Das NR vergibt einen vergifteten Leuchtturm

Man tut der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vermutlich nicht unrecht, wenn man sie als mindestens sehr konservativ bezeichnet. Das ist ihr gutes Recht, zumal es vermutlich kein ernstzunehmendes Blatt auf der Welt gibt, das nicht eine politische Grundhaltung hat. In den USA und Großbritannien ist so etwas weit ausgeprägter als bei uns, dort werden beispielsweise eindeutige Wahlempfehlungen ausgesprochen. Obwohl das auf der anderen Seite in vielen deutschen Fällen überflüssig ist: Wie eine Wahlempfehlung des Frankfurter Zentralorgans der erzkonservativen Vergangenheitsbewahrer aussähe, kann man sich leicht vorstellen.

Trotzdem ist es überaus irritierend, wenn das „Netzwerk Recherche“, das ja für sich gemnommen schon etwas irrittierend ist, die FAZ jetzt mit dem „Leuchtturm-Preis 2011“ beglückt. Nicht etwa, weil die FAZ Dinge recherchiert habe, die sonst niemand wusste (die eigentliche Aufdeckung der Plagiatsaffäre leistete ein Wiki, keine Redaktion). Sondern weil sie standhaft gegenüber den eigenen Lesern war, die als erzkonservative Unionisten, denen vermutlich selbst Seehofer zu links ist, eine kritische Auseinandersetzung als Angriff auf die eigene Identität empfindet. Das Netzwerk Recherche zeichnet also erstmals explizit eine Haltung aus – und macht damit ungewollt deutlich, wie sehr im deutschen Journalismus Dinge schief laufen.

„Eines Sturms von Teilen der eigenen Guttenberg-begeisterten Leserschaft“ habe sich die FAZ erwehren müssen, jubiliert das NR. Man beweist also eine Haltung, wenn man kein Oppurtunist ist, das reicht schon? Ist man dann umgekehrt ein Oppurtunist, wenn man Giovanni di Lorenzo heißt und mit/über Guttenberg ein Buch macht, obwohl möglicherweise die Leser der Zeit“ gar nicht so begeistert von Guttenberg sind? Oder ist di Lorenzo demnach ein held? Waren beim „Spiegel“ dunkle Mächte am Werk, als man dort letztes Jahr Guttenbergs möglichen „Paarlauf ins Kanzleramt“  skizzierte?  Ist Frank Schirrmacher von der Linken drei Tage eingekerkert worden, als er unlängst mit bangendem Unterton fragte, ob die Linken nicht doch irgendwie recht gehabt hätten?

Journalismus, zumal wenn er irgendetwas mit Politik zu tun hat, braucht so etwas wie eine Haltung. Haltung heißt aber nicht: grundsätzliches Beharren, z.B. indem man eine Person verteidigt, weil sie der bevorzugten Partei angehört. Haltung heißt auch nicht: dem Leser nach dem Mund reden. Was im Übrigen ja auch gar nicht möglich wäre, weil sich sogar in einer tendenziell homogenen Zielgruppe wie der FAZ immer nochmal jemand findet, der den Untergang des Abendlandes heraufbeschwört, weil die FAZ jetzt auch schon so furchtbar links ist. So wie sich im Übrigen auch beim Publikum des „Spiegel“ seit Menschengedenken immer jemand findet, der der Meinung ist, das Blatt sei jetzt aber eindeutig zu rechtsgerichtet oder erliege den Verlockungen des Boulevard.

Es soll also ein besonderer Beleg für „Haltung“ sein, wenn man über einen Politiker berichtet, der betrogen hat?  Es ist preiswürdig, wenn man damit ein paar Leser vergrault und man jemanden angreift, der der Redaktion politisch mindestens nahesteht? Wenn das wirklich so ist, sollte das Netzwerk Recherche dringend mal ein paar seiner wichtigen Panels veranstalten. Und bei der FAZ sollten sie darüber nachdenken, ob man wirklich einen solchen Preis für eine Selbstverständlichkeit annehmen will.

Man kann ihn auch für ein sehr vergiftetes Lob halten.

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4 Kommentare

  1. (gelöscht…hier stand ein Kommentar von jemandem, der sich StefanN. nannte und als Mailadresse „niggemeier@yahoo.de“ angab. Die Mailadresse war falsch und es handelte sich dabei natürlich auch nicht um Stefan Niggemeier).

  2. @Christoph: Darüber kann man tatsächlich diskutieren

    @StefanN: Ich kritisiere nicht die FAZ, sondern das NR. Und, oha: Aus Ihren Kontaktdaten lässt sich unschwer entnehmen, dass Sie nicht der sind, der Sie vorgeben zu sein. Ich weiß nicht, wie ernst ich Kommentatoren nehme, die sich nur unter falschen Idenditäten zu Wort melden.

  3. (gelöscht…hier stand ein Kommentar von jemandem, der sich StefanN. nannte und als Mailadresse „niggemeier@yahoo.de“ angab. Die Mailadresse war falsch und es handelte sich dabei natürlich auch nicht um Stefan Niggemeier).

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