Das Gift der Relotius-Lüge

Seit Freitag versuche ich, den neuen „Spiegel“ zu lesen. Das schaffe ich nur so mittelgut und ich bin mir ziemlich sicher: Wenn man versucht, den „Spiegel“ zu lesen, dann merkt man erst, was Claas Relotius angerichet hat. Read More

Journalismus 2015: Wie geht´s uns?

Im November soll ich eine Keynote über den Zustand des (digitalen) Journalismus halten. Jetzt grüble ich seit Wochen über der komplizierten Antwort auf eine simple Frage: Wie geht es uns eigentlich?

Eigentlich könnte die Sache eine ganz einfache sein: In unserer Branche ist man tendenziell mit einer Mischung aus Defätismus, Pessimismus und Fundamentalkritik ganz gut aufgehoben. Packt man dann noch ein bisschen Bullshit-Bingo dazu, moniert man die Verschlafenheit, die Unfähigkeit, die mangelnde Recherche und fügt man dann noch in verklausulierter Form hinzu, dass die Dinge früher ohnehin etwas besser waren, dann hat man vermutlich rund 80 Prozent der Journalisten tendenziell auf seiner Seite. Und von digitalen Medien haben sie alle keine Ahnung, außer man selbst natürlich (ich muss dabei übrigens immer an den wunderbaren Kabarett-Titel „Alles Schlampen außer Mutti“ denken).

Auf den Gedanken bin ich gekommen, weil ich am 5. November in Hamburg bei dieser feinen Veranstaltung hier die Keynote sprechen darf (auch so ein typisches und in sozialen Netzwerken gern gesehenes Understatement: Ich darf irgendwo meinen Senf dazu geben; in Wirklichkeit bin ich natürlich stolz wie Bolle). Das Thema der Keynote ist so verlockend wie tückisch: Es soll eine Art Bestandsaufnahme werden, wie es uns denn nun geht. Dem Journalismus als solchen und irgendwie auch uns, die wir ihn tagtäglich machen. Eine böse Falle, die mir Prof. Volker Lilienthal da gestellt hat. Seitdem komme ich mir vor wie ein Student, der gerade erkennt, dass das Thema der Hausarbeit, das sich der Prof ausgedacht hat, viel verzwickter ist, als es am Anfang aussah.

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Variante eins wäre also die einfache, eingangs beschriebene. Fundamentalkritik geht immer. Die „Krautreporter“ haben damit sogar mal eine ganze Million Euro gecrowdfundet, mit Fundamentalkritik ist sogar ein völlig neues Berufsbild namens Medienkritiker entstanden, was immer das auch sein mag. Das „Bildblog“ würde schlagartig drei Viertel seiner Leser verlieren, würde es jeden Tag zwei Geschichten bringen, die irgendwelche Medien mal so richtig gut gemacht haben, Niggemeier liest man vermutlich deswegen gerne, weil er es den unterschiedlichsten Kollegen regelmäßig aufs Neue mal so richtig gibt. Um bei „Turi2″ verlinkt oder zitiert zu werden, muss man sich über irgendwas so richtig ärgern oder es wenigstens kritisieren, monieren oder gerne auch mal zum Scheitern verurteilt sehen.

Meine eigenen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Vor Jahren hatte ich in diesem Blog mal versucht, eine kleine Rubrik mit positiven Beispielen zu etablieren. Es blieb beim Versuch, weil das ungelogen die Beiträge mit den schlechtesten Klickzahlen aller Zeiten waren (und so viel Quotensau steckt dann doch noch in mir, dass ich will, dass der Quark hier wenigstens von ein paar Leuten gelesen wird). Umgekehrt kann ich auch verraten, dass in den letzten fünf Jahren drei Beiträge die höchsten Klickzahlen erreichten. Die Themen: erstens ein Krautreporter-Verriss, zweitens eine fundamentale Kritik an den Krautreportern und drittens eine hochgradig pointierte Kritik an den Krautreportern. Wenn mir mal die Leser ausgehen, schreibe ich was über die Krautreporter.

Die Rechnung geht also so: Ich stelle in Hamburg die These auf, dass der Journalismus ziemlich kaputt ist, die meisten Verlage und Sender die Entwicklungen (welche auch immer) verschlafen haben und streue dann noch die Buzzwords ein, die man bei Turi2 gerne liest. Ich vermute, es gäbe Beifall im Publikum, ein paar hübsche Tweets und bei Turi2 ein schönes Zitat mit dem Hinweis „Medienkritiker Christian Jakubetz kritisiert, dass der Journalismus kaputt ist“.

Hübscher Gedanke, das. Noch dazu mit dem Effekt, dass ich endlich mit „Medienkritiker“ einen wohlklingenden Beruf angeben könnte, wenn mich jemand fragt, was ich so mache. Bisher nehmen meine Antworten auf diese Frage gut und gerne mal ein paar Minuten in Anspruch.

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Bei Variante zwei müsste ich erheblich länger nachdenken, weil sie so einfach und leider auch so publikumswirksam nicht ist. Aber dafür ehrlicher.

Immerhin denke ich jetzt schon seit Sommer immer wieder mal darüber nach, was ich wohl erzählen könnte. Wie ich dieses vermeintlich so einfache Lilienthal-Thema beantworten könnte. Weil es ja umgekehrt natürlich keineswegs so ist, dass alles ganz wunderbar ist in dieser Branche, von ein paar kleinen Ausreißern abgesehen.

Auf jedes Beispiel, egal ob positiv oder negativ, fällt mir immer sofort eines ein, das genau das Gegenteil belegt. Ich entdecke fast jeden Tag ganz großartige Dinge, ganz egal ob im Netz, im TV, im Radio oder auf Papier. Nur um kurz darauf wieder Sachen zu sehen, an denen man verzweifeln möchte. Die Lage ist also alles andere als übersichtlich, zumal ich unlängst sogar mal eine Periscope-Reportage des „Bild“-Reporters Paul Ronzheimer gesehen habe, die ich einigermaßen beeindruckend fand. Dabei war man bisher ja wenigstens damit auf der sicheren Seite, wenn man über die „Bild“ im Allgemeinen und über Ronzheimer im speziellen was Böses gesagt hat. Und die Chance auf einen trafficbringenden Link beim „Bildblog“ hatte man auch.

300Oder der „Spiegel“. In nahezu jeder Ausgabe ärgere ich mich über routiniert hingeschluderte Texte, die immer und immer wieder die alten Klischees bedienen und die heimlich von einem Textautomaten geschrieben werden. „Spiegel Online“ ist schon lange zur Routine erstarrt und die Idee eines Babo-Checker-Portals für 18jährige flasht mich jetzt auch nicht so, dass ich in ihr die Rettung des Journalismus entdecken würde. Und die Titelbilder! Die TITELBILDER! Manchmal frage ich mich, ob nicht in Wirklichkeit die „Titanic“ die Grafikabteilung des Blattes gekapert hat.

Auf der anderen Seite lese und sehe ich dann aber immer wieder Stücke, die sind zum Niederknien gut. Alleine Cordt Schnibbens Stück über die „Gutmenschen „, die sich als freiwillige Helfer für Flüchtlinge engagieren, war die Abo-Gebühr für ein Quartal wert.

Und überhaupt: Es ist zwar auf der einen Seite vergleichsweise einfach und manchmal auch billig, sich über die etablierten, alten Tanker zu amüsieren. Aber Beispiele wie eben die vielzitierten Krautreporter haben mir dann halt doch gezeigt, dass es andere eben auch nicht besser können. Im Gegenteil: Nach zwei Monaten intensiver KR-Lektüre war ich dann um „Spiegel“, SZ oder FAZ oder auch die gute alte Tante ARD wieder ziemlich froh. Auch und gerade im Netz. Halten Sie mich meinetwegen für einen alten, langweilen Knochen, aber ich finde das, was beispielsweise sz.de oder zunehmend auch faz.net und Zeit Online machen meistens zumindest so gut, dass ich nicht vor dem Rechner sitze und mir denke: Höchste Zeit,  dass es endlich einen neuen Journalismus gibt!

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Muss man den Journalismus überhaupt retten – und wenn ja,vor was? Als ausgesprochen hilfreich bei der Diskussion dieser Frage erweist es sich regelmäßig, wenn man die Perspektive  wechselt und die eigene Filter Bubble verlässt. Außerhalb meiner eigenen Journalisten-Blase jedenfalls nimmt man das Elend dieses Berufs sehr viel entspannter wahr. Sofern man nicht gerade „Pegida“-Anhänger ist und abends mit dem Schrei „Lügenpresse!“ durch die Straßen marodiert, wird man feststellen, dass man sich in diesem Land immer noch ziemlich wunderbar über alles informieren und sich bestens unterhalten lassen kann. Die Nicht-Journalisten in meinem Freundeskreis (doch, das gibt es!) sehen mich jedenfalls immer etwas entgeistert an, wenn ich ihnen erzähle, dass diese Branche ein einziger, dem Untergang geweihter Sumpf ist, der wahlweise lügt oder doof ist.

Ohne in die Schönrednerei von Festreden zu verfallen, muss man das vielleicht ab und an mal so grundsätzlich feststellen: Wir sind nicht in Italien, wo Ministerpräsident und Medienmogul für längere Zeit mal identisch waren. Wir sind nicht in einem dieser Länder, in dem dieser Beruf potentiell riskant ist. Bei uns kann jeder weitgehend das publizieren, was er will, und wenn es noch so großer Unsinn ist (ein Recht, von dem tagtäglich Gebrauch gemacht wird, wie ein  Blick auf die täglichen Unsinnigkeiten beweist).

Selbst die „Landesverrat“-Geschichte rund um „Netzpolitik.org“ hat sich am Ende als Posse erwiesen, auch wenn das für die Truppe von Markus Beckedahl natürlich zeitweise alles andere als lustig war. Aber auch das gehört eben zum Zustand der Medien in Deutschland: Am Ende haben Beckedahl und Freunde eine ganze Menge Solidaritäts-Geld bekommen, die treibende Kraft hinter den Ermittlungen konnte sich nicht mehr halten und Netzpolitik.org steht heute möglicherweise so gut wie noch nie da.

Wie überhaupt die Publizistik im Netz ziemlich ordentlich ist. Wem die etablierten Medien nicht passen, der kann jeden Tag großartige Sachen nach eigenem Gusto lesen, sehen, hören. Ganz ehrlich: Wer nicht in seinen Leselisten und Bookmarks deutlich mehr Zeug hat, als er jemals konsumieren kann, läuft entweder blind durchs Netz oder er ist Misanthrop.

Kann sein, dass wir das selbstverständlich finden. Es schadet trotzdem nicht, sich all das gelegentlich vor Augen zu führen, bevor wir dann alle wieder den apokalyptischen Reiter spielen und uns stundenlang darüber echauffieren, dass irgendjemand irgendwo einen leicht missratenen Beitrag veröffentlicht hat.

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Aber halt, war da nicht doch noch was? Diese ganze Geschichte mit dem Medienwandel? Dieser ganze digitale Kram, der Jobabbau in vielen Redaktionen, wenn sie nicht gleich ganz geschlossen wurden? Das Problem, Menschen zum Bezahlen von digitalen Inhalten zu bewegen? Natürlich haben wir im Journalismus ein handfestes ökonomisches Problem. Das zu leugnen, fällt selbst dem größten Optimisten schwer.

Kaum anzunehmen ist auch, dass diese Branche in fünf oder zehn Jahren noch so aussehen wird wie heute. Dumm nur, dass wir keinerlei Ahnung haben, wie sie sich stattdessen präsentieren wird; auch wenn es gerade in unserer Branche ausreichend Scharlatane gibt, die aus der Behauptung zu wissen, wie die Zukunft läuft, ein halbwegs florierendes Geschäftsmodell gemacht haben. (Hinweis: Ich arbeite selbst als Berater; falls Sie mich aber mit dem Ziel buchen wollen, danach exakt zu wissen, wie die nächsten Jahre verlaufen werden, bitte ich höflich, von Anfragen abzusehen).

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Kann aber ein  Journalismus funktionieren, dem die materielle Grundlage entzogen wird? Die Frage ist natürlich rhetorisch, weil das nicht geht. Beispiele dafür gibt es heute schon in Hülle und Fülle. Es gibt in nahezu jedem Teilbereich dieser Branche Redaktionen, die so am personellen und finanziellen Existenzminimum leben, dass sie nur noch Mumien-Journalismus produzieren. Inhalte, die vordergründig überdecken, dass darunter nichts mehr an Substanz da ist. Man muss dafür nicht mal besonders exponierte Beispiele nennen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Leser dieses Textes in seinem eigenen Umfeld in kürzester Zeit ein Exempel findet.

Natürlich kann man sich auch hier trösten, so ist es ja nicht: Mit jedem sterbenden Geschäftsmodell entsteht irgendwo auch ein Neues. Das haben uns andere Wirtschaftszweige vorgemacht, das erleben wir auch im Journalismus immer wieder aufs Neue. Es ist ja auch nicht so, dass es plötzlich keinen Bedarf mehr an gutem Journalismus mehr gibt. Im Gegenteil, ich glaube, dass dieser Bedarf in einer Zeit, in der man sich jeden Tag mit unfassbarem Müll zuschütten kann, eher steigen denn sinken wird.

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Wenn Sie es denn wirklich bis ans Ende dieses langen Textes geschafft haben, würde ich daraus zweierlei Rückschlüsse ziehen.

Zum einen: Die Behauptung, die digitalisierungsdummen Menschen des Jahres 2o15 würden keine langen Texte mehr lesen, ist ziemlicher Unsinn.

Zum anderen: Sie haben Interesse an diesen Themen und geben mir möglicherweise Feedback, ob diese Gedanken halbwegs tragbar sind und ob ich auf deren Basis meine Keynote für Hamburg weiterdenken soll (oder ob sie völlig doof sind und ich alle meine Notizen wegwerfe).

Vielleicht haben Sie sogar Lust, selbst vorbeizuschauen. Nein, nicht wegen mir, aber da sind noch sehr viele andere, ganz großartige Kollegen, wegen derer allein sich der Besuch lohnt. Anita Zielina von der NZZ beispielsweise, Cordt Schnibben (Spiegel), Dirk von Gehlen (SZ), Marco Maas (das lebende Datenpaket) und noch ganz viele andere tolle Leute.

Und natürlich Volker Lilienthal. Wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen, Herr Professor.

Das Stinkefinger-Komplott

Der „Spiegel“ macht mal wieder irgendwas mit Hitler und der Rest debattiert über die Echtheit eines ausgestreckte Mittelfingers. Einiges läuft gerade ziemlich schief, wenn es um Journalismus und so komplexe Themen wie Griechenland geht. Was auch damit zu tun hat, dass man mittlerweile viel lieber über Personen als über Themen spricht.

Politik ist eine komplizierte Sache und Wirtschaft auch. Zusammen genommen sind Politik und Wirtschaft also eine derart komplexe Geschichte, dass es selbst für Experten nicht mehr so ganz einfach ist, Dinge plausibel zu erklären. Man hat das während der Hoch-Zeit der letzten Wirtschaftskrise gesehen, als man mit unfassbar hohen Summen irgendwelche Banken retten musste, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Dasselbe Spiel erlebt man nun seit einigen Jahren mit Griechenland. Da ist also ein Land, das sich offensichtlich hoffnungslos verschuldet hat und anscheinend auch nicht gewillt ist, mit der gebotenen Demut angebotene Hilfsleistungen entgegenzunehmen. Trotzdem muss man dieses undankbare Land irgendwie vor dem finanziellen Exitus retten, weil sonst irgendwie ganz Europa gefährdet ist, wenn wir Laien das richtig verstehen.

Ist es da nicht ein Traum, wenn sich die neue griechische Regierung so wunderbar auf Personen reduzieren lässt? Auf einen jugendlich-attraktiv wirkenden Regierungschef und einen Finanzminister, der so einen revolutionär-unkonventionellen Auftritt hinlegt? Und der dann auch noch, göttliche Fügung des Schicksals, den Deutschen einen echten, richtigen Stinkfeiner zeigt? Großartig. Weil sich über so einen Stinkefinger und die Frage ob er denn nun hat oder nicht wunderbar erregt debattieren lässt. Viel besser und einfacher und mit sehr viel klareren Antworten, als wenn es um die Frage geht, was ein Grexit am Ende jetzt eigentlich für die Eurozone bedeuten würde.

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Gewissheiten hat man ja inzwischen so gut wie keine mehr. Weder weiß man, was richtig noch was falsch ist noch weiß man, wer jetzt noch gut und böse ist im großen Spiel um die möglichst einfache Darstellung einer immer schwierigere Welt. Bei Jauch und Bild zeigen sie einen Finanzminister mit ausgestrecktem Mittelfinger, um sich darüber gebührend zu erregen. Böhmenmann behauptet, er habe den Mittelfinger gefaked, um dann kurz darauf zu erklären, dass die Geschichte vom Fake natürlich nur ein Fake war. Und weil die Welt in diesen Tagen so furchtbar kompliziert geworden ist und die einfachen Bilder – Mittelfinger! – ja so schrecklich verlockend sind, hat auch der „Spiegel“ zu diesem Mittel gegriffen (und nebenher seiner Irgendwas-mit-Hitler-Leidenschaft endlich mal wieder frönen können):

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Zwischendrin beklagt sich der Bild-Chef bei einem der Spiegel-Chefs, der früher mal einer der Bild-Chefs war, über dieses zweifelsohne leicht beknackte Titelbild, was auf der einen Seite schon richtig, aber auf der anderen Seite etwas irre ist angesichts dessen, dass in der Bild der Grieche als solcher bestenfalls noch als „Pleite-Grieche“ wegkommt und ansonsten nicht eben mit Samthandschuhen angefasst wird:

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Tatsächlich also ist eine hochkomplexe Debatte auf dem Level angekommen, dass darüber diskutiert wird, ob jemand einen Stinkefinger gezeigt hat und ob der „Spiegel“-Titel nicht mal der „Bild“ zu blöd gewesen wäre. Das ist auf der einen Seite irgendwie menschlich, weil es sich darüber natürlich sehr viel einfacher und mit einem angemessenen Erregungsgrad debattieren lässt; man kann seine Meinung zu solchen Themen sogar auf 140 Zeichen unterbringen. An solchen Tagen ist es mir übrigens sogar machmal richtiggehend peinlich, zu dieser ganzen Griechenland-Sache keine echte Meinung zu haben, weil man ja heutzutage zu allem eine griffige Meinung haben muss und es vermutlich problematisch ist, wenn man einräumt, weder von Finanzpolitik noch von Wirtschaft so viel zu verstehen, als dass man die Frage beantworten könnte, was jetzt wohl passiert, wenn die Griechen tatsächlich nicht mehr Mitglied der Eurozone wären.

Es hat aber auch in mehreren Dimensionen mit dem zu tun, was der notorisch kluge Stefan Plöchinger in dieser Woche geschrieben hat. Nämlich damit, dass wir mittlerweile in einer daueraufgeregten Welt viel zu sehr über Personen als über Themen reden. Hätte man sich mit der gleiche Akribie, mit der man versucht hat, die Echtheit des Fingers nachzuweisen, in das eigentliche Thema Griechenland eingearbeitet, man hätte womöglich sogar so etwas wie einen Erkenntnisgewinn daraus gezogen.

So aber weiß man jetzt noch nicht mal mit echter Gewissheit, was es jetzt mit dieser Geste auf sich hat.

 

Zeitung? Welche Zeitung?

Die „Süddeutsche Zeitung“ wird im Laufe dieses Jahres ihre Print- und ihre Onlineredaktion zusammenlegen. Dahinter kann man einen reinen organisatorischen Akt vermuten. Tatsächlich aber steckt mehr dahinter. Nämlich das Ende ganzer Berufsbilder…

Speziell die Tage nach dem Attentat von Paris müssten es selbst dem letzten eisernen Verfechter gedruckter Medien klar gemacht haben: Auf Papier die Welt erklären, das haut nur noch in einem sehr eigeschränkten Maß hin. Eine ganze Zeit lang galt es ja mal wenigstens mal als ausgemacht, dass die Zeitungen und Magazine den erklärenden, anlaysierenden Teil des Journalismus noch für sich beanspruchen könnten. Nach der Formel: für den schnellen Blick auf die Lage gibt es die Onlinemedien, für alles andere Papier.

Dabei hat sich in den Tagen von Paris gezeigt, wie wenig das noch gilt. Die Tageszeitungen waren meist am Tag des Erscheinens mit ihren Analysen und Kommentaren schon wieder veraltet. Die Kollegen vom „Spiegel“ erlebten wiederum etwas, was man wohl „Ironie des Schicksals“ nennt: Da kam man zum ersten Mal an einem Samstag auf den Markt, nur um dann festzustellen, dass es eine Sache gibt, die gedruckte Medien für immer und ewig vom Netz unterscheidet. Diese Sache heißt „Redaktionsschluss“ und hat beispielsweise zur Folge, dass in der gerade eben veröffentlichten Ausgabe die eine oder andere Kleinigkeit schon wieder überholt ist (im gedruckten Spiegel hatte es geheißen, die Täter seien noch nicht gefasst worden, was sich kurz nach der Drucklegung geändert hatte). Auch wenn die Spiegel-Kollegen im Rahmen des Möglichen ihren Job sehr, sehr ordentlich gemacht haben: So böse ist das Leben manchmal zu uns Journalisten und zu allen (medien)theoretischen Betrachtungen.

Zugegeben: Paris war eine journalistische Extremsituation. Trotzdem aber auch eine, die gezeigt hat, wie essentiell das funktionierende Zusammenspiel zwischen einer Print- und einer Onlineredaktion ist. Genauer gesagt: wie fragwürdig eine solche Trennung ist. Man darf schon alleine deshalb darauf gespannt sein, wie sich die unterschiedlichen Wege von SZ und „Spiegel“ in den kommende Jahren bewähren werden. Die einen haben ihrem Onlinechef mehr und mehr Gewicht gegeben und werfen jetzt die Redaktionen zusammen, die anderen haben ihren onlineaffinen Chef vom Hof gejagt und versuchen sich jetzt doch erst mal wieder in der Fortsetzung des bisher bekannten Wegs: Das eine ist das Magazin, das andere ist Online. Zwei getrennte Chefredakteure, zwei getrennte Redaktionen. Ich muss vermutlich nicht erklären, welchen Weg ich für den plausibleren halte.

Wenn es die SZ ernst meint mit der Zusammenlegung der Redaktionen; wenn das alles also mehr sein soll als ein räumliches Zusammenwachsen, dann müsste am Ende dieses Prozesses ein völlig neues Berufsbild stehen. Das eines Journalisten, dem es ziemlich egal ist, welche die Plattform ist, auf der er gerade publiziert. Weil er in Themen und in ihren Erfordernissen denkt und nicht in Dogmen. Zu diesen unsinnigen Dogmen gehört übrigens auch, nebenbei bemerkt, „Online first“. Wenn schon Dogmen, dann bitte korrekterweise: „Online always“.

Eine Sache des Handwerks? Sicher. Aber fast jedes Handwerk lässt sich lernen. Eher eine Kopfsache.

Dumm nur: Wie mächtig so eine Kopfsache sein kann, haben sie beim „Spiegel“ im vergangenen Jahr eindrucksvoll gezeigt. Spannende Tage also für die ganze Branche, die es jetzt in München im SZ-Hochhaus geben wird.

Die Zeitung und ihre letzte Chance

Eine runderneuerte SZ am Wochenende mit digitaler Sonntagszeitung – und eine Nachmittagszeitung in Köln: Zwei unterschiedliche Konzepte zeigen vor allem, dass die Tageszeitung den Kampf um die Aktualitätshoheit endgültig aufgeben muss.

Am Wochenende hatte ich endlich mal wieder Zeit zum Lesen. Also, zu dieser Form des Lesens, zu der irgendwie Sinn und Verstand und vor allem etwas Muße gehören. Früher, also irgendwann vergangenes Jahr, hatte ich mir gewünscht, dass es mehr Lesestoff am Wochenende gäbe. Und nicht erst am Montag, wenn die Woche gerade erst wieder los geht.

Inzwischen hat sich die Welt geändert und ich wusste am Wochenende gar nicht mehr, wo ich anfangen sollte. Die Kollegen der SZ legten mir die erste neue Wochenend-Ausgabe ins Tablet, die tatsächlich so umfangreich wie zwei Zeitungen war. Am Sonntag legten sie dann noch mit dem neuen digitalen Wochenend-Sport nach und der neue „Spiegel“ war auch schon da. Früher wäre das der Tag gewesen, an dem ich mir vielleicht noch eine FAS gegönnt hätte, aber das war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Kurzum: Es hab so viel Lesestoff, dass das Wochenende vollgepackt war, weil das Internet und Facebook und Twitter ja auch keine Wochenendpause machen. Im Gegenteil: Das Gemeine an diesem Internet ist ja, dass jeden Tag ein bisschen mehr drin steht.

Interessant war vor allem zu lesen, was eine Tageszeitung wie die SZ jetzt am Wochenende macht. Das ist nicht mehr Tageszeitung, sondern Magazinjournalismus. Eine Zeit, eine FAS, das alles nur auf süddeutsch. Was keineswegs als Kritik gemeint ist, sondern eher als Feststellung. Die Wochenend-SZ hat de facto den Tageszeitungs-Journalismus früherer Prägung zu Grabe getragen. Sie hat, falls es das noch gebraucht hat, den letzten Beleg dafür geliefert, dass kein Mensch mehr eine Tageszeitung braucht, die die Ergebnisse des Tages zuvor rekapituliert. Die wirklich lesenswerten Stücke (und von denen gab es einige) waren keine tagesaktuellen, sondern Hintergründe, Reportagen, Analysen. Was übrigens auch im Sonntags-Sport nicht anders war. Kein Wunder, wer braucht schließlich am Tag darauf nochmal den klassischen Spielbericht, in dem die Torschützen des Bayern-Spiels und die Zahl der gelben Karten nochmal minutiös wiedergegeben werden?

Könnte also gut sein, dass es ab kommendem Jahr ein ganz schönes Gedränge am Samstag und Sonntag geben wird. Wenn neben der umfangreichen SZ auch der „Spiegel“, der „Focus“, die FAS und die „Welt am Sonntag“ mit einer ähnlichen Vorstellung von Journalismus an den Start gehen. Ich habe keine Ahnung, wer aus diesem Duell am ehesten als Sieger hervorgehen könnte. Interessanter ist die generelle Entwicklung, die dahinter liegt: De facto verlassen die großen Printmedien im Land das Tagesgeschehen mehr und mehr dem Netz; eine Entwicklung, die auch die NZZ in Zürich angekündigt hat. Das ist nicht mehr als vernünftig und realistisch.

Tageszeitung 2015, das heißt also idealerweise: Newsstream während des Wochentags, Lesestücke dann, wenn die Menschen dafür noch am ehesten Zeit dafür haben. Ob das funktioniert wird sich erst zeigen müssen – eine Alternative zu diesem Modell existiert allerdings derzeit nicht wirklich.

Ungewollt hat übrigens Dumont in Köln den Beleg dafür angetreten, dass die Branche das inzwischen Begriffen hat: Auf die Ankündigung, demnächst eine Nachmittagszeitung zu machen, die sich irgendwie an der Ästhetik des Netzes orientiert, hat es bisher bestenfalls milden Spott gegeben.

Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.

Ende eines Geschäftsmodells

Mehr Digital, weniger Print? Falsche Debatte. Journalismus der Zukunft muss zu einem großen sozialen Netzwerk werden.

Vermutlich wäre kaum etwas so einfach zu schreiben wie der zu erwartende Beitrag eines (Medien-)Bloggers über die Lage der FAZ. Noch dazu von einem, der bekanntermaßen seit vielen Jahren gebütsmühlenhaft predigt, dass sich die Verlagshäuser digitalisieren müssen. Besser gestern als heute. Aber ganz so einfach ist das leider alles nicht mehr.

Die in dieser Woche bekannten Personal-Kahlschläge in Frankfurt sind nämlich nicht einfach nur die Konsequenz aus nicht so ganz gelungenem Management. Stattdessen markieren sie, gemeinsam mit vielen anderen Entwicklungen aus den letzten Wochen, nicht weniger als das: Auch in Deutschland sind die bisherigen analog-linearen Geschäftsmodelle des Journalismus an ihr endgültiges Ende gekommen.

Natürlich gab es einige sehr FAZ-spezifische Entwicklungen, die dort hingeführt haben, dass man in Frankfurt jetzt da steht wo man steht. In ihrer Digitalstrategie ist die FAZ seit 15 Jahren ein notorischer Spätstarter; erst seit dem vergangenen Jahr beispielsweise hat man mit Matthias Müller von Blumencron eine Personalie an die Spitze des Onlineangebots gestellt, die die Vermutung zuließ, man meine es jetzt wirklich mal ernst mit dem Qualitätsjournalismus auch im Netz. Auf der anderen Seite ist das ja auch mal ein spannendes Gedankenspiel: Bei den Spekulationen um die Schirrmacher-Nachfolge fiel der Name des Digitalchefs nicht ein einziges Mal und wahrscheinlich ist das für jeden alteingesessenen FAZ-Menschen eine absurde Vorstellung: Ein Onliner auf dem Sessel des Herausgebers? Wo kommen wir denn dahin? Ist ja schon abenteuerlich genug, dass man jetzt ernsthaft darüber spekuliert, eine Frau in das Gremium zu berufen. Eine Frau! Als Herausgeberin! Ja, so sind sie bei der FAZ, eine konservative Grundhaltung erfordert manchmal eben auch ihre Opfer.

Aber es wäre zu einfach, den digitalen Spätstart der FAZ jetzt für die Misere verantwortlich zu machen. De facto haben auch die anderen Qualitätsblätter in Deutschland in den letzten Jahren zu spüren bekommen, dass ihr früheres Geschäftsmodell so nicht mehr tragbar ist. Die SZ? Hat ihre Sparrunden hinter sich und inzwischen den Online-Chef in der Chefredaktion. Die FR? Nur noch ein Torso. Die Welt? Man darf bezweifeln, ob sie überlebensfähig wäre, stünde hinter ihr nicht Springer. Die FTD? Tot.  Nüchtern betrachtet: Die Realität kommt jetzt auch bei der FAZ an. Und auch, wenn man über die Grenzen blickt, sieht man ähnliche Entwicklungen: Gerade eben erst hat die NZZ angekündigt, die Zeitung dünner zu machen und künftig mehr ins Digitale investieren zu wollen; sowohl finanziell als auch inhaltlich.

Das alles ist im Übrigen keine Sache der Tageszeitungen alleine. Dass der „Stern“ und der „Focus“ mal eben ihre Chefredakteure gefeuert haben, hat neben den übliche Interna auch damit zu tun, dass der konventionelle Journalismus an seine Grenzen stößt. Die Debatten beim „Spiegel“ um Chefredakteur Büchner sind ja auch nur bedingt Debatten um seine Person, als vielmehr ein Kulturkampf, ein kleiner Glaubenskrieg: Wie digital wollen wir sein, wie viel klassischen (Print-)Journalismus können wir uns noch erlauben?

Dabei ist gar nicht mal mehr so die Frage, ob Journalismus gedruckt oder digital stattfindet (die Frage ist auf mittlere Sicht ohnedies entschieden). Eher geht es darum, Journalismus aus den geschlossenen Strukturen zu befreien, in dem er meistens immer noch stattfindet. Das Prinzip ist in den allermeisten Redaktionen immer noch das Gleiche: Eine weitgehend homogene und geschlossene Einheit definiert Themen und Geschichten, die sie dann wieder in einer weitgehend geschlossenen Struktur erzählt. Sowohl, was die äußere Form als auch die Interaktion mit dem Nutzer angeht. Die Redaktion entscheidet über Wertigkeit, über Bedeutung, über Darstellung. Sie selektiert, sie gewichtet. Alles so, wie wir es seit hundert Jahren machen und wie wir es gelernt haben. Danach lassen wir etwas mehr Interaktion zu als früher, man darf jetzt ein bisschen mehr kommentieren. Die allermeisten Redaktionen aber sind ihrem Nutzer deshalb auch nicht wirklich sehr viel näher als zu den Zeiten, als man noch Leserbriefe schicken durfte.

Ja und, wie soll man das auch anders machen, werden Sie jetzt womöglich entgegnen. Die Kollegen der „NZZ“ haben genau zu diesem Thema ein interessantes Experiment gestartet. Sie haben ihre Webseite für einen kleinen Versuch so umgebaut, dass die Konservativeren unter den Journalisten sofort argumentieren würden, das sei doch jetzt aber schon etwas umjournalistisch. Die Seite ist nämlich eben nicht mehr das starre und fertige Produkt einer Redaktion. Sondern stattdessen der Stream-Metapher der sozialen Netzwerke angepasst und zudem personalisierbar. Wenn man also so will: facebookisiert. Das ändert natürlich nichts daran, dass es sich immer noch um die hochwertigen Inhalte der NZZ handelt. Nur: so präsentiert, dass sie die geschlossenen Strukturen des konventionellen Journalismus verlassen. Das Ergebnis war durchaus verblüffend: Bei den digital-affinen Nutzern stieg die Verweildauer im Vergleich zu der klassischen NZZ-Seite ganz erheblich an.

Möglicherweise stellen sich Ihnen an diesem Punkt zwei Fragen. Zum einen: Darf man das überhaupt? Und zweitens: Ist es nicht gerade die Aufgabe des Journalismus, Dinge zu selektieren, dem Nutzer die Ereignisse des Tages/der Woche so zu servieren, dass er sie mundgerecht in feinen Häppchen konsumieren kann? Gerade letzteres dürfte der größte Trugschluss sein, dem man im digitalen Zeitalter erliegen kann. Es war seit jeher eine Illusion zu glauben, man könne die Realitäten der Welt innerhalb von 40 Zeitungsseiten oder 30 Minuten Sendezeit abbilden. Das waren schon immer sehr kleine und sehr subjektive Ausschnitte. Das Netz hat das jetzt auch der überwältigend große Mehrheit von Menschen klar gemacht, die sich nicht mit Medien und Kommunikationswissenschaft beschäftigt. Man muss „Facebook“ beim besten Willen nicht mögen. Eines aber ist unstrittig: Das soziale Netzwerk hat erstmals einer breiten Masse – wenn auch vielleicht ungewollt – klargemacht, dass auf der Welt jeden Tag ungleich viel mehr passiert als es eine Zeitung oder eine Sendung wiedergeben können.

Dadurch hat sich zweierlei dramatisch verändert. Zum einen: die Nutzung von (digitalen) Medien. Speziell bei einem jüngeren Publikum ist es inzwischen gelerntes Verhalten, irgendwann mal in einen Newsstream einzutauchen, ihn nach Belieben zu nutzen und ihn dann nach Belieben zu verlassen. Es hat ebenso gelernt, sich sehr selbständig die Inhalte rauszupicken, die es interessiert. Und nicht die, die andere für wichtig erachten (auch wenn das natürlich eine Illusion ist, weil im Falle von Facebook der Algorithmus eine entscheidende Rolle spielt). Dieses digitale Publikum betrachtet also womöglich Journalisten gar nicht so sehr als diejenigen, die entscheiden sollen, welchen Ausschnitt aus der Welt sie gerade zu sehen bekommen sollen. Sondern als diejenigen, die als Geschichtenerzähler das Material liefern. Dadurch – und das ist der zweite Punkt – ändert sich auch die Rolle des Journalismus. Er wird zunehmend mehr zu einem Pool guter Geschichten und idealerweise auch zu einem Treffpunkt der Interaktion. Wenn man so will, dann werden Medien künftig eher zu sozialen Netzwerken. Dass es den Bedarf für diese Form des digitalen Medienkonsums und der Interaktion gibt, mögen konservative Medienmacher gerne bestreiten. Der tägliche Blick auf Facebook sollte sie aber eines Besseren belehren. Es wäre also demnach gar nicht erstaunlich, würde man Angebote wie den NZZ-Stream in Zukunft öfter sehen. Auch wenn die Tatsache, dass die NZZ dieses Experiment nicht mehr weiter verfolgt, auf den ersten Blick nicht gerade für diese Annahme spricht.

Die Debatten beim „Spiegel“, Stern“, „Focus“, bei Gruner&Jahr und jetzt wohl auch bei der FAZ gehen deshalb nicht weit genug. Klar wäre es hübsch, wenn man Print und Online irgendwie näher zusammenführt, mehr Geld ins Digitale steckt. Der Ansatz müsste dennoch ein anderer sein. Nämlich nach Antworten auf die Fragen zu suchen, wie ein zeitgemäßer und zukünftiger Journalismus aussehen kann; wie er den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft gerecht werden könnte. Dass man künftig Doppel-Ressortspitzen schafft, geschenkt. Das kuriert maximal ein paar Symptome, mehr nicht.

Mir ist allerdings schon jetzt, beim Schreiben dieses Betrags, durchaus bewusst, dass es sich dabei um eine Außenseiter-Meinung handelt. Die Realitäten sehen gerade ganz anders aus: Gruner&Jahr und FAZ streichen erstmal beträchtlich Stellen, der „Stern“ und der „Focus“ haben mit ihren jüngsten Personalentscheidungen eher den Eindruck erweckt, als hielten sie „Zurück in die Zukunft“ für die geeignete Strategie. Und beim „Spiegel“ stößt der Umbauer Wolfgang Büchner auf derart heftige Widerstände, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es einen „Spiegel 3.0“ auf absehbare Zeit wirklich geben könnte.

Dumm nur, dass sich die digitale Medienwelt schon längst ihre eigenen Realitäten schafft.

Das Apple-Ritual

Vermutlich, liebe Leser, werden Sie mich jetzt für naiv halten. Für völlig aus der Zeit gefallen. Rückständig, ahnungslos oder sonstwas. Aber es gibt da eine Sache, die ich nicht verstehe. Nämlich, wenn es um den, ähm, „Journalismus“ und Apple-Produktpräsentationen geht.

Also, ich hab ja nur bei einer kleinen Lokalzeitung und später bei einer mittelgroßen Regionalzeitung meine Print- und Lehrjahre verbracht. Aber schon da habe ich gelernt: Redaktion ist Redaktion und Werbung gehört in den Anzeigenteil. Wenn also mal wieder ein Autohändler mit der Pressemappe seines neuen Supi-dupi-Autos in die Redaktion kam, dann konnte das Auto noch so supi-dupi sein; der Mann fand sich kurz darauf in der Anzeigenabteilung wieder. Wo auch sonst?

Gestern Abend hingegen: Live-Ticker und eigene Korrespondenten (so schlecht kanns den Redaktionen dann ja übrigens auch wieder nicht gehen) in Kalifornien – weil ein großer Konzern dort eine sehr gelungene Marketing-Veranstaltung macht und ein neues Smartphone und eine Smartwatch präsentiert. Egal, ob „Süddeutsche“ oder „Spiegel“ oder all die anderen; wenn es um Apple geht, verlieren sie irgendwie alle den Verstand. Und das schon im Vorfeld: Wenn in ein paar Monaten irgendein taiwanenischer Tech-Blogger behauptet, er wisse, wie das iPhone 7 aussieht, dann kann man sich darauf verlassen, dass sie sich wieder alle darauf stürzen werden. Mir ist schon klar, dass Apple-Berichterstattung inzwischen zum ritualisierten Mainstream gehört, ich verstehe es aber dennoch nicht. Auch deswegen nicht, weil ich weiß, wie sehr sich unser Berufsstand über Auto- oder Reisejournalisten moniert, die häufig auf Kosten von Unternehmen irgendwo hinreisen und sich dort dann Autos oder Hotels zeigen lassen. Inzwischen sind eine Menge Redaktionen dazu übergegangen, verschämt dazuzuschreiben: Unser Redakteur wurde vom Unternehmen XY eingeladen. Imagemäßig bewegen sich Reise- und Autojournalisten übrigens in der Nähe von Parias.

Nicht bei Apple. Da machen „Bild“ und die vermeintlichen seriösen Redaktionen keinen Unterschied: Gib ihnen eine neue Sartwatch oder ein neues iPhone – und kurz darauf finden sich zuverlässig Geschichten wie „Wir haben das neue Gadget“ schon getestet. Die Marketing-Abteilung sagt vielen Dank. Und wundert sich vermutlich nebenher, wie wenig es braucht, dass Journalisten alle Regeln von der Trennung zwischen Werbung und Redaktion vergessen.

Und ja, auch das würde ich nebenher bemerken: Ich weiß nicht, was man Journalisten um die Ohren hauen würde, wenn sie auf irgendeiner Veranstaltung aufstehen und dem Veranstalter zujubeln würden. Im Regelfall fände man das wohl: peinlich. Sehr peinlich. Bei Apple-Produktpräsentationen findet man das sogar eine lobende Erwähnung wert: Jetzt stehen die Journalisten und applaudieren!

Nicht mal mein Leib-und-Magen-Angebot macht vor dem Irrsinn noch hat. Die Startseite von „süddeutsche.de“ bietet am Morgen danach folgenden Anblick:

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Drei (!) Beiträge untereinander, auf der Startseite prominent platziert – weil ein Konzern sein Handy auffrischt und eine Smartwatch auf den Markt bringt; eine Produktkategorie zudem, die nicht mal neu ist? Plus ein eigenes Diskussionsforum, nachdem man kurz vorher die Kommentarfunktion gestrichen hat und nur noch zu ausgewählten Themen debattieren will?

Das sieht sehr danach aus, als sei vielen Redaktionen die Distanz und das vernünftige Nachdenken abhanden gekommen. Dass man bei völlig neuen Gerätekategorien wie vor vier Jahren dem Tablet ausführlich berichtet – einverstanden. Aber das hier verliert gerade jedes Maß und Ziel.

Und auch jede Distanz. Nicht falsch verstehen: Dieser Text wird gerade auf einem iMac geschrieben, ich verwende leidenschaftlich gerne mein MacBook, mein iPad und mein iPhone, man könnte also beim besten Willen nicht behaupten, dass ich Apple sehr kritisch gegenüber stehe. Trotzdem hätte ich bei all den Jubelarien darüber, dass unser Lieblingskonzern sein iPhone jetzt etwas größer macht, gerne auch mal etwas zu diesem Thema gelesen:

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Apple, so viel ist mal sicher, kann sich sehr viel mehr erlauben als nahezu alle anderen Konzerne. Als jedes Facebook, Google, Amazon oder auch BMW, Porsche oder Siemens. Eine Produktpräsentation als weltweiter Event, bei dem zig Millionen zusehen und deshalb gelegentlich der Livestream kollabiert.

Dass Journalisten daran einen großen Anteil haben – ist mir spätestens gestern Abend klar geworden.

Vergesst den Penis!

Journalismus 2014: Aus einer Penis-Galerie und einem ziemlich missratenem Roman kann man einiges lernen. Auch wenn das auf den ersten Blick etwas widersinnig erscheint…

Vielleicht muss man erstmal in die Schweiz schauen, ehe man über den Journalismus der Gegenwart und vor allem den der Zukunft spricht. Bei unseren Nachbarn hat das Gratisblatt „Blick am Abend“ in seiner Online-Ausgabe eine Fotogalerie veröffentlicht.  Sieht man den für Schweizer Verhältnisse verblüffend offenherzigen Titel „Hier gibt´s die größten Pimmel“ ab, hält die Bilderstrecke nicht ganz, was sie verspricht. Zu sehen ist nicht etwa eine Galerie primärer Geschlechtsorgane, sondern ein Repräsentant der jeweiligen Nation mit einer Geste, die irgendwie, hihi, schlüpfrig sein könnte. Der deutschen Kanzlerin jubelt man im Bildtext unter, sie sei froh, dass die Deutschen etwas größere Penisse haben als die Schweizer. Das sagt ein bisschen was aus über das komplexe Verhältnis der Schweizer zu Deutschland, noch mehr über den „Blick am Abend“ und eine ganze Menge darüber, wie das inzwischen funktioniert mit dem Journalismus im Allgemeinen und im Netz im Besonderen. Falls man das denn überhaupt Journalismus nennen will.

Die Kollegen der NZZ in Zürich jedenfalls, bei denen man garantiert in deren gefühlt 500jährigen Bestehen ein Wort wie „Pimmel“ nie gelesen hat, beklagten jedenfalls in ihrem Medienblog „Das Ende des Journalismus“. Darin kann man den Kollegen schwerlich widersprechen, wobei es, wie gesagt, Voraussetzung ist, dass man Pimmel-Bildergalerien als Journalismus bezeichnen will. Nebenbei fällt mir übrigens gerade auf, dass dieser Beitrag hier eigentlich abgehen müsste wie Schmidts Katze, so oft, wie hier von männlichen Geschlechtsorganen die Rede ist. Vielleicht sollte ich zur besseren Auffindbarkeit auch noch irgendwie das Wort Titten unterbringen (ok, check!).

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Es ist inzwischen ziemlich angesagt, das Ende des Online-Journalismus zu beklagen. Oder zumindest, dass er kaputt ist, weswegen die „Krautreporter“ ab September antreten, ihn wieder zu reparieren. Tatsächlich könnte man, wenn man das denn wollte, den ganzen Tag sein eigenes Medienblog mit Beispielen aus missratenen, klickgeilen und belanglosen Stücken füllen und das dementsprechend anprangern. Man könnte sich echauffieren über die „Huffington Post“, die von ihren selbstformulierten Ansprüchen aus dem vergangenen Jahr ungefähr keinen erfüllt hat. Man könnte sich aufregen über „Heftig“ und all seine Epigonen und über den bevorstehenden Start von „Buzzfeed“.

Es reicht aber auch aus, die ganze Geschichte nüchterner zu betrachten. Ein kruder Mix aus irgendwelchen Listen, Pseudo-Ratgebern, etwas angeschmuddeltem Sex und sonstigem Kram, den man irgendwo im Vorbeigehen mitnimmt, existiert schon seit ziemlich langer Zeit. Nachzulesen jeden Tag an einem Bahnhof-Kiosk Ihrer Wahl und zu betrachten jeden Tag im TV. Es ist ja nicht so, dass es gedruckt nur die „Süddeutsche“ und die „Zeit“ gibt und im Fernsehen ausschließlich  „Arte“ läuft. Merkwürdigerweise kommt aber kaum jemand auf die Idee, angesichts der Auflagenmillionäre der yellow press das Ende des Journalismus vorherzusagen. Vielleicht auch deswegen, weil es common sense ist, die „Frau im Spiegel“ nicht als Journalismus zu bezeichnen. Man muss deswegen ja nicht gleich jeden Auswuchs rechtfertigen. Nur hilft es bei der Debatte, wenn man feststellt, es nicht gerade mit einem neuen Phänomen zu tun zu haben. Der Müll ist nur schneller und mehr geworden.

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In Hamburg und in München haben sie unterdessen in den vergangenen beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ ihre Chefredakteure demontiert, mehr oder weniger konsequent. Das hat nicht sehr viel mit Schweizer Pimmel-Bilderstrecken zu tun, wohl aber mit diesem „schneller und mehr“, für das das Netz ja auch im Fach des ernstzunehmenden Journalismus steht. Natürlich wäre es eine absurde Idee, würde ein großes Printmagazin mit ersthaftem Anspruch plötzlich versuchen, den „Blick am Abend“ beim Niveau-Limbo noch zu tippen. Wohl aber müsste man allmählich Antworten darauf finden, wie man mit der völlig neuen Art des Medienkonsums umgeht, der durch das Netz bewirkt wird. Das nämlich ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, 13 Pimmel durch 25 Pimmel zu überbieten. Das ist die falsche Diskussion, wenn es denn überhaupt eine ist. Vielmehr geht es um eine völlig neue Art des journalistischen Storytellings. Und ja, das würde für „Spiegel“ et al bedeuten, Geschichten tatsächlich transmedial zu erzählen. Sich die Kanäle, von denen es inzwischen etliche gibt, konsequent zu eigen zu machen. Und Geschichten so aufzubereiten, dass sie auch von denen inzwischen nicht ganz wenigen Menschen genutzt werden, die sich vom Lesen auf Papier  und in linearen Abläufen schon lange verabschiedet haben.

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In den letzten Wochen gab es eine ganze Reihe von Debatten über ein Buch namens „Circle“. Das Buch ist inzwischen an der Spitze der Bestseller-Charts gelandet und schildert meistens etwas ermüdend die Geschichte eines Konzerns, der mehr oder weniger die digitale Weltherrschaft anstrebt. Das Buch ist die Aufregung nicht wert, immerhin aber kann man eine Erkenntnis daraus mitnehmen: Wer in der digitalen Welt überleben will, braucht Präsenz und Konstanz. Man muss deswegen ja nicht gleich zum Weltenbeherrscher werden, aber auch Redaktionen und Journalisten müssen konstant präsent sein. Das ist nicht zu verwechseln mit atemlos ausgestossenem Nonsens auf möglichst vielen Plattformen. Aber auch Journalismus ist – oder besser: müsste es sein – eine Form von Community. Guter Journalismus wäre heute ein Begleiter durch den Tag. Mit einer Kommunikation, die in beide Richtungen geht. Und nicht nur einer, der Geschichten erzählt und sich dann wieder bis zum nächsten Erscheinungstermin verabschiedet.

Das klingt erst einmal so fürchterlich banal, ist aber entscheidend. Weil man damit endlich mal die Debatten bleiben lassen könnte, ob (Online-)Journalismus nun zunehmend verflacht oder nicht. Oder ob Papier oder vielleicht nicht doch das Netz als solches die Publikations-Plattform schlechthin ist. Und bei den Magazinen könnte man dann endlich mal Chefredakteure oder sonstiges Personal einstellen, das sich nicht nur über eine Spiegel/Stern/Focus-DNA definiert.

Die Idee eines „Circle“ wäre ja auch für Medien gar keine so schlechte.

Die Sache mit der DNA

Stellenabbau und die Suche nach bewährten Männern: Die Branche will neue Probleme mit alten Methoden lösen. Was fehlt: die Bereitschaft zu radikalem Umdenken.

Beim „Stern“ haben sie für die Nachfolge von Dominik Wichmann offensichtlich ein wichtiges Kriterium gehabt: die DNA. Genauer gesagt: die „Stern“-DNA.  Beim „Focus“ wird der designierte Chef Ulrich Reitz gepriesen als einer, der die „Focus-DNA“ in sich trägt. Ob sie beim „Spiegel“ Wolfgang Büchner jetzt auch zum Vorwurf machen, dass er die DNA des Blatts zu wenig in sich trägt, weiß ich nicht, aber möglich wär´s zumindest.

Man könnte also glauben, dass insbesondere „Stern“ und „Focus“ in den letzten beiden Jahren nur einen gravierenden Fehler gemacht haben. Nämlich Chefredakteure mit fehlender DNA zu berufen. Nachdem man diese Fehler jetzt spektakulär korrigiert haben, kann es ja dann nur noch aufwärts gehen.

Und mittendrin in diese Sache mit der DNA kommt dann eine solche Meldung: Gruner&Jahr will in den kommenden Jahren 400 Stellen abbauen. Nicht mal betriebsbedingte Kündigungen sollen ausgeschlossen sein. Bei den Tochterunternehmen soll das nicht zutreffen, dort hat man stattdessen – im schönsten PR-Sprech – „Effizienprogramme initiiert“. Wäre man ein bisschen böse, man könnte sagen:  Es gehört wohl zur Medienmanagements-DNA, dass man in Zeiten wie diesen sein Heil im Stellenabbau und der, ähm, Effizienz sucht.

Nachdem ich kein Betriebswirt bin und auch die internen Strukturen in einem Haus wie Gruner&Jahr nicht kenne, kann ich über die Notwendigkeit von solchen Sparprogrammen nicht urteilen; vermutlich ist sie sogar vorhanden, diese Notwendigkeit. Aber ein bisschen wundern darf man sich schon. Da steht die ganze Medienwelt vor völlig neuen Herausforderungen – und alles, was zur Problemlösung da ist, sind die alten Mittel? Die DNA und ein paar Sparprogramme?

Tatsächlich steht vor allem beim Thema Digitalisierung ein großes Defizit in den Büchern der meisten Häuser. Auch in Hamburg hatte die G&J-Chefin Julia Jäkel ja schon vor Jahresfrist eine Art Digitaloffensive angekündigt, die in communities of interest münden sollten. Das klingt ziemlich chic und modern, viel zu sehen ist am Markt bisher aber nicht davon. Die G&J-Maschine läuft immer noch wie ein behäbiger Tanker. Beim publizistischen Schlachtschiff „Stern“ beispielsweise ist der Umgang mit digitalen Erzählformen so konventionell und eingefahren, dass man an der Frage, wie man sich dort eine journalistische Zukunft in einer digitalen Welt vorstellt, kaum vorbeikommt. Mit ein bisschen alter Stern-DNA? Und einer Facebook-Seite, die als Linkschleuder und Social-Media-Attrappe dient? Das wäre vielleicht 2009 state of the art gewesen. Im Jahr 2014 und im Zeitalter des transmedialen Storytellings wirkt das wie ein Relikt aus alter journalistischer Zeit.

Nebenbei bemerkt: Ich frage mich ja immer, wie es geht, dass man sein „Digital-Geschäft deutlich ausbaut“, massig neue Titel lanciert und gleichzeitig 400 Jobs abbaut, aber das liegt wohl daran, dass ich kein Betriebswirt bin.

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Bei „Arte“ lief übrigens am Dienstag die ziemlich großartige Reportage „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“. Dort wird viel Wahres erzählt und nebenbei muss man beim Anschauen des Films konzedieren, ob man sie mag oder nicht, dass sie bei Springer in Berlin strategisch am meisten kapiert haben. Man muss Kai Diekmann und die „Bild“ nicht mögen, aber man wird vermutlich aus Diekmanns Mund nie hören, man könne das Boulevard-Blatt nur retten, wenn man jede Menge „Bild“-DNA in sich trage. Im Gegenteil: Kaum jemand hat sich so radikal neu erfunden wie Diekmann, kaum jemand ist strategisch so weit gegangen wie „Bild“.

Den Film habe ich übrigens hauptsächlich via Mail und Social Media wahrgenommen. Angeschaut habe ich ihn dann auf dem iPad. Irgendwann mittags, als ich Zeit und Lust hatte. Sie können, wenn Sie mögen, sich ihn hier auf dieser kleinen Seite anschauen. So funktionieren Medien heute.

Mit alter DNA hat das nicht mehr sehr viel zu tun. Man würde den Dickschiffen der Branche eher wünschen, sie würden sich mal nach ein bisschen neuer DNA umschauen.