Digitalisierung: Verlage zwischen Theorie und Praxis

Die analoge Medienwelt ist beinahe endgültig tot. Sagt die neue PWC-Studie“Media Outlook“. So banal, so einfach, so nachvollziehbar. Und trotzdem klaffen beim Thema Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis in Deutschland immer noch himmelweite Unterschiede…“Read

Wissen, was wer wollen könnte

Die Sätze kennen wir vermutlich alle noch, die wir schon ein paar Tage im Geschäft sind: Das will der Leser/Hörer/Zuschauer nicht. Ich habe mich bei solchen Sätzen ja immer gefragt, woher wir das eigentlich mit dieser Bestimmtheit wissen. Aber ok: Damals war ich nicht der Position, solche Fragen in einem anzweifelnden Ton zu stellen. Und außerdem, wenn das so ein gut gewachsener, grauhaariger Herr sagt, dann wird´s schon stimmen.

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Das Erstaunliche daran: Auch im Jahr 2016 machen wir immer noch häufig Medien nach dem Prinzip, dass wir schon wissen, was der Nutzer mag und was nicht. Klar, das Netz gibt uns inzwischen zumindest quantitativ etwas mehr über unsere Nutzer preis, aber was wir daraus machen, ist immer noch erstaunlich wenig. Recht viel anders kann man sich auch kaum erklären, warum der nackte Klick, der ungefähr gar nichts sagt, häufig noch das Maß aller Dinge ist.

„Discover weekly“ müsste auch unsere Devise sein

Kleiner Szenenwechsel, schauen wir uns mal die Riesen der Branche an: Google beispielsweise weiß ungefähr alles über seine Nutzer. Nicht nur wegen irgendwelcher Daten, die man einsammelt, sondern wegen der Fragen, die er stellst. Bei einem Dienst wie Spotify gibt es das sehr hübsche Tool „Discovery Weekly“, bei dem ein Algorithmus wöchentlich eine Art modernes Mixtape erstellt. Das funktioniert deswegen, weil Spotify seine Nutzer sehr gut kennt: Wie lange hört er welchen Titel, was packt er in seine Playlists? Nur mit dem Angebot, dass man Musik hören kann, punktet heute kein Mensch mehr im Netz.

Die Reihe könnte man beliebig fortsetzen, dass Prinzip ist immer das Gleiche: Im Netz gewinnt der, der seine potenziellen Kunden, seine Community sozusagen, am besten kennt – und demnach die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Wie wunderbar antiquiert gehen wir dagegen in unserer kuscheligen Medienwelt immer noch vor. Bei Printobjekten kennen wir die Auflagen und ein paar rudimentäre Zahlen über die Kunden (den Rest denken wir uns dann einfach dazu). Im Radio und im Fernsehen ähnliches: Man misst eine Quote, man hat großzügig definierte Zielgruppen und sendet dann mal drauf los.

Jeder Kanal ist anders

Die Welt ist allerdings leider etwas komplexer geworden, als dass man mit derart groben Richtwerten noch agieren könnte. Wenn man also beispielsweise von den sozialen Netzwerken spricht, dann heißt das erst einmal nichts anderes, als dass man sich in einem bestimmten Genre bewegt. Snapchat hat allerdings mit Facebook so viel zu tun wie ein Schulhof mit einem Straßencafé. In beiden treffen sich Menschen und unterhalten sich womöglich ab und an. Die dort herrschenden Spielregeln sind dennoch grundverschieden. Das würde man jemanden auch sagen, der sich im echten Leben dorthin begibt. In unserer Branche reden wir hingegen immer noch fröhlich von ein und demselben und wundern uns dann als ergraute Mittvierziger, dass wir auf dem Schulhof nicht mehr so richtig gut ankommen.

Jeder Kanal ist also anders, selbst wenn er aus dem gleichen Genre kommt. Es empfiehlt sich demnach also, diese Kanäle und damit sein eigenes Publikum so gut wie möglich kennenzulernen. Und das auf einer Basis, die valider ist als Vermutung und Spekulation. Es schadet nicht, wenn man sich nicht nur selbst umschaut, wo man publizieren will. Sondern dass man gezielt Daten auswertet, um Rückschlüsse ziehen zu können. Das ist nichts Verwerfliches und natürlich verlangt niemand, dass wir den Nutzer ausschnüffeln. Zwischen Auswertung und Spionage gibt es ja doch ein paar Unterschiede.

Davon abgesehen: Es geht kaum mehr anders. Weil wir mit Angeboten, die für jeden ein bisschen was bieten, nicht mehr sehr weit kommen. Für den Nutzer geht es gar nicht anders, als dass er filtert, dass er sich Angebote sucht, die etwas tun, was man noch vor ein paar Jahren als unsinnig bezeichnet hätte: weglassen. Niemand ist mehr in der Lage, all das aufzunehmen, was es heute an Informationen gibt. Die Kunst des Journalismus besteh also zunehmend auch daraus, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dazu aber wiederum muss man eines wissen: was für die eigenen Nutzer wesentlich sein könnte.

Das ist übrigens auch eine Sache der Haltung: Bis heute glauben nicht wenige von uns Journalisten unterschwellig, wir wüssten schon, was gut für unsere Kundschaft ist. Der detaillierte Blick auf Daten könnte uns möglicherweise auch diese Illusion schnell rauben.

Die Vorstufe zum Zeitungssterben

Drastischer Personalabbau, massive Kosteneinsparungen:  Was wir momentan mal wieder erleben, ist die Vorstufe zum großen Zeitungssterben. Wer die Hälfte seines Personals vor die Tür setzen muss, steht kurz vor der Kapitulation.

Das ist ja mal wirklich lustig: Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung für dieses Monstrum namens Zeitungskrise – und dann liegt sie direkt vor der Nase. Man sieht quasi den Wald vor Lösungs-Bäumen nicht. Und wie einfach das geht! Da wäre man echt nicht drauf gekommen…

Die Lösung für die Probleme der Tageszeitungen geht also so: sparen! Einfach mal eben weg mit ungefähr der Hälfte des Personals, die Kosten für Inhalte reduzieren, indem man einfach nicht mehr dieses ganze exklusive Zeugs nimmt – und schon sind die Kosten so gesenkt, dass am Ende ein Gewinn fast zwangsläufig stehen muss. Betriebswirtschaft für Einsteiger, das müsste sogar ein Student im 2. Semester verstehen.

Ja, so einfach ist das, wenn man sich momentan umschaut bei einigen der leicht gebeutelten Tageszeitungen im Lande. Das Dumme ist nur: Würde ein Student im 2. Semester solche Lösungsvorschläge anbieten, man würde sie ihm vermutlich heftig um die Ohren hauen. Vermutlich sogar mit Recht. Trotzdem gibt es momentan allen Ernstes Verlage, die sich nach bekanntem Merkel-Idiom („Alternativlos!“) so aus ihrer Lage zu winden versuchen.

Da ist zum Beispiel die „Abendzeitung“ in München, die noch vor ein paar Monate insolvent war. Und in einer derart schwierigen Lage, dass ihr damaliger Eigentümer Johannes Friedmann die Lage mehr oder weniger als aussichtslos beschrieb. Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, gehört das Blatt dem Straubinger Verleger Martin Balle – und der hat die marode AZ innerhalb allerkürzester Zeit wieder in die Gewinnzone gebracht, zumindest nach seinen eigenen Angaben. Das Rezept? Belegschaft erheblich reduzieren, Produktionskosten und Auflage senken, schon rechnet sich die ganze Sache wieder. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt. Entweder waren bei der „AZ“ in den letzten 15 Jahren ausschließlich Stümper am Werk, die allesamt die einfache Lösung nicht gesehen haben. Oder man zweifelt Balles Darstellung von der wundersamen Wandlung der AZ ein bisschen an. Zumindest eines kann man festhalten, auch ohne Balle allzu böse gesonnen zu sein: In irgendeiner Weise publizistisch aufgefallen ist das Blatt seither nicht mehr. Balle dürfte das als Kompliment verstehen. Muss man aber nicht.

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In Münster wiederum steht seit gestern fest, dass die dortige „Münsterschen Zeitung“ ebenfalls den Balle-Weg gehen wird. Soll heißen: Belegschaft um mindestens 50 Prozent reduzieren, Kosten senken, wo es nur geht, Inhalte irgendwie zukaufen. Anders werde man nicht mehr überleben können, sagt der dortige Verlag mehr oder weniger unverblümt. Eine Aussage, die es vor kurzem auch schon aus Darmstadt gab, wo das dortige „Darmstädter Echo“ personell so zusammengestutzt wird, dass man bestenfalls noch von einer Notbesetzung sprechen kann. Auch in Münster und in Darmstadt wird man mehr oder weniger versuchen müssen, was die „Abendzeitung“ in München vorexerziert: mit so wenig Personal und so geringen Kosten wie nur möglich noch so etwas Ähnliches wie eine Zeitung zu produzieren. Vermutlich wird man auch von dort bald erste Meldungen hören, dass sich die Lage stabilisiert und es alles in allem wieder aufwärts geht.

Und vielleicht wird das sogar so sein. Als sehr, sehr kurzfristiger Effekt.

Aber am Ende sind diese Sparmodelle leider nur die Vorstufe zum endgültigen Untergang. Weil diese Zeitungen damit auch die letzten Spurenelemente einer eigenen Identität verlieren. Weil sie Journalismus nur noch als Informationsattrappe anbieten können. Keine Redaktion dieser Welt würde es überstehen, wenn man sie mal eben halbiert – und dann von ihr verlangt, mindestens genauso gut wie vorher zu arbeiten.

Und überhaupt, was heißt schon „genau so gut“? Eigentlich müsste das jeweilige Blatt ja besser werden. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass diese Zeitungen in der Lage sind, in der sie sich jetzt befinden. Man müsste also das Blatt als solches überarbeiten, anpassen, besser machen, modernisieren. Und man müsste in eine digitale Zukunft investieren. Nicht nur finanziell, sondern auch personell. Was wieder nur schwerlich möglich ist, wenn man gerade eben die halbe Belegschaft vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich, wo es kein Geld mehr gibt, das man investieren kann, ist diese Sparpolitik und die Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird, die vermutlich letzte Option. Wahrscheinlicher ist allerdings leider, dass wir momentan bei nicht ganz wenigen Regionalzeitungen die nächste Eskalationsstufe erleben – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Eskalation dahingehend, dass Investitionen nicht mehr möglich sind, dass es keine Innovationen mehr gibt, dass am eigentlichen Kerngeschäft massiv gespart werden muss, während die digitale Konkurrenz wächst und wächst.

Was das wiederum in der Konsequenz bedeutet, kann jeder BWL-Student im 2. Semester erklären.

Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.

Digitale Dolchstoßlegende

Jetzt also der „Mannheimer Morgen“: 40 Arbeitsplätze sollen dort im Lauf der nächsten Zeit wegfallen, 20 davon in der Redaktion. Die Branche nimmt solche Nachrichten inzwischen schulterzuckend zur Kenntnis. „Nur“ 40 Jobs sind immer noch besser als die nächste Insolvenz. Und ist diese Sache mit der Zeitungskrise nicht ohnehin unvermeidbar in Zeiten des Internets, das alles kaputt macht? Dabei zeigt genau dieser fatalistische Gedanke, dass in vielen Häusern noch immer eine essentielle Sache nicht verstanden wurde: Das Netz ist nur Teil des Problems. Ein kleiner Teil zudem. Der viel größere ist in vielen Fällen: das eigentliche Produkt. Das Blatt. Ein Überbleibsel aus den 80er Jahren, das man jetzt irgendwie noch in die Neuzeit hinüber retten will.

Was denn? Nicht das Netz als Ursache, als digitaler Borkenkäfer für Zeitungen, der langsam aber beständig alles auffrisst, was zuvor in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut worden ist? Wenn man eine solche These vertritt, wird man gerne angeschaut als würde man behaupten, der einzig verdiente Weltmeister 2014 wäre eigentlich England gewesen. Selbst bei denen, die es betrifft: Natürlich ist das Netz schuld an der Misere, wer denn sonst? Als vor kurzem der Kölner Zeitungsforscher Andreas Vogel die These vertrat, die Online-Medien seien nur ein nachrangiger Grund für den Niedergang, erntete er neben dem Erstaunen naturgemäß auch einiges an Widerspruch. Dabei hatte man es sich doch gerade so bequem gemacht in der Kuschelecke der einfachen Erklärungen.

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Als wir zum letzten Weltmeister waren, hatten Zeitungen so viel Auflage wie noch nie in Deutschland. Die Zahlen näherten sich  der 30-Millionen-Grenze. Es gab noch keine Liveticker und kein Twitter und diesen ganzen anderen Kram, der in Beinahe-Echtzeit alles vorweg nahm, was eigentlich doch erst am nächsten Tag in der Zeitung stehen sollte. Davon abgesehen prophezeite ein gewesener Bundes-Kaiser damals gerade, die deutsche Mannschaft werde auf Jahre hinweg unschlagbar sei, weil zu dieser Weltmeister-Truppe jetzt auch noch der ganze Osten dazu komme. Damals wusste man allerdings auch nicht, dass neben dem Osten auch erst Berti Vogts und dann Erich Ribbeck kommen würden. Hätte man das eher gewusst, hätte vermutlich nicht mal der Kaiser einen solchen Firlefranz erzählt. Aber so ist das eben: Wie soll man schon wissen, was in der Zukunft wirklich passiert? Manchmal liegen sogar Beckenbauers hoffnungslos daneben.

Bei den deutschen Zeitungsverlagen hat damals zwar niemand behauptet, dass ihre Produkte über Jahre hinweg unschlagbar sein würden. Aber dass man in ernsthafte Probleme kommen könnte, das hatte man sich auch nicht gedacht. Wie auch, wenn man gerade auf dem Auflagengipfel steht?

Dabei – und damit kommen wir endlich zu dem Punkt, um den es eigentlich geht – hatte es schon viel früher die ersten Anzeichen gegeben, dass das mit der Unbesiegbarkeit ein Trugschluss sein könnte. Genau genommen: Schon Mitte der 80er-Jahrem also vor rund 30 Jahren, begannen die Auflagen zu stagnieren und leicht zu sinken. Es ist also einer der größten Denkfehler überhaupt, wenn man glaubt, dass erst ab den 90ern, irgendwann mit Beginn der Regentschaft von Berti Vogts, die Abwärtsspirale einsetzte. Tatsächlich begann die Bedeutung der Tageszeitung schon mit dem Beginn der privaten elektronischen Medien in Deutschland langsam zu sinken. Eine im Übrigen völlig nachvollziehbare Entwicklung: Je größer die Zahl der Angebote, desto geringer ist der Marktanteil der einzelnen Anbieter. Dass es in den 90er-Jahren noch einmal zu einem Auflagen-Höchststand mit über 27 Millionen kam, ist ebenso einfach und plausibel zu erklären: ein Sondereffekt der deutschen Einheit.

Seit 1991 aber kennen die Auflagenzahlen nur noch eine Richtung: nach unten. Nie dramatisch, ohne größere Veränderungen zudem. Aber eben auch: konstant und ohne jede Verlangsamung (einzige Ausnahme war das Jahr 2005, in dem die Auflagen stagnierten)

Statistik: Entwicklung der verkauften Auflage der Tageszeitungen in Deutschland von 1991 bis 2013 (in Millionen Exemplaren) | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

1991? War da was (außer dass auch der deutsche Fußball sich in die Abwärtsbewegung verabschiedete)? Es gab kein www, keine Handys, keine Tablets. Keine sozialen Netzwerke, keine TV-Sender, die plötzlich ebenfalls um die Gunst der Zeitungsleser buhlten. Kurzum: Nichts hatte sich geändert, von Medienwandel keine Spur. Und trotzdem begannen die Zeitungen wieder, an Auflage und an Bedeutung zu verlieren. Da fällt es ein bisschen schwer, an die Geschichte vom bösen Netz zu glauben, das eine blühende Zeitungslandschaft ohne Voranmeldung gnadenlos zerstört. Das klingt ein bisschen nach der Geschichte einer digitalen Dolchstoßlegende.

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Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder in Passau, was übrigens immer einen Besuch wert ist, wenn ich diese Empfehlung mal unaufgefordert aussprechen darf. Sieht man davon ab, dass Passaus Altstadt wirklich sensationell schön ist,  handelt es sich dabei um eine stinknormale Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, in der es seit gefühlt 200 Jahren eine einzige Tageszeitung gibt. Und weil ich gerade in der entsprechenden Laune war und noch etwas Zeit bis zu meinem Zug hatte, habe ich mir am Bahnhof eine Ausgabe gekauft (gerne geschehen, liebe Ex-Kollegen). Man muss die „Passauer Neue Presse“ einfach mögen. Zumindest dann, wenn man es mit Veränderungen nicht so sehr hat und an es zu schätzen weiß, wenn manche Dinge immer noch so sind wie früher. Die gute alte PNP jedenfalls sieht im Wesentlichen nicht sehr viel anders aus als 1991 und das journalistische Prinzip dahinter ist auch immer noch das selbe. Verändert hat sich allerdings,  dass es Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre immer wieder neue Jubelmeldungen auf der Titelseite gab: Heute mit neuer Rekordauflage! Unter Hinzurechnung aller erlaubten und halb erlaubten Mittel landete man kurzzeitig sogar über der Marke von 200.000 Exemplaren. Heute liegt man bei knapp 160.000 – und dass auch diese Zahl demnächst unterschritten wird, ist so sicher wie das Amen in den Passauer Kirchen.

Alleine diese Zahl müsste zu denken geben: ein Auflageverlust von rund 40.000 Stück in gerade mal zwei Jahrzehnten. In einer Region, in der es ansonsten keine ernstzunehmenden Mitbewerber gibt, zumindest nicht im eigentlichen Kerngeschäft. Und auch hier fällt auf: Der Auflagenrückgang begann schon zu einer Zeit, in der man vom Netz noch nicht mal träumte.

Aber ist das wirklich ein Wunder? Das Produkt (regionale) Tageszeitung hat sich in sehr vielen Fällen bestenfalls etwas weiter entwickelt. Aber im Kern stammt es immer noch aus einer Zeit, die selbst für heute 30-Jährige weit entfernt ist. Das Prinzip ist immer noch: Wir fassen die große weite und die kleine lokale Welt auf 30 oder 40 Seiten zusammen (mit eintägiger Verspätung). Die Seite 1 sieht immer noch aus wie die „Tagesschau“ von gestern, inzwischen im Zuge der Evolution ab und an auch mit ein paar lokalen Einsprengseln versehen. Chefredakteure gefallen sich nach wie vor in der Kommentierung der neuesten Entwicklungen in Syrien. Danach kommt dann ein bisschen Politik, ein bisschen Wirtschaft, etwas mehr Sport und so mittelmäßig viel aus dem Lokalen. Das war noch ok zu einer Zeit, als Beckenbauer mit seinen Deutschen Weltmeister wurde. Aber damals war die Übertragung des Finales auch nach der Siegerehrung sofort vorbei und ein paar hupende Autos auf der Straße wurden schon als eine emotionale Aufwallung nationalen Ranges bewertet. 24 Jahre später jedenfalls kann man so nicht mehr Zeitung machen.

Am lustigsten war übrigens in diesem Zusammenhang die „Abendzeitung“ in München, die das legendäre 7:1-Halbfinale leider nicht mehr mitnehmen konnte und deswegen am nächsten Tag titelte: Immer mehr Senioren trinken. Als ich das gesehen habe, habe ich kurzzeitig überlegt, ob ich nicht auch zu saufen beginnen soll. Man erträgt dann manches eindeutig leichter.

Tatsächlich also ist es nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn jetzt verstärkte Investitionen in den digitalen Journalismus gefordert werden. Das funktioniert aber erst dann vernünftig, wenn man die andere Hälfte der Wahrheit auch kapiert: dass sich nämlich auch das eigentliche Kernprodukt ändern muss. Nicht in Form von ein paar mehr oder weniger hübschen Retuschen. Nicht mit geänderten Fonts oder ein bisschen mehr lokalen Inhalten im Mantel. Es nutzt ja nichts, wenn man ein adäquates Onlineprodukt abliefert und dazu eine Zeitung, die leicht abgestanden riecht.

Aber dazu müsste man eben erst einmal diese Erkenntnis haben. Die, dass es eben nicht das Netz ist, das es den Zeitungen so schwer macht. Sondern dass es die Zeitung selbst ist, die man sich gelegentlich etwas genauer anschauen sollte.

Der „Mannheimer Morgen“ jedenfalls, um wieder an den Anfang zurückzukommen, baut jetzt erst mal Stellen ab. Eine ziemliche beliebte Strategie in diesen Zeiten. Wenn man allerdings danach das gleiche Produkt nur mit ein paar Leute weniger macht, sollte man sich über nichts wundern. Nicht mal darüber, dass Fußball-Deutschland sogar die Jahre mit Erich Ribbeck überstanden hat.

Was allerdings dann auch wieder seinen Grund hat: Nach Ribbeck und Völler kamen radikale Reformer. Seit Sonntag könnte man sogar eine Ahnung haben, warum das eine gute Idee war.

Die AZ – Exempel der Krise

Vermutlich muss man Martin Balle, dem Totengräber Neuverleger der Münchner „Abendzeitung“ fast schon wieder dankbar sein. Weil er gerade, wenn auch ungewollt, einen Beweis antritt: Man kann Journalismus eher schlecht ohne Journalisten machen. Man kann Journalismus auch schlecht ohne einen Mindesteinsatz an Investition machen. Und ohne das Publikum zu kennen und sich entsprechend zu überlegen, welche Zeitung man für wen machen will, das geht auch nicht so gut.

Das klingt erst einmal furchtbar banal. Kaum einer Erwähnung wert. Blöd nur, dass man in Zeiten wie diesen solche Feststellungen dennoch treffen muss und dass man sich vielleicht sogar über ihre schlichte Wahrheit wundern kann. Schließlich drängt sich in den letzten Jahren bei den Strategien nicht ganz weniger Häuser der Gedanke auf, es reiche völlig aus, der Krise und dem Wandel mit ein paar Planstellen weniger zu begegnen. Stellen streichen, Redaktionen schließen, Ausgaben zusammenlegen, den ganzen Schmonzes einfach ein bisschen billiger produzieren. Wer schaut schon so genau hin, mit was die Lücken zwischen den Anzeigen geschlossen werden?

Ironischerweise gehören Martin Balle und sein „Straubinger Tagblatt“ zu den konsequentesten Vertretern dieser Theorie. Das „Tagblatt“ ist vor allem bekannt für seine untertarifliche Bezahlung und für seine grundsätzlich im untersten Bereich angesiedelten Honorare für freie Mitarbeiter. Die Publikationen aus der Balle-Mediengruppe folgen hauptsächlich einem Prinzip: Billig muss es sein. Wer publizistisch nichts erwartet hatte, sieht sich jetzt getäuscht. Es ist weniger als nichts. Die ersten Ausgaben der neuen AZ muss man selbst dann als desaströs bezeichnen, wenn man dem neuen Konstrukt zugute hält, dass es sich erst einmal finden muss und dass es personell am untersten Rand dessen fährt, was überhaupt möglich ist.

Hauptsache billig: Das ist jetzt offenkundig auch Balles Prinzip bei der von ihm übernommenen AZ. Die Zeitung, die sich immer noch „Das Gesicht dieser Stadt“ nennt und laut Balle eine freundliche Großstadtzeitung mit einem klaren Fokus auf München werden soll, bringt es beispielsweise am Freitag fertig, auf der Titelseite zwei große Geschichten ohne München-Bezug zu machen: „Darum gewinnen wir“ zur WM – und ein Stück darüber, dass Berlin (!) Deutschlands Kifferhauptstadt sei. Da jubiliert das Herz des Münchners aber. Innendrin geht es dann weiter: eine Umfrage zum Viertelfinale mit sechs oder sieben Befragten wird zu einer kompletten Seite aufgeblasen (irgendwie muss so eine Seite ja auch voll werden), das ist dann auch schon tatsächlich die größte Geschichte im München-Teil.

Und wenn man den Unterschied zwischen der alten und der neuen AZ wirklich festmachen möchte, nimmt man sich am besten die ebenfalls zu einer Seite aufgeblasenen 65 Fakten zu Horst Seehofers 65. Geburtstag. Die frühere Landtagskolumnistin Angela Böhm hätte Seehofer vermutlich bissig-süffisant die Geburtstags-Leviten gelesen, um ihm dann doch noch zu gratulieren. In solchen rasanten Wendungen waren sie immer ziemlich gut in der AZ. Heute liest man in den gähnend langweiligen 65 Fakten, dass Seehofer seine SMS mit „HS“ unterzeichnet. Kurz darauf: Seine Facebook-Postings zeichnet er mit „HS“ (Loriot hätte jetzt mit indigniertem Blick gesagt: Ach was?) Wenn sie demnächst auch noch enthüllen, dass Angela Merkel ihre SMS mit „AM“ zeichnet und dass sie in Wirklichkeit eine Frau ist, haben sie bei der AZ vermutlich den größtmöglichen Scoop der Neuzeit gelandet.

Der Sport? Einstmals eine Perle der Zeitung. Heute schafft es die AZ zum Viertelfinale auf eine Seite. Zum Vergleich: Konkurrent „tz“ hat 7. Soll man dazu ernsthaft noch etwas sagen?

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Und  noch eine kleine Frage am Rande, Herr Prof. Dr. Balle: Für das Bild im Lokalteil mit dem offenbar erst gemeinten Bildhinweis „Foto: Google“, da bekommt Google aber sicher irgendeine Kompensation für, oder? So eine Art Leistungssschutzrecht für Google.

Nein, natürlich kann man der verbliebenen Rest-Truppe daraus keinen Vorwurf machen. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass Journalismus eben doch mehr ist als das schnelle Füllen leerer Seiten. Darum, dass es schlechterdings unmöglich ist, über den schwierigen Markt zu lamentieren, wenn man gleichzeitig solche Produkte abliefert (die noch dazu kurz vorher ihren Preis um stolze 60 Prozent angehoben haben). Der Trugschluss, dem Menschen wie Martin Balle – und nicht nur er – unterliegen: Balle glaubt, dass sein „Straubinger Tagblatt“ deshalb gut läuft, weil die Leute diese Zeitung so mögen wie sie ist. Dabei lesen sie diese Zeitung, weil sie keine Alternative haben.  Wer in Straubing wissen will, was in der Gegend so los ist, muss die Zeitung lesen, er kommt nicht daran vorbei. Aber  ein Gefängnisinsasse würde ja auch nicht sagen, dass er seinen täglichen Hofgang macht, weil er die Landschaft dort so schön findet.

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Das System des langweiligen, normierten und billigen „Journalismus“ funktioniert also noch in weiten Teilen der Zeitungslandschaft, weil es nicht anders geht. In München geht es aber anders. Weil es dort alleine fünf Tageszeitungen gibt. Davon sind drei Boulevardblätter. Kein Mensch also braucht  die AZ. Weswegen man sich einiges einfallen lassen muss, wenn man zahlende Leser haben will. Dafür wiederum bräuchte man Journalisten und dafür wiederum müsste man investieren. Martin Balle ist vermutlich zu vielem bereit, dazu aber nicht. Davon abgesehen könnte man ihn dann auch noch fragen, wie lustig das eigentlich ist, wenn ausgerechnet die „Abendzeitung“ keine Abendausgabe mehr hat. Und wie einleuchtend er es findet, wenn in der Ausgabe am Morgen künftig wegen des frühen Andrucks de facto alle späten Fußballspiele fehlen werden. Und ob es nicht eine eigenartige Strategie ist, wenn ausgerechnet eine Boulevardzeitung sich freiwillig aus einer ganzen Reihe von „stummen Verkäufern“ zurückzieht. Aber das würde vermutlich etwas zu weit führen. Bei der „tz“-Konkurrenz jedenfalls dürften sie aktuell dauerbesoffen vor Glück durch die Redaktion wanken.

Womöglich allerdings werden wir irgendwann in ein paar Jahre die Balle-AZ als ein Exempel verwenden. Als Beleg dafür, wie grundverkehrt die Annahme war, nur das Internet habe die Zeitungen zerstört. Wie wichtig es stattdessen gewesen wäre, sich Gedanken über adäquaten Journalismus zu machen. Für die Erkenntnis, dass man von Synergien und Kostenreduktion alleine eben doch nicht leben kann.

Und schließlich vielleicht auch noch dafür: Am Ende des Tages sind Leser nichts anderes als ganz normale Kunden. Sie zahlen für etwas, womit sie zufrieden sind. Wenn sie das mal nicht mehr sind – dann könnte es am Produkt liegen. Und nicht am Leser.

AZ: Die Rettung, die keine ist

Die Kollegen auf den Medienseiten haben am Dienstag jubiliert: Die ebenso traditionsreiche wie insolvente „Abendzeitung“ in München ist gerettet. Der niederbayerische Verleger Martin Balle („Straubinger Tagblatt“) hat das Blatt übernommen. Allerdings unterliegen die Kollegen einem Trugschluss: Seit Dienstag gibt es keine „Abendzeitung“ mehr. Es gibt nur noch ein Blatt, das so heißt.

Zunächst einmal die Fakten: Balle ist ab sofort Mehrheitseigner, daneben beteiligt sich der Anwalt Dietrich von Boetticher an der Übernahme. Die „Süddeutsche Zeitung“ vermutet, dass Balle nicht mal eine Million Euro für die Traditionszeitung bezahlen musste. Von den knapp 100 Mitarbeitern des Verlags will Balle nach eigener Aussage maximal 25 übernehmen. Nach Tarif werden sie nicht bezahlt werden, auch das hat der Verleger bereits deutlich gemacht. Mit dem zynisch-ehrlichen Hinweis, bei keiner seiner Zeitungen Tarif zu bezahlen. Bei seinen niederbayerischen Blättern begründet er dies gerne damit, dass dort ja auch die Lebenshaltungskosten nicht so hoch seien. Wie man in München mit einem untertariflichen Gehalt überlebt, hat Balle noch nicht erklärt.

Das Blatt soll gedruckt wie online weiterbestehen. Weil das mit 25 Leuten naturgemäß nicht wirklich gut funktionieren kann, will Balle möglichst viel an Material aus seinem „Straubinger Tagblatt“ in der AZ unterbringen. Das „Straubinger Tagblatt“ ist also künftig eine Art „Mantelredaktion“ für die AZ – und da gehen die Schwächen der vermeintlichen Rettung bereits los. Das „Tagblatt“ ist eine extrem konservativ geprägte Heimatzeitung, deren Anspruch alles mögliche ist, nur nicht der, den die AZ mal hatte und den eine Großstadtzeitung generell haben muss. Und man tritt den Kollegen in Straubing auch ganz sicher nicht zu nahe, wenn man sagt: Das“Straubinger Tagblatt“ ist nicht gerade die erste Adresse, die einem einfällt, wenn man von einem journalistischen Profil und dem dazu gehörenden Anspruch spricht.

Davon abgesehen: Es ist ja nicht so, dass die Mantelredaktion in Straubing eine gut geölte Maschine für journalistische Inhalte ist. Politik und Wirtschaft bestehen zum allergrößten Teil aus dpa-Meldungen. Die kann man zwar auch in der AZ weiter verwursteln, aber wie soll ein Boulevard-Blatt aussehen, das aus Agenturmeldungen besteht?  Eigenen journalistischen Output liefern beim Tagblatt (neben den Lokalredaktionen) vor allem die Ressorts Niederbayern/Oberpfalz und der Sport. Für Niederbayern und die Oberpfalz wird sich aber in der Großstadt München ungefähr niemand interessieren, selbst wenn da plötzlich lauter Kisch-Preisträger in der Redaktion versammelt wären.

Der Sport vom „Tagblatt“ ist übrigens gar nicht mal schlecht. Aber seine Kernkompetenz besteht in erster Linie aus Eishockey und den „Straubing Tigers“. Was ja auch naheliegend ist: Der FC Bayern und die Fußball-WM liefern dpa, kein Mensch in Niederbayern kauft auch nur eine Zeitung mehr, weil ein Straubinger Sportredakteur in der Allianz Arena vor Ort ist. Was aber sollen dann die Sport-Kollegen aus Straubing der AZ zuliefern? Gerade der Sport wird in München bei fünf (!) Tageszeitungen vor Ort durch die kleinen Geschichten entschieden, die man nur hat, wenn man täglich präsent ist. Vielleicht sollte sich Verleger Balle mal einen Tag an den Trainingsgeländen vom FC Bayern und dem TSV 1860 gönnen. Und sich dann mal fragen, warum da wohl jeden Tag bei jedem Dreckwetter und selbst bei Nicht-Anlässen Reporter von AZ, tz und Bild München rumlungern. Bei tz und „Bild“ werden sie sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen, wenn sie künftig dieses Terrain für sich alleine haben, während in der AZ nette Storys über das Straubinger Eishockey und dpa-Geschichten über den Rest stehen.

Behalten will Balle das Lokale und das Feuilleton. Also, nur das, was man zum Überleben dringend braucht. Was Balle allerdings nicht hat: ein journalistisches Konzept. Eine Idee, was eine AZ der Zukunft ausmachen könnte. Balles Konzept zur Rettung besteht in erster Linie aus: sparen. Die AZ wird aus ihren bisherigen Räumen ausziehen, er druckt das Blatt künftig (in einem kleineren Format) in wesentlich geringerer Auflage selber. Und Arno Makowsky als Chefredakteur wird gehen. Natürlich ist das Reduzieren von Kosten in der jetzigen Situation unabdingbar. Aber wenn es das einzige ist, was Balle zu bieten hat, dann kann man sich das Ende des von Balle vorläufig auf ein Jahr begrenzten Experiments schon jetzt vorstellen. Wer übrigens sehen will, wie eine Zeitung aussieht, deren wesentliches Credo es ist, möglichst billig hergestellt zu werden: Nach einem Probeabo des „Straubinger Tagblatts“ wissen Sie es.

Natürlich hat Balle erzählt, was aus seiner Sicht inhaltlich mit der AZ passieren soll. Eine Art familien- und heimatfreundliches Boulevardblatt soll daraus werden, stellt er sich vor. Da würde man ihm wünschen, sich vorher mit dem Publikum in München auseinandergesetzt zu haben. Natürlich ist familienfreundlich immer toll, aber ob das ausgerechnet in Deutschlands Single-Hauptstadt eine wirklich probate Idee ist? Und heimatfreundlich? Für seine niederbayerischen Blätter hat Balle schon des öfteren postuliert, es sei nicht ihre journalistische Aufgabe, ständig jemandem weh zu tun. Mag sein, dass das in Niederbayern so ist. Aber erstens ist München München und zweitens war die AZ immer dann gut, wenn sie gegen den Strom geschwommen ist. Oder anders, verlegerfreundlicher formuliert:  wenn sie mal jemandem wehgetan hat. Insbesondere denen, denen das tiefschwarze „Tagblatt“ ausgesprochen ungern wehtut und es deshalb auch nie tut.

Dazu kommen Voraussetzungen, für die Balle nichts kann. Aber die er kennen müsste, wenn er sich auf den Münchner Markt traut. In München tummeln sich fünf Tageszeitungen, davon drei Boulevardblätter. Das alleine ist schon ein brutaler Wettkampf. Die AZ wird weiterhin diejenige bleiben, die die wenigsten Synergien mit anderen aufweisen kann. Vor allem auf dem Boulevardmarkt. Die tz profitiert von ihrer Stellung innerhalb des Verbundes der Ippen-Blätter und die Bild ist die Bild. Balle schafft jetzt tatsächlich ein paar Synergien. Aber er hat eben nur das „Straubinger Tagblatt“, die anderen gehören zu Deutschlands Verlagsriesen.

Und schließlich noch das: Die Abendzeitung hatte in den letzten Jahren einen ordentlich funktionierenden Online-Auftritt aufgebaut. Einen, der für ein lokales Angebot gute Abrufzahlen aufwies. Nicht umsonst dürften die anderen bisherigen Bieter für die AZ, insbesondere die SZ und die Ippen-Gruppe, ihre Angebote ausschließlich auf die Online-Ausgabe bezogen haben. Balle selbst hat es mit dem Internet nicht so sehr, weder persönlich noch strategisch. Und es dürfte kein Zufall sein, dass Balle seine Übernahme der AZ vor allem damit begründet, dass er an Print glaubt und ein entsprechendes Zeichen setzen wolle. Von Online war keine Rede.

Nein, diese Rettung der AZ ist keine. Sie hat nur ihr langsames Sterben verzögert.

Am besten tun wir gar nix

Vor ein paar Tagen hat der Redakteur Ralf Heimann bekanntgegeben, demnächst seinen Dienst bei einer Tageszeitung in Münster zu quittieren. Heimann ist weder ein Berufseinsteiger, der gerne woanders hin will, noch ist er ein frustrierter alter Mann, der es sich jetzt leisten kann, in den Vorruhendstand zu gehen – und deshalb mit einem lauten Knall hinwirft. Das heißt, Frust mag in seiner Entscheidung schon eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Ein Journalist, der früher gerne mal gerne Zeitung gemacht hat, lässt seinen Job einfach mal so hinter sich, in Zeiten wie diesen, wo sie anderswo um ihre Jobs bangen (dazu später dann mehr): Hat der Mann sie nicht mehr alle? Vermutlich schon, zumal ihm die Dimension seines Handels schon klar ist: „Operation Harakiri“ hat er augenzwinkernd seinen Blog genannt, auf dem er aktuell ziemlich viele Einblicke in das Seelenleben eines frustrierten Redakteurs gibt, der sich dennoch die Freude an seinem Beruf nicht einfach so nehmen lassen will.

Seine Geschichte sagt eine ganze Menge darüber aus, wie es gerade um unseren Berufsstand bestellt ist.  Ich kenne Ralf Heimann nicht persönlich und kann deswegen nur mutmaßen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es bei dieser Kündigung nicht so sehr um das Medium Tageszeitung alleine geht, von dem er sich nach eigenen Worten „entfremdet“ hat. Das deswegen nicht,  weil man von dieser Entfremdung ziemlich viel spürt momentan, vor allem dann, wenn man sich mit jüngeren Kollegen unterhält. Von denen man ja eigentlich denken sollte, dass sie noch mit einigermaßen Spaß bei der Sache sind, anders als jemand, der vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ganz so glücklich ist mit dem, was er seit 20 Jahren so macht.

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Im Mai war ich eingeladen beim Gewerkschaftstag des DJV in Nordrhein-Westfalen. Ich sollte dort so eine Art Keynote halten und mit rund 20 Minuten Redezeit zum Thema „Digitaler Journalismus“ auf den Tag einstimmen. Dummerweise liefen mir genau in der Woche davor eine ganze Menge junger Kollegen über den Weg: Volontäre und Studenten, die seit kurzem in diesem unserem Beruf tätig sind oder es demnächst dann mal sein wollen. Was ich erlebt habe, war genau das, was Ralf Heimann in weiten Teilen seiner Blogeinträge beschreibt. Mit dem Unterschied, dass die Herrschaften noch keine zehn Berufsjahre auf dem Buckel hatten. Die Beobachtungen waren dennoch weitgehend identisch. Dazu kam allerdings die Perspektive von jungen Journalisten, die instinktiv bemerken, dass irgendwas schief läuft, gerne dazu beitragen würden, daran etwas zu ändern und immer wieder gegen Mauern laufen.

Die Mauern waren allerdings nicht nur, wie man jetzt vorschnell annehmen könnte, irgendwelche böse Verleger und Chefredakteure (die natürlich auch). Sondern mindestens genauso die lieben Kollegen, die seit etlichen Jahren in den diversen Redaktionen sitzen und am liebsten schlichtweg negieren würden, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas angebahnt hat, was mit „Digitalisierung“ nur sehr technokratisch beschrieben ist und tatsächlich nichts anderes ist als die radikalste Veränderung unseres Berufs seit Menschengedenken. Der Schlag Kollegen, den vermutlich auch Ralf Heimann gut genug kennt. Dessen Philosophie darin besteht, dass sich am besten einfach nichts ändert. Egal was da draußen passiert.

Dazu kommen bei vielen Studenten ernste Zweifel, ob sie es denn wirklich mit diesem Beruf versuchen wollen. Angesichts der weiterhin eher unerfreulichen Meldungen aus der Branche ist das nicht einmal etwas, was man ihnen vorwerfen könnte. Aber was soll eigentlich aus dem Journalistenberuf künftig werden, wenn man es auf der einen Seite mit tief sitzendem Frust an der Basis bei denen, die schon drin sind zu tun hat? Und mit massiven Zukunftsängsten bei denen, die erst noch rein wollen? Das war der Grund, warum ich ziemlich spontan mein eigentliches Thema geändert und die 20 Minuten dafür genutzt habe, meinem Unmut darüber Ausdruck zu geben, welch unsinnige Debatten wir immer noch führen.

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 Ist die Zukunft des Journalismus jetzt digital oder doch eher analog oder eine Mischung aus beidem? Ist das Internet schuld daran, dass es gerade eben mal nicht so gut geht und wir es deshalb immer wieder mit unschönen Meldungen wie inzwischen schon seit Wochen beim weiterhin offenen Schicksal der Münchner „Abendzeitung“ zu tun haben. Schon klar, die Disruption greift weiter um sich: Über die AZ haben wir genug gelesen, wir kennen die Zahlen von zweitstelligen Millionenverlusten pro Jahr. Aber auch ein Blatt wie die FAZ schreibt nunmehr schon im zweiten Jahr hintereinander unerfreulich hohe Millionenverluste. Und selbst der „Münchner Merkur“, den man bisher für weitgehend krisenresistent hielt, muss sich auf schlechtere Zeiten einstellen (dass es ausgerechnet die FAZ war, die über Befürchtungen berichtete, es komme dort zu betriebsbedingten Kündigungen, war dann nicht ganz ohne Ironie). Man könnte noch eine ganze Zeit weitermachen mit der Auflistung insbesondere von darbenden Tageszeitungen, es macht nur keinen großen Sinn. Dass die bisherigen Geschäftsmodelle irgendwann mal an ein Ende kommen, das bestreitet vermutlich niemand mehr, die Suche nach den neuen Modellen hat schon lange begonnen.

Immer noch nicht richtig begonnen hat dagegen die Debatte über den Ist- und Sollzustand des Journalistenberufs. Zumindest dann nicht, wenn man darunter mehr versteht als Tarifverhandlungen um ein paar Euro mehr Gehalt und ein paar Minuten weniger Arbeitszeit. Es geht ja schließlich nicht nur darum, auf welchen Kanälen man Journalismus künftig am besten vertreibt. Stattdessen würden ein paar Gedanken nicht schaden, welchen Journalismus man eigentlich künftig gerne hätte. Das schon alleine deswegen, weil sich ja immer noch die Frage stellt, ob die nicht übermäßig ausgeprägte Zahlungswilligkeit des Publikums, die sinkenden Auflagen und Umsätze und das Abwandern von den linearen TV- und Radioprogrammen nicht auch etwas mit den Inhalten zu tun haben könnten.

Oder anders gefragt: Wer soll eigentlich Journalismus machen, den man gerne konsumiert und dann auch noch dafür bezahlt, wenn sich die fatale Mischung aus Unlust,  Verweigerungshaltung und Zukunftsangst auch nach außen hin bemerkbar macht? Womit wir dann wieder beim Kollegen Ralf Heimann wären. Ich war selbst lange genug Lokalredakteur, um bei seinen Schilderungen nicht etwa den Kopf zu schütteln, sondern mir lediglich zu denken: Da hat sich aber nicht sehr viel geändert in den letzten 15 Jahren. Ich war ein bisschen über 30, als ich mich davon verabschiedet habe. Wenn ich Heimann so lese und mich mit Volontären unterhalte, komme ich zu dem Schluss: Wäre ich geblieben, wäre ich heute Alkoholiker. Oder Zyniker. Oder beides.

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Auf diese schlaue Idee sind nur dummerweise in den letzten Jahren viele andere auch gekommen. Ich weiß nicht, was aus den ganzen Studenten geworden ist, die ich in den letzten Jahren in Passau in meinen Veranstaltungen gehabt habe. Ich weiß aber sicher, dass ein ganz beträchtlicher Teil erst gar nicht in den Journalismus gegangen ist, obwohl sie das eigentlich mal wollten und sie ihren Studiengang ja auch nicht ganz ohne Grund gewählt hatten. Es waren, so viel kann ich sicher sagen, nicht die Schlechtesten, die unserem Beruf verloren gegangen sind.

Und da reden wir dann tatsächlich noch über diese Sache mit dem Internet? Darüber, dass man jetzt vielleicht irgendwie multi- und crossmedial arbeiten könnte und versuchen müsste, auch im Netz ein paar Erlöse zu erzielen? Man müsste viel mehr darüber reden, wie wir es hinbekommen, dass man in diesem Beruf wieder in ordentlichen Rahmenbedingungen arbeiten kann. Dass man sich für diesen Beruf wieder begeistern kann, weil es (Achtung, sehr hohles Pathos!) ohne Begeisterung und Leidenschaft in diesem Beruf nicht geht.

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Irgendwann in diesem Mai war es dann auch soweit, dass sich die Hoodie-Debatte um den Kollegen Stefan Plöchinger und die SZ wieder beruhigte. Plöchinger ist mittlerweile Mitglied der SZ-Chefredaktion und alles in allem hat sich bei dieser Debatte dann auch mal wieder gezeigt, dass eben doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Bei der SZ waren sie also vernünftig, holten sich einen ausgewiesenen Top-Digitaler in die Chefredaktion und lassen ihn dabei sogar dem Vernehmen nach Kapuzenpullis tragen. Das ist für beide Seiten vermutlich die beste Lösung.

Allerdings kann man aus der inzwischen abgeebbten Hoodie-Debatte auch anderes rauslesen. Nämlich, dass das, was selbstverständlich sein sollte, noch lange nicht selbstverständlich ist. Selbstverständlich müsste es sein, dass jedes bisher analoge Medium mindestens einen Onliner in seine Chefredaktion holt. Einen, der mehr kann, als ein irgendwie erträgliches Onlineangebot zu erstellen und ansonsten nicht sehr viel zu schmettern hat. Sondern einen, der zugleich in der Lage ist, zukünftige Optionen zu erkennen und entsprechende Projekte umzusetzen. Doch das sind immer noch Ausnahmen.

Der vorhin schon erwähnte „Münchner Merkur“ beispielsweise hat sich zum Jahreswechsel mit Bettina Bäumlisberger eine neue Chefredakteurin besorgt. Frau Bäumlisberger war irgendwann mal beim „Focus“ und dann Pressesprecherin einer bayerischen Landtagsfraktion. Sie ist bestimmt eine prima Journalistin und womöglich sogar eine gute Chefredakteurin. Von einer digitalen Expertise ist allerdings weder bei ihr noch beim Rest der Chefredaktion irgendetwas bekannt. Da ist der „Merkur“ ganz sicher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Was das sowohl für die inhaltliche Ausrichtung als auch die digitalen Perspektiven bedeutet, kann man sich leicht ausrechnen.

Keine sehr guten Nachrichten für Volontäre und Studenten vermutlich. Leider allerdings auch nicht für den Rest des Journalismus.