Das Stinkefinger-Komplott

Der „Spiegel“ macht mal wieder irgendwas mit Hitler und der Rest debattiert über die Echtheit eines ausgestreckte Mittelfingers. Einiges läuft gerade ziemlich schief, wenn es um Journalismus und so komplexe Themen wie Griechenland geht. Was auch damit zu tun hat, dass man mittlerweile viel lieber über Personen als über Themen spricht.

Politik ist eine komplizierte Sache und Wirtschaft auch. Zusammen genommen sind Politik und Wirtschaft also eine derart komplexe Geschichte, dass es selbst für Experten nicht mehr so ganz einfach ist, Dinge plausibel zu erklären. Man hat das während der Hoch-Zeit der letzten Wirtschaftskrise gesehen, als man mit unfassbar hohen Summen irgendwelche Banken retten musste, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Dasselbe Spiel erlebt man nun seit einigen Jahren mit Griechenland. Da ist also ein Land, das sich offensichtlich hoffnungslos verschuldet hat und anscheinend auch nicht gewillt ist, mit der gebotenen Demut angebotene Hilfsleistungen entgegenzunehmen. Trotzdem muss man dieses undankbare Land irgendwie vor dem finanziellen Exitus retten, weil sonst irgendwie ganz Europa gefährdet ist, wenn wir Laien das richtig verstehen.

Ist es da nicht ein Traum, wenn sich die neue griechische Regierung so wunderbar auf Personen reduzieren lässt? Auf einen jugendlich-attraktiv wirkenden Regierungschef und einen Finanzminister, der so einen revolutionär-unkonventionellen Auftritt hinlegt? Und der dann auch noch, göttliche Fügung des Schicksals, den Deutschen einen echten, richtigen Stinkfeiner zeigt? Großartig. Weil sich über so einen Stinkefinger und die Frage ob er denn nun hat oder nicht wunderbar erregt debattieren lässt. Viel besser und einfacher und mit sehr viel klareren Antworten, als wenn es um die Frage geht, was ein Grexit am Ende jetzt eigentlich für die Eurozone bedeuten würde.

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Gewissheiten hat man ja inzwischen so gut wie keine mehr. Weder weiß man, was richtig noch was falsch ist noch weiß man, wer jetzt noch gut und böse ist im großen Spiel um die möglichst einfache Darstellung einer immer schwierigere Welt. Bei Jauch und Bild zeigen sie einen Finanzminister mit ausgestrecktem Mittelfinger, um sich darüber gebührend zu erregen. Böhmenmann behauptet, er habe den Mittelfinger gefaked, um dann kurz darauf zu erklären, dass die Geschichte vom Fake natürlich nur ein Fake war. Und weil die Welt in diesen Tagen so furchtbar kompliziert geworden ist und die einfachen Bilder – Mittelfinger! – ja so schrecklich verlockend sind, hat auch der „Spiegel“ zu diesem Mittel gegriffen (und nebenher seiner Irgendwas-mit-Hitler-Leidenschaft endlich mal wieder frönen können):

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Zwischendrin beklagt sich der Bild-Chef bei einem der Spiegel-Chefs, der früher mal einer der Bild-Chefs war, über dieses zweifelsohne leicht beknackte Titelbild, was auf der einen Seite schon richtig, aber auf der anderen Seite etwas irre ist angesichts dessen, dass in der Bild der Grieche als solcher bestenfalls noch als „Pleite-Grieche“ wegkommt und ansonsten nicht eben mit Samthandschuhen angefasst wird:

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Tatsächlich also ist eine hochkomplexe Debatte auf dem Level angekommen, dass darüber diskutiert wird, ob jemand einen Stinkefinger gezeigt hat und ob der „Spiegel“-Titel nicht mal der „Bild“ zu blöd gewesen wäre. Das ist auf der einen Seite irgendwie menschlich, weil es sich darüber natürlich sehr viel einfacher und mit einem angemessenen Erregungsgrad debattieren lässt; man kann seine Meinung zu solchen Themen sogar auf 140 Zeichen unterbringen. An solchen Tagen ist es mir übrigens sogar machmal richtiggehend peinlich, zu dieser ganzen Griechenland-Sache keine echte Meinung zu haben, weil man ja heutzutage zu allem eine griffige Meinung haben muss und es vermutlich problematisch ist, wenn man einräumt, weder von Finanzpolitik noch von Wirtschaft so viel zu verstehen, als dass man die Frage beantworten könnte, was jetzt wohl passiert, wenn die Griechen tatsächlich nicht mehr Mitglied der Eurozone wären.

Es hat aber auch in mehreren Dimensionen mit dem zu tun, was der notorisch kluge Stefan Plöchinger in dieser Woche geschrieben hat. Nämlich damit, dass wir mittlerweile in einer daueraufgeregten Welt viel zu sehr über Personen als über Themen reden. Hätte man sich mit der gleiche Akribie, mit der man versucht hat, die Echtheit des Fingers nachzuweisen, in das eigentliche Thema Griechenland eingearbeitet, man hätte womöglich sogar so etwas wie einen Erkenntnisgewinn daraus gezogen.

So aber weiß man jetzt noch nicht mal mit echter Gewissheit, was es jetzt mit dieser Geste auf sich hat.

 

Selbstenthauptung im Lokalen

Es gibt mal wieder eine neue Studie aus Dortmund. Eine, die sich mit der aktuellen Lage der Regionalzeitungen beschäftigt. Und das, was aus dieser Studie hervorgeht, müsste eigentlich alle Verlagsmanager tief beunruhigen. Nein, nicht wegen Auflagen und Umsätzen. Sondern wegen dem, was sich am Ende aus dieser Studie über ihre Zukunftsfähigkeit herauslesen lässt…

Es ist schon ziemlich lange her, genauer gesagt fast 30 Jahre, dass mir mein erster Chef immer und immer wieder eingetrichtert hat: Die Lokalzeitung wird wegen des Lokalteils gelesen. Schluss, aus. Das leuchtete mir durchaus ein. Und das, obwohl es damals sehr viel weniger Möglichkeiten für die Leser gab, an journalistischen Stoff außerhalb des Lokalen zu kommen. Ein paar Zeitungen, eine Handvoll Fernseh- und Radiosender und abends die „Tagesschau“, das war´s dann auch schon wieder. Trotzdem: Es konnte in der weiten Welt passieren was wollte, wirklich heftig und intensiv waren Leserreaktionen immer nur dann, wenn es irgendwas Aufregendes im Lokalteil gab (oder wenn wir mal wieder Fotos vertauschten oder irgendjemanden aus der Ehrengästeliste vergaßen zu erwähnen).

Ich erzähle solche Geschichten übrigens heute noch gerne Studenten oder Volontären. Und sie hören sie deutlich lieber als meine anderen Geschichten, glaube ich. Weil man mit solchen kleinen Episoden ganz einfach den Stellenwert des Lokalen aufzeigen kann. Sehr viel besser jedenfalls als mit irgendwelchen Zahlen, Studien oder, noch schlimmer, kommunikationswissenschaftlichen Theorien. Menschen wollen wissen, was daheim los ist, dann erst kommt alles andere. So einfach ist Journalismus manchmal.

Das heißt – so einfach könnte er sein. Man könnte eigentlich denken, dass beispielsweise Lokalzeitungen dieses ganz besondere Prunkstück, ihre eigentliche Daseinsberechtigung nämlich, nicht so einfach aus der Hand geben. Das tun sie aber zunehmend öfter. Kein Bauchgefühl (das natürlich auch), sondern auch in Zahlen nachweisbar. Das Dortmunder FORMATT-Institut hat in seiner zweijährlichen Untersuchung einen eindeutigen Trend festgestellt. Nämlich den, dass die deutschen Tageszeitungen am ehesten im Lokalen sparen (mehr zu den Ergebnissen drüben beim Universalcode). Vor allem in NRW hat sich ja in den letzten Jahren eine merkwürdige Form des Lokaljournalismus entwickelt: Es gibt Lokalausgaben, die nur noch den Mantel selbst herstellen und sich den Lokalteil vom Mitbewerber vor Ort befühlen lassen. Immer noch besser, als wenn die Ausgaben ganz dicht machen, argumentieren Verlage wie die WAZ dann gerne. Was wiederum nicht bedeutet, dass es nicht auch Ausgaben gibt, die ganz dicht gemacht werden.

Das ist mindestens erstaunlich. Weil es einer journalistischen Selbstenthauptung gleichkommt. Abseits von allen Debatten über Digital-Strategien ist das womöglich noch sehr viel gefährlicher als eher lieblos gemachte Online-Präsenzen. Das Lokale ist der große Trumpf der regionalen Zeitungen und es gibt vermutlich auch keinen einzigen Verlagsmanager, der das ernsthaft bestreiten wollte. Aber wenn wir das mal mit der Realität abgleichen: Hat eigentlich schon mal eine Meldung gelesen, dass eine Regionalzeitung ihren Aufwand im Mantel zurückfährt und dafür die Lokalredaktionen erheblich stärkt? Hat jemand mal gelesen, dass die Zeitung XY einen echten Top-Journalisten holt, der sich ausschließlich um die Lokalredaktionen kümmert? Das klingt beim Lesen vermutlich wie ein schlechter Witz, soll aber gar keiner sein. Natürlich wäre es großartig, wenn es in jeder Zeitung einen Stefan Plöchinger gäbe; also einen, der das Digitale nicht einfach nur als einen Internet-Auftritt begreift, sondern neue Formen des digitalen Journalismus zur alltäglichen journalistischen Kultur in einem Verlag einführt. Aber mindestens genauso bräuchte es in jedem Regionalzeitungs-Verlag einen, der den Lokaljournalismus behutsam stärkt und weiterentwickelt. Wenn er das auch noch mit einer Digital-Expertise koppelt, dann wäre dieser Mensch jemand, nach dem sich sämtliche Häuser dieser Republik alle Finger abschlecken müssten.

Ich weiß nicht, ob es so jemanden gibt. Aber selbst, wenn es ihn gäbe: Die Prognose ist nicht sehr gewagt, dass er trotz dieser Fähigkeiten keine allzu guten Jobchancen hätte. Die Investitionsbereitschaft ins Lokale ist immer noch verblüffend gering. Daran hat sich in den fast 30 Jahren, die ich jetzt in diesem Job arbeite, nicht sehr viel geändert. Was es gibt, sind immer noch sehr viele Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden. Die Zahlen aus Dortmund sprechen eine andere und eine sehr deutliche Sprache.

Dazu kommt noch anderes: Der Beruf des guten, alten Lokalredakteurs bei einer Tageszeitung wird zunehmend unattraktiver. Es ist nicht nur der Kollege Ralf Heimann, der das sehr deutlich beschrieben hat. Es gibt inzwischen auch Chefredakteure und Geschäftsführer, die unverhohlen einräumen, dass es immer schwieriger wird, den Journalisten-Nachwuchs für einen Job in einer Lokalredaktion, womöglich noch irgendwo auf dem flachen Land zu begeistern.  Wer wirklich was drauf hat, vielleicht sogar noch im Netz fit ist, der wird vieles versuchen, aber nicht, auf Dauer als Lokalredakteur irgendwo zu arbeiten. Weil ihm klar sein dürfte, dass nicht nur der Job etwas fad sein könnte, sondern auch, dass die Zukunftsperspektiven nicht mehr unbedingt für ein ganzes Berufsleben tragen.

Wenn aber auf der einen Seite immer mehr gespart und reduziert wird und es auf der anderen Seite immer problematischer wird, gute junge Leute für diese Form des Journalismus zu begeistern – was soll dann aus den Regionalzeitungen mittelfristig werden? Vielleicht sollten wir darüber mal reden. Und nicht über das Internet, das Leistungsschutzrecht und überhaupt diese böse digitale Welt.

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.

Neue Autoren: Stefan Plöchinger, Marco Maas

Inzwischen sind eineinhalb Wochen seit dem Start von „Universalcode2“ vergangen – und es gibt zwei gute und eine eher unerfreuliche Nachricht vom Projektverlauf…

Fangen wir mal mit den Guten an: Ich hatte ja versprochen, Stück für Stück die Autoren des Buchs hier vorzustellen. Nach Dirk von Gehlen gibt es jetzt zwei Kollegen, über die ich mich ganz besonders freue. Über den einen ist die letzten Tage viel geredet und noch mehr geschrieben worden – aber das ist nicht der Grund für meine Freude. Auch ganz ohne Kapuzenpulli gehört Stefan Plöchinger unbestritten zum besten, was es im deutschen Journalismus gibt. Und auch, wenn wir sein Thema noch genau definieren müssen, so viel ist sicher: Es wird nicht (rpt. NICHT) um Kapuzenpullis aller Art gehen.

Der zweite ist einer, den ich damals bei der „Rundshow“ kennengelernt habe. Und einer, der seitdem ebenfalls zu den interessantesten und gefragtesten Gesichtern im Journalismus gehört: Marco Maas (Open Data City) hat einige der spannendsten (daten)journalistischen Projekte in Deutschland gemacht; erst diese Woche war er mit seinem Projekt „Lobbyplag.eu“ für den CNN Journalist Award nominiert.

Jetzt aber zum eher unerfreulichen Aspekt des bisherigen Projektverlaufs: Das Crowdfunding verläuft momentan, sagen wir, wie es ist, ausgesprochen mäßig. Aktuell steht das Projekt bei 760 Euro, das sind rund 15 Prozent. Bei noch verbleibenden rund drei Wochen kann sich das natürlich noch massiv ändern. Aber realistischerweise muss man sagen: Wenn´s so weitergeht, dann sieht es für „Universalcode2“ eher schlecht aus. Bitte versteht mich nicht falsch: Wenn es denn so wäre, dann müsste man das akzeptieren und sich möglicherweise auch eingestehen, das eigene Projekt falsch eingeschätzt oder möglicherweise auch überschätzt zu haben. Das ist ja das Tolle in der digitalen Welt – man plant nicht irgendwas ins Blaue hinein und am Publikum vorbei, sondern bekommt auf sehr deutliche Art und Weise gezeigt, ob man richtig liegt oder nicht. Ich möchte nur verhindern, dass das Projekt wegen der Auffassung nix wird, dass es ja schon genügend Unterstützer geben wird.

Aber bleiben wir mal optimistisch: In drei Wochen kann ja noch viel passieren.

Die Hoodie-Falle

Im Grunde war alles in einem einzigen Satz gesagt: „Sagt mehr über die FAS als über die SZ“, schrieb Dirk von Gehlen am Sonntag bei Facebook, als er offenbar gerade über einen Satz gestolpert war, der für den Medienredakteur Harald Staun aus Frankfurt in etwa das war, was für den gewesenen Deutsche-Bank-Chef Breuer diese Sache mit dem Interview über Leo Kirch war: kleiner, dummer Satz mit fataler Wirkung.

 

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Merkwürdigerweise: Ich habe mich über diesen letzten Satz (der mit dem Internetexperten) nicht aufgeregt. Nicht mal im Ansatz. Weil mich jeder andere Satz aus der FAZ/FAS eher überrascht hätte. „Sagt mehr über die FAS als über die SZ“, da hatte Dirk komplett recht. Warum also die Aufregung um die Ignoranz der FAS und warum die Verwunderung über einen Hoodie?

Zugegeben, am Anfang fand ich den darauffolgenden Candystorm, der sich über den Hoodie-tragenden Stefan Plöchinger ergoss, ganz amüsant. Aber irgendwann begann ich mich zu wundern. Über die damit verbindende Opferrolle, die wir Digitalmenschen immer noch einnehmen, wenn es um unsere Rolle in der Medienwelt geht. Und über die potentiell darin mitschwingende Larmoyanz. Da würde ich dann doch eher zu dem Selbstbewusstsein raten, von dem Plöchinger laut „Zeit“ etwas zu viel vor sich herträgt. Die Personalie Plöchinger ist umstritten – na und? Das sind, vermute ich mal, ungefähr drei Viertel aller Personalentscheidungen. Man unterstellt ihm fehlendes journalistisches Profil und spricht ihm, zumindest in der FAS, generell ab, ein richtiger Journalist zu sein? Da greift der Facebook-Eintrag von Dirk von Gehlen: Das sagt mehr über die Verfasser denn über die Lage in der SZ aus. Man kommt mit dem einhergehenden Kulturwandel nicht klar, was sich in der Diskussion um einen Kapuzenpulli manifestiert? Da haben aber ein paar Leute ein bisschen arg wenig Selbstbewusstsein. Wenn man denn dieser Hoodie-Nummer aus der „Zeit“ überhaupt Glauben schenken soll: Generell kommt mir die SZ-Chefredaktion zu intelligent vor, als dass das ein ernsthafter Punkt in der Debatte sein sollte.

Lasst sie also ruhig debattieren in der SZ und lasst sie bei der FAS glauben, Onliner seien Programmierer, die ab und an auch mal schreiben. Lasst den Plöchinger mal in die Chefredaktion aufsteigen oder auch nicht, aber behandelt das bitte wenigstens von unserer Digitaler-Seite aus als das, was es ist: ein ganz normaler Vorgang. Und steckt Plöchinger nicht in eine Falle, aus der er nicht mehr rauskommt: Wenn seine Berufung abgelehnt wird, dann wird der Hoodie als Schuldiger ausgemacht. Falls er (was man ja erwarten darf) doch in die Chefredaktion aufrückt, wird er zum Quoten-Hoodie.

Was keiner wollen kann. Weil Stefan Plöchinger ein sehr guter Journalist ist, der dann Chefredakteur wird, weil er es kann und weil es verdient hat. Dafür braucht er weder einen Kapuzenpulli noch die „Solidarität“ von Menschen, die man in manchen Fällen gar nicht haben will.

Wie die SZ einmal einen Onliner beförderte

Auf die Zahl von „Likes“ bei Facebook sollte man an sich ja nicht zu viel geben. Es kann auch ein albernes Katzenvideo sein, bei dem sich die Likes nur so häufen. Trotzdem habe ich bei einem meiner gestrigen Beiträge in einer Mischung aus Amüsiertheit und Erstaunen festgestellt, was „Likes“ manchmal doch aussagen können.

Gepostet hatte ich:

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Dass danach eine derart banale Feststellung, noch dazu völlig ironiebefreit für so viel Zustimmung sorgt (für meine Verhältnisse wenigstens, ich bin ja nicht Hans Sarpei) fand ich verblüffend. Nicht wegen der eigentlichen Sache – dass Plöchinger zum Besten gehört, was es im digitalen Journalismus gibt, ist unbestritten. Dass sie sich auch bei, sagen wir, Spiegel oder FAZ die Finger nach ihm abschlecken würden, ist ebenfalls unbestritten, insofern macht das schon Sinn, ihn mit solchen Entscheidungen ein wenig stärker an die SZ zu ketten.

Tatsächlich erstaunlich ist anderes: Man muss es also immer noch als eine meldenswerte Nachricht behandeln, wenn der oberste Onliner auch in die Chefredaktion der Zeitung/des Senders eingebunden ist. Man sagt nicht: Hey, super, der Plöchinger, der hat´s echt verdient! Sondern man denkt: Wow, eine Zeitung die einen Onliner in die Chefredaktion holt!

Man kann das ja –leider– auch nicht sehr viel anders denken. Weil in der überwiegenden Mehrheit der konventionellen Medien die Regel immer noch die ist, dass der Onliner, wenn er sehr viel Glück hat, weitgehend autark und mit journalistischer Kompetenz ausgestattet, sein Angebot machen kann.  Dass es eine ausformulierte, stringente Strategie gibt, wie aus dem Nebenher von analog und digital ein gemeinsames journalistisches Projekt gibt, kann immer noch nur eine Minderheit von sich behaupten.

Das ist, man kann das leider nicht anders sagen, an der Schwelle zum Jahr 2014 grotesk. Es ist bezeichnend, dass man immer noch das alte Lamento darüber anstimmen muss, wie wenig digitaler Journalismus in Deutschland praktiziert wird, wie sehr man immer noch an alten Ideen und überkommenen Strukturen hängt. Natürlich ist es wunderbar, wenn die SZ jetzt ihren Plöchinger auch in die Print-Chefredaktion holt. Aber andersrum stellt sich trotzdem die Frage: Wie soll das denn sonst gehen? Onliner als Anhängsel, als Dienstleister, als Zusatzangebot?

Ich würde eher eine andere Theorie aufstellen: Die SZ hat´s erkannt, spät, aber immerhin. Der Onliner gehört selbstverständlich in alle relevanten redaktionellen und strategischen Entscheidungen des Hauses einbezogen. Wer ihm das nicht zutraut, sollte beizeiten auch mal darüber nachdenken, ob er den richtigen Onliner beschäftigt. Und wer spätestens in einem Jahr immer noch nicht eine Struktur geschaffen hat, in der Online wie selbstverständlich bei jeder Entscheidung eine maßgebliche Rolle spielt, kann in zwei Jahren seinen Laden zusperren. Weil sich die Vorzeichen geändert haben. Wer heute noch behaupten würde, die Zukunft der SZ sei die gedruckte Zeitung, wird mit Plöchinger nicht unter zehn Jahren bestraft.