nächsten 5 oder 10 Jahren passiert. Man sollte jedem mit diesem Anspruch misstrauen, egal ob er jetzt pro oder contra Tageszeitung ist, ein analoger oder doch ein digitaler Journalist.

Deswegen werde ich dennoch weiter meine Zweifel an der Zukunft der Tageszeitung haben. Und mein Respekt vor „experimentierfreudigen Figuren“ und „mutigen Erneuerern“ wird immer ungleich höher sein als vor denjenigen, die viele laute und scharfe Worte finden – und selbst zur Debatte außer kulturpessimistischem Genöle nicht sehr viel beizutragen haben.

Transmedia – Hype oder Trend?

Bei der Fachtagung Crossmedia im Rahmen der Lokalfunktage Nürnberg habe ich einen kleinen Workshop zum Thema „Transmedia“ gegeben. Ist das ein Hype oder womöglich doch der neue, große journalistische Trend? Der „Mediencampus Bayern“ hat dazu ein kleines Video gedreht. Ob ich wirklich alle Fragen vernünftig beantwortet habe, frage ich mich allerdings noch immer.