Online und seine Qualitäten

Bauchgefühl – aber das ist ja nicht immer das Schlechteste: Ich werde den Eindruck nicht los, als würden wir beim Thema Online/Multimedia seit Ausbruch des Zwonull-Wahns zu sehr über technische Applikationen und das ganze Partizipationsgedöns reden, als über das, was auch im digitalen Zeitalter immer noch am meisten zählt für den Erfolg eines journalistischen Angebots: Qualität, Kreativität, Originalität. Andersrum gesagt: Wenn – siehe Eintrag unten – Focus Online im Medium Magazin ankündigt, man wolle ernsthaft den Spiegel als unumstrittenen Marktführer attackieren, dann wird das nur über diese tradierten Werte aus der Old School gehen. Inhalt ist es immer noch, der zählt. Und weniger der technische Schnickschnack. Möglicherweise ist es exakt das, was mich an den vielen Ankündigungen und Repositionierungen der letzten Monate stört: Ich habe viele gehört, die völlig neuartiges Communityzwonullmachesensiemit-Web-Zeugs angekündigt haben. Ich habe keinen in Erinnerung, der gesagt hätte, er wolle sich auf journalistische Inhalte und deren Qualität konzentrieren – obwohl einige es wirklich ganz bitter nötig hätten.

Focus Relaunch

Mit einiger Spannung hatte ich auf den Relaunch von Focus Online gewartet. Immerhin hatte ja erst vor drei Monaten ein gewisser Herr Turi, Peter, im Medium Magazin die Wandlung des Focus so geschildert, als stehe die Neuerfindung des Web im Allgemeinen und des Online-Journalismus im Speziellen ganz nah bevor. Nach dem ersten, zweiten und dritten Blick bleibt erst einmal die Feststellung, dass es ganz so spektakulär dann doch nicht geworden ist. Focus online ist nach dem Relaunch zweifelsohne mehr state of the art als vorher, aber irgendwie lässt mich das Gefühl nicht los, das allermeiste schon mal irgendwo gesehen zu haben. Irgendwo so, als habe man in einem Online-Generator Spiegel Online und Welt Online zusammengeworfen. Vermutlich fände man das alles auch ganz ok, wäre nicht vorher das enorme Ballyhoo gewesen. So aber denkt man sich, ok – und klickt weiter.

Andersrum muss man FOL allerdings definitiv zweierlei zugestehen: erstens um Welten besser zu sein als noch vor zwei, drei Jahren. Und zweitens, dass es immer noch eine ganze Reihe von Online-Seiten bekannter, großer Medienmarken gibt, die in einem weitaus schlechteren Zustand sind. Man ist auf der Höhe der Zeit und macht einen soliden Auftritt. Und das ist ja schon mal was.

Nachtrag: Ein gewisser Herr Turi, Peter, der im Medium-Magazin schon mal vorab den Focus-Relaunch als Jahrhundert-Ereignis ankündigte, würdigt in seinem Blog den jetzt erfolgten Relaunch mit nicht weniger als einem „Whow“ und den Chefredakteur Wegner als „Pionier“ (Gute Freunde kann niemand trennen…). Als Argument führt Turi übrigens auch auf, Focus liege nunmehr „meilenweit“ vor sueddeutsche.de…ähm, das, verehrter Herr Turi, ist ja dann fast schon wieder eine Herabwürdigung, wenn man das noch ausdrücklich betonen muss.