Digitalisierung: Verlage zwischen Theorie und Praxis

Die analoge Medienwelt ist beinahe endgültig tot. Sagt die neue PWC-Studie“Media Outlook“. So banal, so einfach, so nachvollziehbar. Und trotzdem klaffen beim Thema Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis in Deutschland immer noch himmelweite Unterschiede…“Read

Und wo bleibt eine lokale „Paper“-App?

Seit ein paar Jahren gibt es jetzt „Flipboard“.  Die Seite „Rivva.de“ existiert mit kurzer Unterbrechung auch schon ein paar Jahre, ebenso ein paar andere kleine und mittelgroße Aggregatoren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, dass das Thema Aggregation im Journalismus ein wirklich neues wäre.

Facebook-Paper

Trotzdem bekommt es in diesen Tagen nochmal eine neue Dimension. Weil jetzt ein Player einsteigt, der sich nicht in irgendwelchen mehr oder wenigen kleinen Nischen von mobilen Endgeräten oder im Web rumtreibt. Sondern: der größtmöglich denkbare ist. Facebook hat jetzt in den USA eine neue App  mit dem bezeichnenden Namen „Paper“ herausgebracht (Erscheinungstermin in Deutschland ist noch offen). „Paper“ ist vordergründig betrachtet natürlich kein originär journalistisches Ding. Trotzdem aber werden dort journalistische Inhalte präsentiert werden. Weil dort Inhalte jeglicher Art aggregiert werden können und es natürlich ebenso erwartbar wie folgerichtig ist, dass dort auch Journalismus stattfindet.

Facebook macht jetzt also im Großen das, was „Flipboard“ seit Jahren im eher kleineren Maßstab macht. Der Tag, zusammengefasst und daueraktualisiert in einer einzigen App, die man wahlweise auf dem Smartphone oder dem Tablet mit sich rumtragen kann. Was wäre das anderes als eine Art neuer „Tageszeitung“? Das, wovon Zeitungsmacher schon lange immer wieder mal reden? „Der Tag“, so hieß übrigens auch die App, die der „Spiegel“ als Konsequenz aus seinem Projekt „Tag2020“ entwickelt hatte – und die durchaus einige Parallelen zu Facebooks „Paper“ aufweist.

Was ich daran so erstaunlich finde: Der Gedanke, dass tagesktueller Journalismus im digitalen Zeitalter sowohl eine neue Darstellungsform wie auch ein neues Endgerät benötigen könnte, ist ja nun wirklich kein neuer mehr. Aber wieso ist es – mal wieder – ein branchenfremder Großkonzern, der diese Idee dann letztendlich konsequent umsetzt? Und wieso führen wir in Deutschland seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen vor Gerichten (LSR, Tagesschau-App), anstatt endlich mal damit anzufangen, selbst Lösungen für zukunftsorientierten Journalismus umzusetzen?

Ich kapiere beispielsweise beim besten Willen nicht, warum sich nicht auch regionale Tageszeitungen endlich mal Gedanken darüber machen, wie die Idee eines Aggregators für sie umgesetzt werden könnte. Gerade im Lokalen gäbe es ausreichend Möglichkeiten, eine sich quasi selbst aggregierende Community zu schaffen. Bei der die Inhalte der Tageszeitung ein Bestandteil sind, aber eben nur einer. Wenn Menschen künftig Geld ausgeben werden für Journalismus, dann am ehesten dafür, dass sie zu einer Mischung aus Community und Datenbank Zugriff haben. Und das womöglich noch mobil – denn das mobile Endgeräte nicht die Zukunft, sondern schon jetzt die Gegenwart des Journalismus sind, das ist unbestritten. Ein „lokales Paper“ sozusagen, das ist es, an was lokale und regionale Medien jetzt arbeiten müssten.

Zu befürchten ist allerdings anderes: dass wir irgendwann mal wieder mehr oder weniger absurde juristische Auseinandersetzungen darüber erleben werden, was solche Aggregatoren dürfen – und noch mehr, was sie nicht dürfen. Die Klagewut deutscher Medien ist hinlänglich bekannt. Und die Gerichte mit ihren häufig wirklichkeitsfremden Urteilen bestärken das auch noch: Dass man jetzt Urhebervermerke mitten in Bilddateien platzieren soll und die GEMA ernsthaft über Lizenzgebühren für das Einbetten von Videos nachdenkt, lässt nichts Gutes ahnen.

 

Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Die Paywall muss vor die Wagenburg!

Es gibt eine neue App. Sie heißt „Der Abend“ und bietet einen Überblick über den beinahe zurückliegenden Tag. Sie ist personalisierter, interaktiv, lern- und merkfähig, lässt sich insbesondere auf mobilen Geräten gut nutzen, verzichtet demnach völlig auf Papier und ist im Falle der Fälle auch so konfigurierbar, dass sie dem Design verschiedener Redaktionen angepasst werden kann. Kurz gesagt: So soll sie sein, die Zeitung der Zukunft, sofern man sich darauf einlässt, die Zeitung endlich mal davon zu entkoppeln, immer gedruckt sein zu müssen.

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Kommt Ihnen nicht übermäßig spannend, innovativ und aufregend vor? Wären Sie auch selbst drauf gekommen, wenn man Ihnen mal eine Viertelstunde Zeit gegeben hätte? Mag alles sein. Trotzdem ist dieses Ergebnis, das der „Spiegel“ und der Zeitungsdebatten-Mastermind Cordt Schnibben jetzt als Resultat von #tag2020 vorgelegt haben, nicht einfach damit abzutun, dass es eher unspektakulär ist. Im Gegenteil. Denn erstens ist vieles sehr richtig und überlegenswert daran, zum anderen wirft es eine Frage auf, die man sich schon länger stellen müsste: Wenn denn alles so einfach und banal ist, wie es von Print-Seite gerne heißt (der unvermeidliche FAZ-Hanfeld und seine 2 Cent Häme stehen bereits online), warum gibt es ein solches Produkt nicht schon lange? Und wieso halten immer noch viele Verlage die Transkription einer Zeitung in ein e-Paper für die Krönung des digitalen Journalismus?

Darüber soll an dieser Stelle nicht spekuliert werden. Nicht mal, obwohl mir spontan etliche Gründe einfielen. Eines ist dennoch frappierend: wie sehr dieses Beharrungsvermögen auf Printseite immer noch ausgeprägt ist. Cordt Schnibben schildert in seiner Zusammenfassung u.a. die Reaktionen auf die Zeitungsdebatte – und wie ihm eines Morgens fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen ist, weil jemand ernsthaft behauptete, er habe ein von Matthias Döpfner geordertes, „Bild“-ähliches Konzept entworfen. Aber auch die Reaktionen aus anderen Blättern waren von beeindruckender Engstirnigkeit: In „FAS“, „Zeit“ und anderen wurden die bösen Zeitungshasser für alles verantwortlich gemacht, in der FAZ verstieg sich Stefan Schulz zu der selbst für seine Verhältnisse erstaunliche Behauptung, der Anspruch der Zeitung sei schließlich „Wahrheit“. Seinem Herausgeber Frank Schirrmacher fiel nichts anderes ein, als ernsthaft darauf zu verweisen, es dämmere gerade immer mehr Menschen, dass die Zeitung nicht von der NSA überwacht werden könne. Und auch Hanfelds neuer Text kommt nicht ohne den Hinweis aus, in der „Spiegel“-Debatte seien „Online-Onkels von der Leine“ gelassen worden, die dann ihren „Zeitungshass“ ausgelebt hätten.

Schon klar, so einfach kann man sich das natürlich machen. Alles ist gut, nur die bösen Online-Onkelz reden alles kaputt. Weil es ihnen Spaß macht, es ihr Hobby ist und dem eigenen Business schließlich auch noch gut tut. Das ist eine Wagenburg-Mentalität, die bisher noch jedem Untergang vorausgegangen ist, wobei ich beim Stichwort Untergang irgendwie an den gleichnamigen Film denken muss und an die Szene, in der der Führer irgendwelche Armeen herbeizitiert, die schon lange nicht mehr existieren. Eine solche Mentalität verhindert allerdings auch die Öffnung nach außen und die Möglichkeit, auf solche Dinge wie das Konzept „Der Abend“ zu kommen. Bevor jetzt wieder irgendein Hanfeld loskräht: Das Konzept wurde nicht von den bösen Onkelz kreiert, sondern basiert weitgehend auf dem, was User eingebracht haben. Hätte man übrigens ebenfalls selber machen können, man müsste nur mal von seinem hohen Journalisten-Roß runterkommen und aufhören zu glauben, man wisse schon, was für (Medien-)Land und Leute gut ist.

Haben sie aber nicht, sind sie aber nicht – und ich würde die Prognose wagen: Viel wird sich auch weiterhin nicht ändern, schon alleine, weil man sich ja jetzt erst mal dem Aufziehen von Paywalls widmen muss. Andersrum würde vielleicht eher ein Schuh heraus.  Journalismus neu denken, den Gegebenheiten eines digitalen Zeitalters anpassen – und dann Produkte entwickeln, die man sich auch bezahlen lassen kann. Aber, schon klar: Solange man böse Internet-Onkelz und diebische Geizhals-Leser als Feindbild ausmacht, muss man sich über die eigene Einfallslosigkeit kaum Gedanken machen.

Nachtrag: Ein anderer böser Onkel, Thomas Knüwer, hat sich ebenfalls zum Thema geäußert. Er hält die Abend-App für ziemlich konfus und nimmt die Debatte letztlich als Beleg dafür, dass sich das bedruckte Papier dem Ende nähert. Lesen kann man das hier – aber bitte nicht gleich wieder ´ne Verschwörung wittern, liebe analoge Verschwörungstheoretiker.

Warum sich Google und Verlage gar nicht brauchen

Die „Rhein-Zeitung“ in Koblenz hat jetzt etwas gemacht, was man gerne viel eher gesehen hätte: Sie hat offen gelegt, wie hoch der Anteil der Besucher ihrer Webseite ist, die über Google News kommen. Genauer gesagt: noch kommen. Denn nach Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts am 1.8. war die „Rhein-Zeitung“ eine der ganz wenigen, die ernst gemacht haben und auch die angebotene Opt-in-Option von Google nicht angenommen haben (im Gegensatz beispielsweise zu Springer und der FAZ, die vorher das LSR mehr oder weniger zur Überlebensfrage der deutschen Presse erklärt hatten). Die „Rhein-Zeitung“ ist also ausgestiegen aus dem System Google News – und hat jetzt täglich nur noch rund 100 Besucher, die am Tag über Google News kommen (nicht zu verwechseln mit der Suchmaschine Google, wo die RZ weiterhin auffindbar ist und von dort aus erheblich Traffic bekommt).

Das liest sich weitaus dramatischer als es tatsächlich ist. Denn schon vorher waren es gerade mal rund 1000 Besucher täglich, die die RZ via Google News besuchten. In den Wochen vor dem Ausstieg, so legt eine entsprechende Grafik aus (lustige Ironie übrigens, dass die RZ das nutzt) „Google Analytics“ nahe, lag „Google News“ auf Platz 9 der Trafficbringer der „Rhein.Zeitung“ – mit einem Anteil von gerade mal 0,56 Prozent.

Kein Wunder, dass Online-Chef Marcus Schwarze jetzt ein beruhigendes Fazit zieht: Seht her, so schlimm ist das gar nicht! Geht auch ganz wunderbar ohne! Wir brauchen gar kein Google!

In seinem Fazit hat Schwarze sicher recht. Ein paar Fragen bleiben aber dann doch: Man hat also allen Ernstes ein solches Gesetz durchgedrückt und dadurch Angebote wie „rivva.de“ erheblich eingeschränkt, weil man irgendwo im einstelligen Prozentbereich Traffic von Google bekam und sich in seiner Existenz bedroht sah? Natürlich ist die Argumentation der Verlage eine andere, nämlich dass sich Google an den Inhalten bereichere, ohne dass die Verlage davon profitieren. Man kann die Frage aber auch andersrum stellen: Wenn beispielsweise die „Rhein-Zeitung“ nicht mal ein Prozent ihres Traffics von Google News bezogen hat, wie groß war dann umgekehrt die Bedeutung, die die „Rhein-Zeitung“ für das Funktionieren von Google News hatte? Und wenn die „Rhein-Zeitung“ als zufriedenes Fazit zieht „es geht auch ganz prima ohne“, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass Google ungefähr das selbe von der „Rhein-Zeitung“ sagt? Und schließlich könnte man auch noch die Frage stellen, wie hoch eigentlich im Fall der Fälle die von Google zu zahlende Entschädigung für was auch immer sein müsste, wenn wir hier von Nutzern im Tausender-Bereich reden.

Wenn es also so ist, wie man vermuten kann, nämlich dass beide Seiten ganz gut aufeinander verzichten können, bleibt nur noch die Frage, wofür das netzschädigende Spektakel überhaupt nötig war. Ein einfaches Opt-out hätte es auch getan.  Für eines muss man allerdings dann beinahe schon wieder dankbar sein: Das gern genommene Argument, Google mache die deutsche Presse kaputt, zieht gerade wieder ein kleines bisschen weniger.

Netz beschädigt und niemandem ist geholfen – das Leistungsschutzrecht wird irgendwann mal als eines der absurderen Kapitel in die deutsche Netzpolitik eingehen.

Geständnisse eines selbstverliebten Laberers

Zunächst muss ich Ihnen heute ein Geständnis machen: Ich habe absolut gar keine Lösung für die Frage, wie sich eine Tageszeitung in die Zukunft retten könnte. Gar keine. Ich habe nur eine Ahnung, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Das denke ich übrigens auch vom klassischen, linearen Fernsehen. Aber eine fertige Lösung? Wenn ich sie hätte, würde ich heute noch meine Bank oder Jeff Bezos anrufen und würde das, was ich für richtig halte, ausprobieren, indem ich mir eine Zeitung kaufen würde. Muss ja nicht gleich die Washington Post sein, als kleine Experimentierfläche würde mir auch der „Dingolfinger Anzeiger“ völlig ausreichen. Aber erstens wüsste ich dann nicht so richtig, was ich damit anstellen soll und zweitens habe ich die Nummer von Jeff Bezos nicht. Deswegen wird es vorläufig dabei bleiben, dass ich lediglich hin und wieder öffentlich weiterhin behaupten werde, dass das Produkt Tageszeitung aus meiner Sicht keine große Zukunft hat. Das würde ich auch vom Tonträger CD behaupten, ohne dass ich ein Patentrezept für die Zukunft der Musikindustrie habe.

Warum das hier steht? In den letzten Monaten hat sich aus meiner Sicht mal wieder die Front zwischen Befürwortern des Modells Tageszeitung und der Skeptiker erheblich verschärft. Das ist erst mal nicht weiter schlimm, in einer guten Debatte darf es ruhig mal scheppern. Was ich allerdings weniger schätze: Es wird zunehmend persönlicher. Ein erster kleiner Höhepunkt dessen war für mich die unsägliche Debatte im „Medium Magazin“ zwischen Thomas Knüwer und Christian Lindner, bei der Sinn und Zweck der Beiträge erkennbar nicht war, Positionen auszutauschen. Sondern einfach Leute aufeinander loszulassen. Christian Lindner hat das dann auch brav getan, in dem er den „Onlinern“ (was auch immer das sein soll) Arroganz und Besserwisserei vorgeworfen hat.

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Seit gut einer Woche gibt es nun bei „Spiegel Online“ eine Debatte über die Zukunft der Zeitung. Dort haben bisher u.a. Thomas Knüwer, Mario Sixtus, Richard Gutjahr, Wolf Schneider, Armin Wolf, Stephan Weichert, Wolfram Weimer und Constantin Seibt versucht, die Frage zu beantworten, wie es um die Zukunft der Tageszeitung bestellt ist. Die Antworten der angefragten Autoren (einschließlich meiner eigenen) fielen nicht wirklich überraschend aus: Wenn man Knüwer, Sixtus, Gutjahr und ab und an mal meinen Kram liest, dann wird man schwerlich erwarten können, dass einer von uns etwas sehr viel anderes schreibt als das, was wir schon längere Zeit so schreiben und was – ich behaupte das mal einfach für die anderen mit – unserer Überzeugung entspricht.  Man kann das aus zweierlei Gründen kritisieren. Erstens, weil man schlichtweg anderer Meinung ist. Oder aber man kritisiert, dass der „Spiegel“ Leute angefragt hat, deren Haltungen weitgehend bekannt sind. Aber zu kritisieren, dass wir auf die Frage nach unserer Meinung unsere Meinung geäußert haben, ist ein kleines bisschen obskur.

Allerdings geht es offensichtlich bei der Debatte um die Zukunft der Zeitungen beileibe nicht mehr nur um die Sache als solche, sondern auch um sehr viel Emotionen. Stefan Winterbauer beispielsweise kritisiert beim Branchendienst „Meedia“ u.a. „selbstverliebtes Gelaber“ und „nervenzerfetzende Langeweile“. Und dass es ausschließlich darum gehe, dass jeder „selbsternannte Medienprophet“ bei dieser Debatte dabei sein wolle. Was im Übrigen ein hübscher Beleg dafür ist, dass Winterbauer erst genervt und dann genervt und schließlich gernervt war und deswegen nicht recherchiert hat: Bei der Debatte hat sich keiner von uns Selbstdarstellern aufgedrängt und wollte unbedingt mit dabei sein. „Spiegel Online“ hatte die Autoren angefragt. Aber es ist dann schon irgendwie erschütternd für mich selbst, wenn ein Medienjournalist offenbar denkt, ich hätte mit dem Ruf „Ich will da rein“ an der Tür des „Spiegel“ gescharrt.

Winterbauer konstatiert dann noch einen Redundanz-Overkill und merkt an, dass es sich um das ewige Geschwätz handle, das keinerlei Lösung anbietet. Tja, kann gut sein – allerdings fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein, welche probaten Lösungen ich nach Lektüre von Stefan Winterbauer oder „Meedia“ gefunden hätte. Und falls man dort jetzt einwenden sollte, dass ein guter Musikkritiker ja nicht auch gleichzeitig ein guter Musiker sein muss, würde ich sagen: Treffer. Natürlich dürfen Winterbauer und Meedia jede Kritik der Welt üben, ohne sofort eine Lösung für die Zukunft der Tageszeitung zu haben. Es ist nur schwierig, wenn man das im Gegenzug von uns verlangt.

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Zu den lustigen Wendungen dieser „Spiegel“-Debatte gehört auch, dass man Stefan Niggemeier lesen muss, um Sascha Lobo zu lesen. Lobo hat dort einen „Gastbeitrag“ verfasst, in dem er als Quintessenz mitnimmt, die SPON-Autoren würden in erster Linie sich selbst als die Lösung der Probleme anbieten. Von all den vielen Kritiken, die ich bisher gelesen habe, war das die Originellste. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich mag Sascha Lobo, finde ihn von seiner Frisur abgesehen sehr unterhaltsam und meistens auch bemerkenswert klug, nehme aber durchaus auch wahr, dass Sascha Lobos Geschäftsmodell u.a. darin besteht, sich als die Lösung aller offenen Netzfragen anzubieten. Und ich verstehe die Logik hinter dem Beitrag nicht: Richard Gutjahr beispielsweise fordert in seinem Beitrag „mehr Experimentierfreude“, Sascha Lobo attestiert ihm, eine der experimentierfreudigsten Figuren in der deutschen Medienszene zu sein. Wunderbar, würde ich daraus folgern: Da tut einer, was er selbst von anderen fordert. Mario Sixtus fordert mehr „mutige Ausprobierer“ und Lobo attestiert ihm, ein „mutiger Ausprobierer“ zu sein. So geht das am Beispiel aller Autoren weiter, am Ende kommt Sascha Lobo dann zu der verblüffenden Schlussfolgerung, die Mediendebatte kranke vor allem daran, dass ihre Teilnehmer „unfähig und unwillig“ seien, ihre eigene Perspektive mal zu verlassen.

Aber genau das ist der Punkt – der zum einen entscheidend ist für die Debatte und an dem zum anderen Herr Lobo irrt. Richard Gutjahr hätte sich ein angenehmes Leben als Moderator beim öffentlich-rechtlichen TV machen können. Mario Sixtus hätte andere Optionen gehabt, als ein neues Format zu kreieren. Thomas Knüwer wäre vermutlich heute noch beim „Handelsblatt“, hätte er sich nicht selbstständig gemacht – und (ich will Ihnen ja nicht vorjammern) ich hätte ebenfalls ein Leben in öffentlich-rechtlicher Tüdeligkeit führen können. Ich habe in meinem Leben zweimal Jobs aufgegeben, bei denen ich komplett unbefristete Verträge hatte und bei denen ich in Ruhe alt hätte werden können. Der Trugschluss, dem Sascha Lobo in seinem Text unterliegt, ist also der: Fast jeder der Autoren hat seine Perspektive schon mal verlassen und geändert, einige sogar ziemlich radikal. Das vermutlich manchmal etwas Schlaumereirische, Selbstverliebte und Arrogante an uns (nebenbei ernsthaft bemerkt: Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass das manchmal so rüberkommt) resultiert vermutlich daraus, dass wir diesen Perspektivwechsel hinter uns haben. Was im Übrigen nicht immer der Spaß ist, nachdem es manchmal nach außen klingt. Ich glaube, jeder der hier angesprochenen hat seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man neue Dinge ausprobieren will, die dann schlichtweg nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt.

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Ich nehme mich da keineswegs aus. Ich würde sogar sagen, dass ich mich in meinen Vermutungen, was die Zukunft für uns Medienmenschen bereit hält, öfter getäuscht habe als dass ich richtig gelegen wäre. Ich habe an eine große Zukunft von Blogs geglaubt, habe mich bei einem großen interaktiven TV-Projekt prächtig verhoben und meine letzten kapitalen Schnitzer waren die Vermutungen, bei Twitter handle es sich um eine Übergangserscheinung und das iPhone sei ein Spielzeug, das keiner braucht. Schon alleine wegen dieser Erfahrungen würde ich mich nicht trauen und Lösungen für Fragen propagieren, bei denen selbst der Verleger der „Washington Post“ sagt, er habe sie nicht gefunden. Im Gegenteil: Mir ist jeder suspekt, der genau wissen will, was in den nächsten 5 oder 10 Jahren passiert. Man sollte jedem mit diesem Anspruch misstrauen, egal ob er jetzt pro oder contra Tageszeitung ist, ein analoger oder doch ein digitaler Journalist.

Deswegen werde ich dennoch weiter meine Zweifel an der Zukunft der Tageszeitung haben. Und mein Respekt vor „experimentierfreudigen Figuren“ und „mutigen Erneuerern“ wird immer ungleich höher sein als vor denjenigen, die viele laute und scharfe Worte finden – und selbst zur Debatte außer kulturpessimistischem Genöle nicht sehr viel beizutragen haben.

Und vor dem Tagblatt grasen glückliche Kühe

Mit Zeitungen, so der erste Eindruck der aktuellen Debatte, kann man irre viel anfangen. Man kann überwachungsfrei in ihnen stöbern, man kann sie knicken und einrollen, ohne dass das Display kaputtgeht. Und man kann sogar Fisch in ihnen einwickeln. Die Argumente, die man so hört, sind also nur bedingt dafür geeignet, der Gattung Tageszeitung eine glorreiche Zukunft vorherzusagen. Noch dazu, wo gerade in den letzten Tagen und Wochen ungeheuerliche Dinge passieren: Bei Springer wollen sie nicht mehr so richtig Verleger sein, während auf der anderen Seite des Atlantiks Mr. Amazon mal eben die „Washington Post“  einsackt. Der Satz „Ich kauf mal eben eine Zeitung“ bekommt jedenfalls gerade eine irgendwie zusätzliche Dimension.

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Die Kollegen der ARD-Sendung „TTT“ haben sich angesichts dessen des Themas ebenfalls angenommen – und die Frage gestellt: „Nur noch Rendite? Die Situation der Regionalzeitungen.“ Die Fragestellung als solche ist schon irgendwie lustig, weil man, was man als öffentlich-rechtlicher Redakteur womöglich vergisst, natürlich irgendwie Rendite erwirtschaften muss, will man als Medium am Markt überleben. Trotzdem hat man sich auf die Suche nach einem Gegenbeispiel zu den bösen Springers gemacht, die ja nur auf Rendite schauen. Gelandet sind die ARD-Kollegen dann in – Straubing. Weil hier, so textet man am Anfang des Beitrags, „ist die Zeitungs-Welt noch in Ordnung“. Verleger Martin Balle ist (die folgende Sammlung ist aus dem Beitrag):

  • gerne bei den Menschen
  • der Gesellschaft verpflichtet
  • nicht vordringlich renditeorientiert
  • kulturell mit der Region verwurzelt
  • irgendwie nicht Springer

Und auf der Weide vor dem Tagblatt grasen glückliche Kühe.

Natürlich wird dieses Eintreten für die Heimat auch belohnt: Balle berichtet von steigenden Anzeigenumsätzen und einer wachsenden Bedeutung der Lokalzeitung in einer globalisierten Welt. Auf Rendite schaut der Verleger auch, natürlich, aber in erster Linie dann doch nur, um Mitarbeiter bezahlen zu können und den Menschen im niederbayerischen Gäuboden eine gute Zeitung liefern zu können. (Untermalt wird das Idyll mit dramatischen Umschnitten zum Springer-Verlag, wo die Bösen sitzen, die einfach ihre Zeitungen verkaufen.) Das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte. Und weil sie schön ist, haben die Kollegen von „TTT“ sicherheitshalber die Recherche dann auch eingestellt. Dass man eine Geschichte auch tot recherchieren kann, weiß man vermutlich auch dort. Deswegen sei an dieser Stelle erlaubt, noch auf ein paar Dinge hinzuweisen, die man praktischerweise gleich weggelassen hat nicht mehr ganz in den Beitrag gepasst haben:

Seine jüngeren Redakteure bezahlt das Tagblatt deutlich unter Tarif. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte Martin Balle das in diesem Jahr mal damit, dass die Lebenshaltungskosten in Straubing ja auch niedriger seien als anderswo.

Freie werden vom „Tagblatt“ traditionell schlecht bezahlt. In den Honorarspiegeln belegt man dort seit vielen Jahren einen der hinteren Plätze. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Reisejournalisten berichten beispielsweise im Mai 2013 davon, pro Zeile acht Cent und für jedes Foto 2,50 Euro zu bekommen.

Medienvielfalt gibt es im Balle-Beritt traditionell nicht. Das „Tagblatt“ ist in nahezu allen Gebieten seines Verbreitungsgebiets de facto das Monopolblatt. Das lokale Anzeigenblatt gehört dem Verlag, am Lokalfunk hält man die Mehrheitsanteile. Neuerdings gehört auch das Landshuter Lokalfernsehen mehrheitlich zum Verlag. Anteile an diversen Lokalradios und dem Regensburger Lokal-TV noch nicht eingerechnet.

Die politische Ausrichtung des „Tagblatts“ ist, nun ja, ziemlich eindeutig. So eindeutig, dass man alles, was nicht mit CSU zu tun hat, eher ungern ins Blatt nimmt.

Das alles gab´s bei „ttt“ nicht zu sehen und nicht zu hören. Hätte aber vielleicht auch nicht in diese schöne Geschichte gepasst. Schließlich heißt es am Ende des Beitrags „Da sein für den Leser und nicht nur für die Geldgeber. In Straubing hat man sich entschieden. Und noch scheint’s zu funktionieren.“

So einfach ist die Welt manchmal.

Was vom #tag2020 übrig bleibt

Im „Spiegel“ beginnt mit der neuen Ausgabe eine größere Serie zum Thema „Zukunft der Tageszeitung“. Erzählt wird das ganze in einem neuen Format, der sogenannten „Multistory“. Das ist vermutlich die etwas hippere Variante eines crossmedialen Projekts, jedenfalls aber widmet man sich dort diesem Thema derart intensiv, dass man eine Ahnung davon bekommen  kann, wie relevant das Thema inzwischen auch außerhalb der jahrelang branchenintern heftig geführten Debatten geworden ist. So wichtig, dass man es auf den Titel gehoben hätte, ist es noch nicht, da war Napoleon schon wichtiger. (aber ok, besser als irgendwas mit Hitler). Ab morgen sollen die Debatte und das Thema auf „Spiegel Online“ weitergeführt werden und wenn die Redaktion meinen Text nicht gerade als unbrauchbar gelöscht hat, werde ich bei dieser Debatte ebenfalls vertreten sein.

Die Geschichten aus dem Heft habe ich, appseidank, heute schon gelesen. Da steht nicht viel drin, was man als mit dem Thema befasster nicht irgendwie schon mal gehört hätte (was ja auch nicht Ziel der Übung war, der normale Spiegel-Leser wird sich mit den Tücken unseres Berufs vermutlich wenig beschäftigt haben). Was aber auffällig ist: Der Ton hat sich geändert. Das klingt jetzt erst mal kryptisch. Und weil das so ist, habe ich auch darauf verzichtet, diesen Satz, diesen Eindruck in meinen Beitrag für „Spiegel Online“ zu packen. Tatsächlich aber gab es für mich bei der Lektüre der „Spiegel“-Geschichten vor allem das als ersten und bleibenden Eindruck: Wenn man das mittelfristige Ende der Tageszeitung an einem Indikator festmachen will (außer natürlich an den ganzen anderen, den Zahlen beispielsweise), dann kann man das inzwischen ganz gut an der Tonart festmachen, die inzwischen auch aus den Verlagen, ihren Geschäftsführungen, Herausgebern und Chefredakteuren angeschlagen wird. Die war noch vor gar nicht mal so langer Zeit so, dass Menschen, die an eine Digitalisierung des Journalismus glaubten, als eher bemitleidenswerte Spinner belächelt wurden. Dann kam die Phase, in der sie vom Spinner wenigstens schon mal zur Kassandra befördert wurden, dann schließlich zum Onliner, der schon auch mal wichtig werden könnte. Heute sollen sie den Verlag retten. Der FAZ attestiert der „Spiegel“ beispielsweise, man verlasse sich dort ziemlich auch den neuen Online-Chef  (der zufällig vom „Spiegel“ kommt). Wenn man vor ein paar Jahren gesagt hätte, die FAZ setze mal sehr darauf, dass die Rettung aus dem Digitalen kommen könne, man hätte ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.  Trotzdem ist das Warten auf Müller-Blumencron womöglich gar keine schlechte Idee, wenn man im gleichen Heft zum Thema Internet ansonsten nur mal wieder das übliche Schirrmacher-Lamento liest, es gehe jetzt demnächst um die Frage nach dem Wert der geistigen Arbeit im Allgemeinen und des Journalismus im Speziellen. Das mag schon möglich sein, dass das so ist, wird aber den durchschnittlichen Nutzer im Zweifelsfall eher weniger interessieren. Und dass bei den Kollegen der „Süddeutschen“ die spannenderen Beiträge schon seit längerem mehr von Stefan Plöchinger und weniger von Kurt Kister kommen, ist auch nur bedingt ein Zufall.

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Der „Spiegel“ beschreibt in seinem ausführlichen Stück dann auch noch mal ein paar Realitäten, die sich auf Zahlen stützen. Beispielsweise über das momentan wieder mal überaus gehypte Thema „Paid Content“, bei dem sich dann rausstellt, dass die Zahlen doch nicht so großartig sind, wie man vielleicht denken könnte, nicht mal beim Lieblingsbeispiel der Branche, der „New York Times“. Dass es aus dem Hause Springer nicht fortlaufend Jubelmeldungen über „Bild plus“ und dem Pay-Modell der „Welt“ gibt, mag einer Menge von Gründen geschuldet sein. Einer davon könnte sein, dass es so viel vielleicht gar nicht zu jubeln gibt. Die Zahlen über die stetig sinkenden Auflagen sind ebenfalls jedem bekannt, der mit der Branche zu tun hat und dass weder die Vertriebs- noch die Anzeigenumsätze viel Grund zur Hoffnung geben, ist ebenfalls nicht neu.  Das alles muss man aufschreiben, wenn es um die Probleme und die Zukunft der Zeitungen geht, bringt aber die Sache nicht endgültig auf den Punkt. Dass sie Umsätze, Auflage und Relevanz verlieren, wissen sie in den meisten Häusern schon ganz gut selbst, wenn man nicht gerade beispielsweise in Passau sitzt, dort den Realitätsverlust zur Verlagspolitik erklärt und Dinge wie beispielsweise eine App für Tablets für völlig überbewerteten Unfug hält. Selbst wenn sich der Ton gegenüber Onlinern geändert und man womöglich erkannt hat, dass es ganz ohne dieses Internet nicht gehen wird, die Konsequenzen, die in den allermeisten Häusern daraus gezogen sind zu wenige – falls es überhaupt irgendwelche gibt.

Das hat damit zu tun, dass in er durchschnittlichen deutschen Tageszeitung das Thema Medienwandel (hier steht absichtlich: Medienwandel. Und nicht Internet) nicht wirklich durchdrungen und bearbeitet wird. Für die allermeisten ist die große Abenteuerwelt des Internet noch immer ein zusätzlicher Ausspielkanal. Würde man vom Chefredakteur bis zum Volo nach dem Verständnis der Digitalisierung fragen, die meisten würden sinngemäß sagen: Da kann man jetzt auch noch reinschreiben. Ist das ein Wunder, wenn sogar Journalistenausbilder wie Wolf Schneider dem Netz vor allem bescheinigen, dass in seinem großen Bauch auch Dinge Platz finden, die in die Zeitung nicht mehr reinpassen? Kurz gesagt: Wer eine Webseite betreibt und einen Facebookaccount und möglicherweise sogar eine App, der hat noch lange nicht begriffen, was Journalismus im digitalen Zeitalter bedeutet. Oder wenigstens bedeuten müsste.

Genau deswegen sind ja auch diese ganzen Debatten um Papier oder nicht Papier so sinnlos. Ich kenne kaum ein Verlagshaus, in dem sich die Debatten tatsächlich auch um ein geändertes journalistisches Rollenverständnis oder um eine neue Positionierung der eigenen Publikation in der Gesellschaft drehen würden.  So lange das aber so ist, ist es vergeudete Zeit, über digitale Produkte zu reden. Oder darüber, ob den Menschen geistige Arbeit noch irgendwas wert ist. Die Frage wäre also viel eher: Ist es die richtige geistige Arbeit, die wir da verrichten? Braucht und will die künftig überhaupt noch ein Mensch? Würde man heute einen Opel Kadett bauen, wäre die Frage ja auch nicht die, ob den Menschen die Arbeit, die hinter einem solchen Kadett steht, noch etwas wert ist. Die Frage wäre eher: Will und braucht jemand noch einen Kadett, sofern er nicht gerade alte Autos sammelt?

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Man weiß also momentan nicht so recht, ob man es als wirklichen Fortschritt verstehen soll, wenn die Onliner in den Verlagshäusern jetzt nicht mehr nur am Katzentisch sitzen und manchmal sogar als Heilbsringer angesehen werden oder gute Interviews geben dürfen.

Die Kollegen vom „Spiegel“ jedenfalls haben angekündigt, dass am Ende ihrer dreiwöchigen Debatte das Konzept und die Idee einer modernen Tageszeitung stehen soll. Wenn ich bei diesem Projekt auf etwas gespannt bin, dann auf das.

Die Verlagsträume vom flotten Dreier

Der größte redaktionelle Alptraum, den ich mal hinter mich bringen musste, nannte sich „Zentralredaktion“. Dieses journalistische Monstrum sollte vor knapp 15 Jahren alle Sender und Mediengattungen der damaligen Kirch-Gruppe mit Inhalten beliefern. Alles aus einer Hand, trotzdem individualisiert, unheimlich effizient und kostensparend. Man muss das Journalisten vermutlich nicht erzählen, dass eine solche Idee nur aus den feuchten Träumen von Controllern und Vorständen kommen kann, in der Tat aber kein realistisches Konstrukt ist. Ein Inhalt, der gleichermaßen bei N 24 wie Pro 7  funktionieren soll? Kaum vorstellbar (es sei denn, man sieht sich an, was inzwischen aus der Nachrichtenattrappe N 24 geworden ist; da kann man durchaus Nachrichten zu Dokus über die größten Sattelschlepper der Welt oder irgendwas mit Wetter oder Hitler auf allen Kanälen bringen). Ein Journalist weiß also, dass die Träume von den Synergien etc. in etwa gleichbedeutend mit einem flotten Dreier ist: Die meisten Controller träumen von ihm, selten wird er wahr.

In den letzten Jahren sind die kleinen Fantasien von flotten Dreiern in vielen Verlagen wieder hochgekommen. Springer versucht sich seit Jahren an irgendwelchen eher mäßig funktionierenden Zuliefer- und Austauschmodellen, bei Gruner&Jahr hat man die ganzen Wirtschaftspublikationen mal eben in einen großen Topf geworfen und daraus kurzerhand die „Wirtschaftspresse“ gemacht. Die Funkes formerly known as WAZ lassen sich mittlerweile ihre Zeitungen im Lokalteil teilweise von der Konkurrent befüllen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Austauscherei hat kein einziges Springer-Blatt weiter gebracht, die WAZ verliert in Dortmund mehr an Auflage als ohnehin schon in den anderen Regionen, die „Wirtschaftspresse“ ist traurige Geschichte (der Korrektheit halber sollte ich dazu fügen, dass ich an der Umsetzung einer Zentralredaktion bei Kirch ebenfalls mehr oder weniger kläglich gescheitert bin).

Dass es das neue Springerfunke-Großkonglomerat jetzt wieder mit einem synergetischen Modell versuchen will, kann man als konsequent bezeichnen. Oder auch als unbelehrbar. Jedenfalls soll ungeachtet des Verkaufs der Springer-Blätter an die Funke-Gruppe die Zulieferung der „Welt“ an die anderen weitergehen. Das klingt erst einmal logisch und nachvollziehbar, weil das ja bisher schon so war. Die tatsächliche Dimension ist allerdings die, dass die Funke-Gruppe zu einem role model für einen überaus merkwürdigen Trend in der Verlagswelt wird: Man versucht zunehmend, Zeitungen zusammenzuschustern. Von Publizistik und Journalismus kann jedenfalls bei der ehemals stolzen WAZ kaum mehr die Rede sein, eher von einer Hülle, in die verschiedene Inhalte eingekauft werden. Dass sie sich bei Springer angesichts dieses Deals freuen werden, dürfte gesichert sein. Man verkauft seinen alten Krempel und schließt dazu gleich noch einen Servicevertrag ab.

Tatsächlich muss man sich bei dieser ganzen Sache sehr viel mehr über die Funke-Gruppe wundern als über Springer. Im Ruhrgebiet kreist seit Jahren die ganz große Sparkeule, hunderte Jobs sind abgebaut, ganze Redaktionen mit einem Federstrich geschlossen worden, die Auflagen befinden sich selbst für Tageszeitungsverhältnisse in einem erstaunlich freien Fall, eine klare Digitalstrategie gibt es nicht und von einem journalistischem Profil mag man eh nicht mehr sprechen – und dann kauft man in einem kriselnden Kerngeschäft das kriselnde Kerngeschäft eines Konkurrenten dazu, um sich von diesem Konkurrenten dann mit Inhalten beliefern zu lassen? Ich habe nicht BWL studiert und würde mir auch keine übertrieben hohen strategischen Fähigkeiten zubilligen, aber um das als ziemlichen Unsinn zu erkennen, dafür reicht es sogar bei mir noch.

Und auch im gefühlten Jahr 50 nach Beginn der Digitalisierung staunt man immer noch über beträchtliche Teile der deutschen Verlage: Es fallen einem spontan nur sehr wenige ein, denen man eine stringente und zukunftsfähige Digitalstrategie zubilligen würde. Digitale Innovationen aus Verlagshäusern werden eher selten gesichtet, beim Hase- und Igelspiel mit dem Netz sind sie meistens Hase. Das Leistungsschutzrecht haben sie durchgedrückt und es wird ab morgen wirkungslos verpuffen (dazu habe ich gesondert ein paar Sätze bei „Cicero“ geschrieben). Nur was ihre eigentlichen Überlebensstrategien angeht, fällt ihnen meistens nicht sehr viel mehr ein als sparen und zusammenlegen, was sich jetzt Synergien nennt und gleich viel besser klingt.

Wie solche Geschichten meistens weitergehen, wissen BWL-Studenten übrigens sehr häufig schon nach dem zweiten Semester.

Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für „Hörzu“

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

Liveblog

Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).