Das Apple-Ritual

Vermutlich, liebe Leser, werden Sie mich jetzt für naiv halten. Für völlig aus der Zeit gefallen. Rückständig, ahnungslos oder sonstwas. Aber es gibt da eine Sache, die ich nicht verstehe. Nämlich, wenn es um den, ähm, „Journalismus“ und Apple-Produktpräsentationen geht.

Also, ich hab ja nur bei einer kleinen Lokalzeitung und später bei einer mittelgroßen Regionalzeitung meine Print- und Lehrjahre verbracht. Aber schon da habe ich gelernt: Redaktion ist Redaktion und Werbung gehört in den Anzeigenteil. Wenn also mal wieder ein Autohändler mit der Pressemappe seines neuen Supi-dupi-Autos in die Redaktion kam, dann konnte das Auto noch so supi-dupi sein; der Mann fand sich kurz darauf in der Anzeigenabteilung wieder. Wo auch sonst?

Gestern Abend hingegen: Live-Ticker und eigene Korrespondenten (so schlecht kanns den Redaktionen dann ja übrigens auch wieder nicht gehen) in Kalifornien – weil ein großer Konzern dort eine sehr gelungene Marketing-Veranstaltung macht und ein neues Smartphone und eine Smartwatch präsentiert. Egal, ob „Süddeutsche“ oder „Spiegel“ oder all die anderen; wenn es um Apple geht, verlieren sie irgendwie alle den Verstand. Und das schon im Vorfeld: Wenn in ein paar Monaten irgendein taiwanenischer Tech-Blogger behauptet, er wisse, wie das iPhone 7 aussieht, dann kann man sich darauf verlassen, dass sie sich wieder alle darauf stürzen werden. Mir ist schon klar, dass Apple-Berichterstattung inzwischen zum ritualisierten Mainstream gehört, ich verstehe es aber dennoch nicht. Auch deswegen nicht, weil ich weiß, wie sehr sich unser Berufsstand über Auto- oder Reisejournalisten moniert, die häufig auf Kosten von Unternehmen irgendwo hinreisen und sich dort dann Autos oder Hotels zeigen lassen. Inzwischen sind eine Menge Redaktionen dazu übergegangen, verschämt dazuzuschreiben: Unser Redakteur wurde vom Unternehmen XY eingeladen. Imagemäßig bewegen sich Reise- und Autojournalisten übrigens in der Nähe von Parias.

Nicht bei Apple. Da machen „Bild“ und die vermeintlichen seriösen Redaktionen keinen Unterschied: Gib ihnen eine neue Sartwatch oder ein neues iPhone – und kurz darauf finden sich zuverlässig Geschichten wie „Wir haben das neue Gadget“ schon getestet. Die Marketing-Abteilung sagt vielen Dank. Und wundert sich vermutlich nebenher, wie wenig es braucht, dass Journalisten alle Regeln von der Trennung zwischen Werbung und Redaktion vergessen.

Und ja, auch das würde ich nebenher bemerken: Ich weiß nicht, was man Journalisten um die Ohren hauen würde, wenn sie auf irgendeiner Veranstaltung aufstehen und dem Veranstalter zujubeln würden. Im Regelfall fände man das wohl: peinlich. Sehr peinlich. Bei Apple-Produktpräsentationen findet man das sogar eine lobende Erwähnung wert: Jetzt stehen die Journalisten und applaudieren!

Nicht mal mein Leib-und-Magen-Angebot macht vor dem Irrsinn noch hat. Die Startseite von „süddeutsche.de“ bietet am Morgen danach folgenden Anblick:

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Drei (!) Beiträge untereinander, auf der Startseite prominent platziert – weil ein Konzern sein Handy auffrischt und eine Smartwatch auf den Markt bringt; eine Produktkategorie zudem, die nicht mal neu ist? Plus ein eigenes Diskussionsforum, nachdem man kurz vorher die Kommentarfunktion gestrichen hat und nur noch zu ausgewählten Themen debattieren will?

Das sieht sehr danach aus, als sei vielen Redaktionen die Distanz und das vernünftige Nachdenken abhanden gekommen. Dass man bei völlig neuen Gerätekategorien wie vor vier Jahren dem Tablet ausführlich berichtet – einverstanden. Aber das hier verliert gerade jedes Maß und Ziel.

Und auch jede Distanz. Nicht falsch verstehen: Dieser Text wird gerade auf einem iMac geschrieben, ich verwende leidenschaftlich gerne mein MacBook, mein iPad und mein iPhone, man könnte also beim besten Willen nicht behaupten, dass ich Apple sehr kritisch gegenüber stehe. Trotzdem hätte ich bei all den Jubelarien darüber, dass unser Lieblingskonzern sein iPhone jetzt etwas größer macht, gerne auch mal etwas zu diesem Thema gelesen:

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Apple, so viel ist mal sicher, kann sich sehr viel mehr erlauben als nahezu alle anderen Konzerne. Als jedes Facebook, Google, Amazon oder auch BMW, Porsche oder Siemens. Eine Produktpräsentation als weltweiter Event, bei dem zig Millionen zusehen und deshalb gelegentlich der Livestream kollabiert.

Dass Journalisten daran einen großen Anteil haben – ist mir spätestens gestern Abend klar geworden.