Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.

Digitale Dolchstoßlegende

Jetzt also der „Mannheimer Morgen“: 40 Arbeitsplätze sollen dort im Lauf der nächsten Zeit wegfallen, 20 davon in der Redaktion. Die Branche nimmt solche Nachrichten inzwischen schulterzuckend zur Kenntnis. „Nur“ 40 Jobs sind immer noch besser als die nächste Insolvenz. Und ist diese Sache mit der Zeitungskrise nicht ohnehin unvermeidbar in Zeiten des Internets, das alles kaputt macht? Dabei zeigt genau dieser fatalistische Gedanke, dass in vielen Häusern noch immer eine essentielle Sache nicht verstanden wurde: Das Netz ist nur Teil des Problems. Ein kleiner Teil zudem. Der viel größere ist in vielen Fällen: das eigentliche Produkt. Das Blatt. Ein Überbleibsel aus den 80er Jahren, das man jetzt irgendwie noch in die Neuzeit hinüber retten will.

Was denn? Nicht das Netz als Ursache, als digitaler Borkenkäfer für Zeitungen, der langsam aber beständig alles auffrisst, was zuvor in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut worden ist? Wenn man eine solche These vertritt, wird man gerne angeschaut als würde man behaupten, der einzig verdiente Weltmeister 2014 wäre eigentlich England gewesen. Selbst bei denen, die es betrifft: Natürlich ist das Netz schuld an der Misere, wer denn sonst? Als vor kurzem der Kölner Zeitungsforscher Andreas Vogel die These vertrat, die Online-Medien seien nur ein nachrangiger Grund für den Niedergang, erntete er neben dem Erstaunen naturgemäß auch einiges an Widerspruch. Dabei hatte man es sich doch gerade so bequem gemacht in der Kuschelecke der einfachen Erklärungen.

***

Als wir zum letzten Weltmeister waren, hatten Zeitungen so viel Auflage wie noch nie in Deutschland. Die Zahlen näherten sich  der 30-Millionen-Grenze. Es gab noch keine Liveticker und kein Twitter und diesen ganzen anderen Kram, der in Beinahe-Echtzeit alles vorweg nahm, was eigentlich doch erst am nächsten Tag in der Zeitung stehen sollte. Davon abgesehen prophezeite ein gewesener Bundes-Kaiser damals gerade, die deutsche Mannschaft werde auf Jahre hinweg unschlagbar sei, weil zu dieser Weltmeister-Truppe jetzt auch noch der ganze Osten dazu komme. Damals wusste man allerdings auch nicht, dass neben dem Osten auch erst Berti Vogts und dann Erich Ribbeck kommen würden. Hätte man das eher gewusst, hätte vermutlich nicht mal der Kaiser einen solchen Firlefranz erzählt. Aber so ist das eben: Wie soll man schon wissen, was in der Zukunft wirklich passiert? Manchmal liegen sogar Beckenbauers hoffnungslos daneben.

Bei den deutschen Zeitungsverlagen hat damals zwar niemand behauptet, dass ihre Produkte über Jahre hinweg unschlagbar sein würden. Aber dass man in ernsthafte Probleme kommen könnte, das hatte man sich auch nicht gedacht. Wie auch, wenn man gerade auf dem Auflagengipfel steht?

Dabei – und damit kommen wir endlich zu dem Punkt, um den es eigentlich geht – hatte es schon viel früher die ersten Anzeichen gegeben, dass das mit der Unbesiegbarkeit ein Trugschluss sein könnte. Genau genommen: Schon Mitte der 80er-Jahrem also vor rund 30 Jahren, begannen die Auflagen zu stagnieren und leicht zu sinken. Es ist also einer der größten Denkfehler überhaupt, wenn man glaubt, dass erst ab den 90ern, irgendwann mit Beginn der Regentschaft von Berti Vogts, die Abwärtsspirale einsetzte. Tatsächlich begann die Bedeutung der Tageszeitung schon mit dem Beginn der privaten elektronischen Medien in Deutschland langsam zu sinken. Eine im Übrigen völlig nachvollziehbare Entwicklung: Je größer die Zahl der Angebote, desto geringer ist der Marktanteil der einzelnen Anbieter. Dass es in den 90er-Jahren noch einmal zu einem Auflagen-Höchststand mit über 27 Millionen kam, ist ebenso einfach und plausibel zu erklären: ein Sondereffekt der deutschen Einheit.

Seit 1991 aber kennen die Auflagenzahlen nur noch eine Richtung: nach unten. Nie dramatisch, ohne größere Veränderungen zudem. Aber eben auch: konstant und ohne jede Verlangsamung (einzige Ausnahme war das Jahr 2005, in dem die Auflagen stagnierten)

Statistik: Entwicklung der verkauften Auflage der Tageszeitungen in Deutschland von 1991 bis 2013 (in Millionen Exemplaren) | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

1991? War da was (außer dass auch der deutsche Fußball sich in die Abwärtsbewegung verabschiedete)? Es gab kein www, keine Handys, keine Tablets. Keine sozialen Netzwerke, keine TV-Sender, die plötzlich ebenfalls um die Gunst der Zeitungsleser buhlten. Kurzum: Nichts hatte sich geändert, von Medienwandel keine Spur. Und trotzdem begannen die Zeitungen wieder, an Auflage und an Bedeutung zu verlieren. Da fällt es ein bisschen schwer, an die Geschichte vom bösen Netz zu glauben, das eine blühende Zeitungslandschaft ohne Voranmeldung gnadenlos zerstört. Das klingt ein bisschen nach der Geschichte einer digitalen Dolchstoßlegende.

***

Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder in Passau, was übrigens immer einen Besuch wert ist, wenn ich diese Empfehlung mal unaufgefordert aussprechen darf. Sieht man davon ab, dass Passaus Altstadt wirklich sensationell schön ist,  handelt es sich dabei um eine stinknormale Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, in der es seit gefühlt 200 Jahren eine einzige Tageszeitung gibt. Und weil ich gerade in der entsprechenden Laune war und noch etwas Zeit bis zu meinem Zug hatte, habe ich mir am Bahnhof eine Ausgabe gekauft (gerne geschehen, liebe Ex-Kollegen). Man muss die „Passauer Neue Presse“ einfach mögen. Zumindest dann, wenn man es mit Veränderungen nicht so sehr hat und an es zu schätzen weiß, wenn manche Dinge immer noch so sind wie früher. Die gute alte PNP jedenfalls sieht im Wesentlichen nicht sehr viel anders aus als 1991 und das journalistische Prinzip dahinter ist auch immer noch das selbe. Verändert hat sich allerdings,  dass es Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre immer wieder neue Jubelmeldungen auf der Titelseite gab: Heute mit neuer Rekordauflage! Unter Hinzurechnung aller erlaubten und halb erlaubten Mittel landete man kurzzeitig sogar über der Marke von 200.000 Exemplaren. Heute liegt man bei knapp 160.000 – und dass auch diese Zahl demnächst unterschritten wird, ist so sicher wie das Amen in den Passauer Kirchen.

Alleine diese Zahl müsste zu denken geben: ein Auflageverlust von rund 40.000 Stück in gerade mal zwei Jahrzehnten. In einer Region, in der es ansonsten keine ernstzunehmenden Mitbewerber gibt, zumindest nicht im eigentlichen Kerngeschäft. Und auch hier fällt auf: Der Auflagenrückgang begann schon zu einer Zeit, in der man vom Netz noch nicht mal träumte.

Aber ist das wirklich ein Wunder? Das Produkt (regionale) Tageszeitung hat sich in sehr vielen Fällen bestenfalls etwas weiter entwickelt. Aber im Kern stammt es immer noch aus einer Zeit, die selbst für heute 30-Jährige weit entfernt ist. Das Prinzip ist immer noch: Wir fassen die große weite und die kleine lokale Welt auf 30 oder 40 Seiten zusammen (mit eintägiger Verspätung). Die Seite 1 sieht immer noch aus wie die „Tagesschau“ von gestern, inzwischen im Zuge der Evolution ab und an auch mit ein paar lokalen Einsprengseln versehen. Chefredakteure gefallen sich nach wie vor in der Kommentierung der neuesten Entwicklungen in Syrien. Danach kommt dann ein bisschen Politik, ein bisschen Wirtschaft, etwas mehr Sport und so mittelmäßig viel aus dem Lokalen. Das war noch ok zu einer Zeit, als Beckenbauer mit seinen Deutschen Weltmeister wurde. Aber damals war die Übertragung des Finales auch nach der Siegerehrung sofort vorbei und ein paar hupende Autos auf der Straße wurden schon als eine emotionale Aufwallung nationalen Ranges bewertet. 24 Jahre später jedenfalls kann man so nicht mehr Zeitung machen.

Am lustigsten war übrigens in diesem Zusammenhang die „Abendzeitung“ in München, die das legendäre 7:1-Halbfinale leider nicht mehr mitnehmen konnte und deswegen am nächsten Tag titelte: Immer mehr Senioren trinken. Als ich das gesehen habe, habe ich kurzzeitig überlegt, ob ich nicht auch zu saufen beginnen soll. Man erträgt dann manches eindeutig leichter.

Tatsächlich also ist es nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn jetzt verstärkte Investitionen in den digitalen Journalismus gefordert werden. Das funktioniert aber erst dann vernünftig, wenn man die andere Hälfte der Wahrheit auch kapiert: dass sich nämlich auch das eigentliche Kernprodukt ändern muss. Nicht in Form von ein paar mehr oder weniger hübschen Retuschen. Nicht mit geänderten Fonts oder ein bisschen mehr lokalen Inhalten im Mantel. Es nutzt ja nichts, wenn man ein adäquates Onlineprodukt abliefert und dazu eine Zeitung, die leicht abgestanden riecht.

Aber dazu müsste man eben erst einmal diese Erkenntnis haben. Die, dass es eben nicht das Netz ist, das es den Zeitungen so schwer macht. Sondern dass es die Zeitung selbst ist, die man sich gelegentlich etwas genauer anschauen sollte.

Der „Mannheimer Morgen“ jedenfalls, um wieder an den Anfang zurückzukommen, baut jetzt erst mal Stellen ab. Eine ziemliche beliebte Strategie in diesen Zeiten. Wenn man allerdings danach das gleiche Produkt nur mit ein paar Leute weniger macht, sollte man sich über nichts wundern. Nicht mal darüber, dass Fußball-Deutschland sogar die Jahre mit Erich Ribbeck überstanden hat.

Was allerdings dann auch wieder seinen Grund hat: Nach Ribbeck und Völler kamen radikale Reformer. Seit Sonntag könnte man sogar eine Ahnung haben, warum das eine gute Idee war.

Jung, schwul, Sozi? Den machen wir rund!

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.  (Pressekodex, Ziffer 8).

***

Michael Adam ist Landrat. In einem kleinen Landkreis im Bayerischen Wald, genauer gesagt in Regen. Zugegeben, Adam ist keiner der Landräte, wie sie im Buche stehen: Er ist mit 28 Jahren der jüngste Landrat in Deutschland und er ist, was in Niederbayern durchaus ungewöhnlich ist, Sozialdemokrat.

Und er ist bekennend homosexuell.

Über Michael Adam weiß man seit dieser Woche auch noch anderes: dass er nämlich in seinem Dienstzimmer Sex mit einem Mann hatte, der nicht sein (eingetragener) Lebenspartner war. Was das die Öffentlichkeit angeht? Offenbar sehr viel, befand man bei dem kostenlosen Blättchen „Am Sonntag“, das zum kleinen Imperium der „Passauer Neuen Presse“ gehört. In der jüngsten Ausgabe der Blatts wurde detailliert geschildert, wie und warum und wo es zum „Sex im Dienstzimmer“ kam.  Die große Schwester PNP nahm den Ball mehr oder weniger dankbar auf, berief sich auf die Berichterstattung des Sonntagsblättchens und berichtete ebenfalls über die „Sex-Affäre“. Nicht weniger erstaunlich: Die Geschichte vom niederbayerischen Landrat, der sein Dienstzimmer zweckentfremdete, schaffte es als Aufmacher (!) auf die Titelseite der „Bild am Sonntag“.

Michael Adam hat die Vorwürfe inzwischen weitgehend bestätigt (den kolportierten Poppers-Konsum bestreitet er allerdings). Dass er hinter den Veröffentlichungen eine gezielte Kampagne vermutet, kann man ihm kaum verdenken. Angenommen, irgendein anderer Landrat in Deutschlands Provinz hätte irgendwo in seinem Dienstzimmer Sex mit einer anderen Frau gehabt: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass das zu einer Titelgeschichte geworden wäre? Vermutlich hätten dann Deutschlands Redaktionen ziemlich viel zu tun, ganz davon abgesehen, dass der Pressekodex eine solche Geschichte gar nicht zulässt. Wo das „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bei einer sexuellen Eskapade eines Lokalpolitikers liegen soll, das würde man wirklich gerne mal erklärt bekommen. Es sei denn, man verwechselt Sensationsgier und Klatschlust mit „Information“. Tatsächlich gilt: Niemand ist zu Schaden gekommen, Landrat Adam hat sich insoweit korrekt verhalten, als dass er seine Dienstpflichten nicht verletzt hat. Der Seitensprung im Dienstzimmer geht also exakt drei Menschen etwas an: den Landrat, seinen Lebenspartner und den jungen Mann, der sich mit Adam im Dienstzimmer verlustierte. Sonst niemanden.

Und obwohl das so ist, hat diese Veröffentlichung zumindest eines geschafft: Adam zu diskreditieren, Dinge aus seinem Privatleben bekannt zu machen, die schlichtweg nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Bei der PNP verfährt man indes gerne nach journalistischer Gutsherrenart: Freunde sind Freunde, Feinde sind Feinde. Für immer und ewig. Ein schwuler, junger, sozialdemokratischer Landrat gehört offenbar zu den Dingen, die sich mit dem Weltbild der Zeitung nicht sehr gut vertragen.

PNP-Chefredakteur Ernst Fuchs übrigens erklärt in einem Kommentar, warum sich der Landrat diese „Enthüllung“ selbst zuzuschreiben hat:

Ein Landrat, dem – politisch oder moralisch berechtigt oder nicht – zu viel Häme entgegenschlägt, kann einpacken. Im Fall Adam kommt hinzu, dass einer, der gern so scharf das Wort gegen andere führt, um so weniger mit Barmherzigkeit rechnen kann (…)

Dann wünschen wir Fuchs und der PNP, dass niemand irgendwann auf die Idee kommt, er und sein Blatt würden „scharf das Wort gegen andere führen“. Ob man das in Passau auch als Begründung für fehlende Barmherzigkeit werten würde? Und ist das ernsthaft schon „Barmherzigkeit“, wenn man als Zeitung auf schmutzige Enthüllungen verzichtet? Das sagt viel über das journalistische Selbstverständnis des Blattes aus. An Zynismus jedenfalls ist das nicht mehr zu überbieten.

***

Dabei hätte es durchaus anderes zu berichten gegeben aus Passau in diesen Tagen: Der freie Journalist Hubert Denk ist offensichtlich in das Visier von Fahndern geraten, die ein über 700 Seiten starkes Dossier über ihn angelegt haben. Denk hatte über eine umstrittene Parteispende berichtet, was sehr offensichtlich nicht jedem recht war. Über den Fall Denk berichteten unlängst u.a. die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk. In der „Passauer Neue Presse“ war davon exakt nichts zu lesen. Denk gehört allerdings auch nicht zum Freundeskreis des Monopolblatts: Früher selbst bei der Verlegerfamilie Diekmann arbeitend, überwarf er sich mit dem Monopolisten und gibt seither sein eigenes Stadtmagazin heraus.

Der Fall Adam jedenfalls zeigt, wie unsinnig das Gerede von medialer Vielfalt in Deutschland ist, zumindest in den weniger urbanen Regionen. Adam und Denk stehen ziemlich ohnmächtig vor der Macht der PNP da: Selbst wenn es zu einer Beschwerde beim Presserat und einer anschließenden Missbilligung käme – der „Schaden“ für das Blatt wäre nicht im Geringsten mit dem vergleichbar, was Michael Adam schon jetzt hinnehmen muss.

Was die anderen schreiben