Jung, schwul, Sozi? Den machen wir rund!

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.  (Pressekodex, Ziffer 8).

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Michael Adam ist Landrat. In einem kleinen Landkreis im Bayerischen Wald, genauer gesagt in Regen. Zugegeben, Adam ist keiner der Landräte, wie sie im Buche stehen: Er ist mit 28 Jahren der jüngste Landrat in Deutschland und er ist, was in Niederbayern durchaus ungewöhnlich ist, Sozialdemokrat.

Und er ist bekennend homosexuell.

Über Michael Adam weiß man seit dieser Woche auch noch anderes: dass er nämlich in seinem Dienstzimmer Sex mit einem Mann hatte, der nicht sein (eingetragener) Lebenspartner war. Was das die Öffentlichkeit angeht? Offenbar sehr viel, befand man bei dem kostenlosen Blättchen „Am Sonntag“, das zum kleinen Imperium der „Passauer Neuen Presse“ gehört. In der jüngsten Ausgabe der Blatts wurde detailliert geschildert, wie und warum und wo es zum „Sex im Dienstzimmer“ kam.  Die große Schwester PNP nahm den Ball mehr oder weniger dankbar auf, berief sich auf die Berichterstattung des Sonntagsblättchens und berichtete ebenfalls über die „Sex-Affäre“. Nicht weniger erstaunlich: Die Geschichte vom niederbayerischen Landrat, der sein Dienstzimmer zweckentfremdete, schaffte es als Aufmacher (!) auf die Titelseite der „Bild am Sonntag“.

Michael Adam hat die Vorwürfe inzwischen weitgehend bestätigt (den kolportierten Poppers-Konsum bestreitet er allerdings). Dass er hinter den Veröffentlichungen eine gezielte Kampagne vermutet, kann man ihm kaum verdenken. Angenommen, irgendein anderer Landrat in Deutschlands Provinz hätte irgendwo in seinem Dienstzimmer Sex mit einer anderen Frau gehabt: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass das zu einer Titelgeschichte geworden wäre? Vermutlich hätten dann Deutschlands Redaktionen ziemlich viel zu tun, ganz davon abgesehen, dass der Pressekodex eine solche Geschichte gar nicht zulässt. Wo das „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bei einer sexuellen Eskapade eines Lokalpolitikers liegen soll, das würde man wirklich gerne mal erklärt bekommen. Es sei denn, man verwechselt Sensationsgier und Klatschlust mit „Information“. Tatsächlich gilt: Niemand ist zu Schaden gekommen, Landrat Adam hat sich insoweit korrekt verhalten, als dass er seine Dienstpflichten nicht verletzt hat. Der Seitensprung im Dienstzimmer geht also exakt drei Menschen etwas an: den Landrat, seinen Lebenspartner und den jungen Mann, der sich mit Adam im Dienstzimmer verlustierte. Sonst niemanden.

Und obwohl das so ist, hat diese Veröffentlichung zumindest eines geschafft: Adam zu diskreditieren, Dinge aus seinem Privatleben bekannt zu machen, die schlichtweg nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Bei der PNP verfährt man indes gerne nach journalistischer Gutsherrenart: Freunde sind Freunde, Feinde sind Feinde. Für immer und ewig. Ein schwuler, junger, sozialdemokratischer Landrat gehört offenbar zu den Dingen, die sich mit dem Weltbild der Zeitung nicht sehr gut vertragen.

PNP-Chefredakteur Ernst Fuchs übrigens erklärt in einem Kommentar, warum sich der Landrat diese „Enthüllung“ selbst zuzuschreiben hat:

Ein Landrat, dem – politisch oder moralisch berechtigt oder nicht – zu viel Häme entgegenschlägt, kann einpacken. Im Fall Adam kommt hinzu, dass einer, der gern so scharf das Wort gegen andere führt, um so weniger mit Barmherzigkeit rechnen kann (…)

Dann wünschen wir Fuchs und der PNP, dass niemand irgendwann auf die Idee kommt, er und sein Blatt würden „scharf das Wort gegen andere führen“. Ob man das in Passau auch als Begründung für fehlende Barmherzigkeit werten würde? Und ist das ernsthaft schon „Barmherzigkeit“, wenn man als Zeitung auf schmutzige Enthüllungen verzichtet? Das sagt viel über das journalistische Selbstverständnis des Blattes aus. An Zynismus jedenfalls ist das nicht mehr zu überbieten.

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Dabei hätte es durchaus anderes zu berichten gegeben aus Passau in diesen Tagen: Der freie Journalist Hubert Denk ist offensichtlich in das Visier von Fahndern geraten, die ein über 700 Seiten starkes Dossier über ihn angelegt haben. Denk hatte über eine umstrittene Parteispende berichtet, was sehr offensichtlich nicht jedem recht war. Über den Fall Denk berichteten unlängst u.a. die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk. In der „Passauer Neue Presse“ war davon exakt nichts zu lesen. Denk gehört allerdings auch nicht zum Freundeskreis des Monopolblatts: Früher selbst bei der Verlegerfamilie Diekmann arbeitend, überwarf er sich mit dem Monopolisten und gibt seither sein eigenes Stadtmagazin heraus.

Der Fall Adam jedenfalls zeigt, wie unsinnig das Gerede von medialer Vielfalt in Deutschland ist, zumindest in den weniger urbanen Regionen. Adam und Denk stehen ziemlich ohnmächtig vor der Macht der PNP da: Selbst wenn es zu einer Beschwerde beim Presserat und einer anschließenden Missbilligung käme – der „Schaden“ für das Blatt wäre nicht im Geringsten mit dem vergleichbar, was Michael Adam schon jetzt hinnehmen muss.

Was die anderen schreiben

Eine Kapitulation, ein Sapperlott und viele keine Antworten

Manchmal wirkt das Zusammentreffen zweier Ereignisse wie eine blanke Satire. Da ist zu einen der heutige Beginn der „Medientage“ in München, die laut Eigenwerbung „Europas größter Medienkongress“ sind, tatsächlich aber eher eine Recyclingmaschine gut abgehangener Trends darstellen. 61644-logo-pressemitteilung-medientage-muenchen.jpg
Da gibt es heute beispielsweise einen „Online-Gipfel“ (sie haben es dort recht mit den Gipfeln), der die „neuen Regeln der Medienökonomie“ zum Thema hat. Diese Regeln lassen sich laut Webseite mit „anytime, anywhere…“ zusammenfassen – und wenn Sie jetzt den Eindruck haben, diesen Begriff  zum ersten Mal im Jahr 2003 gehört zu haben, dann liegen Sie vermutlich gar nicht so falsch. Dass man dieses Thema vom „Chef Digital Officer“ von Pro7Sat1 und einer Irgendwas von Nestlé diskutieren lässt, passt ins Bild. (Mehr zu den Medientagen lesen Sie beim Kollegen Knüwer).

Und wenn Ihnen das zu abstrakt ist: In den ersten beiden Stunden der heutigen Veranstaltung hat der ZDF-Intendant Twitter als „Quelle“ bezeichnet und der Münchner Mittelgroßverleger Dirk Ippen ganz stolz erzählt, dass in den Redaktionskonferezen seiner Blätter auch immer die Onliner dabei sitzen. Sapperlott, hätte der große Harry Valérien vermutlich dazu gesagt.

Während die Medientage also alles in allem zu einer Veranstaltung geworden sind, bei der sich etablierte Medien und ihre Macher gegenseitig versichern, es sei alles gut und es werde im Fall der Fälle schon nichts so schlimm kommen, wie man immer hört, hat die einstmalige WAZ- und heutige Funke-Gruppe in diesem Jahr zunächst anders zugeschlagen. Der spektakuläre Deal und der damit verbundene Kauf der gesamten Regionalzeitungssparte von Springer wirkte ein bisschen wie die Botschaft: Seht her, es geht doch! Wir glauben an die gute, alte gedruckte Zeitung. So sehr, dass wir uns mal eben für eine knappe Milliarde neue Blätter zulegen. Soll also noch irgendeiner behaupten, Print hätte keine Zukunft.

Dabei sind sie bei Funkes lediglich weniger ehrlich als der gewesene Verleger der „Washington Post“, der freimütig einräumte, der Verkauf seines Blatts an Jeff Bezos habe auch damit zu tun, dass er kein Rezept gegen die Digitalisierung und die Zeitungskrise gefunden habe. Die Funke-Gruppe hat zwar die Springer-Blätter aufgekauft (ein Deal, bei dem Springer deutlich besser abschneidet übrigens), aber in ihrem ureigensten Kerngeschäft bereitet man seit längerem die Kapitulation vor: Noch bis zu Jahresende werden wieder Lokalredaktionen geschlossen bzw. soweit entkernt, dass nur noch eine Fassade übrig bleibt. Und das nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.

Die Frage ist dabei gar nicht mal so sehr, wie sich das eigentlich mit dem milliardenschweren Zukäufen aus Hamburg verträgt. Die Frage ist sehr viel mehr: Welche Antworten haben Medienunternehmen (und keineswegs nur Verlagshäuser) überhaupt noch auf die aktuelle Entwicklung? Das Schließen und Streichen bei Funkes ist schließlich alles mögliche, nur keine Antwort. Das sind lebensverlängernde Maßnahmen ohne einen Hauch von Zukunftsfähigkeit. So wie es eine ganze Branche schon geraume Zeit gerne macht: Sie behauptet zwar immer, sie werde in der bisherigen Form überleben, ganz sicher sogar. Nur warum das so sein sollte, das beantwortet man leider nicht (übrigens vermutlich auch bei den Medientagen 2013 nicht).

Und nein, das ist kein Verlagsbashing, kein Händereiben angesichts einer „Zeitungskrise“. Das Thema Veränderung geht sehr viel weiter, bis hin in die Grundfesten des linearen Fernsehens. „RTL war gestern, die ARD – vorgestern: Eine Generation wendet sich vom Fernsehen ab“, schrieb beispielsweise die „Zeit“ in diesen Tagen und blieb mit dieser Zustandsbeschreibung weitgehend unwidersprochen. Das Dilemma ist dort das gleiche wie bei den Verlagen: Sehr viel mehr als „wir machen demnächst dann auch mal mehr im Internet“ ist den deutschen Sendern, gleich ob privat oder öffentlich-rechtlich, bisher nicht eingefallen.

Dabei muss man eines ganz nüchtern sehen: Klassische Medien sind gerade dabei, eine ganze Generation von Nutzern zu verlieren. Man nehme die Zahlen des Durchschnittsalters der Zuschauer der deutschen TV-Sender, man nehme die Zahlen der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Zeitungsverlage, nichts deutet darauf hin, dass diese radikale Abkehr vom System noch zu stoppen sei.

Antworten darauf, so viel ist sicher, wird es in dieser Woche auch in München nicht geben. Außer vielleicht der: Solange man in der Lage ist, glitzernde Kongresse mit Retro-Themen abzuhalten, tut es immer noch nicht ausreichend weh.

Warum sich Google und Verlage gar nicht brauchen

Die „Rhein-Zeitung“ in Koblenz hat jetzt etwas gemacht, was man gerne viel eher gesehen hätte: Sie hat offen gelegt, wie hoch der Anteil der Besucher ihrer Webseite ist, die über Google News kommen. Genauer gesagt: noch kommen. Denn nach Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts am 1.8. war die „Rhein-Zeitung“ eine der ganz wenigen, die ernst gemacht haben und auch die angebotene Opt-in-Option von Google nicht angenommen haben (im Gegensatz beispielsweise zu Springer und der FAZ, die vorher das LSR mehr oder weniger zur Überlebensfrage der deutschen Presse erklärt hatten). Die „Rhein-Zeitung“ ist also ausgestiegen aus dem System Google News – und hat jetzt täglich nur noch rund 100 Besucher, die am Tag über Google News kommen (nicht zu verwechseln mit der Suchmaschine Google, wo die RZ weiterhin auffindbar ist und von dort aus erheblich Traffic bekommt).

Das liest sich weitaus dramatischer als es tatsächlich ist. Denn schon vorher waren es gerade mal rund 1000 Besucher täglich, die die RZ via Google News besuchten. In den Wochen vor dem Ausstieg, so legt eine entsprechende Grafik aus (lustige Ironie übrigens, dass die RZ das nutzt) „Google Analytics“ nahe, lag „Google News“ auf Platz 9 der Trafficbringer der „Rhein.Zeitung“ – mit einem Anteil von gerade mal 0,56 Prozent.

Kein Wunder, dass Online-Chef Marcus Schwarze jetzt ein beruhigendes Fazit zieht: Seht her, so schlimm ist das gar nicht! Geht auch ganz wunderbar ohne! Wir brauchen gar kein Google!

In seinem Fazit hat Schwarze sicher recht. Ein paar Fragen bleiben aber dann doch: Man hat also allen Ernstes ein solches Gesetz durchgedrückt und dadurch Angebote wie „rivva.de“ erheblich eingeschränkt, weil man irgendwo im einstelligen Prozentbereich Traffic von Google bekam und sich in seiner Existenz bedroht sah? Natürlich ist die Argumentation der Verlage eine andere, nämlich dass sich Google an den Inhalten bereichere, ohne dass die Verlage davon profitieren. Man kann die Frage aber auch andersrum stellen: Wenn beispielsweise die „Rhein-Zeitung“ nicht mal ein Prozent ihres Traffics von Google News bezogen hat, wie groß war dann umgekehrt die Bedeutung, die die „Rhein-Zeitung“ für das Funktionieren von Google News hatte? Und wenn die „Rhein-Zeitung“ als zufriedenes Fazit zieht „es geht auch ganz prima ohne“, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass Google ungefähr das selbe von der „Rhein-Zeitung“ sagt? Und schließlich könnte man auch noch die Frage stellen, wie hoch eigentlich im Fall der Fälle die von Google zu zahlende Entschädigung für was auch immer sein müsste, wenn wir hier von Nutzern im Tausender-Bereich reden.

Wenn es also so ist, wie man vermuten kann, nämlich dass beide Seiten ganz gut aufeinander verzichten können, bleibt nur noch die Frage, wofür das netzschädigende Spektakel überhaupt nötig war. Ein einfaches Opt-out hätte es auch getan.  Für eines muss man allerdings dann beinahe schon wieder dankbar sein: Das gern genommene Argument, Google mache die deutsche Presse kaputt, zieht gerade wieder ein kleines bisschen weniger.

Netz beschädigt und niemandem ist geholfen – das Leistungsschutzrecht wird irgendwann mal als eines der absurderen Kapitel in die deutsche Netzpolitik eingehen.

Zum Stand der LSR-Dinge…

…darf man dann noch festhalten, dass Springer, Burda und die FAZ vorerst bei Google News vertreten bleiben, selbstverständlich ohne Anerkennung irgendwelcher Rechtsgeschichten undsoweiterundsofort. Gemessen an dem, wie ausgerechnet diese drei für das LSR getrommelt haben, ist das Einknicken vor Google etwas, was man zum einen mit amüsiertem Grinsen im Gesicht mitverfolgt, zum anderen aber auch eine argumentative Bankrotterklärung. Mir klingeln heute noch die Ohren angesichts des lautstarken Dauerfeldzugs aus diesen Häusern. Allzu sehr scheint man sich seiner Sache mittlerweile nicht mehr sicher zu sein. (Mehr dazu habe ich bei „Cicero“ aufgeschrieben).

Die Verlagsträume vom flotten Dreier

Der größte redaktionelle Alptraum, den ich mal hinter mich bringen musste, nannte sich „Zentralredaktion“. Dieses journalistische Monstrum sollte vor knapp 15 Jahren alle Sender und Mediengattungen der damaligen Kirch-Gruppe mit Inhalten beliefern. Alles aus einer Hand, trotzdem individualisiert, unheimlich effizient und kostensparend. Man muss das Journalisten vermutlich nicht erzählen, dass eine solche Idee nur aus den feuchten Träumen von Controllern und Vorständen kommen kann, in der Tat aber kein realistisches Konstrukt ist. Ein Inhalt, der gleichermaßen bei N 24 wie Pro 7  funktionieren soll? Kaum vorstellbar (es sei denn, man sieht sich an, was inzwischen aus der Nachrichtenattrappe N 24 geworden ist; da kann man durchaus Nachrichten zu Dokus über die größten Sattelschlepper der Welt oder irgendwas mit Wetter oder Hitler auf allen Kanälen bringen). Ein Journalist weiß also, dass die Träume von den Synergien etc. in etwa gleichbedeutend mit einem flotten Dreier ist: Die meisten Controller träumen von ihm, selten wird er wahr.

In den letzten Jahren sind die kleinen Fantasien von flotten Dreiern in vielen Verlagen wieder hochgekommen. Springer versucht sich seit Jahren an irgendwelchen eher mäßig funktionierenden Zuliefer- und Austauschmodellen, bei Gruner&Jahr hat man die ganzen Wirtschaftspublikationen mal eben in einen großen Topf geworfen und daraus kurzerhand die „Wirtschaftspresse“ gemacht. Die Funkes formerly known as WAZ lassen sich mittlerweile ihre Zeitungen im Lokalteil teilweise von der Konkurrent befüllen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Austauscherei hat kein einziges Springer-Blatt weiter gebracht, die WAZ verliert in Dortmund mehr an Auflage als ohnehin schon in den anderen Regionen, die „Wirtschaftspresse“ ist traurige Geschichte (der Korrektheit halber sollte ich dazu fügen, dass ich an der Umsetzung einer Zentralredaktion bei Kirch ebenfalls mehr oder weniger kläglich gescheitert bin).

Dass es das neue Springerfunke-Großkonglomerat jetzt wieder mit einem synergetischen Modell versuchen will, kann man als konsequent bezeichnen. Oder auch als unbelehrbar. Jedenfalls soll ungeachtet des Verkaufs der Springer-Blätter an die Funke-Gruppe die Zulieferung der „Welt“ an die anderen weitergehen. Das klingt erst einmal logisch und nachvollziehbar, weil das ja bisher schon so war. Die tatsächliche Dimension ist allerdings die, dass die Funke-Gruppe zu einem role model für einen überaus merkwürdigen Trend in der Verlagswelt wird: Man versucht zunehmend, Zeitungen zusammenzuschustern. Von Publizistik und Journalismus kann jedenfalls bei der ehemals stolzen WAZ kaum mehr die Rede sein, eher von einer Hülle, in die verschiedene Inhalte eingekauft werden. Dass sie sich bei Springer angesichts dieses Deals freuen werden, dürfte gesichert sein. Man verkauft seinen alten Krempel und schließt dazu gleich noch einen Servicevertrag ab.

Tatsächlich muss man sich bei dieser ganzen Sache sehr viel mehr über die Funke-Gruppe wundern als über Springer. Im Ruhrgebiet kreist seit Jahren die ganz große Sparkeule, hunderte Jobs sind abgebaut, ganze Redaktionen mit einem Federstrich geschlossen worden, die Auflagen befinden sich selbst für Tageszeitungsverhältnisse in einem erstaunlich freien Fall, eine klare Digitalstrategie gibt es nicht und von einem journalistischem Profil mag man eh nicht mehr sprechen – und dann kauft man in einem kriselnden Kerngeschäft das kriselnde Kerngeschäft eines Konkurrenten dazu, um sich von diesem Konkurrenten dann mit Inhalten beliefern zu lassen? Ich habe nicht BWL studiert und würde mir auch keine übertrieben hohen strategischen Fähigkeiten zubilligen, aber um das als ziemlichen Unsinn zu erkennen, dafür reicht es sogar bei mir noch.

Und auch im gefühlten Jahr 50 nach Beginn der Digitalisierung staunt man immer noch über beträchtliche Teile der deutschen Verlage: Es fallen einem spontan nur sehr wenige ein, denen man eine stringente und zukunftsfähige Digitalstrategie zubilligen würde. Digitale Innovationen aus Verlagshäusern werden eher selten gesichtet, beim Hase- und Igelspiel mit dem Netz sind sie meistens Hase. Das Leistungsschutzrecht haben sie durchgedrückt und es wird ab morgen wirkungslos verpuffen (dazu habe ich gesondert ein paar Sätze bei „Cicero“ geschrieben). Nur was ihre eigentlichen Überlebensstrategien angeht, fällt ihnen meistens nicht sehr viel mehr ein als sparen und zusammenlegen, was sich jetzt Synergien nennt und gleich viel besser klingt.

Wie solche Geschichten meistens weitergehen, wissen BWL-Studenten übrigens sehr häufig schon nach dem zweiten Semester.

Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für „Hörzu“

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

Liveblog

Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).