Vergesst den Penis!

Journalismus 2014: Aus einer Penis-Galerie und einem ziemlich missratenem Roman kann man einiges lernen. Auch wenn das auf den ersten Blick etwas widersinnig erscheint…

Vielleicht muss man erstmal in die Schweiz schauen, ehe man über den Journalismus der Gegenwart und vor allem den der Zukunft spricht. Bei unseren Nachbarn hat das Gratisblatt „Blick am Abend“ in seiner Online-Ausgabe eine Fotogalerie veröffentlicht.  Sieht man den für Schweizer Verhältnisse verblüffend offenherzigen Titel „Hier gibt´s die größten Pimmel“ ab, hält die Bilderstrecke nicht ganz, was sie verspricht. Zu sehen ist nicht etwa eine Galerie primärer Geschlechtsorgane, sondern ein Repräsentant der jeweiligen Nation mit einer Geste, die irgendwie, hihi, schlüpfrig sein könnte. Der deutschen Kanzlerin jubelt man im Bildtext unter, sie sei froh, dass die Deutschen etwas größere Penisse haben als die Schweizer. Das sagt ein bisschen was aus über das komplexe Verhältnis der Schweizer zu Deutschland, noch mehr über den „Blick am Abend“ und eine ganze Menge darüber, wie das inzwischen funktioniert mit dem Journalismus im Allgemeinen und im Netz im Besonderen. Falls man das denn überhaupt Journalismus nennen will.

Die Kollegen der NZZ in Zürich jedenfalls, bei denen man garantiert in deren gefühlt 500jährigen Bestehen ein Wort wie „Pimmel“ nie gelesen hat, beklagten jedenfalls in ihrem Medienblog „Das Ende des Journalismus“. Darin kann man den Kollegen schwerlich widersprechen, wobei es, wie gesagt, Voraussetzung ist, dass man Pimmel-Bildergalerien als Journalismus bezeichnen will. Nebenbei fällt mir übrigens gerade auf, dass dieser Beitrag hier eigentlich abgehen müsste wie Schmidts Katze, so oft, wie hier von männlichen Geschlechtsorganen die Rede ist. Vielleicht sollte ich zur besseren Auffindbarkeit auch noch irgendwie das Wort Titten unterbringen (ok, check!).

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Es ist inzwischen ziemlich angesagt, das Ende des Online-Journalismus zu beklagen. Oder zumindest, dass er kaputt ist, weswegen die „Krautreporter“ ab September antreten, ihn wieder zu reparieren. Tatsächlich könnte man, wenn man das denn wollte, den ganzen Tag sein eigenes Medienblog mit Beispielen aus missratenen, klickgeilen und belanglosen Stücken füllen und das dementsprechend anprangern. Man könnte sich echauffieren über die „Huffington Post“, die von ihren selbstformulierten Ansprüchen aus dem vergangenen Jahr ungefähr keinen erfüllt hat. Man könnte sich aufregen über „Heftig“ und all seine Epigonen und über den bevorstehenden Start von „Buzzfeed“.

Es reicht aber auch aus, die ganze Geschichte nüchterner zu betrachten. Ein kruder Mix aus irgendwelchen Listen, Pseudo-Ratgebern, etwas angeschmuddeltem Sex und sonstigem Kram, den man irgendwo im Vorbeigehen mitnimmt, existiert schon seit ziemlich langer Zeit. Nachzulesen jeden Tag an einem Bahnhof-Kiosk Ihrer Wahl und zu betrachten jeden Tag im TV. Es ist ja nicht so, dass es gedruckt nur die „Süddeutsche“ und die „Zeit“ gibt und im Fernsehen ausschließlich  „Arte“ läuft. Merkwürdigerweise kommt aber kaum jemand auf die Idee, angesichts der Auflagenmillionäre der yellow press das Ende des Journalismus vorherzusagen. Vielleicht auch deswegen, weil es common sense ist, die „Frau im Spiegel“ nicht als Journalismus zu bezeichnen. Man muss deswegen ja nicht gleich jeden Auswuchs rechtfertigen. Nur hilft es bei der Debatte, wenn man feststellt, es nicht gerade mit einem neuen Phänomen zu tun zu haben. Der Müll ist nur schneller und mehr geworden.

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In Hamburg und in München haben sie unterdessen in den vergangenen beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ ihre Chefredakteure demontiert, mehr oder weniger konsequent. Das hat nicht sehr viel mit Schweizer Pimmel-Bilderstrecken zu tun, wohl aber mit diesem „schneller und mehr“, für das das Netz ja auch im Fach des ernstzunehmenden Journalismus steht. Natürlich wäre es eine absurde Idee, würde ein großes Printmagazin mit ersthaftem Anspruch plötzlich versuchen, den „Blick am Abend“ beim Niveau-Limbo noch zu tippen. Wohl aber müsste man allmählich Antworten darauf finden, wie man mit der völlig neuen Art des Medienkonsums umgeht, der durch das Netz bewirkt wird. Das nämlich ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, 13 Pimmel durch 25 Pimmel zu überbieten. Das ist die falsche Diskussion, wenn es denn überhaupt eine ist. Vielmehr geht es um eine völlig neue Art des journalistischen Storytellings. Und ja, das würde für „Spiegel“ et al bedeuten, Geschichten tatsächlich transmedial zu erzählen. Sich die Kanäle, von denen es inzwischen etliche gibt, konsequent zu eigen zu machen. Und Geschichten so aufzubereiten, dass sie auch von denen inzwischen nicht ganz wenigen Menschen genutzt werden, die sich vom Lesen auf Papier  und in linearen Abläufen schon lange verabschiedet haben.

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In den letzten Wochen gab es eine ganze Reihe von Debatten über ein Buch namens „Circle“. Das Buch ist inzwischen an der Spitze der Bestseller-Charts gelandet und schildert meistens etwas ermüdend die Geschichte eines Konzerns, der mehr oder weniger die digitale Weltherrschaft anstrebt. Das Buch ist die Aufregung nicht wert, immerhin aber kann man eine Erkenntnis daraus mitnehmen: Wer in der digitalen Welt überleben will, braucht Präsenz und Konstanz. Man muss deswegen ja nicht gleich zum Weltenbeherrscher werden, aber auch Redaktionen und Journalisten müssen konstant präsent sein. Das ist nicht zu verwechseln mit atemlos ausgestossenem Nonsens auf möglichst vielen Plattformen. Aber auch Journalismus ist – oder besser: müsste es sein – eine Form von Community. Guter Journalismus wäre heute ein Begleiter durch den Tag. Mit einer Kommunikation, die in beide Richtungen geht. Und nicht nur einer, der Geschichten erzählt und sich dann wieder bis zum nächsten Erscheinungstermin verabschiedet.

Das klingt erst einmal so fürchterlich banal, ist aber entscheidend. Weil man damit endlich mal die Debatten bleiben lassen könnte, ob (Online-)Journalismus nun zunehmend verflacht oder nicht. Oder ob Papier oder vielleicht nicht doch das Netz als solches die Publikations-Plattform schlechthin ist. Und bei den Magazinen könnte man dann endlich mal Chefredakteure oder sonstiges Personal einstellen, das sich nicht nur über eine Spiegel/Stern/Focus-DNA definiert.

Die Idee eines „Circle“ wäre ja auch für Medien gar keine so schlechte.

Macht mehr im Netz (und weniger Crossmedia)!

Ein neues Schlagwort geistert durch den Journalismus: Transmedia. Was auf den ersten Bick einfach nur wie eine leichte Abwandlung des hinlänglich bekannten Begriffs “Crossmedia” klingt, ist in Wahrheit nichts anderen als ein Paradigmenwechsel – hin zu einem erzählenden, vielkanaligen, interaktiven Journalismus, zu dem es im digitalen Zeitalter keine Alternative gibt.

Natürlich ist die Frage legitim: Warum soll man sich das alles antun, wenn man letztlich nur eine einzige Geschichte erzählen will? Warum dann noch Twitter und Facebook und YouTube und ein paar mobile Endgeräte noch dazu? Würde es nicht ausreichen – und viele machen das ja auch so – dass man die sozialen Netzwerke als eine Art Programmteaser hernimmt (böse Stimmen nennen so was gerne auch mal “Linkschleuder”)?

Vermutlich muss man in diesem Zusammenhang zunächst auf einen Begriff kommen, der in den letzten Jahren etwas arg überstrapaziert worden ist: Crossmedia. Selten ist ein Begriff so wahl- und ideenlos benutzt worden wie dieser. Jeder, der neben einem Zeitungstext auch noch irgendwas im Netz gemacht hat, sprach danach von Crossmedia. Das ist alleine schon deshalb zweifelhaft, weil es für den Begriff Crossmedia eindeutige wissenschaftliche Definitionen gibt. Denen ist, bei manchen Unterschieden, zumindest eines gemein: Hinter dem Thema Crossmedia sollte ein stringentes Konzept stecken. Man muss demnach also tatsächlich eine Geschichte gezielt über mehrere Plattformen erzählen. Und natürlich sollte derjenige, der am anderen Ende sitzt und diese Geschichte konsumiert, irgend etwas davon haben, wenn er die Kanäle wechselt.

Tatsächlich aber gibt es immer noch viel zu viele Themen, bei denen der Begriff “Crossmedia” zweckentfremdet wird. Entweder dazu, dass man irgendwelches Material, das bei der Produktion übrig geblieben ist, wahllos ins Netz wirft und das dann “Crossmedia” nennt. Bilderstrecken sind ein schönes Beispiel dafür. Es passiert immer noch oft genug, dass sich Zeitungsredaktionen die besten Bilder von der Karte eines Fotografen ziehen und die dann für das Blatt verwenden. Der Rest, das was übrig bleibt, landet als Bilderstrecke im Netz – und man verweist dann auch noch tatsächlich stolz darauf, dass man eine Geschichte “crossmedial” aufbereitet hat. In Wahrheit handelt es sich dabei um nichts anderes als Resteverwertung. Dahinter steckt kein Mehrwert, kein Aufwand und letztlich auch kein neuer Inhalt.

Oder aber, auch gerne verwechselt: Redaktionen kündigen eine Geschichte in einem sozialen Netzwerk an – und glauben, das alleine sei schon Crossmedia. Dabei ist das nichts anderes als eine Art Programmankündigung auf einem anderen Kanal als dem altbekannten.

Mehr als Kanäle vollschütten

Man ahnt also: Crossmediales Arbeiten müsste wesentlich mehr sein als nur das Hineinschütten von Inhalten in diverse Kanäle. Dahinter müsste eine Idee stecken, die mit multimedialem Storytelling deshalb unzureichend beschrieben wäre, weil dieser Begriff schon anderweitig belegt ist. Aber zumindest der Begriff “Storytelling”, der gehört zu einem crossmediales Konzept unbedingt dazu. Weil eine Geschichte, die man über die verschiedenen Kanäle bringt, erzählt werden will. Wer keine (crossmediale) Geschichte zu erzählen hat, der kann darauf auch ganz einfach verzichten. Nirgends steht geschrieben, dass man Geschichten crossmedial erzählen muss. Schaut man sich allerdings das an, was in den letzten Jahren in vielen Redaktionen passiert ist, dann wird man den Eindruck nicht los, sie folgten einem nichtexistenten Zwang.

Tatsächlich also müsste man den meisten Redaktionen empfehlen: Lasst doch einfach mal los, so zwanghaft crossmedial sein zu wollen. Weniger kann ja durchaus mal mehr sein. Und eine crossmediale Geschichte ist nicht per se die bessere.

Natürlich drängt sich bei einer solchen These eine Frage sofort auf: Ist es nicht gerade erst common sense im Journalismus geworden, dass Journalisten auf allen Kanälen präsent sein müssen? Bekommt man nicht überall gebetsmühlenhaft erzählt, wie wichtig Facebook, Twitter und überhaupt das ganze Netz sind?

Das ist es natürlich und es ist auch weiterhin völlig richtig so. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man auf den unterschiedlichen Kanälen präsent ist oder ob man eine einzelne Geschichte über diverse Kanäle hinweg erzählt. Das eine schließt zwar das andere nicht aus und man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Um die Verwirrung vollständig zu machen: Macht mehr im Netz und macht weniger crossmedial! Das müsste man Journalisten heute eigentlich empfehlen.

Eine andere Empfehlung ist: die Begrifflichkeiten auseinanderhalten. Das hat nichts mit wissenschaftlicher Kleinkrämerei zu tun. Sondern damit, dass crossmediales Arbeiten und transmediales Erezählen zwei grundverschiedene Dinge sind, obwohl sich beides auf den ersten Blick nahezu identisch anhört. Der Unterschied ist: Wer transmedial arbeitet, ist permanent auf vielen Kanälen vertreten – und dennoch nicht abhängig davon, ein Thema über die Kanäle erzählen zu müssen. Weil das gleichermaßen widersprüchlich wie verwirrend klingt, sollte man sich also zunächst anschauen, wie man den Begriff Transmedia definiert. Danach wird einiges deutlicher.

Der Begriff “Transmedia” bezeichnet journalistisches Erzählen einer Geschichte bzw. eines Themas über verschiedene Plattformen hinweg. Dabei werden verschiedene Techniken und Darstellungsformen verwendet. Diese Idee des “multimedialen Storytellings” basiert darauf, dass jeder Beitrag für sich auf jeder Plattform verständlich und konsumierbar sein muss. Dieser Idee steht im Gegensatz zu der crossmedialen Erzählweise, bei der es vor allem darum geht, Inhalte mit multisensorischen Hinweisen auf die jeweilige andere Plattform in vernetzter Form zu erzählen und die verschiedenen Inhalte in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Während also der Begriff “Crossmedia” eine Vernetzung der Inhalte als zwingende Voraussetzung beinhaltet, geht der Begriff des transmedialen Erzählens genau den gegenteiligen Weg. Die Inhalte sind nicht vernetzt miteinander, ergeben aber zusammen eine Narration über alle Kanäle des täglichen Lebens hinweg.

Dabei darf man den Begriff der Narration durchaus wörtlich nehmen: Journalismus als eine fortwährende Erzählung, die sich unabhängig macht von einzelnen Themen. Und, wenn man so will: auch von Zeit und Raum. Journalismus wäre nach dieser Definition etwas, was den ganzen Tag stattfindet, egal auf welchem Kanal. Ein so zu definierender Journalismus ist einer, der mehr wagt, als einfach ein Thema crossmedial noch in einen zusätzlichen Kontext zu setzen. Und es wäre ein Journalismus, der damit aufhört, Kanäle nach Hierarchien zu unterscheiden. Ein 140-Zeichen-Tweet hätte demnach die gleiche Wichtigkeit wie eine große Reportage. Transmedialer Journalismus als eine permanente Erzählung, der seine Nutzer potenziell durch den ganzen Tag hinweg begleitet, da wo er gerade istm so, wie er ihn gerade haben will – das wäre das Modell der Zukunft.

Aber was heißt schon der Zukunft? Wir reden von der Gegenwart und für ein mündiges, digitales und vermutlich jüngeres Publikum ist es schlichtweg das, was er von uns verlangt. Nüchtern betrachtet haben wir also gar keine andere Wahl mehr als dorthin zu gehen, wo unser Publikum ist. Weil es umgekehrt nicht oder nur noch eingeschränkt zu erwarten ist, dass dieses Publikum dorthin kommt, wo wir sind. Den Satz “Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”, haben wir bis zur Ermüdung gehört. Weniger wahr ist er dadurch aber nicht geworden.

Trotzdem bedeutet er sehr viel mehr, als dass wir den Nutzer auf allen Kanälen darauf hinweisen müssten, welche großartigen Geschichten er nun in unserem angestammten Medium zu erwarten hat. Transmediales Arbeiten ist nicht weniger als ein kompletter Paradigmenwechsel des Journalisten-Berufs. Dabei wächst die Bedeutung von Kommunikation im ursprünglichen Sinn. Journalisten werden zunehmend zu Moderatoren einer digitalen Welt. Auch das bedeutet mehr, als dass wir künftig vermehrt auf Kommentare auf unseren Webseiten oder bei Facebook eingehen müssten. Wer sich in die digitale Welt mit ihrer Unzahl von Räumen begibt, muss zwangsläufig für Interaktion offen sein.

Telefonieren lernen…

Im Buch “Universalcode” bemüht Dirk von Gehlen (jetzt.de/Süddeutsche Zeitung) ein schönes Bild: Journalisten müssten zunehmend wieder lernen zu telefonieren. Natürlich in einem metaphorischen Sinn: lernen, wieder zu kommunizieren. Nichts anderes ist es, wenn wir bei “Twitter” und “Facebook” und all den anderen Netzen, die es da gibt und die noch kommen werden, aktiv werden. Von Gehlen nennt das Netz ein “dialogisches Medium” – und hat recht damit. Er stellt aber auch fest: “Sie (die Leser) klingeln ständig, aber die Leitung bleibt oft noch stumm.” Womöglich ist das der gravierendste Unterschied zwischen dem cross- und dem transmedialen Arbeiten: Crossmediales Arbeiten lässt sich immer noch ohne Interaktion bewerkstelligen. Für transmediales Arbeiten ist Interaktion zwingende Voraussetzung.

Transmediales Arbeiten – das bedeutet zunehmend auch: kuratieren von Inhalten. Das ist sehr viel mehr als ein paar Links zu sammeln. Es handelt sich dabei auch nicht um das schnöde Zusammentragen dessen, was andere gemacht haben. Kuratieren ist eine originär journalistische Leistung, das digitale Adäquat zur analogen Recherche. Dinge in einen Kontext zu bringen, Information aus einer täglichen Flut digitaler Datenmassen zu filtern, das ist Journalismus im besten Sinne.

Und ein Journalismus, wie er in Zeiten des digitalen Overloads unverzichtbar und letztlich auch gar nicht anders machbar ist.

Transmedia – Hype oder Trend?

Bei der Fachtagung Crossmedia im Rahmen der Lokalfunktage Nürnberg habe ich einen kleinen Workshop zum Thema „Transmedia“ gegeben. Ist das ein Hype oder womöglich doch der neue, große journalistische Trend? Der „Mediencampus Bayern“ hat dazu ein kleines Video gedreht. Ob ich wirklich alle Fragen vernünftig beantwortet habe, frage ich mich allerdings noch immer.

Transmedia: Neues Wort, altes Spiel

Neuerdings, wenn Anfragen für irgendwelche Seminare, Workshops oder Vorträge eintrudeln, dann kommt die Frage dazu: Können Sie irgendwie auch was zum Thema „Transmedia“ sagen? Ich sage dann meistens, dass ich das schon könnte, solange zwei Dinge vorher geklärt sind: dass erstens dem Veranstalter klar ist, dass „Transmedia“ nicht einfach ein hübscheres und hipperes Wort für „Crossmedia“ ist. Und dass zweitens das zur Folge haben wird, dass ich generell ein Ende von Redaktionen, Sendern und Verlagen in ihrer bisherigen Form prophezeie, wenn man die Sache mit diesem „Transmedia“ halbwegs ernst nimmt. Meistens kommt dann ein begeistertes „Ja, fein“ als Reaktion, was mich immer etwas erstaunt. Da freuen sie sich alle wie bolle darüber, wenn man ihnen sagt, welche Auswirkungen auf sie im Endeffekt zukommen würden. Und wenn es dann soweit ist, dann ist das Gejammere wieder groß. So ernst hatte man das ja nun auch wieder nicht gemeint.

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Tatsächlich gibt es ja auch noch nicht so richtig viele, die solchen Transmedia-Kram schon konsequent in die Praxis umsetzen. Die „Rundshow“ im BR, bei der ich vergangenes Jahr dankenswerterweise mitarbeiten durfte, war das schon in Ansätzen. Inzwischen gibt es beim BR auch ein dauerhaftes Projekt, dass man mit gutem Gewissen transmedial nennen darf: das neue Jugendradio „Puls“. Aber was heißt schon Radio? Mit dieser Begrifflichkeit geht die Konfusion schon los, weil „Puls“ zwar natürlich ein Radioprogramm ist, aber mit dem guten alten Radio nicht mehr sehr viel zu tun hat. „Puls“ ist ein Projekt, das auf sehr vielen Kanälen stattfindet und über den bisher noch vorherrschenden Gedanken hinaus geht, es reiche aus, Inhalte einfach miteinander zu vernetzen. Tatsächlich sind die Inhalte von „Puls“ auf jedem Kanal auch separat überlebensfähig – was das wichtigste Merkmal eines transmedalen Projekts ist. (Mehr zu „Puls“ drüben beim Universalcode).

Ich glaube ernsthaft, dass es eine ganze Reihe von Redaktionen gibt, die ihre Arbeitsweise in den kommenden Jahren auf dieses Transmedia-Zeugs umstellen werden müssen. Das wird schwieriger als die meisten von ihnen es sich momentan vorstellen mögen. Weil es nicht einfach darum geht, ein paar weitere Kanäle zu bespielen, irgendwelche Links nach Twitter zu kopieren oder lustige Statusmeldungen bei Facebook abzusetzen. Transmedia bedeutet, dass am Ende jeder Kanal begriffen werden muss. Dass jeder Kanal eine eigenständige und ordentliche redaktionelle Leistung ist; nicht diese schnelle Nebenher, das man heute immer noch in vielen Redaktionen beobachtet.

Wenn man sich allerdings die Konsequenzen überlegt, wenn man diese Idee zu Ende denkt – dann kann einem um die Zukunft von etlichen Redaktionen Angst und Bange werden. Vor allem von denen, die in irgendwelchen Veranstaltungen ganz stolz darauf verweisen, jetzt auch bei Facebook zu sein und gelegentlich sogar einen Tweet abzusetzen. Es sind meistens dieselben, die bei solchen Veranstaltungen durchschimmern lassen, zwar in solchen Netzwerken vertreten zu sein, eigentlich aber selbst nicht so genau zu wissen, was sie da tun und was das Ganze soll. Und wenn ich mich so umschaue, dann fallen mir nicht viele ein, die diese Sache mit dem Transmedia wirklich verstanden haben: eine Redaktion, die sich wirklich als Inhalte-Projekt begreift und nicht mehr als Produzent eines Mediums mit angeschlossener Webseite – das wär´s wirklich. Ich fürchte allerdings, wir werden das selbe Spiel erleben wie in den Anfangstagen des Netzes oder bei den ersten crossmedialen Entwicklungen:  Jahre später wird man das dann auch begreifen.