Mediendemokratie auf niederbayerisch

In Bayern geschieht gerade Ungeheuerliches: Für die Besetzung des Präsidentenjobs bei der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien gibt es mehr als einen Kandidaten. Und nicht nur das: Der Kandidat ist gar kein Kandidat, sondern eine Kandidatin und sie stammt auch noch aus den Reihen der CSU, obwohl die CSU schon lange einen Kandidaten nominiert hat. Das klingt erst einmal verwirrend, ist es aber eigentlich gar nicht. Die CSU will den Staatskanzleichef Siegfried Schneider zum Nachfolger von Wolf-Dieter Ring machen. Die Opposition stellt eine Gegenkandidatin auf, die dummerweise auf eine enorme fachliche Expertise verweisen kann: Sie ist Medienprofessorin in München, war langjährige (und übrigens hochgelobte) Geschäftsführerin des Medien-Campus Bayern und sie ist gelernte Journalistin und war lange Jahre Redaktionsleiterin. Zumindest das macht sie zu einer ernstzunehmenden Kandidatin. Und dass es irgendwie zu einer Demokratie gehört, die Wahl zu haben, wollte man das ausgerechnet unter Journalisten ernsthaft bestreiten? Selbst dann, wenn Frau Goderbauer-Marchner CSU-Politikerin ist: Der Job bei der BLM ist kein Parteijob und auch wenn das in Bayern manchmal ein bisschen anders sein sollte, spräche auch nichts dagegen, sich aus 17 Kandidaten den Besten aussuchen zu können, selbst wenn sie alle 17 in ihrer Freizeit CSU-Stadträte sein sollten.

Erstaunlich ist dann aber doch, wie ausgerechnet Journalisten versuchen, die Kandidatur einer Kandidatin niederzuschreiben, an deren fachlicher Kompetenz kaum zu zweifeln ist. Weswegen es das „Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung“ auch mit anderen Argumenten versucht. In einem Kommentar schreibt der Niederbayern-Ressortleiter Bernhard Stuhlfelner durchaus Erstaunliches:

Man mag das für eine gute Wahl halten, weil die Hochschullehrerin Goderbauer-Marchner vom Fach ist. Andererseits für eine mäßige. Bei der Landshuter CSU-Stadträtin handelt es sich um eine außergewöhnlich ehrgeizige Frau, die zeitlebens ein ebenso ausgeprägtes Machtbewusstsein wie einen enormen Machtinstikt bewiesen hat. Sie greift zu, wenn es um einflussreiche, renommierte Posten geht – nicht immer erfolgreich.

Was für eine bizarre Idee: Man wirft einer Kandidatin vor, dass sie „außergewöhnlich ehrgeizig“ ist? Die Machtbewusstsein und Machtinstinkt hat und „zugreift“, wenn sich gute Jobs bieten? Wenn das ein Ausschlusskriterium ist, müsste man dem Herrn zu Guttenberg sofort sämtlichen Zugriff auf öffentliche Ämter verweigern und Franz Josef Strauß war demnach ein Unmensch, so vernetzt und machtbewusst wie der war. Das dämmert denn auch Stuhlfelner, der deswegen anführt, Frau Goderbauer-Marchner lasse sich gegen die eigenen Parteifreunde ins Feld bringen (natürlich nur zur „Befriedigung des eigenen Ehrgeizes“). Das sei ein einmaliger Vorgang, der nur dazu diene, „die Staatsregierung vorzuführen“ (die Staatsregierung tat mir dann auch direkt leid, als ich das lesen musste).

Das ist für eine Zeitungsredaktion ein ziemlich merkwürdiges Politik- und Demokratieverständnis. Wenn also sich die Staatsregierung einen Kandidaten ausgeguckt hat, dann ist es ein „einmaliger Vorgang“, wenn es für einen parteifernen Job eine weitere Kandidatin gibt? Die Staatsregierung wird damit „vorgeführt“? Wenn das die Idee des Blattes von Demokratie ist, möchte man sich dann doch wünschen, dass man das Blatt auch weiterhin einfach nicht erst nimmt.

Weil das alleine aber anscheinend noch nicht reicht und weil Gabriele Goderbauer-Marchner immer noch nicht bereit ist, im Büßergewand Abbitte zu leisten, hat sich jetzt auch der bekannt meinungsfreudige und gelegentlich etwas bizarr argumentierende Verleger des Tagblatts in einem Kommentar zu Wort gemeldet, den man getrost auch als eine öffentliche Beleidigung von Frau Goderbauer-Marchner verstehen kann. Balle unterstellt Frau Goderbauer unverblümt Inkompetenz und schreibt u.a.:

Um ein Bild zu bemühen: Auch der bekannte und erfolgreiche Busfahrer beim FC Bayern wäre überfordert, wenn er plötzlich die Mannschaft für das Champions-League-Finale aufstellen müsste.

Und auch Balle bemüht das „Loyalitätsargument“. Behauptet, dass sich die Kandidatin durch ihr illoyales Verhalten schon jetzt „unmöglich“ gemacht habe, was nebenbei bemerkt auch das ganze Elend der Verflechtung von Medien und Partei schön aufzeigt. Wenn ein Zeitungsverleger allen Ernstes die Loyalität zur staatstragenden Partei zum Kriterium macht, dann staunt man dann doch: Loyalität statt Qualität? Ob Professor Balle seine Redaktionen wohl auch nach diesem Prinzip besetzt?

Vollends ins Bizarre driftet Balles Kommentar dann ab, wenn er versucht, die Gründe herauszustellen, die für Schneider sprechen:

Wo es viele Bewerber um wenige Frequenzen gibt, braucht es gerade den fairen und salomonischen Schiedsrichter, dem am Ende alle Parteien im Ausschreibungsverfahren den weisen und ausgewogenen Schiedsspruch zutrauen.

Mag sein – aber ob nun ausgerechnet der ehemalige Minister und Staatskanzleileiter den salomonischen, weisen und ausgewogenen Schiedsrichter geben kann, das darf man getrost bezweifeln. Zumal man Schneider auch nicht unbedingt nachsagen kann, dass Medien sein auserkorenes Fachgebiet sind. Aber egal, findet Professor Balle — und schreibt, dass unter Schneider immerhin der  „viel beachtete Medienführerschein“entwickelt worden sei. Wer den so viel beachtet haben soll, schreibt Balle lieber nicht (vermutlich, weil es außer ein paar Ministerialbeamten niemand weiß). Muss man aber auch nicht, findet der Professor, weil der Kampf um das Präsidentenamt „im Sinne aller Beteiligten und Betroffenen eigentlich bereits im Vorfeld entschieden sein“ sollte (Balle meint vermutlich: in seinem Sinn).

Denn was das Tagblatt in allen Berichterstattungen hartnäckig nicht erwähnt: Frau Goderbauer-Marchner war Redaktionsleiterin der eigenen „Landshuter Zeitung“ und hat es dann gewagt, das Haus zu verlassen, um eine Professur anzunehmen. Das darf man im Hause Balle nicht (Illoyalität!), weswegen sich Gabriele Goderbauer-Marchner seit Jahren der unfreundlichen Begleitung ihres eigenen ehemaligen Blattes gewiss sein darf. Könnte ja auch daran liegen, dass man viele Jahre eine machtbessesene und illoyale Frau mit den Qualitäten einer Busfahrerin an führender Stelle beschäftigt hat.

Und so präsentiert der Herr Professor Dr. Martin Balle ungewollt den Journalismus in Bayern leider als das, was er häufig immer noch ist: als willfährigen Erfüllungsgehilfen der CSU zum einen, als gnadenlosen Vertreter eigener Interessen und Animositäten auf der anderen Seite. Und richtig, das ist jener Professor Dr. Balle, der erst unlängst in Tutzing über das böse Internet schwadronierte und die Qualitäten der guten alten Regionalzeitung ordentlich lobte. Der immer noch mit seinen Zeitungen rund 500.000 Menschen nahezu monopolartig bedient, Journalisten generell für überbezahlt hält und jeden Tag eine Zeitung auf den Markt wirft, die es mit der Qualität im Journalismus nur sehr eingeschränkt hält.

Der also hält eine Medienprofessorin für eine „Busfahrerin“, die illoyal und ehrgeizig und machtbesessen ist. Mediendemokratie in Niederbayern, ein echtes Lehrstück.

(Hinweis: Ich kenne Gabriele Goderbauer-Marchner seit vielen Jahren und habe mehrfach Projekte mit ihr und dem Mediencampus Bayern gemacht.)