Journalismus 2015: Wie geht´s uns?

Im November soll ich eine Keynote über den Zustand des (digitalen) Journalismus halten. Jetzt grüble ich seit Wochen über der komplizierten Antwort auf eine simple Frage: Wie geht es uns eigentlich?

Eigentlich könnte die Sache eine ganz einfache sein: In unserer Branche ist man tendenziell mit einer Mischung aus Defätismus, Pessimismus und Fundamentalkritik ganz gut aufgehoben. Packt man dann noch ein bisschen Bullshit-Bingo dazu, moniert man die Verschlafenheit, die Unfähigkeit, die mangelnde Recherche und fügt man dann noch in verklausulierter Form hinzu, dass die Dinge früher ohnehin etwas besser waren, dann hat man vermutlich rund 80 Prozent der Journalisten tendenziell auf seiner Seite. Und von digitalen Medien haben sie alle keine Ahnung, außer man selbst natürlich (ich muss dabei übrigens immer an den wunderbaren Kabarett-Titel „Alles Schlampen außer Mutti“ denken).

Auf den Gedanken bin ich gekommen, weil ich am 5. November in Hamburg bei dieser feinen Veranstaltung hier die Keynote sprechen darf (auch so ein typisches und in sozialen Netzwerken gern gesehenes Understatement: Ich darf irgendwo meinen Senf dazu geben; in Wirklichkeit bin ich natürlich stolz wie Bolle). Das Thema der Keynote ist so verlockend wie tückisch: Es soll eine Art Bestandsaufnahme werden, wie es uns denn nun geht. Dem Journalismus als solchen und irgendwie auch uns, die wir ihn tagtäglich machen. Eine böse Falle, die mir Prof. Volker Lilienthal da gestellt hat. Seitdem komme ich mir vor wie ein Student, der gerade erkennt, dass das Thema der Hausarbeit, das sich der Prof ausgedacht hat, viel verzwickter ist, als es am Anfang aussah.

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Variante eins wäre also die einfache, eingangs beschriebene. Fundamentalkritik geht immer. Die „Krautreporter“ haben damit sogar mal eine ganze Million Euro gecrowdfundet, mit Fundamentalkritik ist sogar ein völlig neues Berufsbild namens Medienkritiker entstanden, was immer das auch sein mag. Das „Bildblog“ würde schlagartig drei Viertel seiner Leser verlieren, würde es jeden Tag zwei Geschichten bringen, die irgendwelche Medien mal so richtig gut gemacht haben, Niggemeier liest man vermutlich deswegen gerne, weil er es den unterschiedlichsten Kollegen regelmäßig aufs Neue mal so richtig gibt. Um bei „Turi2″ verlinkt oder zitiert zu werden, muss man sich über irgendwas so richtig ärgern oder es wenigstens kritisieren, monieren oder gerne auch mal zum Scheitern verurteilt sehen.

Meine eigenen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Vor Jahren hatte ich in diesem Blog mal versucht, eine kleine Rubrik mit positiven Beispielen zu etablieren. Es blieb beim Versuch, weil das ungelogen die Beiträge mit den schlechtesten Klickzahlen aller Zeiten waren (und so viel Quotensau steckt dann doch noch in mir, dass ich will, dass der Quark hier wenigstens von ein paar Leuten gelesen wird). Umgekehrt kann ich auch verraten, dass in den letzten fünf Jahren drei Beiträge die höchsten Klickzahlen erreichten. Die Themen: erstens ein Krautreporter-Verriss, zweitens eine fundamentale Kritik an den Krautreportern und drittens eine hochgradig pointierte Kritik an den Krautreportern. Wenn mir mal die Leser ausgehen, schreibe ich was über die Krautreporter.

Die Rechnung geht also so: Ich stelle in Hamburg die These auf, dass der Journalismus ziemlich kaputt ist, die meisten Verlage und Sender die Entwicklungen (welche auch immer) verschlafen haben und streue dann noch die Buzzwords ein, die man bei Turi2 gerne liest. Ich vermute, es gäbe Beifall im Publikum, ein paar hübsche Tweets und bei Turi2 ein schönes Zitat mit dem Hinweis „Medienkritiker Christian Jakubetz kritisiert, dass der Journalismus kaputt ist“.

Hübscher Gedanke, das. Noch dazu mit dem Effekt, dass ich endlich mit „Medienkritiker“ einen wohlklingenden Beruf angeben könnte, wenn mich jemand fragt, was ich so mache. Bisher nehmen meine Antworten auf diese Frage gut und gerne mal ein paar Minuten in Anspruch.

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Bei Variante zwei müsste ich erheblich länger nachdenken, weil sie so einfach und leider auch so publikumswirksam nicht ist. Aber dafür ehrlicher.

Immerhin denke ich jetzt schon seit Sommer immer wieder mal darüber nach, was ich wohl erzählen könnte. Wie ich dieses vermeintlich so einfache Lilienthal-Thema beantworten könnte. Weil es ja umgekehrt natürlich keineswegs so ist, dass alles ganz wunderbar ist in dieser Branche, von ein paar kleinen Ausreißern abgesehen.

Auf jedes Beispiel, egal ob positiv oder negativ, fällt mir immer sofort eines ein, das genau das Gegenteil belegt. Ich entdecke fast jeden Tag ganz großartige Dinge, ganz egal ob im Netz, im TV, im Radio oder auf Papier. Nur um kurz darauf wieder Sachen zu sehen, an denen man verzweifeln möchte. Die Lage ist also alles andere als übersichtlich, zumal ich unlängst sogar mal eine Periscope-Reportage des „Bild“-Reporters Paul Ronzheimer gesehen habe, die ich einigermaßen beeindruckend fand. Dabei war man bisher ja wenigstens damit auf der sicheren Seite, wenn man über die „Bild“ im Allgemeinen und über Ronzheimer im speziellen was Böses gesagt hat. Und die Chance auf einen trafficbringenden Link beim „Bildblog“ hatte man auch.

300Oder der „Spiegel“. In nahezu jeder Ausgabe ärgere ich mich über routiniert hingeschluderte Texte, die immer und immer wieder die alten Klischees bedienen und die heimlich von einem Textautomaten geschrieben werden. „Spiegel Online“ ist schon lange zur Routine erstarrt und die Idee eines Babo-Checker-Portals für 18jährige flasht mich jetzt auch nicht so, dass ich in ihr die Rettung des Journalismus entdecken würde. Und die Titelbilder! Die TITELBILDER! Manchmal frage ich mich, ob nicht in Wirklichkeit die „Titanic“ die Grafikabteilung des Blattes gekapert hat.

Auf der anderen Seite lese und sehe ich dann aber immer wieder Stücke, die sind zum Niederknien gut. Alleine Cordt Schnibbens Stück über die „Gutmenschen „, die sich als freiwillige Helfer für Flüchtlinge engagieren, war die Abo-Gebühr für ein Quartal wert.

Und überhaupt: Es ist zwar auf der einen Seite vergleichsweise einfach und manchmal auch billig, sich über die etablierten, alten Tanker zu amüsieren. Aber Beispiele wie eben die vielzitierten Krautreporter haben mir dann halt doch gezeigt, dass es andere eben auch nicht besser können. Im Gegenteil: Nach zwei Monaten intensiver KR-Lektüre war ich dann um „Spiegel“, SZ oder FAZ oder auch die gute alte Tante ARD wieder ziemlich froh. Auch und gerade im Netz. Halten Sie mich meinetwegen für einen alten, langweilen Knochen, aber ich finde das, was beispielsweise sz.de oder zunehmend auch faz.net und Zeit Online machen meistens zumindest so gut, dass ich nicht vor dem Rechner sitze und mir denke: Höchste Zeit,  dass es endlich einen neuen Journalismus gibt!

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Muss man den Journalismus überhaupt retten – und wenn ja,vor was? Als ausgesprochen hilfreich bei der Diskussion dieser Frage erweist es sich regelmäßig, wenn man die Perspektive  wechselt und die eigene Filter Bubble verlässt. Außerhalb meiner eigenen Journalisten-Blase jedenfalls nimmt man das Elend dieses Berufs sehr viel entspannter wahr. Sofern man nicht gerade „Pegida“-Anhänger ist und abends mit dem Schrei „Lügenpresse!“ durch die Straßen marodiert, wird man feststellen, dass man sich in diesem Land immer noch ziemlich wunderbar über alles informieren und sich bestens unterhalten lassen kann. Die Nicht-Journalisten in meinem Freundeskreis (doch, das gibt es!) sehen mich jedenfalls immer etwas entgeistert an, wenn ich ihnen erzähle, dass diese Branche ein einziger, dem Untergang geweihter Sumpf ist, der wahlweise lügt oder doof ist.

Ohne in die Schönrednerei von Festreden zu verfallen, muss man das vielleicht ab und an mal so grundsätzlich feststellen: Wir sind nicht in Italien, wo Ministerpräsident und Medienmogul für längere Zeit mal identisch waren. Wir sind nicht in einem dieser Länder, in dem dieser Beruf potentiell riskant ist. Bei uns kann jeder weitgehend das publizieren, was er will, und wenn es noch so großer Unsinn ist (ein Recht, von dem tagtäglich Gebrauch gemacht wird, wie ein  Blick auf die täglichen Unsinnigkeiten beweist).

Selbst die „Landesverrat“-Geschichte rund um „Netzpolitik.org“ hat sich am Ende als Posse erwiesen, auch wenn das für die Truppe von Markus Beckedahl natürlich zeitweise alles andere als lustig war. Aber auch das gehört eben zum Zustand der Medien in Deutschland: Am Ende haben Beckedahl und Freunde eine ganze Menge Solidaritäts-Geld bekommen, die treibende Kraft hinter den Ermittlungen konnte sich nicht mehr halten und Netzpolitik.org steht heute möglicherweise so gut wie noch nie da.

Wie überhaupt die Publizistik im Netz ziemlich ordentlich ist. Wem die etablierten Medien nicht passen, der kann jeden Tag großartige Sachen nach eigenem Gusto lesen, sehen, hören. Ganz ehrlich: Wer nicht in seinen Leselisten und Bookmarks deutlich mehr Zeug hat, als er jemals konsumieren kann, läuft entweder blind durchs Netz oder er ist Misanthrop.

Kann sein, dass wir das selbstverständlich finden. Es schadet trotzdem nicht, sich all das gelegentlich vor Augen zu führen, bevor wir dann alle wieder den apokalyptischen Reiter spielen und uns stundenlang darüber echauffieren, dass irgendjemand irgendwo einen leicht missratenen Beitrag veröffentlicht hat.

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Aber halt, war da nicht doch noch was? Diese ganze Geschichte mit dem Medienwandel? Dieser ganze digitale Kram, der Jobabbau in vielen Redaktionen, wenn sie nicht gleich ganz geschlossen wurden? Das Problem, Menschen zum Bezahlen von digitalen Inhalten zu bewegen? Natürlich haben wir im Journalismus ein handfestes ökonomisches Problem. Das zu leugnen, fällt selbst dem größten Optimisten schwer.

Kaum anzunehmen ist auch, dass diese Branche in fünf oder zehn Jahren noch so aussehen wird wie heute. Dumm nur, dass wir keinerlei Ahnung haben, wie sie sich stattdessen präsentieren wird; auch wenn es gerade in unserer Branche ausreichend Scharlatane gibt, die aus der Behauptung zu wissen, wie die Zukunft läuft, ein halbwegs florierendes Geschäftsmodell gemacht haben. (Hinweis: Ich arbeite selbst als Berater; falls Sie mich aber mit dem Ziel buchen wollen, danach exakt zu wissen, wie die nächsten Jahre verlaufen werden, bitte ich höflich, von Anfragen abzusehen).

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Kann aber ein  Journalismus funktionieren, dem die materielle Grundlage entzogen wird? Die Frage ist natürlich rhetorisch, weil das nicht geht. Beispiele dafür gibt es heute schon in Hülle und Fülle. Es gibt in nahezu jedem Teilbereich dieser Branche Redaktionen, die so am personellen und finanziellen Existenzminimum leben, dass sie nur noch Mumien-Journalismus produzieren. Inhalte, die vordergründig überdecken, dass darunter nichts mehr an Substanz da ist. Man muss dafür nicht mal besonders exponierte Beispiele nennen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Leser dieses Textes in seinem eigenen Umfeld in kürzester Zeit ein Exempel findet.

Natürlich kann man sich auch hier trösten, so ist es ja nicht: Mit jedem sterbenden Geschäftsmodell entsteht irgendwo auch ein Neues. Das haben uns andere Wirtschaftszweige vorgemacht, das erleben wir auch im Journalismus immer wieder aufs Neue. Es ist ja auch nicht so, dass es plötzlich keinen Bedarf mehr an gutem Journalismus mehr gibt. Im Gegenteil, ich glaube, dass dieser Bedarf in einer Zeit, in der man sich jeden Tag mit unfassbarem Müll zuschütten kann, eher steigen denn sinken wird.

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Wenn Sie es denn wirklich bis ans Ende dieses langen Textes geschafft haben, würde ich daraus zweierlei Rückschlüsse ziehen.

Zum einen: Die Behauptung, die digitalisierungsdummen Menschen des Jahres 2o15 würden keine langen Texte mehr lesen, ist ziemlicher Unsinn.

Zum anderen: Sie haben Interesse an diesen Themen und geben mir möglicherweise Feedback, ob diese Gedanken halbwegs tragbar sind und ob ich auf deren Basis meine Keynote für Hamburg weiterdenken soll (oder ob sie völlig doof sind und ich alle meine Notizen wegwerfe).

Vielleicht haben Sie sogar Lust, selbst vorbeizuschauen. Nein, nicht wegen mir, aber da sind noch sehr viele andere, ganz großartige Kollegen, wegen derer allein sich der Besuch lohnt. Anita Zielina von der NZZ beispielsweise, Cordt Schnibben (Spiegel), Dirk von Gehlen (SZ), Marco Maas (das lebende Datenpaket) und noch ganz viele andere tolle Leute.

Und natürlich Volker Lilienthal. Wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen, Herr Professor.

Echtzeit-Nichts

Es sind gerade goldene Zeiten für Nachrichten-Journalisten. Und für Menschen, die sich selbst als News-Junkies bezeichnen, obwohl dieser Begriff alleine schon verräterisch ist. In Asien sucht man nach einem mysteriös verschwundenen Flugzeug, in der Ukraine eine Lösung für einen schwelenden Konflikt und in München nach ein paar verschwundenen Steuermillionen und einem Urteil über Uli Hoeneß.

Und natürlich ist das wieder die hohe Zeit für Newsticker und Live-Blogs, für Tweets und alles andere, was inzwischen unter dem schönen Begriff „Echtzeit-Journalismus“ zusammengefasst wird. Das Dumme daran ist nur: An diesem Begriff stimmt nur der erste Teil. Mit Journalismus und mit Information haben die Fetzen, die man den ganzen Tag auf den großen deutschen Nachrichtenseiten so hingeworfen bekommt, nicht mehr sehr viel zu tun. Um genauer zu sein: eigentlich nichts.

Das wäre womöglich gar nicht so schlimm, wenn es nicht genau diese Online-Medien wären, die damit eine andere, zunehmend unschönere Seite im Netz befördern: die Neigung zu (vor)schnellem Urteil, ohne irgendetwas wirklich zu wissen, geschweige denn, es beurteilen zu können. Der fatale Hang zu dem, was inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch beschönigend Shitstorm genannt wird. Dabei handelt es sich dabei in den meisten Fällen nicht mehr um ernsthafte Debatten, sondern um das, was der Begriff impliziert.

Was soll auch rauskommen außer Shitstorms und vorschnelle Urteile, wenn beispielsweise „Spiegel Online“ die User dazu auffordert, etwas zu tun, was noch nicht mal ein Gericht kann? Nach eineinhalb Prozesstagen nämlich stellt „Spiegel Online“ ein Voting zur Debatte, das mit Journalismus nichts und stattdessen sehr viel mit wildem Spekulieren ohne jegliche Grundlage zu tun hat:

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Gute Frage – an alle Küchenpsychologen und Schlaumeier, von denen sich zum Stand dieses Screenshots  8398 sicher waren: Logisch, Hoeneß wollte alles nur verschleiern. Wenn vox populi dann abgestimmt hat und angesichts der suggerierten simplen Lösungen auch nur simple Antworten rauskommen können, ist die Basis gelegt für den nächsten Shitstorm, für die nächste Empörungswelle, die in den unendlichen digitalen Weiten exakt so lange anhält, bis der nächste Aufreger kommt. Mit ein bisschen Glück also: ein paar Stunden.

Auf welcher Grundlage man diese komplexe Frage nach den Hoeneß-Motiven beantworten soll, erklärt „Spiegel Online“ dann mal lieber nicht. Es ist ja auch „mühselig“, all diesen schwierigen Details zu folgen. Und mal ehrlich, soll man sich jetzt wirklich durch 70.000 Seiten Material arbeiten, die eine Schweizer Bank zur Verfügung gestellt hat, wenn es doch auch viel einfacher geht und wenn man mit einem Voting schneller zu einem Urteil kommen kann? Da ist es  wesentlich amüsanter, wenn man unmittelbar nach der Feststellung, wie mühselig das alles ist, einen Tweet zitieren kann, wonach ein Zuschauer Ärger mit der Polizei bekommen hat und vermutlich seinen Ausweis abgeben muss.

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Ansonsten lässt sich das, was dort (und nicht nur dort) getickert und gebloggt wird, mit einem Satz zusammenfassen: Nichts genaues weiß man nicht. Wie auch, wenn der Prozess eineinhalb Tage alt ist, ständig neue Informationen und Sachverhalte auftauchen und man auch als Laie schon seit dem ersten Tag ahnt, dass es mit den ursprünglich angesetzten vier Prozesstagen wohl nicht getan sein wird? Wie auch, wenn wir plötzlich über das rund Sechsfache der ursprünglich zu verhandelnden Betrags reden und über eine ganze Menge zusätzlicher Sachverhalte zudem? Das aber ist in der Systematik des Echtzeit-Journalismus nicht vorgesehen, weswegen der Ticker irgendwann mal beginnt, windelweich zu werden. Auszüge gefällig?

 

  • Es wird vermutlich nicht zu einer Urteilsverkündung am Donnerstag kommen.
  •  Es sei durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden.
  • Rupert Stadler, Audi-Chef und Stellvertreter von Hoeneß im Bayern-Aufsichtsrat, will sich weiterhin nicht zuZukunft von Hoeneß äußern.
  • Dass die kürzlich von Hoeneß überreichten Daten schon mehr als ein Jahr alt sind, war offenbar nicht ohne weiteres ersichtlich.

(Fettungen von mir)

Merken Sie was? Vermutlich muss man davon ausgehen, dass sich jemand offenbar zur Zukunft nicht äußern will. Das ist die gefühlte Quintessenz des sogenannten Echtzeit-Journalismus von heute nachmittag. Nichts genaues wissen, aber das sehr wortreich in rasanter Taktung weitergeben und als Interaktions-Attrappe die User fragen: Und, was sagt ihr dazu?

Nein, ich bin kein Kultur-Pessimist. Trotzdem glaube ich, dass eine solche Form des „Journalismus“ Menschen weder besser an den Geschehnissen beteiligt, noch dass dadurch irgendjemand klüger wird. Im Gegenteil, das ist eine Form von gefährlicher Information: Irgendjemand, der heute den ganzen Tag an diesem Ticker hing, ging mit Sicherheit mit dem Gefühl nach Hause, jetzt mehr zu wissen als heute vormittag. Dabei weiß er nach einem solchen Rumgetickere nichts, außer, dass heute der Hoeneß-Prozesss fortgesetzt wurde.

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Man mag diese eigenartige Form von „Information“ für ein Phänomen des Echtzeit-Journalismus halten. Tatsächlich sind diese bemühten Ticker und Liveblogs nichts anderes als die Quintessenz des (verkehrten) Wegs, auf den sich der Online-Journalismus in Deutschland begeben hat. Ein Weg, der hauptsächlich und immer noch wie seit vielen Jahren auf die vermeintlichen Stärken des Netzes setzt. Auf die Schnelligkeit, auf die Möglichkeit, vor jedem und allem anderen irgendwas zu melden. Ich fürchte, in vielen Redaktionen geht man immer noch davon aus, dass Nutzer im Netz nicht in der Lage und nicht willens sind, sich auf längere, erklärende und anspruchsvolle Stücke einzulassen. Das würde zwar diametral dem Erfolg beispielsweise von dem generell immer sehr ausgeruhten „Zeit Online“ widersprechen, aber offensichtlich ist das common sense bei vielen großen Nachrichtenseiten: Hauptsache schnell, erklären kann man dann ja immer noch genug. Dabei begibt man sich lediglich in ein nicht zu gewinnendes Rattenrennen, in dem die Klickzahlen zählen und eine Marke wie der „Spiegel“ sich sukzessive selbst ruiniert (bei „Focus Online“, wo heute zweitweise drei Ticker gleichzeitig liefen, existiert wenigstens kein Name mehr, den man noch ruinieren könnte).

Mich erstaunt immer wieder diese Mutlosigkeit gerade in digitalen Redaktionen. Diese Mutlosigkeit, mit der darauf verwiesen wird, dass der User es so wolle und dass man sich als potentieller Kostenverursacher auch irgendwie rechtfertigen bzw. finanzieren müsse. Das mag vordergründig nachvollziehbar sein, aber diese Argumentation führt in die Sackgasse. Weil inzwischen deutsche Nachrichtenseiten ziemlich oft klassische me-too-Angebote sind, die weitgehend das Gleiche machen und um dieselbe Klientel buhlen. Dabei gibt es einen Markt für anspruchsvollen, ordentlichen Online-Journalismus. Den machen dann dummerweise immer nur die, auf die wir dann auf irgendwelchen Panels verweisen, weil sie so vorbildlich sind.

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Letzter Gedanke am Rande noch: Beim „Tagesanzeiger“ in Zürich habe ich heute dieses Stück über Nordkorea gefunden. Kann mir jemand aus dem Stand drei deutsche Redaktionen nennen, die es in dieser Form und in diesem Umfang und derart prominent platziert ebenfalls gebracht hätten?