Ein paar Sätze, bevor der Weihnachtsfrieden kommt

Um ganz ehrlich zu sein: Die Kampfesrhetorik vom ansonsten durchaus geschätzten Don Alphonso ist mir häufig eine kleine Spur zu blutrünstig. Selbst wenn ich in der Sache durchaus bei ihm bin, denke ich im Regelfall nicht, dass die Götterdämmerung des Journalismus angebrochen sein könnte. Das mag auch damit zusammen hängen, dass ich selber einer bin und mir nur ungern meinen eigenen Untergang prophezeien möchte.

Allerdings ertappe ich mich mittlerweile selbst immer öfter dabei, zumindest gedanklich mit heftiger Verbal-Rhetorik zu liebäugeln. Was damit zusammen hängt, dass ich vieles von dem, was Printjournalisten in den vergangenen Wochen zum Thema Onlinemedien abgesondert haben, einfach nur noch (Achtung: es folgt das erklärte Lieblingswort kritischer Blogger) fassunglos zur Kenntnis nehme. Über die erstaunlichen Ausfälle des Kollegen Bernd Graff ist hier und andernorts genügend geschrieben worden, weswegen ich auf weitere Ausführungen verzichte und stattdessen darauf verweise, was Stefan Niggemeier in der taz zum Thema schreibt:

Bernd Graff (…) leiht sich das höchstverfügbare Ross, und klettert aus dem Sumpf, in dem er täglich anklickbaren Müll produziert, kurz hinauf, um von ganz oben einen inhärenten Qualitätsgegensatz zwischen Tageszeitung und Internet zu behaupten.

Es geht allerdings – damit hier kein falscher Eindruck entsteht – keineswegs nur um die Person des Herrn Graff oder das Online-Angebot der Süddeutschen. Wenn es das alleine wäre, handelte es sich um ein singuläres Problem; was auch durch die Tatsache unterstrichen wird, dass sich die SZ mit Lesern und ihren Kommentaren trotz der angekündigten „Wir-schauen-mal-was-geht“-teilweisen Wiedereröffnung der Kommentare ungemein schwer tut. Nein – leider scheint diese Onlinephobie zeitungsübergreifend zu sein. Auch in der FAZ offenbart sich ein merkwürdiges Verständnis davon, wie sich das Verhältnis zwischen Medien und Nutzern idealerweise darzustellen habe: nämlich dergestalt, dass auf der einen, der guten Seite des Schreibtisches die Lehrer sitzen und auf der anderen Seite die Schüler. Was den Schluss nahe legt, dass jeder, der es ernst meint, sich irgendwann auf die Seite der Lehrer schlagen müsse. Schreibt die FAZ und glaubt es anscheinend auch noch.

Ungezählt auch die persönlichen Begegnungen, die ich in diesem Jahr hatte – mit Printmenschen, die mehr oder minder alle den selben Quark erzählten. Nämlich, dass zwar unbestritten inzwischen Onlinemedien ein  fester Bestandteil von Medien und gelegentlich auch ernstzunehmen, in jedem Fall aber nicht mehr einfach zu negieren und zu ignorieren seien. Trotzdem seien sie mit Print und dessen Qualitäten nicht vergleichbar. Fragt man dann ganz schlicht nach: „Warum?“ – dann bekommt man in der Regelfall Antworten der Güteklasse, dass es Print schon immer gegeben habe, dass Print ein Medium zum Anfassen sei – und, so nun auch Herr Schirrmacher, Print per se vertrauenswürdiger sei, zumal man da wenigstens wisse, wo es herkomme. Ich weiß, der Vergleich ist viel bemüht und inzwischen auch nicht mehr wirklich originell, aber ich werde an Herrn Schirrmacher denken, wenn ich demnächst mal wieder am Münchner Hauptbahnhof stehe und die ungezählten Pralines, Wochenends und sonstiges Billig-Illus am Kiosk rumliegen sehe. Ein sehr einseitiges Bild von Printmedien? Klar. Mindestens so einseitig wie die ewige und ausgeleierte Platte von den verschweineigelten und unseriösen Onlinemedien. Mir ist wirklich nicht klar, warum sich die Debatte kurz vor 2008 allen Erntes wieder auf dieses dämliche Level begibt.

Tatsächlich schwanke ich in meiner Einschätzung. Manchmal tendiere ich zu der Niggemeier-taz-Auffassung, wir hätten es mit reiner Arroganz von Printleuten zu tun. Manchmal neige ich zu Dons Aufassung, dass wir gerade das Pfeifen in einem sehr dunklen Wald erleben.

Und manchmal habe ich meine eigene Meinung, die ich allerdings angesichts der Vorstellung, bei Journalisten handle es sich zumeist um intelligente Menschen, selbst kaum glauben mag: dass nämlich eine ganze Reihe von Leuten immer noch nicht verstanden und begriffen haben, was in den letzten sechs, sieben Jahren überhaupt passiert ist.

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4 Kommentare

  1. Also, Christian, entschuldige: Das, was wir da bei diesem djs-Fest über das Thema gesprochen haben, würde ich auf keinen Fall als Quark bezeichnen. Ich denke sehr wohl, dass ich eine differenzierte Meinung dazu habe. Und ja, ich fand die Geschichte vom Kollegen Graff gut.

  2. Wieso sollten Printmedien das erodieren der eigenen Wichtigkeit offen eingestehen? Was man bereits heute konstatieren kann: Der Diskurs über Medien findet in seiner ernsthaften Form bereits heute fast aus ausschliesslich online statt. Nicht zuletzt aufgrund der hohen Anzahl Borderliner, wie der Inhaber dieses Blogs einer ist.

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