Social Media: Eine Frage der Leere

Social Media stagniert, stellt die neue Onlinestudie von ARD und ZDF fest. Plattformen wie Twitter und Snapchat hängen sogar auf einem erstaunlich niedrigen Niveau fest. Trotzdem: Kein Grund, soziale Netzwerke wieder vom Radar zu nehmen und nur noch irgendwas mit Facebook zu machen… “Read

Snapchat: Wenn Papa mal cool sein will

Immer, wenn ich Männer (und Medien) meines Alters bei „Snapchat“ sehe, muss ich ein bisschen lachen. Und dann denke ich mir: Vermutlich habt ihr keine pubertierenden Töchter. Sonst wüsstet ihr, dass das ein bisschen unsinnig ist, was ihr da gerade macht…

Der Gedanke hat sich verstärkt, als ich einen schönen Vergleich in der FAZ gelesen habe. Dort schrieb Harald Staun, der Kodex von Snapchat gewähre eine „Lizenz zum Peinlichsein“. Und er verglich, ebenfalls ganz wunderbar, Snapchat mit einer „sturmfreien Bude“. Ähnliches hatte ja schon auf der re:publica ein 15jähriger erzählt – verbunden mit der Bitte an uns Erwachsene, wir sollten doch bitte draußen bleiben.

Und was machen wir? Geben den coolen Papa, ziehen uns ne zerrissene Jeans und ein zu enges T-Shirt an und platzen in die sturmfreie Bude, mit der Bemerkung, hey, Mädels, wir sind auch noch immer ganz töfte.

Hey, Kollegen: Habt ihr pubertierende Töchter und habt ihr schon mal versucht, euch als echt coole Papas in einer schnatternden Mädelsrunde niederzulassen? Dann wisst ihr ja, wie groß die Freude ist, wenn ihr reinkommt, euch dazu setzt und ein paar echt geile Storys loslasst. Und ja, nebenbei: Für manche Dinge, beispielsweise solche, ist man zu alt und wird man immer zu alt bleiben.

Und jetzt kommen wir und sagen: Hey Kids, alle mal herhören!

Das steht hier, weil es inzwischen in der Szene der digitalen Auskenner als unbestritten gilt, dass Snapchat der nächste heiße Scheiß ist, um mal im gewollt jugendlichen Jargon zu bleiben. Jeden Tag gibt es aufs Neue Meldungen, aus denen hervorgeht, wie das Ding gerade durch die Decke geht. Snapchat überholt gerade ungefähr alles, sogar Twitter! Dass man das im Übrigen als Weltsensation betrachtet, geht auch nur in unserer hübschen Media-Filter-Bubble. Außerhalb von uns Medienschaffenden nimmt kein Mensch Twitter mit einer solchen heiligen Bedeutung war. Fragt mal eure pubertierenden Töchter, ob die überhaupt wissen, was dieses Twitter sein soll.

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Klar also ist: Snapchat ist die Zukunft der Nachrichten! Das ist, wenn man schon ein paar Tage im Geschäft ist, eine amüsante Vorstellung, weil an sich bei einem solchen Satz daran erinnert, dass es auch mal die Prognose gab, dass es demnächst keine Nachrichten-Webseiten mehr gebe, weil Blogs die Zukunft des Journalismus seien. Ebenso war auch Twitter mal die Zukunft der Nachrichten, so wie in unseren digitalen Tagen schnell mal nahezu alles zur Zukunft von irgendwas erklärt wird. Demzufolge bewegen wir uns also demnächst nur noch snappend in virtuellen Realitäten.

Natürlich hat Snapchat Potential, kein Mensch bestreitet das. Für alles mögliche, aber nicht für das, was man als halbwegs ernsthaften Journalismus bezeichnen kann (dazu würde ich die Kategorie „Ich erzähle euch jetzt mal, wo ich gerade bin und was ich mache“ nicht unbedingt zählen). Im Moment laufen da einige gerade in die Twitter-Falle: Weil sich dort vorwiegend Journalisten und andere Medienmenschen ausbreiten, schätzen wir die Bedeutung des Dienstes für den Journalismus sehr viel höher ein als alle anderen. So läuft es jetzt auch bei „Snapchat“: Journalisten erzählen sich dort ihre Geschichten und glauben deshalb, nahezu alle anderen müssten es ihnen gleich tun. Ah, und hatten wir das nicht auch gerade erst bei „Whatsapp“, dem Mega-Messenger, bei dem die Debatte darum, wie man dort Journalismus am besten platzieren kann, auch deutlich ruhiger geworden ist?

Journalismus und Medien-Nutzung sind in Zeiten fragmentierender Kanäle mehr denn je abhängig von der Nutzungszitation, dem Endgerät – und natürlich dem Publikum. Dass bei der Formel „Jugendliche + sturmfreie Bude + Plaudermodus“ unter dem Strich „Journalismus“ rauskommt, glaubt ihr das wirklich?

Das Alter! Ich bin kein Snapchatter!

Woran ich merke, allmählich alt zu werden? Ich brauche eine Lesebrille, höre zunehmend schlechter – und ich bin nicht bei Snapchat…

 

Es gibt ja so ein paar Dinge in jeder Szene, die ungeschriebene Gesetze sind. Was man anzieht, was man liest oder hat und was man so macht oder wo man sich trifft. In der digitalen Filter Bubble gibt es jedes Jahr so ein, zwei Dinge, die der neue heiße Scheiß sind. Und weil ein untrennbarer Bestandteil dieser digitalen Filter Bubble unbestreitbar auch eine Neigung zum Exhibitionismus ist, führt man diesen heißen Scheiß dann gerne ein bisschen spazieren. Was mich manchmal an  russische Society Ladys erinnert, die erst sauteuer einkaufen waren und dann den ganzen Klunker irgendwo spazieren tragen, auf dass ihn jeder sehen möge.

Und wie das so ist mit dem Gruppenzwang: Natürlich war ich brav immer mit dabei, habe mich in Netzwerken angemeldet, deren Sinn ich nicht verstanden habe, fand es cool, Einladungen zu bekommen für angesagten heißen Scheiß, obwohl ich es kaum hinbekommen habe, meine anderen digitalen Präsenzen mit halbwegs sinnvollen Inhalten am Leben zu halten.

Letztes Jahr beispielsweise habe ich gleich drei Einladungen für diesen neuen Facebook-Killer bekommen, dessen Name ich leider schon wieder vergessen habe, wo sich aber mal für ein paar Wochen alle angesagten Digital-Leute getroffen haben, um sich dort dasselbe zu erzählen wie bei Facebook. Während sie bei Facebook fleißig posteten, man solle doch rüber kommen zum Facebook-Killer, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe.

Nach ein paar Wochen herrschte übrigens drüben beim Facebook-Killer eine noch größere Ödnis als bei Google +. Und das will echt was heißen.

Jetzt also Snapchat. Es war wie immer in der Digital-Bubble. Auf einmal tauchten irgendwelche Profilbilder auf, die nach Snapchat aussahen. Diejenigen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie heißen Scheiß schnell als heißen Scheiß erkennen und danach erklären, warum das jetzt gerade wirklich heißer Scheiß ist, waren sofort drüben und irgendwie habe ich nur noch auf einen solchen Satz gewartet: Twitter? Das ist so 2013.

Ich hab´s trotzdem nicht mehr übers Herz gebracht, mich auch dorthin zu schleppen, auch wenn mich dabei jetzt endgültig als nicht mehr zugehörig zur Heiße-Scheiß-Blase oute. Vermutlich war der Blick in den Spiegel schuld, der mir eindeutig signalisierte, dass ich mich nicht in einem Netzwerk rumtreiben sollte, das meine 16- und 13jährigen Töchter gerade echt geil finden. Und zugegeben, ich habe auch festgestellt, erste Ansätze einer gewissen Müdigkeit zu verspüren, noch einen Kanal mehr aufzumachen, auf dem ich den verehrten Freunden und Lesern in etwa dasselbe erzähle wie bei Facebook, Twitter, Periscope, Google oder sonstwo – nur eben angepasster, hipper und hochformatiger.

Wir brauchen die Tagesschau in 10 Sekunden!

Aber natürlich müssen wir jetzt alle als Journalisten drüber nachdenken: Wie erzähle ich Journalismus snapchat-gerecht? Wie formuliere ich Nachrichten, die sich nach 10 Sekunden wieder in Luft auflösen? Und ist Hochformat nicht irgendwo das neue Querformat? Wir brauchen die Tagesschau in 10 Sekunden und Journalisten, die sich endlich mal intensiv mit den Potentialen von Snapchat auseinandersetzen, verdammte Axt! Gibt es eigentlich schon irgendwo Snapchat-Seminare?

Vorhin übrigens, das am Rande, habe ich einen wunderbaren Nachruf auf Helmut Schmidt von Evelyn Roll in der SZ gelesen. Ein großes, schönes Stück Journalismus.

Irgendjemand müsste jetzt nur noch Frau Roll beibringen, wie man das in einen ordentlichen Snap verpackt.

Und jetzt muss ich leider aufhören. Termin beim HNO. Hörtest. Mach´s gut, digitale Filter Bubble.