Journalismus 2015: Wie geht´s uns?

Im November soll ich eine Keynote über den Zustand des (digitalen) Journalismus halten. Jetzt grüble ich seit Wochen über der komplizierten Antwort auf eine simple Frage: Wie geht es uns eigentlich?

Eigentlich könnte die Sache eine ganz einfache sein: In unserer Branche ist man tendenziell mit einer Mischung aus Defätismus, Pessimismus und Fundamentalkritik ganz gut aufgehoben. Packt man dann noch ein bisschen Bullshit-Bingo dazu, moniert man die Verschlafenheit, die Unfähigkeit, die mangelnde Recherche und fügt man dann noch in verklausulierter Form hinzu, dass die Dinge früher ohnehin etwas besser waren, dann hat man vermutlich rund 80 Prozent der Journalisten tendenziell auf seiner Seite. Und von digitalen Medien haben sie alle keine Ahnung, außer man selbst natürlich (ich muss dabei übrigens immer an den wunderbaren Kabarett-Titel „Alles Schlampen außer Mutti“ denken).

Auf den Gedanken bin ich gekommen, weil ich am 5. November in Hamburg bei dieser feinen Veranstaltung hier die Keynote sprechen darf (auch so ein typisches und in sozialen Netzwerken gern gesehenes Understatement: Ich darf irgendwo meinen Senf dazu geben; in Wirklichkeit bin ich natürlich stolz wie Bolle). Das Thema der Keynote ist so verlockend wie tückisch: Es soll eine Art Bestandsaufnahme werden, wie es uns denn nun geht. Dem Journalismus als solchen und irgendwie auch uns, die wir ihn tagtäglich machen. Eine böse Falle, die mir Prof. Volker Lilienthal da gestellt hat. Seitdem komme ich mir vor wie ein Student, der gerade erkennt, dass das Thema der Hausarbeit, das sich der Prof ausgedacht hat, viel verzwickter ist, als es am Anfang aussah.

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Variante eins wäre also die einfache, eingangs beschriebene. Fundamentalkritik geht immer. Die „Krautreporter“ haben damit sogar mal eine ganze Million Euro gecrowdfundet, mit Fundamentalkritik ist sogar ein völlig neues Berufsbild namens Medienkritiker entstanden, was immer das auch sein mag. Das „Bildblog“ würde schlagartig drei Viertel seiner Leser verlieren, würde es jeden Tag zwei Geschichten bringen, die irgendwelche Medien mal so richtig gut gemacht haben, Niggemeier liest man vermutlich deswegen gerne, weil er es den unterschiedlichsten Kollegen regelmäßig aufs Neue mal so richtig gibt. Um bei „Turi2″ verlinkt oder zitiert zu werden, muss man sich über irgendwas so richtig ärgern oder es wenigstens kritisieren, monieren oder gerne auch mal zum Scheitern verurteilt sehen.

Meine eigenen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Vor Jahren hatte ich in diesem Blog mal versucht, eine kleine Rubrik mit positiven Beispielen zu etablieren. Es blieb beim Versuch, weil das ungelogen die Beiträge mit den schlechtesten Klickzahlen aller Zeiten waren (und so viel Quotensau steckt dann doch noch in mir, dass ich will, dass der Quark hier wenigstens von ein paar Leuten gelesen wird). Umgekehrt kann ich auch verraten, dass in den letzten fünf Jahren drei Beiträge die höchsten Klickzahlen erreichten. Die Themen: erstens ein Krautreporter-Verriss, zweitens eine fundamentale Kritik an den Krautreportern und drittens eine hochgradig pointierte Kritik an den Krautreportern. Wenn mir mal die Leser ausgehen, schreibe ich was über die Krautreporter.

Die Rechnung geht also so: Ich stelle in Hamburg die These auf, dass der Journalismus ziemlich kaputt ist, die meisten Verlage und Sender die Entwicklungen (welche auch immer) verschlafen haben und streue dann noch die Buzzwords ein, die man bei Turi2 gerne liest. Ich vermute, es gäbe Beifall im Publikum, ein paar hübsche Tweets und bei Turi2 ein schönes Zitat mit dem Hinweis „Medienkritiker Christian Jakubetz kritisiert, dass der Journalismus kaputt ist“.

Hübscher Gedanke, das. Noch dazu mit dem Effekt, dass ich endlich mit „Medienkritiker“ einen wohlklingenden Beruf angeben könnte, wenn mich jemand fragt, was ich so mache. Bisher nehmen meine Antworten auf diese Frage gut und gerne mal ein paar Minuten in Anspruch.

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Bei Variante zwei müsste ich erheblich länger nachdenken, weil sie so einfach und leider auch so publikumswirksam nicht ist. Aber dafür ehrlicher.

Immerhin denke ich jetzt schon seit Sommer immer wieder mal darüber nach, was ich wohl erzählen könnte. Wie ich dieses vermeintlich so einfache Lilienthal-Thema beantworten könnte. Weil es ja umgekehrt natürlich keineswegs so ist, dass alles ganz wunderbar ist in dieser Branche, von ein paar kleinen Ausreißern abgesehen.

Auf jedes Beispiel, egal ob positiv oder negativ, fällt mir immer sofort eines ein, das genau das Gegenteil belegt. Ich entdecke fast jeden Tag ganz großartige Dinge, ganz egal ob im Netz, im TV, im Radio oder auf Papier. Nur um kurz darauf wieder Sachen zu sehen, an denen man verzweifeln möchte. Die Lage ist also alles andere als übersichtlich, zumal ich unlängst sogar mal eine Periscope-Reportage des „Bild“-Reporters Paul Ronzheimer gesehen habe, die ich einigermaßen beeindruckend fand. Dabei war man bisher ja wenigstens damit auf der sicheren Seite, wenn man über die „Bild“ im Allgemeinen und über Ronzheimer im speziellen was Böses gesagt hat. Und die Chance auf einen trafficbringenden Link beim „Bildblog“ hatte man auch.

300Oder der „Spiegel“. In nahezu jeder Ausgabe ärgere ich mich über routiniert hingeschluderte Texte, die immer und immer wieder die alten Klischees bedienen und die heimlich von einem Textautomaten geschrieben werden. „Spiegel Online“ ist schon lange zur Routine erstarrt und die Idee eines Babo-Checker-Portals für 18jährige flasht mich jetzt auch nicht so, dass ich in ihr die Rettung des Journalismus entdecken würde. Und die Titelbilder! Die TITELBILDER! Manchmal frage ich mich, ob nicht in Wirklichkeit die „Titanic“ die Grafikabteilung des Blattes gekapert hat.

Auf der anderen Seite lese und sehe ich dann aber immer wieder Stücke, die sind zum Niederknien gut. Alleine Cordt Schnibbens Stück über die „Gutmenschen „, die sich als freiwillige Helfer für Flüchtlinge engagieren, war die Abo-Gebühr für ein Quartal wert.

Und überhaupt: Es ist zwar auf der einen Seite vergleichsweise einfach und manchmal auch billig, sich über die etablierten, alten Tanker zu amüsieren. Aber Beispiele wie eben die vielzitierten Krautreporter haben mir dann halt doch gezeigt, dass es andere eben auch nicht besser können. Im Gegenteil: Nach zwei Monaten intensiver KR-Lektüre war ich dann um „Spiegel“, SZ oder FAZ oder auch die gute alte Tante ARD wieder ziemlich froh. Auch und gerade im Netz. Halten Sie mich meinetwegen für einen alten, langweilen Knochen, aber ich finde das, was beispielsweise sz.de oder zunehmend auch faz.net und Zeit Online machen meistens zumindest so gut, dass ich nicht vor dem Rechner sitze und mir denke: Höchste Zeit,  dass es endlich einen neuen Journalismus gibt!

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Muss man den Journalismus überhaupt retten – und wenn ja,vor was? Als ausgesprochen hilfreich bei der Diskussion dieser Frage erweist es sich regelmäßig, wenn man die Perspektive  wechselt und die eigene Filter Bubble verlässt. Außerhalb meiner eigenen Journalisten-Blase jedenfalls nimmt man das Elend dieses Berufs sehr viel entspannter wahr. Sofern man nicht gerade „Pegida“-Anhänger ist und abends mit dem Schrei „Lügenpresse!“ durch die Straßen marodiert, wird man feststellen, dass man sich in diesem Land immer noch ziemlich wunderbar über alles informieren und sich bestens unterhalten lassen kann. Die Nicht-Journalisten in meinem Freundeskreis (doch, das gibt es!) sehen mich jedenfalls immer etwas entgeistert an, wenn ich ihnen erzähle, dass diese Branche ein einziger, dem Untergang geweihter Sumpf ist, der wahlweise lügt oder doof ist.

Ohne in die Schönrednerei von Festreden zu verfallen, muss man das vielleicht ab und an mal so grundsätzlich feststellen: Wir sind nicht in Italien, wo Ministerpräsident und Medienmogul für längere Zeit mal identisch waren. Wir sind nicht in einem dieser Länder, in dem dieser Beruf potentiell riskant ist. Bei uns kann jeder weitgehend das publizieren, was er will, und wenn es noch so großer Unsinn ist (ein Recht, von dem tagtäglich Gebrauch gemacht wird, wie ein  Blick auf die täglichen Unsinnigkeiten beweist).

Selbst die „Landesverrat“-Geschichte rund um „Netzpolitik.org“ hat sich am Ende als Posse erwiesen, auch wenn das für die Truppe von Markus Beckedahl natürlich zeitweise alles andere als lustig war. Aber auch das gehört eben zum Zustand der Medien in Deutschland: Am Ende haben Beckedahl und Freunde eine ganze Menge Solidaritäts-Geld bekommen, die treibende Kraft hinter den Ermittlungen konnte sich nicht mehr halten und Netzpolitik.org steht heute möglicherweise so gut wie noch nie da.

Wie überhaupt die Publizistik im Netz ziemlich ordentlich ist. Wem die etablierten Medien nicht passen, der kann jeden Tag großartige Sachen nach eigenem Gusto lesen, sehen, hören. Ganz ehrlich: Wer nicht in seinen Leselisten und Bookmarks deutlich mehr Zeug hat, als er jemals konsumieren kann, läuft entweder blind durchs Netz oder er ist Misanthrop.

Kann sein, dass wir das selbstverständlich finden. Es schadet trotzdem nicht, sich all das gelegentlich vor Augen zu führen, bevor wir dann alle wieder den apokalyptischen Reiter spielen und uns stundenlang darüber echauffieren, dass irgendjemand irgendwo einen leicht missratenen Beitrag veröffentlicht hat.

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Aber halt, war da nicht doch noch was? Diese ganze Geschichte mit dem Medienwandel? Dieser ganze digitale Kram, der Jobabbau in vielen Redaktionen, wenn sie nicht gleich ganz geschlossen wurden? Das Problem, Menschen zum Bezahlen von digitalen Inhalten zu bewegen? Natürlich haben wir im Journalismus ein handfestes ökonomisches Problem. Das zu leugnen, fällt selbst dem größten Optimisten schwer.

Kaum anzunehmen ist auch, dass diese Branche in fünf oder zehn Jahren noch so aussehen wird wie heute. Dumm nur, dass wir keinerlei Ahnung haben, wie sie sich stattdessen präsentieren wird; auch wenn es gerade in unserer Branche ausreichend Scharlatane gibt, die aus der Behauptung zu wissen, wie die Zukunft läuft, ein halbwegs florierendes Geschäftsmodell gemacht haben. (Hinweis: Ich arbeite selbst als Berater; falls Sie mich aber mit dem Ziel buchen wollen, danach exakt zu wissen, wie die nächsten Jahre verlaufen werden, bitte ich höflich, von Anfragen abzusehen).

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Kann aber ein  Journalismus funktionieren, dem die materielle Grundlage entzogen wird? Die Frage ist natürlich rhetorisch, weil das nicht geht. Beispiele dafür gibt es heute schon in Hülle und Fülle. Es gibt in nahezu jedem Teilbereich dieser Branche Redaktionen, die so am personellen und finanziellen Existenzminimum leben, dass sie nur noch Mumien-Journalismus produzieren. Inhalte, die vordergründig überdecken, dass darunter nichts mehr an Substanz da ist. Man muss dafür nicht mal besonders exponierte Beispiele nennen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Leser dieses Textes in seinem eigenen Umfeld in kürzester Zeit ein Exempel findet.

Natürlich kann man sich auch hier trösten, so ist es ja nicht: Mit jedem sterbenden Geschäftsmodell entsteht irgendwo auch ein Neues. Das haben uns andere Wirtschaftszweige vorgemacht, das erleben wir auch im Journalismus immer wieder aufs Neue. Es ist ja auch nicht so, dass es plötzlich keinen Bedarf mehr an gutem Journalismus mehr gibt. Im Gegenteil, ich glaube, dass dieser Bedarf in einer Zeit, in der man sich jeden Tag mit unfassbarem Müll zuschütten kann, eher steigen denn sinken wird.

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Wenn Sie es denn wirklich bis ans Ende dieses langen Textes geschafft haben, würde ich daraus zweierlei Rückschlüsse ziehen.

Zum einen: Die Behauptung, die digitalisierungsdummen Menschen des Jahres 2o15 würden keine langen Texte mehr lesen, ist ziemlicher Unsinn.

Zum anderen: Sie haben Interesse an diesen Themen und geben mir möglicherweise Feedback, ob diese Gedanken halbwegs tragbar sind und ob ich auf deren Basis meine Keynote für Hamburg weiterdenken soll (oder ob sie völlig doof sind und ich alle meine Notizen wegwerfe).

Vielleicht haben Sie sogar Lust, selbst vorbeizuschauen. Nein, nicht wegen mir, aber da sind noch sehr viele andere, ganz großartige Kollegen, wegen derer allein sich der Besuch lohnt. Anita Zielina von der NZZ beispielsweise, Cordt Schnibben (Spiegel), Dirk von Gehlen (SZ), Marco Maas (das lebende Datenpaket) und noch ganz viele andere tolle Leute.

Und natürlich Volker Lilienthal. Wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen, Herr Professor.

Die Zeitung und ihre letzte Chance

Eine runderneuerte SZ am Wochenende mit digitaler Sonntagszeitung – und eine Nachmittagszeitung in Köln: Zwei unterschiedliche Konzepte zeigen vor allem, dass die Tageszeitung den Kampf um die Aktualitätshoheit endgültig aufgeben muss.

Am Wochenende hatte ich endlich mal wieder Zeit zum Lesen. Also, zu dieser Form des Lesens, zu der irgendwie Sinn und Verstand und vor allem etwas Muße gehören. Früher, also irgendwann vergangenes Jahr, hatte ich mir gewünscht, dass es mehr Lesestoff am Wochenende gäbe. Und nicht erst am Montag, wenn die Woche gerade erst wieder los geht.

Inzwischen hat sich die Welt geändert und ich wusste am Wochenende gar nicht mehr, wo ich anfangen sollte. Die Kollegen der SZ legten mir die erste neue Wochenend-Ausgabe ins Tablet, die tatsächlich so umfangreich wie zwei Zeitungen war. Am Sonntag legten sie dann noch mit dem neuen digitalen Wochenend-Sport nach und der neue „Spiegel“ war auch schon da. Früher wäre das der Tag gewesen, an dem ich mir vielleicht noch eine FAS gegönnt hätte, aber das war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Kurzum: Es hab so viel Lesestoff, dass das Wochenende vollgepackt war, weil das Internet und Facebook und Twitter ja auch keine Wochenendpause machen. Im Gegenteil: Das Gemeine an diesem Internet ist ja, dass jeden Tag ein bisschen mehr drin steht.

Interessant war vor allem zu lesen, was eine Tageszeitung wie die SZ jetzt am Wochenende macht. Das ist nicht mehr Tageszeitung, sondern Magazinjournalismus. Eine Zeit, eine FAS, das alles nur auf süddeutsch. Was keineswegs als Kritik gemeint ist, sondern eher als Feststellung. Die Wochenend-SZ hat de facto den Tageszeitungs-Journalismus früherer Prägung zu Grabe getragen. Sie hat, falls es das noch gebraucht hat, den letzten Beleg dafür geliefert, dass kein Mensch mehr eine Tageszeitung braucht, die die Ergebnisse des Tages zuvor rekapituliert. Die wirklich lesenswerten Stücke (und von denen gab es einige) waren keine tagesaktuellen, sondern Hintergründe, Reportagen, Analysen. Was übrigens auch im Sonntags-Sport nicht anders war. Kein Wunder, wer braucht schließlich am Tag darauf nochmal den klassischen Spielbericht, in dem die Torschützen des Bayern-Spiels und die Zahl der gelben Karten nochmal minutiös wiedergegeben werden?

Könnte also gut sein, dass es ab kommendem Jahr ein ganz schönes Gedränge am Samstag und Sonntag geben wird. Wenn neben der umfangreichen SZ auch der „Spiegel“, der „Focus“, die FAS und die „Welt am Sonntag“ mit einer ähnlichen Vorstellung von Journalismus an den Start gehen. Ich habe keine Ahnung, wer aus diesem Duell am ehesten als Sieger hervorgehen könnte. Interessanter ist die generelle Entwicklung, die dahinter liegt: De facto verlassen die großen Printmedien im Land das Tagesgeschehen mehr und mehr dem Netz; eine Entwicklung, die auch die NZZ in Zürich angekündigt hat. Das ist nicht mehr als vernünftig und realistisch.

Tageszeitung 2015, das heißt also idealerweise: Newsstream während des Wochentags, Lesestücke dann, wenn die Menschen dafür noch am ehesten Zeit dafür haben. Ob das funktioniert wird sich erst zeigen müssen – eine Alternative zu diesem Modell existiert allerdings derzeit nicht wirklich.

Ungewollt hat übrigens Dumont in Köln den Beleg dafür angetreten, dass die Branche das inzwischen Begriffen hat: Auf die Ankündigung, demnächst eine Nachmittagszeitung zu machen, die sich irgendwie an der Ästhetik des Netzes orientiert, hat es bisher bestenfalls milden Spott gegeben.

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.

Ärmelschoner statt Hoodies

Jetzt also auch noch die „taz“ – könnte man seufzen. Ausgerechnet die Linksaltenativen, die die Möglichkeit, eine Frau, jung und preisgekrönt und zukunftsorientiert, in die Chefredaktion zu holen, einfach mal so sausen ließen, das ist dann schon irgendwie erstaunlich. Haben wir es nach der Hoodie-Mini-Affäre um den Chefredakteur in spe Stefan Plöchinger also jetzt auch noch mit einem taz-Gate zu tun?

Zuerst mal: Die Fälle SZ und taz sind schwerlich miteinander vergleichbar. Die Nicht-Berufung sagt mehr über die taz als über den Zustand des Journalismus aus. Es fällt ziemlich schwer, nicht gleich kübelweise Häme nach Berlin zu schicken. So viel bräsige Realitätsverweigerung bei den einstmals so erfrischend anders Denkenden, das kann man sich nicht ausdenken.

Trotzdem hat die Sache mit der dann doch lieber analog lebenden „taz“ noch einen anderen Aspekt. Einen, der ihn sehr viel spannender macht als die Causa Plöchinger bei der SZ. Weil es nicht die vermeintlich bösen Geschäftsführungen oder die unfähigen Chefredaktionen sind, die dem darbenden Redaktionsvolk den Fortschritt verweigern. Bei der „taz“ war es die Redaktionsversammlung, die ein ziemlich sowjetisches „njet“ ausgesprochen hat. Vermutlich – nein, ganz sicher – wird es interne Gründe gegeben haben, die wir Außenstehende weder kennen noch beurteilen können. Trotzdem: Eine ganz normale Redaktion (soweit bei der „taz“ irgendwas normal ist) hat ein fatales Signal gesetzt – eine Onlinerin kommt uns nicht als Chefin ins Haus.

Da kommt man dann schon mal ins Grübeln. Darüber, ob die Verweigerer nicht sehr viel öfter da sitzen, wo man sie gar nicht vermuten würde. Nämlich mitten unter uns. Man sollte jedenfalls beim nächsten Mal genau hinschauen, wer zwar irgendwelche Solidaritäts-Hoodie-Selfies postet, tatsächlich aber eher Ärmelschoner tragen sollte.

Die Hoodie-Falle

Im Grunde war alles in einem einzigen Satz gesagt: „Sagt mehr über die FAS als über die SZ“, schrieb Dirk von Gehlen am Sonntag bei Facebook, als er offenbar gerade über einen Satz gestolpert war, der für den Medienredakteur Harald Staun aus Frankfurt in etwa das war, was für den gewesenen Deutsche-Bank-Chef Breuer diese Sache mit dem Interview über Leo Kirch war: kleiner, dummer Satz mit fataler Wirkung.

 

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Merkwürdigerweise: Ich habe mich über diesen letzten Satz (der mit dem Internetexperten) nicht aufgeregt. Nicht mal im Ansatz. Weil mich jeder andere Satz aus der FAZ/FAS eher überrascht hätte. „Sagt mehr über die FAS als über die SZ“, da hatte Dirk komplett recht. Warum also die Aufregung um die Ignoranz der FAS und warum die Verwunderung über einen Hoodie?

Zugegeben, am Anfang fand ich den darauffolgenden Candystorm, der sich über den Hoodie-tragenden Stefan Plöchinger ergoss, ganz amüsant. Aber irgendwann begann ich mich zu wundern. Über die damit verbindende Opferrolle, die wir Digitalmenschen immer noch einnehmen, wenn es um unsere Rolle in der Medienwelt geht. Und über die potentiell darin mitschwingende Larmoyanz. Da würde ich dann doch eher zu dem Selbstbewusstsein raten, von dem Plöchinger laut „Zeit“ etwas zu viel vor sich herträgt. Die Personalie Plöchinger ist umstritten – na und? Das sind, vermute ich mal, ungefähr drei Viertel aller Personalentscheidungen. Man unterstellt ihm fehlendes journalistisches Profil und spricht ihm, zumindest in der FAS, generell ab, ein richtiger Journalist zu sein? Da greift der Facebook-Eintrag von Dirk von Gehlen: Das sagt mehr über die Verfasser denn über die Lage in der SZ aus. Man kommt mit dem einhergehenden Kulturwandel nicht klar, was sich in der Diskussion um einen Kapuzenpulli manifestiert? Da haben aber ein paar Leute ein bisschen arg wenig Selbstbewusstsein. Wenn man denn dieser Hoodie-Nummer aus der „Zeit“ überhaupt Glauben schenken soll: Generell kommt mir die SZ-Chefredaktion zu intelligent vor, als dass das ein ernsthafter Punkt in der Debatte sein sollte.

Lasst sie also ruhig debattieren in der SZ und lasst sie bei der FAS glauben, Onliner seien Programmierer, die ab und an auch mal schreiben. Lasst den Plöchinger mal in die Chefredaktion aufsteigen oder auch nicht, aber behandelt das bitte wenigstens von unserer Digitaler-Seite aus als das, was es ist: ein ganz normaler Vorgang. Und steckt Plöchinger nicht in eine Falle, aus der er nicht mehr rauskommt: Wenn seine Berufung abgelehnt wird, dann wird der Hoodie als Schuldiger ausgemacht. Falls er (was man ja erwarten darf) doch in die Chefredaktion aufrückt, wird er zum Quoten-Hoodie.

Was keiner wollen kann. Weil Stefan Plöchinger ein sehr guter Journalist ist, der dann Chefredakteur wird, weil er es kann und weil es verdient hat. Dafür braucht er weder einen Kapuzenpulli noch die „Solidarität“ von Menschen, die man in manchen Fällen gar nicht haben will.

Wie die SZ einmal einen Onliner beförderte

Auf die Zahl von „Likes“ bei Facebook sollte man an sich ja nicht zu viel geben. Es kann auch ein albernes Katzenvideo sein, bei dem sich die Likes nur so häufen. Trotzdem habe ich bei einem meiner gestrigen Beiträge in einer Mischung aus Amüsiertheit und Erstaunen festgestellt, was „Likes“ manchmal doch aussagen können.

Gepostet hatte ich:

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Dass danach eine derart banale Feststellung, noch dazu völlig ironiebefreit für so viel Zustimmung sorgt (für meine Verhältnisse wenigstens, ich bin ja nicht Hans Sarpei) fand ich verblüffend. Nicht wegen der eigentlichen Sache – dass Plöchinger zum Besten gehört, was es im digitalen Journalismus gibt, ist unbestritten. Dass sie sich auch bei, sagen wir, Spiegel oder FAZ die Finger nach ihm abschlecken würden, ist ebenfalls unbestritten, insofern macht das schon Sinn, ihn mit solchen Entscheidungen ein wenig stärker an die SZ zu ketten.

Tatsächlich erstaunlich ist anderes: Man muss es also immer noch als eine meldenswerte Nachricht behandeln, wenn der oberste Onliner auch in die Chefredaktion der Zeitung/des Senders eingebunden ist. Man sagt nicht: Hey, super, der Plöchinger, der hat´s echt verdient! Sondern man denkt: Wow, eine Zeitung die einen Onliner in die Chefredaktion holt!

Man kann das ja –leider– auch nicht sehr viel anders denken. Weil in der überwiegenden Mehrheit der konventionellen Medien die Regel immer noch die ist, dass der Onliner, wenn er sehr viel Glück hat, weitgehend autark und mit journalistischer Kompetenz ausgestattet, sein Angebot machen kann.  Dass es eine ausformulierte, stringente Strategie gibt, wie aus dem Nebenher von analog und digital ein gemeinsames journalistisches Projekt gibt, kann immer noch nur eine Minderheit von sich behaupten.

Das ist, man kann das leider nicht anders sagen, an der Schwelle zum Jahr 2014 grotesk. Es ist bezeichnend, dass man immer noch das alte Lamento darüber anstimmen muss, wie wenig digitaler Journalismus in Deutschland praktiziert wird, wie sehr man immer noch an alten Ideen und überkommenen Strukturen hängt. Natürlich ist es wunderbar, wenn die SZ jetzt ihren Plöchinger auch in die Print-Chefredaktion holt. Aber andersrum stellt sich trotzdem die Frage: Wie soll das denn sonst gehen? Onliner als Anhängsel, als Dienstleister, als Zusatzangebot?

Ich würde eher eine andere Theorie aufstellen: Die SZ hat´s erkannt, spät, aber immerhin. Der Onliner gehört selbstverständlich in alle relevanten redaktionellen und strategischen Entscheidungen des Hauses einbezogen. Wer ihm das nicht zutraut, sollte beizeiten auch mal darüber nachdenken, ob er den richtigen Onliner beschäftigt. Und wer spätestens in einem Jahr immer noch nicht eine Struktur geschaffen hat, in der Online wie selbstverständlich bei jeder Entscheidung eine maßgebliche Rolle spielt, kann in zwei Jahren seinen Laden zusperren. Weil sich die Vorzeichen geändert haben. Wer heute noch behaupten würde, die Zukunft der SZ sei die gedruckte Zeitung, wird mit Plöchinger nicht unter zehn Jahren bestraft.

Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für „Hörzu“

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

Liveblog

Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).