Schöner klicken mit Edathy

Das Thema Edathy zeigt, woran es im digitalen Journalismus gerne krankt:  Til Schweiger und „stern.de“ haben gerade mal wieder bewiesen, dass komplexe Zusammenhänge nur stören, wenn es schnell gehen soll…

Natürlich habe ich nichts für Pädophile übrig. An Kinderpornographie ist nichts zu relativieren. Sebastian Edathy ist kein Mensch, der mir sonderlich sympathisch wäre. Sein von einem erstaunlichen Maß von Selbstgerechtigkeit geprägtes Verhalten vor, während und nach der juristischen Aufarbeitung seines vermutlich bis in alle Ewigkeit unklaren Besitzes von Material, das zumindest in die Nähe der Kinderpornographie gerückt werden kann, halte ich nur für schwer auszuhalten.

Das muss man mittlerweile schon vorwegschicken, will man nicht sofort in die Ecke eines Pädophilen-Sympathisanten gerückt werden, wenn man auch das, was in deutschen Medien in den letzten Tagen passiert ist, für unsauber hält. Bei „stern.de“ beispielsweise durfte sich Til Schweiger über das Edathy-Verfahren auslassen. Schweigers Qualifikation besteht in erster Linie darin, Vater von vier Kindern zu sein. Nach dieser Logik hat er natürlich mehr Recht dazu sich zu äußern, doppelt so viel wie ich beispielsweise. Ich habe nur zwei Kinder. Der Rechtsexperte Schweiger gibt mit markigen Worten die vox populi und nimmt damit der Redaktion ein bisschen die Drecksarbeit ab. Schweiger wechselt munter zwischen völliger Ahnungslosigkeit,  wüsten Spekulationen und erstaunlichen Unlogiken hin und her, die letztlich nur auf eines rauslaufen: Sie bedienen dieses unsägliche „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“-Gefühl, das in den letzten Jahren zunehmend zu einem argumentativen Platzhalter für all die geworden ist, die sich weigern, sich mit manchmal komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen.

“ Warum kann ein Mann, bei dem erwiesenermaßen strafbares Material gefunden und diese Tatsache in einem amtlichen Bericht dokumentiert worden ist, warum kann dieser Mensch das Gericht als freier Mann verlassen?“, schreibt Schweiger als Quintessenz  – und bringt mit diesem einem Satz das ganze Elend seines (und vieler anderer) Texte auf den Punkt. Man würde Schweiger am liebsten fragen, welche Antwort er denn auf diese rhetorische Frage hat. Wenn man Schweiger von einem Juristen antworten lassen würde, er würde ihm sagen: Genau das ist das Problem, Herr Schweiger. Man hat eben nicht „erwiesenermaßen strafbares Material“ gefunden. Wäre das so gewesen, kein Jurist dieses Landes hätte Edathy mal eben so laufen lassen. Dabei hat Schweiger die ganze Problematik dieser Geschichte selbst schon erkannt – und schreibt: „Ich kann nicht beurteilen, welche Beweise vorlagen; immerhin hat die Staatsanwaltschaft den Mann vor Gericht gebracht.“ Genau das ist das Problem. Dass übrigens jemand von einer Staatsanwaltschaft vor Gericht bringt, sagt noch nicht sehr viel aus über die tatsächliche Schuld eines Angeklagten. Wenn jeder als schuldig zu gelten hätte, der nur vor Gericht steht, unser Rechtssystem stünde völlig auf dem Kopf. Aber Hauptsache, man bedient ein inzwischen weit verbreitetes Lebensgefühl: Die da oben sind alle bekloppt, haben jegliche Maßstäbe verloren, lassen Pädophile einfach laufen und nehmen dafür arme Fußballer, die ein paar Jahre ohne Führerschein fahren, so richtig heftig ran.

***

Fakt in diesem Fall ist: Edathy wurde nicht mit 5000 Euro „bestraft“, das Verfahren wurde gegen diese Geldauflage eingestellt. Edathy ist auch nicht wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material verurteilt, er ist auch nicht vorbestraft. Man kann also bestenfalls über moralische Aspekte seines Verhaltens debattieren, aus juristischer Sicht ist der Fall abgeschlossen und die Einstellung (ebenfalls aus juristischer Sicht) korrekt. Das ist nicht ganz einfach zu erklären und vielleicht auch nicht ganz einfach auszuhalten. Zumindest wenn man sich den Schweiger-Text und die knapp 3000 überwiegend positiven Bewertungen seines Textes bei „stern.de“ ansieht und wenn man sich vor Augen führt, dass bald 200.000 Menschen in einer Petition den Bundestag auffordern, die Einstellung zu kassieren. Das zeugt von verblüffender Ahnungslosigkeit, wenn man ernsthaft den Bundestag zu so etwas aufforden will; wer das nicht kapiert, kann mal den schönen Begriff „Gewaltenteilung“ googlen. Das hindert aber Medien wie beispielsweise die „Abendzeitung“ nicht, nicht nur über die sinnbefreite Petition zu berichten, sondern auch noch direkt dorthin zu linken. Ganz so, als würde das irgendwas an diesem juristischen Ausgang des Verfahrens ändern.

Das alles kann man natürlich abtun als kleine, lässliche Sünden. Und als ein bisschen Perfidie seitens „stern.de“, wo man sich und den eigenen Populismus versteckt: Waren ja nicht wir, war der Schweiger! Tatsächlich aber müsste man von Journalisten gerade jetzt in Zeiten der weit verbreiteten „Man wird ja noch sagen dürfen“ und der „Wir werden zur Bananenrepublik“-Haltungen verlangen können, dass sie komplexe Sachverhalte erklären. Dazu würde beispielsweise gehören, dass man ausgiebig aufschreibt, warum die Einstellung des Edathy-Verfahrens juristisch korrekt war.  Und man müsste dazu noch erläutern, dass es mindestens schwierig ist, angesichts des in dubio pro reo-Grundsatzes öffentlich über einen Sachverhalt zu urteilen, bei dem außer der Justiz und dem Betroffenen niemand das eigentliche corpus delicti gesehen hat. Man müsste seinen Usern, und seien sie noch so aufgebracht, sanft erläutern, dass der Bundestag und dessen Petitionsausschuss das Edathy-Verfahren gar nicht anfechten können, selbst wenn noch 37 Millionen weitere Unterschriften dazu kämen. So wie man ihnen auch erklären müsste, dass der Steuersatz in Deutschland und die Milliarden-Hilfen für Griechenland nicht in einem direkten Zusammenhang stehen.

Aber für so viel Feingeisterei ist anscheinend nicht Platz und Zeit genug. Petitionen und Likes und kommentierende Schauspieler lassen sich sehr viel schöner und schneller an den Mann bringen. Reicht ja, wenn man sich dann bei der nächsten Pegida-Demo wieder ein bisschen echauffiert.

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3 Kommentare

  1. Es gibt schon Platz dafür, Thomas Fischer hat in der ZEIT [zumindest online, weiss nicht, ob das gedruckt wurde] eben diesen genutzt, um dem Mob mal zu sagen, was Sache ist – und wie die Konsequenzen aus dessen Forderungen aussähen.

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