Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.

Wie viel Journalismus geht im Lokalen?

Jaja, der gute alte Lokaljournalismus. Immer für eine Schnurre gut. Und leicht zu kritisieren. Aber: Kann es sein, dass die Leute genau das bekommen, was sie im Lokalen wollen?

Gut möglich, dass ich mich mit diesem Beitrag selbst ins Knie schieße. Schließlich propagiere ich gerne genau das Gegenteil von dem, was hier zu lesen ist.  Wenigstens bin ich damit nicht alleine – und es gibt auch gute Gründe für das, was ich und die meisten anderen da so tun: Wir wollen uns ja nicht um unsere eigene Existenzberechtigung bringen.

Juliane Wiedemeier hat einen ganz interessanten Text geschrieben. Über die Crux der Lokalzeitungen und des Lokaljournalismus. Nicht ganz neu in der Argumentation, solche Texte finden sich schon bei nur oberflächlicher Suche im Netz zuhauf. Bevor Sie mir das irgendwann um die Ohren hauen: Ja, auch von mir. Im Kern wird in solche Texten gerne die folgende These vertreten: Alleine am Internet liegt es nicht, dass die Lokalblätter in Schwierigkeiten geraten sind. Es liegt auch daran, dass sie ziemlich öden Journalismus machen, gerade im Lokalen. Vereinsberichte, Terminjouralismus, die ganze Klaviatur, Sie wissen schon.

Das ist in diversen Fällen natürlich kaum zu bestreiten, über die manchmal tatsächlich eher stumpfen Inhalte von Lokalteilen sind nicht umsonst über die Dekaden hinweg gefühlte 20.000 Symposien und Panels abgehalten worden. Nur über eines spricht man nicht so gerne: das ambivalente Verhältnis, das Menschen zum Journalismus haben. Man könnte auch sagen: je lokaler, je ambivalenter. Was für weit entfernte Orte gilt (Motto: immer feste drauf!), ist in den eigenen Regionen dann doch eher unerwünscht. Was anderswo als kritisch-distanzierter Journalismus gepriesen würde, gerät im eigenen Umfeld schnell in den Ruch der Nestbeschmutzung.

Die Frage müsste also tatsächlich lauten: Kann man im Lokalen überhaupt einen Journalismus machen, der nach den Kriterien des Journalismus funktioniert?

Ich erinnere mich bei diesem Thema immer an eine Geschichte, die ich vor etlichen Jahren mal in einer kleinen Lokalredaktion gemacht habe. Im Kern ging es um einen Krankenhaus-Mitarbeiter, der nicht nur das eine oder andere für seinen privaten Hausbau abgezweigt hatte, sondern zudem tatsächlich große Teile der Telefonanlage, der Patientenzimmer und der Sitzungsräume verwanzt hatte und die Gespräche belauschte. Das war für eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern ein veritabler Skandal – und angesichts dessen, dass ich wusste, dass unser Konkurrenzblatt die Geschichte nicht hatte, ließen wir für den nächsten Tag sogar eigens ein paar Exemplare mehr drucken.

Das Resultat war ernüchternd: An der Geschichte stimmte jedes Wort, am Tag darauf stürzten sich auch ein paar Münchner Blätter darauf – nur in meiner Kleinstadt war der Unmut groß. Den aber bekam nicht der Krankenhaus-Mitarbeiter ab. Sondern ich. Zusammengefasst lautete die Kritik: Natürlich ist das nicht ok gewesen, aber das muss doch wirklich nicht in der Zeitung stehen. Die etwas dezidiertere Version hieß: Mit meiner Veröffentlichung hätte ich dem Mann ein Weiterleben in der Stadt mehr oder weniger unmöglich gemacht. Mein vorsichtiger Einwand, ob er das nicht selber schon erledigt habe, wurde mit einem Auflegen des Hörers am anderen Ende beantwortet.

Das ist leider kein Einzelfall geblieben. In meiner Zeit in diversen Lokalredaktionen bin ich immer wieder mal an kleine und mittelgroße Skandälchen gekommen, egal ob als Autor oder als Lokalchef, der den Beitrag letztlich verantworten musste. Das Spiel war immer wieder das Gleiche: Wenn es um den eigene Mikrokosmos geht, wollen es Menschen meistens gar nicht so genau wissen.

Das steht in einem ziemlich krassen Gegensatz zu dem, was genau die selben Menschen sonst gerne an ihrem lokalen Medium kritisieren. „Käseblättchen“ ist in ganz Deutschland ein gängiger Begriff für die Zeitung vor Ort. Und wenn man dann vorsichtig nach dem Grund für diese eher unschöne Titulierung fragt, hört man eine Antwort zuverlässig fast immer: Da steht ja nie was Gescheites drin. Umgekehrt weiß aber jeder, der länger als drei Tage in einer Lokalredaktion gearbeitet hat: Was Gescheites sollte bitte aber auch immer etwas Positives sein.

Zur Ambulanz der Leser zum Lokalen gehört aber auch diese kleine Geschichte: Ich hatte mich mal ziemlich lange mit dem Gründer einer lokalen Kulturinitiative über mein damaliges Blatt unterhalten. Seine Kritik (völlig überraschend): zu viel Vereine, zu viele Termine, zu viel Käse und zu wenig Kultur. Wochen später bekam ich dann einen von dem Verein selbst verfassten Bericht über die eigene Jahreshauptversammlung. Ich hab´s gezählt: 12.000 Zeichen. Passiert war de facto nichts, teilgenommen hatten 14 Leute, das Protokoll wurde verlesen, der Vorstand per Handzeichen wiedergewählt, das Programm fürs nächste Jahr verabschiedet. Also machte ich aus 12.000 Zeichen ziemlich genau 2000.

Am nächsten Tag bestellte der Vorstand geschlossen das Blatt ab.

Ja, ich weiß: Es ist vergleichsweise einfach, Lokalredaktionen Vorhaltungen zu machen. Und nein, nicht alles was dort passiert, ist mal eben damit zu rechtfertigen, dass man es ja so furchtbar schwer habe mit den Lesern.

Nur in einem bin ich mir nicht sicher: Bekommen die Leute am Ende dann nicht doch genau den (Lokal-)Journalismus, den sie haben wollen?

(Nebenher dazu ein kleiner Lesetipp: „Die tote Kuh kommt morgen rein“ vom geschätzten Kollegen Ralf Heimann. Er weiß, wovon er spricht.)

 

Bestandsaufnahme: Wo ist die Magie hin?

Heute versuchen wir mal, drei Dinge in einen Text zu packen, die nichts miteinander zu tun haben. Apple. Die Wiesn. Und: Medien.

Fangen wir mit Apple an. Es gab mal Zeiten, da war das Magie. Nicht nur wegen der Auftritte von Steve Jobs. Sondern weil das meistens bescheiden als „one more thing“ angekündigte Teil irgendwas Atemberaubendes war. Dinge, von denen man ahnte, dass sie die (Technik-)Welt verändern werden. Dinge, die man so noch nie irgendwo gesehen hatte. Kein Wunder, dass da alle dabei sein wollten. Und kein Wunder, dass es irgendwie Event-Charakter bekam, wenn die neuen Zauberteile  dann endlich zu kaufen waren.

Aus dem Event ist inzwischen ein Ritual geworden. Apple lädt ein, präsentiert die soundsovielte Weiterentwicklung eines bekannten Gerätes, das natürlich noch noch schneller, toller und großartiger ist. Danach stehen dann alle vor den Stores Schlange. Diese Woche ist es sogar zu einer Nachricht geworden, dass der erste iPhone6-Käufer in Australien sein Handy sofort nach Verlassen des Stores fallen gelassen hat. Handy und Käufer sind aber angeblich beide wohlauf.

Magisch ist das alles nicht mehr. Rituale sind selten Magie.

Aber wie das bei Ritualen eben so ist: Da wollen alle dabei sein, weil sonst auch immer alle dabei sind. Zumal Medien dabei ja auch noch eine Rolle spielen. Wenn man wochenlang damit bombardiert wird, dass man das Ereignis XY unbedingt sehen müsse, dann glaubt man das Ende womöglich noch sogar. Wer das wiederum nicht glaubt, der muss nur mal die kommenden zweieinhalb Wochen nach München schauen. Da stehen jetzt jeden Tag schon morgens um 9 Uhr zigtausende Menschen Schlange an stinknormalen Bierzelten, um dort einen Platz zu bekommen und dann für einen Liter Bier 10 Euro zu bezahlen. Das hat sicher eine Menge Gründe; einer davon dürfte es sein, dass es mindestens der Himmel der Bayern ist, der einen da erwartet – zumindest dann, wenn man das Bohei betrachtet, das in Medien um das größte Volksfest der Welt gemacht wird. Schon interessant jedenfalls, was Menschen so alles machen, weil sie glauben, dass sie es machen müssen. Mit Magie hat allerdings auch das Oktoberfest ungefähr gar nichts zu tun.

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Kommen wir damit endlich zu Medien und Journalismus. Es gab Zeiten, da fand ich es magisch, was in den letzten Jahren passiert ist. Veränderung und Aufbruch, vielleicht nicht überall, aber an vielen Stellen. Es waren ziemlich großartige Zeiten für alle, die etwas bewegen wollten. Für diejenigen, die es überhaupt nicht schlimm finden, wenn etwas nach dem trial-and-error-Prinzip passiert. Und für alle, die eine Ahnung davon hatten, dass Medien nicht einfach so weitermachen können wie bisher; selbst wenn man selber keine wirkliche Ahnung davon hatte, wie eine Alternative aussehen müsste.

Man konnte das auch sehen. An ganz konkreten Projekten. Vor Jahresfrist beispielsweise dachte ich mir, wow, Dominik Wichmann und Anita Zielina beim „Stern“, das kann spannend werden. Der „Spiegel“ hatte mit Wolfgang Büchner einen geholt, von dem man sich sicher sein durfte, dass er den Laden mal eben umkrempeln wollen würde. Sogar beim nicht gerade für seine Experimentierfreude berühmten BR experimentierte man mit der „Rundshow“ rum. Der neue Intendant Ulrich Wilhelm kündigte den großen trimedialen Umbruch an, weswegen es seither für Intendanten als mindestens angesagt gilt, irgendwas von trimedialen Umbrüchen anzukündigen. Bei CondeNast gab es „Wired“, in der FAZ traute sich Frank Schirrmacher Dinge, die sich außer ihm vermutlich kaum jemand getraut hätte.

Herbst 2014 – und alles ist anders. Keine Spur mehr von Magie. Unsere Branche ist dem ritualisierten Apple und der langweiligen Wiesn immer ähnlicher geworden, nur in schlechter. Wichmann wurde beim „Stern“ unsanft gefeuert, Zielina ist ebenfalls weg. Es übernimmt: eine Gang aus ehemaligen Gala-Bravo-Bild-Stern-Leuten. Beim „Spiegel“ ist es mittlerweile völlig Wurscht, was bei dem Machtkampf rauskommt; es sind beide Seiten so beschädigt, dass niemand mehr ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommt. Die „Rundshow“ ist tot – und es ist keine gewagte Prognose, wenn man behauptet, dass bei den Öffentlich-rechtlichen auch weiter der Apparat stärker ist als jede Einzelperson. Vom Reformschwung des Herrn Wilhelm jedenfalls hat man jedenfalls schon länger nichts mehr gehört. Gut möglich, dass auch er den Kampf gegen das System schon verloren hat. „Wired“ startet demnächst mal wieder einen Neustart, diesmal in Berlin. Und bei der FAZ bauen sie gerade im großen Stil Stellen ab.

Täuscht der Eindruck – oder sind die guten Zeiten für digital und innovativ denkende Köpfe gerade wieder etwas schlechter geworden? Beim „Stern“ beispielsweise ist die Entscheidung für das neue Chefredaktionsteam auch eine Systementscheidung. Pro alte Stern-DNA, gegen sanfte und manchmal auch gar nicht mal so sanfte Erneuerung. Beim „Focus“ haben sie mit Ulrich Reitz jemanden geholt, der für alles mögliche steht, aber nicht für (digitale) Erneuerung. Und dass der Machtkampf beim „Spiegel“ sich nicht nur um die Person Büchner dreht, ist inzwischen auch überdeutlich. Und auch bei Sendern wie dem BR geht es ja bei Projekten wie der „Rundshow“ nicht einfach nur um ein paar Experimente. Sondern auch um die Grundsatzfrage: Wie viel lineares Fernsehen dürfen wir noch sein? Zumindest im BR ist die Frage fürs Erste beantwortet. Momentan sieht man aber auch bei den anderen Sendern keine aufregenden. Das Programm ist immer noch 80-er-Jahre-TV, es sieht nur vermeintlich besser und neuer aus.

Es hat in den letzten Jahren immer einen place to be gegeben. Und jetzt? 2014 startet Buzzfeed in Deutschland, wo man dann vielleicht lieber doch nicht arbeiten will.  Seit einem Jahr gibt es die „Huffington Post“, der man das Verdienst zubilligen muss, belegt zu haben, dass es immer noch ein bisschen schlimmer geht als „Focus online“. Vergangene Woche verblüffte die HuffPo mit 17 krassen Fakten über München, die man (Eigenwerbung) beinahe alle nicht kenne. Nach dem Lesen war ich geneigt, die Geschichte umzutiteln: Fakten über München, die man deswegen nicht kennt, weil sie kein Mensch braucht. Das schwer gehypte Ding HuffPo hat sich nach einem Jahr als die überflüssigste Neueinführung auf dem Markt erwiesen. Das ganze Wortgeklingel vorher von den neuen Formen des Journalismus, der Partizipation, des Dialogs – alles Unsinn. Belangloser und langweiliger geht es nicht.

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Gestatten Sie mir deshalb an dieser Stelle eine ganz persönliche und laute Wehklage: Ich würde so gerne mal wieder etwas Spannendes sehen und dabei mitmachen. Gerne etwas, was nicht als der große Bingbang angekündigt wird, um dann als Knallfröschlein zu enden. Wo sind eigentlich die ganzen Rundshows, die Wireds hin? Warum ist die Branche gerade so öde wie das neue iPhone 6? Warum traut sich keiner mehr was und warum sind die meisten Anfragen, die ich in diesem Jahr auf dem Schreibtisch habe, eher so, dass sie mich wenig mitreißen? Und warum besteht diese Branche aktuell eigentlich nur noch aus streichen, kürzen, sparen, schließen?

Hat das alte System vielleicht doch gewonnen?

Ende eines Geschäftsmodells

Mehr Digital, weniger Print? Falsche Debatte. Journalismus der Zukunft muss zu einem großen sozialen Netzwerk werden.

Vermutlich wäre kaum etwas so einfach zu schreiben wie der zu erwartende Beitrag eines (Medien-)Bloggers über die Lage der FAZ. Noch dazu von einem, der bekanntermaßen seit vielen Jahren gebütsmühlenhaft predigt, dass sich die Verlagshäuser digitalisieren müssen. Besser gestern als heute. Aber ganz so einfach ist das leider alles nicht mehr.

Die in dieser Woche bekannten Personal-Kahlschläge in Frankfurt sind nämlich nicht einfach nur die Konsequenz aus nicht so ganz gelungenem Management. Stattdessen markieren sie, gemeinsam mit vielen anderen Entwicklungen aus den letzten Wochen, nicht weniger als das: Auch in Deutschland sind die bisherigen analog-linearen Geschäftsmodelle des Journalismus an ihr endgültiges Ende gekommen.

Natürlich gab es einige sehr FAZ-spezifische Entwicklungen, die dort hingeführt haben, dass man in Frankfurt jetzt da steht wo man steht. In ihrer Digitalstrategie ist die FAZ seit 15 Jahren ein notorischer Spätstarter; erst seit dem vergangenen Jahr beispielsweise hat man mit Matthias Müller von Blumencron eine Personalie an die Spitze des Onlineangebots gestellt, die die Vermutung zuließ, man meine es jetzt wirklich mal ernst mit dem Qualitätsjournalismus auch im Netz. Auf der anderen Seite ist das ja auch mal ein spannendes Gedankenspiel: Bei den Spekulationen um die Schirrmacher-Nachfolge fiel der Name des Digitalchefs nicht ein einziges Mal und wahrscheinlich ist das für jeden alteingesessenen FAZ-Menschen eine absurde Vorstellung: Ein Onliner auf dem Sessel des Herausgebers? Wo kommen wir denn dahin? Ist ja schon abenteuerlich genug, dass man jetzt ernsthaft darüber spekuliert, eine Frau in das Gremium zu berufen. Eine Frau! Als Herausgeberin! Ja, so sind sie bei der FAZ, eine konservative Grundhaltung erfordert manchmal eben auch ihre Opfer.

Aber es wäre zu einfach, den digitalen Spätstart der FAZ jetzt für die Misere verantwortlich zu machen. De facto haben auch die anderen Qualitätsblätter in Deutschland in den letzten Jahren zu spüren bekommen, dass ihr früheres Geschäftsmodell so nicht mehr tragbar ist. Die SZ? Hat ihre Sparrunden hinter sich und inzwischen den Online-Chef in der Chefredaktion. Die FR? Nur noch ein Torso. Die Welt? Man darf bezweifeln, ob sie überlebensfähig wäre, stünde hinter ihr nicht Springer. Die FTD? Tot.  Nüchtern betrachtet: Die Realität kommt jetzt auch bei der FAZ an. Und auch, wenn man über die Grenzen blickt, sieht man ähnliche Entwicklungen: Gerade eben erst hat die NZZ angekündigt, die Zeitung dünner zu machen und künftig mehr ins Digitale investieren zu wollen; sowohl finanziell als auch inhaltlich.

Das alles ist im Übrigen keine Sache der Tageszeitungen alleine. Dass der „Stern“ und der „Focus“ mal eben ihre Chefredakteure gefeuert haben, hat neben den übliche Interna auch damit zu tun, dass der konventionelle Journalismus an seine Grenzen stößt. Die Debatten beim „Spiegel“ um Chefredakteur Büchner sind ja auch nur bedingt Debatten um seine Person, als vielmehr ein Kulturkampf, ein kleiner Glaubenskrieg: Wie digital wollen wir sein, wie viel klassischen (Print-)Journalismus können wir uns noch erlauben?

Dabei ist gar nicht mal mehr so die Frage, ob Journalismus gedruckt oder digital stattfindet (die Frage ist auf mittlere Sicht ohnedies entschieden). Eher geht es darum, Journalismus aus den geschlossenen Strukturen zu befreien, in dem er meistens immer noch stattfindet. Das Prinzip ist in den allermeisten Redaktionen immer noch das Gleiche: Eine weitgehend homogene und geschlossene Einheit definiert Themen und Geschichten, die sie dann wieder in einer weitgehend geschlossenen Struktur erzählt. Sowohl, was die äußere Form als auch die Interaktion mit dem Nutzer angeht. Die Redaktion entscheidet über Wertigkeit, über Bedeutung, über Darstellung. Sie selektiert, sie gewichtet. Alles so, wie wir es seit hundert Jahren machen und wie wir es gelernt haben. Danach lassen wir etwas mehr Interaktion zu als früher, man darf jetzt ein bisschen mehr kommentieren. Die allermeisten Redaktionen aber sind ihrem Nutzer deshalb auch nicht wirklich sehr viel näher als zu den Zeiten, als man noch Leserbriefe schicken durfte.

Ja und, wie soll man das auch anders machen, werden Sie jetzt womöglich entgegnen. Die Kollegen der „NZZ“ haben genau zu diesem Thema ein interessantes Experiment gestartet. Sie haben ihre Webseite für einen kleinen Versuch so umgebaut, dass die Konservativeren unter den Journalisten sofort argumentieren würden, das sei doch jetzt aber schon etwas umjournalistisch. Die Seite ist nämlich eben nicht mehr das starre und fertige Produkt einer Redaktion. Sondern stattdessen der Stream-Metapher der sozialen Netzwerke angepasst und zudem personalisierbar. Wenn man also so will: facebookisiert. Das ändert natürlich nichts daran, dass es sich immer noch um die hochwertigen Inhalte der NZZ handelt. Nur: so präsentiert, dass sie die geschlossenen Strukturen des konventionellen Journalismus verlassen. Das Ergebnis war durchaus verblüffend: Bei den digital-affinen Nutzern stieg die Verweildauer im Vergleich zu der klassischen NZZ-Seite ganz erheblich an.

Möglicherweise stellen sich Ihnen an diesem Punkt zwei Fragen. Zum einen: Darf man das überhaupt? Und zweitens: Ist es nicht gerade die Aufgabe des Journalismus, Dinge zu selektieren, dem Nutzer die Ereignisse des Tages/der Woche so zu servieren, dass er sie mundgerecht in feinen Häppchen konsumieren kann? Gerade letzteres dürfte der größte Trugschluss sein, dem man im digitalen Zeitalter erliegen kann. Es war seit jeher eine Illusion zu glauben, man könne die Realitäten der Welt innerhalb von 40 Zeitungsseiten oder 30 Minuten Sendezeit abbilden. Das waren schon immer sehr kleine und sehr subjektive Ausschnitte. Das Netz hat das jetzt auch der überwältigend große Mehrheit von Menschen klar gemacht, die sich nicht mit Medien und Kommunikationswissenschaft beschäftigt. Man muss „Facebook“ beim besten Willen nicht mögen. Eines aber ist unstrittig: Das soziale Netzwerk hat erstmals einer breiten Masse – wenn auch vielleicht ungewollt – klargemacht, dass auf der Welt jeden Tag ungleich viel mehr passiert als es eine Zeitung oder eine Sendung wiedergeben können.

Dadurch hat sich zweierlei dramatisch verändert. Zum einen: die Nutzung von (digitalen) Medien. Speziell bei einem jüngeren Publikum ist es inzwischen gelerntes Verhalten, irgendwann mal in einen Newsstream einzutauchen, ihn nach Belieben zu nutzen und ihn dann nach Belieben zu verlassen. Es hat ebenso gelernt, sich sehr selbständig die Inhalte rauszupicken, die es interessiert. Und nicht die, die andere für wichtig erachten (auch wenn das natürlich eine Illusion ist, weil im Falle von Facebook der Algorithmus eine entscheidende Rolle spielt). Dieses digitale Publikum betrachtet also womöglich Journalisten gar nicht so sehr als diejenigen, die entscheiden sollen, welchen Ausschnitt aus der Welt sie gerade zu sehen bekommen sollen. Sondern als diejenigen, die als Geschichtenerzähler das Material liefern. Dadurch – und das ist der zweite Punkt – ändert sich auch die Rolle des Journalismus. Er wird zunehmend mehr zu einem Pool guter Geschichten und idealerweise auch zu einem Treffpunkt der Interaktion. Wenn man so will, dann werden Medien künftig eher zu sozialen Netzwerken. Dass es den Bedarf für diese Form des digitalen Medienkonsums und der Interaktion gibt, mögen konservative Medienmacher gerne bestreiten. Der tägliche Blick auf Facebook sollte sie aber eines Besseren belehren. Es wäre also demnach gar nicht erstaunlich, würde man Angebote wie den NZZ-Stream in Zukunft öfter sehen. Auch wenn die Tatsache, dass die NZZ dieses Experiment nicht mehr weiter verfolgt, auf den ersten Blick nicht gerade für diese Annahme spricht.

Die Debatten beim „Spiegel“, Stern“, „Focus“, bei Gruner&Jahr und jetzt wohl auch bei der FAZ gehen deshalb nicht weit genug. Klar wäre es hübsch, wenn man Print und Online irgendwie näher zusammenführt, mehr Geld ins Digitale steckt. Der Ansatz müsste dennoch ein anderer sein. Nämlich nach Antworten auf die Fragen zu suchen, wie ein zeitgemäßer und zukünftiger Journalismus aussehen kann; wie er den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft gerecht werden könnte. Dass man künftig Doppel-Ressortspitzen schafft, geschenkt. Das kuriert maximal ein paar Symptome, mehr nicht.

Mir ist allerdings schon jetzt, beim Schreiben dieses Betrags, durchaus bewusst, dass es sich dabei um eine Außenseiter-Meinung handelt. Die Realitäten sehen gerade ganz anders aus: Gruner&Jahr und FAZ streichen erstmal beträchtlich Stellen, der „Stern“ und der „Focus“ haben mit ihren jüngsten Personalentscheidungen eher den Eindruck erweckt, als hielten sie „Zurück in die Zukunft“ für die geeignete Strategie. Und beim „Spiegel“ stößt der Umbauer Wolfgang Büchner auf derart heftige Widerstände, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es einen „Spiegel 3.0“ auf absehbare Zeit wirklich geben könnte.

Dumm nur, dass sich die digitale Medienwelt schon längst ihre eigenen Realitäten schafft.

Irgendwas fiepst ja immer

Mein digitales Leben macht mich zunehmend müde. Ein guter Grund, jetzt endlich mal bei einem neuen Gadget mit bestem Gewissen zu sagen: Sorry, aber nicht mit mir…

Jetzt also eine Uhr. Sie kann irre viele großartige Dinge, wenn man denen glauben darf, die sie schon gesehen haben. Und vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann man sich auch in sehr fortschrittlichen Redaktionen Gedanken darüber macht, wie man jetzt noch seine Inhalte auf diese vermaledeite Ding bekommt. Weil man das ja weiss: Journalismus muss inzwischen überall da sein, wo Menschen irgendwas mit Netz rumtragen. Eine Smartwatch hat Netz und wird vermutlich von den Menschen ziemlich viel rumgetragen. Und einen Bildschirm hat sie auch – man stelle sich mal vor, was man damit nicht alles…

Als Apple seine Uhr vorgestellt hat, hatte ich einen eigenartigen Reflex. Zum ersten Mal übrigens bei Apple-Produkten. Zum ersten Mal dachte ich mir: Ich will nicht. Ich mag nicht. Das Teil kommt mir nicht an mein Handgelenk. Gut, ich muss einräumen, dass ich bei der Vorstellung des ersten iPhone auch nicht gerade mit Verzückungsrufen vor meinem Rechner saß und ein bisschen skeptisch war. Aber man wird sich ja noch täuschen dürfen. (Diese beiden Sätze nehmen Sie bitte als Generalabsolution zur Kenntnis, falls Sie mich doch mal mit so einem Teil erwischen sollten).

Bei der Uhr war (und ist) das etwas anderes. Etwas sehr Persönliches, weswegen das, was ich jetzt hier hinschreibe, als Argumentation auf irgendwelchen Panels nicht sehr gut geeignet wäre. Aber ich habe für mich selbst das Gefühl, dass mit der Uhr zum ersten Mal eine Grenze überschritten ist. Ich ahne natürlich, dass das ein kleines bisschen lächerlich ist, weil ich als Nutzer von Smartphones und dem ganzen anderen Netzkrempel ohnehin schon eine potenzielle Datenschleuder bin. Da kommt´s dann auf ein bisschen Pulsschlag und die Schritte, die ich am Tag gegangen bin, auch nicht mehr an. Trotzdem, irgendwas sperrt sich da gerade bei mir: Das neue U2-Album kann ich als potenziell unerwünschte Geste einfach wieder löschen. Bei der hyperventilierenden Uhr bin ich mir da nicht so sicher.

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Aber dieses Stichwort Hyperventilation trifft es für mich ohnehin ziemlich gut. Um jetzt auch das noch zu erklären, muss ich schon wieder was Persönliches erzählen (sorry!).

Seit schon ziemlich geraumer Zeit stelle ich fest, abends rasend müde zu sein. Halt, das trifft es jetzt nicht so gut. Ausgelaugt, das wäre der bessere Begriff. Natürlich können Sie jetzt gerne ein paar Witze über mein fortgeschrittenes Alter machen. Aber das alleine ist es nicht. Ich merke einfach nur, wie sehr es mich tatsächlich auslaugt, die ständige digitale Hyperventilation erleben zu müssen. Das ständige Fiepsen von irgendwas. Irgendwas fiepst ja immer. Dem begeisterten Nutzer unserer digitalen Endgeräte brauche ich das nicht im Detail zu erzählen. Unlängst ist es mir sogar passiert, dass ich mit jemandem, der mir etwas näher steht, an einem Tag auf drei unterschiedlichen Kanälen kommuniziert habe (nur gesprochen hatten wir den ganzen Tag nicht). What´sApp, Facebook und die gute alte Mail. Wir mussten dann ein bisschen Zeit darauf verwenden, um uns zu einigen, auf welchem Kanal wir jetzt weiter machen, weil es ein kleines bisschen nervig war, jedesmal irgendwo schauen und reagieren zu müssen. Könnte ja sein, dass man sich verpasst. Ganz davon abgesehen gab es an diesem Tag ja auch noch viele andere kleine Dinge, die nach Aufmerksamkeit verlangten. Irgendwelche Eilmeldungen, die genau genommen auch noch ganz gut Zeit gehabt hätten. Push-Meldungen, die mir entgegenkeuchten, der XY habe gerade einen sehr populären Tweet abgesetzt und ein anderer XY habe gerade den Beitrag vom Soundso geliked. Das war natürlich alles irre spannend und die Verlockung, mal nachzusehen, ob der Tweet seine Popularität verdient und das Like vom XY für den Soundso auch verdient ist, enorm groß. Außerdem ist man ja Journalist. Und als Journalist ist es inzwischen vermutlich das größte Vergehen, irgendwann mal womöglich etwas zu verpassen.

Abends bin ich dann müde, platt, ausgelaugt. Blöderweise weiß ich dann manchmal auch gar nicht  mehr, was wer jetzt genau getwittert und geliked hat und schon gleich gar nicht warum. Die Eilmeldung vom Nachmittag habe ich auch schon wieder vergessen und ab und stelle ich sogar fest, dass ich irgendwo noch eine ganz persönlich Nachricht irgendwo bei WhatsApp, Twitter oder Facebook übersehen und deshalb nicht beantwortet habe. Vermutlich gibt es inzwischen Menschen, die mich für unkommunikativ und unzuverlässig halten. Die Tage kam dann auch noch eine Nachricht von einer alten Schulfreundin, altersbedingt quasi ein analoges Fossil. Per SMS! Himmel, per SMS! Da hatte ich jetzt wirklich gar nicht mehr dran gedacht und deswegen erst sehr spät und mit ungefähr einer Million sorrys geantwortet. Die Dame fand eine Antwort innerhalb von 12 Stunden später dann übrigens verflixt schnell. Und irgendwie kam ich mir in dem Moment leicht bescheuert vor, dass ich mich jetzt schon entschuldige, wenn ich mit einer Antwort einen halben Tag auf mich warten lasse.

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Jetzt also die Uhr. Mit der Uhr kann ich telefonieren, sie sagt mir, wenn es irgendwo noch was Neueres als was Neues gibt und sie achtet bestimmt prima darauf, dass ich auch ja nichts mehr übersehe. Womöglich muss man ja auch damit rechnen, dass Journalisten es bald mal schaffen, etwas zu twittern, bevor es überhaupt passiert ist. Die Uhr schaut darauf, dass ich gesund und anständig lebe und wenn ich das mal nicht tue, wird sie mir es vermutlich mitteilen.

Kurz gesagt: ein kleiner, hyperventilierender Gemütsterrorist, der sich da womöglich an meinem Handgelenk einnisten will. Einer, der mich endgültig zum Charles macht (aus nicht näher zu erklärenden Gründen nenne ich Hamster immer „Charles“). Der mich brav in meinem Laufrad lässt und dabei auch noch das Gefühl gibt, er tue mir was Gutes.

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Gestern habe ich mir übrigens einen weitgehend gadgetfreien Tag gegönnt. Kraftwerk live, das wollte ich schon seit vielen Jahren sehen. Dass dann da oben auf der Bühne ein paar Herrschaften standen, die schon vor Jahrzehnten von der „Computerwelt“ fabuliert haben, nahm ich als nette Ironie.

Im Bett war ich um 2.30 Uhr. Müde – war ich nicht.

Das Apple-Ritual

Vermutlich, liebe Leser, werden Sie mich jetzt für naiv halten. Für völlig aus der Zeit gefallen. Rückständig, ahnungslos oder sonstwas. Aber es gibt da eine Sache, die ich nicht verstehe. Nämlich, wenn es um den, ähm, „Journalismus“ und Apple-Produktpräsentationen geht.

Also, ich hab ja nur bei einer kleinen Lokalzeitung und später bei einer mittelgroßen Regionalzeitung meine Print- und Lehrjahre verbracht. Aber schon da habe ich gelernt: Redaktion ist Redaktion und Werbung gehört in den Anzeigenteil. Wenn also mal wieder ein Autohändler mit der Pressemappe seines neuen Supi-dupi-Autos in die Redaktion kam, dann konnte das Auto noch so supi-dupi sein; der Mann fand sich kurz darauf in der Anzeigenabteilung wieder. Wo auch sonst?

Gestern Abend hingegen: Live-Ticker und eigene Korrespondenten (so schlecht kanns den Redaktionen dann ja übrigens auch wieder nicht gehen) in Kalifornien – weil ein großer Konzern dort eine sehr gelungene Marketing-Veranstaltung macht und ein neues Smartphone und eine Smartwatch präsentiert. Egal, ob „Süddeutsche“ oder „Spiegel“ oder all die anderen; wenn es um Apple geht, verlieren sie irgendwie alle den Verstand. Und das schon im Vorfeld: Wenn in ein paar Monaten irgendein taiwanenischer Tech-Blogger behauptet, er wisse, wie das iPhone 7 aussieht, dann kann man sich darauf verlassen, dass sie sich wieder alle darauf stürzen werden. Mir ist schon klar, dass Apple-Berichterstattung inzwischen zum ritualisierten Mainstream gehört, ich verstehe es aber dennoch nicht. Auch deswegen nicht, weil ich weiß, wie sehr sich unser Berufsstand über Auto- oder Reisejournalisten moniert, die häufig auf Kosten von Unternehmen irgendwo hinreisen und sich dort dann Autos oder Hotels zeigen lassen. Inzwischen sind eine Menge Redaktionen dazu übergegangen, verschämt dazuzuschreiben: Unser Redakteur wurde vom Unternehmen XY eingeladen. Imagemäßig bewegen sich Reise- und Autojournalisten übrigens in der Nähe von Parias.

Nicht bei Apple. Da machen „Bild“ und die vermeintlichen seriösen Redaktionen keinen Unterschied: Gib ihnen eine neue Sartwatch oder ein neues iPhone – und kurz darauf finden sich zuverlässig Geschichten wie „Wir haben das neue Gadget“ schon getestet. Die Marketing-Abteilung sagt vielen Dank. Und wundert sich vermutlich nebenher, wie wenig es braucht, dass Journalisten alle Regeln von der Trennung zwischen Werbung und Redaktion vergessen.

Und ja, auch das würde ich nebenher bemerken: Ich weiß nicht, was man Journalisten um die Ohren hauen würde, wenn sie auf irgendeiner Veranstaltung aufstehen und dem Veranstalter zujubeln würden. Im Regelfall fände man das wohl: peinlich. Sehr peinlich. Bei Apple-Produktpräsentationen findet man das sogar eine lobende Erwähnung wert: Jetzt stehen die Journalisten und applaudieren!

Nicht mal mein Leib-und-Magen-Angebot macht vor dem Irrsinn noch hat. Die Startseite von „süddeutsche.de“ bietet am Morgen danach folgenden Anblick:

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Drei (!) Beiträge untereinander, auf der Startseite prominent platziert – weil ein Konzern sein Handy auffrischt und eine Smartwatch auf den Markt bringt; eine Produktkategorie zudem, die nicht mal neu ist? Plus ein eigenes Diskussionsforum, nachdem man kurz vorher die Kommentarfunktion gestrichen hat und nur noch zu ausgewählten Themen debattieren will?

Das sieht sehr danach aus, als sei vielen Redaktionen die Distanz und das vernünftige Nachdenken abhanden gekommen. Dass man bei völlig neuen Gerätekategorien wie vor vier Jahren dem Tablet ausführlich berichtet – einverstanden. Aber das hier verliert gerade jedes Maß und Ziel.

Und auch jede Distanz. Nicht falsch verstehen: Dieser Text wird gerade auf einem iMac geschrieben, ich verwende leidenschaftlich gerne mein MacBook, mein iPad und mein iPhone, man könnte also beim besten Willen nicht behaupten, dass ich Apple sehr kritisch gegenüber stehe. Trotzdem hätte ich bei all den Jubelarien darüber, dass unser Lieblingskonzern sein iPhone jetzt etwas größer macht, gerne auch mal etwas zu diesem Thema gelesen:

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Apple, so viel ist mal sicher, kann sich sehr viel mehr erlauben als nahezu alle anderen Konzerne. Als jedes Facebook, Google, Amazon oder auch BMW, Porsche oder Siemens. Eine Produktpräsentation als weltweiter Event, bei dem zig Millionen zusehen und deshalb gelegentlich der Livestream kollabiert.

Dass Journalisten daran einen großen Anteil haben – ist mir spätestens gestern Abend klar geworden.

Aus dem Leben einer Zeitung

Print lebt? Wenn man sich mal ungeschönte Einblicke in das Innenleben gibt, dann könnte man auch zu anderen Rückschlüssen kommen. Willkommen bei der Geschichte einer deutschen Musterzeitung…

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten. Einem Redakteur einer Tageszeitung. Um welche Zeitung es geht, ist völlig unerheblich. Ich erzähle einfach mal nur die Geschichten aus dieser Zeitung. Wer sich nicht angesprochen fühlt, prima. Wer sich angesprochen fühlt, darf gerne hier mit diskutieren. Oder wenigstens sich ein paar Gedanken machen. Schon alleine deshalb, weil ich die Geschichten nicht kommentiere, sondern nur wiedergebe. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen…

Die Zeitung

Nennen wir sie einfach: die Musterzeitung. Sie ist nicht riesengroß, aber auch nicht ganz klein. Sie erscheint irgendwo in Deutschland. Nicht in einer Großstadt, sondern in der Struktur einer klassischen Regionalzeitung. Das bedeutet: Eine größere Mantelredaktion am Erscheinungsort, diverse mittelgroße und kleine Lokalredaktionen draußen auf dem Land. Die Region, in der sie erscheint, ist weder besonders arm noch übermäßig reich. Es gibt keine Auffälligkeiten, außer denen, die man aus dem Deutschland des Jahres 2014 kennt: Tendenziell ist auch hier der demographische Wandel spürbar. Von einer Landflucht zu sprechen, wäre übertrieben, aber die Tendenz, dass vor allem jüngere und gut ausgebildete Menschen eher der nächsten Großstadt zuneigen, ist unverkennbar. Von wenigen kleinen Randgebieten abgesehen ist das Blatt ein klassischer Monopolist. Natürlich gibt es auch hier die großen überregionalen Blätter, aber wer lokale und regionale Informationen haben will, kommt an unserer Musterzeitung nicht vorbei. Ihren höchsten Auflagenstand erreichte sie Ende der 80er-Jahre. Seitdem geht es sehr langsam, aber eben auch sehr kontinuierlich bergab. Nicht dramatisch, das. Und auch nicht über dem Durchschnitt liegend, irgendwo zwischen 1 und 2 Prozent pro Jahr. Die Rubrikenmärkte haben sich allerdings in den letzten Jahren beinahe in Luft aufgelöst. Seither verringert die Musterzeitung beständig ihre Umfänge und erhöht ihre Abopreise. Das Verhältnis zwischen Anzeigen- und Vertriebserlösen hat sich speziell in den vergangenen Jahren deutlich zu Lasten der Anzeigenerlöse gewandelt. Soll heißen: Der Anteil der Vertriebserlöse ist deutlich gestiegen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Natürlich betreibt unsere Musterzeitung ein Onlineangebot. Sogar schon vergleichsweise lange. Und nicht mal ganz schlecht. Es ist sicher nicht gerade state of the art, aber umgekehrt hat man auch schon sehr viel schlechtere Angebote gesehen. Das Angebot steht auch deshalb bisher ganz stabil da, weil es, im Gegensatz zu anderen Regionen, noch keine hyperlokalen Angebote gibt, mit denen es konkurrieren müsste. Zudem gibt es auch eine Smartphone-App. Über eine App für Tablets wird nachgedacht, bislang aber gibt es noch keine. Immerhin aber kann man die Musterzeitung auch digital als PDF kaufen.

Die Chefredaktion

Unsere Musterzeitung hat eine mehrköpfige Chefredaktion, die auch als Musterchefredaktion einer Regionalzeitung durchgehen könnte. Mehrheitlich stammen ihre Mitglieder aus der Region und sind großteils auch Eigengewächse des Hauses, die Land, Leute und ihr eigenes Haus aus dem Effeff kennen. Oder wenigstens: kennen sollten. Sie alle sind klassische Zeitungsmacher. Erfahrungen in anderen Medien oder auch anderen Häusern besitzen sie überwiegend nicht. Der Chefredakteur würde keinesfalls bestreiten, dass das Internet wichtig ist, hat aber keinerlei Expertise in diesem Bereich. Böse Zungen in der Redaktion behaupten, sein digitales Können ende beim Schreiben einer Mail. De facto also kümmert er sich um die Zeitung. Für das Onlineangebot gibt es einen eigenen Verantwortlichen, der aber weder in die Chefredaktion noch in andere relevante Entscheidungsstrukturen des Hauses eingebunden ist.

Die inhaltliche Vorgabe der Chefredaktion ist ebenfalls deutlich. Klassisch-konservativ. Der Mantel steht vorne. Die Lokalteile sind im Regelfall im letzten Buch. Es gibt im Mantel Seiten für das Bundesland und die dortige Region. Dort können immer wieder Themen aus den jeweiligen Lokalredaktionen untergebracht werden. Zudem hat die Chefredaktion in den vergangenen Jahren auch immer wieder versucht, Themen mit regionalem Bezug zu kommentieren. Dennoch dominiert in den Kommentaren die große Politik.

Die Redaktion

Man tut der Redaktion gewiss nicht unrecht, wenn man sie als eine Art Zweiklassen-Gesellschaft bezeichnet. Es gibt die Minderheit der Mantelredakteure, die sich selbst statusmäßig eindeutig über den Lokalredakteuren ansiedelt, obschon letztere nicht nur die Mehrheit stellen, sondern auch jeden Tag das Kerngeschäft stemmen. Das allerdings ist das journalistische Schwarzbrot, wirkliche Meriten verdient man sich im Haus damit allen gegensätzlichen Beteuerungen zum Trotz aber nicht. Wer was werden will, sieht zu, dass er in den Mantel kommt. Wer länger als zehn Jahre im Lokalen sitzt, kann sich fast sicher darauf verlassen: Da bleibt er dann auch.

Der Kern der Redaktion ist schon lange dabei. 20, 25 oder 30 Jahre Betriebszugehörigkeit sind keine Seltenheit. Daneben gibt es Volontäre und jüngere Redakteure, wobei in den letzten Jahren aber zwei Trends auffällig geworden sind. Zum einen: Volontariate bei der Musterzeitung sind bei weitem nicht mehr so begehrt, wie sie es einmal waren. Es ist auch schon vorgekommen, dass Volo-Planstellen mangels geeigneter Kandidaten nicht besetzt werden konnten. Hinter vorgehaltener Hand beklagt sich die Redaktion auch schon mal darüber, dass die Volontäre, die in den letzten Jahren im Haus waren bzw. sind, bei weitem nicht mehr die Qualität haben, die sie früher hatten. Als Ursache sieht auch die Redaktion vor allem, dass ein Regionalzeitungs-Volontariat für eine digital aufgewachsene Generation nicht mehr so richtig sexy ist. Daraus resultiert auch ein zweiter Trend: Im Gegensatz zu früher verabschieden sich Volontäre gerne nach ihrer Ausbildung oder nach kurzem Aufenthalt als Jungredakteur. Die Gewissheit, während der Volontariate auch die Belegschaft der Zukunft auszubilden, existiert nicht mehr.

Ob die Redaktion überaltert ist, ist sicher Auslegungssache. Fakt aber ist: Das Durchschnittsalter in der Redaktion unserer Musterzeitung liegt bei deutlich über 40. Im Kern arbeitet sie schon viele Jahre zusammen und hat auch nur in den seltensten Fällen Zuwachs von außen. Den meisten in der Redaktion ist auch anderes klar: Zum einen haben sie sehr häufig feste Wurzeln in der Region geschlagen und wollen von dort auch gar nicht mehr weg. Zum anderen ist ihnen – auch dadurch bedingt – durchaus klar, dass ihre beruflichen Perspektiven eingeschränkt sind. Wer 15 oder 20 Jahre im selben Laden und zudem aus privaten Gründen weitgehend ortsgebunden ist, kann sich leicht ausrechnen, welche berufliche Möglichkeiten er hat – noch dazu in einer Region, in der es zumindest für den Journalisten-Job so gut wie keine Alternativen gibt. Dazu sind in den vergangenen Jahren diverse interne Dinge passiert, die das Verhältnis der Redaktion zu ihrem Arbeitgeber nicht unbedingt gefördert haben.  Wenn man also von einer mäßig motivierten Redaktion spricht, tut man niemandem Unrecht.

Diese mäßige Motivation führt auch dazu, dass das Interesse an digitalen Themen wenig ausgeprägt ist. Und selbst dann, wenn die Motivation besser wäre, ist die viel geforderte Crossmedialität in der Praxis kaum umzusetzen. In vielen Redaktionen ist das Personal so ausgedünnt, dass zusätzliche Beiträge für digitale Kanäle in der Praxis nicht machbar sind. Oder aber: nur unter erheblichem zeitlichen Mehraufwand. Den will der Verlag zum einen aber nicht vergüten, zum anderen – siehe Motivation…

Dazu kommt, dass auch die Expertise von Chefredaktion und Geschäftsführung in Sachen Online kaum vorhanden ist. Weder existiert digitaltaugliches Equipment, noch gibt es inhaltliches Know-how. Einige wenige Versuche beispielsweise mit eigenen Videos führten nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Weder in der Redaktion noch bei den Lesern. In den sozialen Netzwerken ist die Redaktion zwar vertreten, das aber eher pflichtschuldig. Wirkliche Interaktion findet kaum statt. Beiträge auf der Facebook-Seite bringen es angesichts dessen nur selten auf mehr als zwei oder drei Kommentare. Der Twitter-Account schafft es auf einen Bruchteil dessen, was in Deutschland echte Netzgrößen haben; von einer fünfstelligen Followerzahl ist man weit entfernt.

In den meisten Lokalredaktion regiert der Terminjournalismus. Nicht etwa, weil die Redakteure dort nicht wüssten, dass und wie es auch anders ginge. Es ist die schlichte Personalnot, die die meisten Eigeninitiativen verhindert. Häufig müssen nominell drei oder vier Leute sowohl ihre Stadt als auch die umliegenden Gemeinden betreuen. Nominell drei oder vier bedeutet in der Praxis: Manchmal ist man wochenlang zu zweit. Urlaub, Krankheit, Weiterbildungen (doch, das gibt es manchmal noch), Abbau freier Tage von den Wochenenddiensten. Bei zwei Leuten kann man sich schnell ausrechnen, welche Möglichkeiten man noch hat, einen Lokalteil zu gestalten: die wichtigsten Termine wahrnehmen, Fremdtexte redigieren, Blatt machen – das war´s. Nicht sehr viel anders ist die personelle Lage auch in den größeren Lokalredaktionen. Und auch im Mantel nicht. Was dort wiederum bedeutet: Die dpa dominiert das Blatt, alles andere ist eine nette Zugabe, aber nur an guten Tagen oder zu besonderen Anlässen machbar.

Die Geschäftsführung

Besteht aus klassischen Verlagsleuten. Die ihr Kerngeschäft vermutlich sogar einigermaßen gut beherrschen, aber auf die Herausforderungen der Digitalisierung keine echten Antworten haben. Die Strategie der letzten Jahre bestand deshalb in den vergangenen Jahren vornehmlich aus Kostensenkungen. Eine eigene Stabsstelle für digitale Strategien und/oder Innovationen existiert nicht; darüber wird aktuell auch nicht nachgedacht.

Die Anzeigenabteilung

Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die inzwischen „Mediaberater“ genannt werden, wird auf Provisionsbasis bezahlt, zumindest teilweise. Nachdem sich diese Provisionen an den Verkaufspreisen bemessen und diese immer noch bei Printanzeigen ungleich viel höher sind als bei Onlinewerbung, kann man sich leicht ausrechnen, wie groß das Interesse der Mediaberater ist, auch weiterhin in erster Linie die gute alte Anzeige zu verkaufen. Davon abgesehen hat der Verlag bisher online auch kaum wirklich lukrative Angebote in petto. Zumal auch bei der Anzeigenabteilung gilt: Die allermeisten von ihnen sind klassische Printmenschen, für die online bestenfalls noch ein Zusatzgeschäft ist.

Das Publikum

Drastisch gesagt: Vorne stirbt es aus, hinten kommt fast nichts mehr nach. Die klassischen Leserverluste sind nicht die, bei denen jemand empört oder wenigstens unzufrieden das Blatt abbestellt. Die meisten Leserrückgänge passieren inzwischen viel unspektakulärer: Jemand stirbt oder kann aus anderen altersbedingten Gründen die Zeitung nicht mehr lesen.  Doch wo früher schon wie selbstverständlich die nächste Lesergeneration parat stand, die von Oma und Opa das Abo quasi übernahm, ist heute – nichts mehr. Gerade das jüngere Publikum erachtet die Lokalzeitung zunehmend als verzichtbar; nicht nur, aber auch aus Kostengründen. Dazu kommt, dass es zunehmend mehr junge Leser gibt, die schlichtweg mit dem Datenträger Papier nichts mehr anfangen können. Zumal auch jüngere Themen angesichts der Altersstruktur in der Redaktion kaum gemacht werden und sich jüngere Leser somit zunehmend weniger im Blatt wiederfinden.

Das Fazit

Wie gesagt, seine Schlussfolgerungen darf aus dieser Bestandsaufnahme jeder selbst ziehen.  Ich habe mich intensiv bemüht, auch auf der Haben-Seite unserer Musterzeitung einiges zu entdecken. Ich habe aber beinahe nichts gefunden. Aber vielleicht sehe ich das ja auch nur zu düster. Wer mehr als ich auf der Haben-Seite sieht: In den Kommentaren ist noch reichlich Platz dafür.

Immer schön langsam!

Die „Süddeutsche“ will sich auf weniger, aber dafür gehaltvollere Debatten im Netz konzentrieren. Klingt erst einmal paradox – wäre aber eine Tendenz, die dem Onlinejournalismus generell nicht schaden würde.

Möglicherweise also werden wir irgendwann in absehbarer Zukunft alle nach Erfolg bezahlt. Nach Reichweite. Nach Aktivitäten in sozialen Netzwerken und der Resonanz, die wir mit unseren Beiträgen irgendwo erzielen. In den USA ist das  schon gar kein so ungewöhnliches Modell mehr – und glaubt man diesem Beitrag hier, dann wird sich die Bezahlung nach Erfolg auch bei uns durchsetzen: Traffic verändert den Journalismus. Je mehr, je besser. Je schneller, je schöner.

Ist das so?

In dem an vielen Stellen leider eher langweiligen Roman „Circle“ wird immer wieder beschrieben, wie der Alltag im digitalen Overkill aussieht: Man ist gefangen in einer Spirale von ewiger und weitgehend nutzloser Kommunikation. In Inhalten, die nurmehr quantitativ gemessen werden, über deren Bedeutung aber damit noch lange nichts gesagt ist. Und tatsächlich ist das ja auch nicht ganz falsch. Man kann schon heute den ganzen Tag im (sozialen) Netz verbringen, ohne auch nur eine einzige Sache von Belang gesehen zu haben. Man kann auch den ganzen Tag Journalismus konsumieren, ohne auch nur das Geringste zu begreifen. Je mehr es also gibt und je schneller der Journalismus im Netz wird, desto mehr kommt es auch auf etwas an, was früher (paradox genug) Journalisten für ihre Nutzer erledigt haben: Selektion. Man kann nicht alles konsumieren und man sollte es auch erst gar nicht probieren.

Es ist auf den ersten Blick verlockend, wenn man Journalisten nach ihrer Resonanz, nach ihrem vermeintlichen „Erfolg“ bezahlen will. Gerade die ausschließlich auf Masse fixierten Zählweisen im Netz tragen dazu bei.  Die entscheidende Messgröße ist immer noch der einzelne Klick, auch wenn der über „Erfolg“ ungefähr gar nichts aussagt. Das sehe ich ja an meinem eigenen Blog: Ist ein Beitrag irgendwo prominent verlinkt, geht die Besucherzahl sprunghaft nach oben. Schaue ich mir aber dann speziell an solchen Tagen die Verweildauer an, dann ist das nachgerade paradox: Je höher meine Klickzahlen sind, desto mehr sinkt die Verweildauer. Was mit ein bisschen gesundem Menschenverstand nachvollziehbar ist: Man entdeckt irgendwo einen Link, der interessant aussieht, klickt darauf, liest oder sieht sich kurz mal rein – und ist dann aber ggf. auch schnell wieder weg. Medienkonsum im Netz, das ist so ein bisschen wie eine überdimensionierte Weinprobe: Man kann überall mal reinschmecken.

Ist es dann aber nicht paradox, wenn man versucht, die Flüchtigkeit im Netz durch noch mehr Flüchtigkeit zum Geschäftsmodell machen zu wollen? Würde man Journalisten tatsächlich nach solch vordergründigen Kriterien wie beschrieben bezahlen, man kann sich leicht ausmalen, wie der Journalismus bald aussähe: Heftig (kurz nachdenken bitte – und ja, das war ein Wortspiel!) Er würde noch mehr Teaser-Charakter bekommen, noch mehr Scheinanreize setzen, er würde nicht einfach nur SEO-optimiert, sondern zum Versuch, Aufmerksamkeit um nahezu jeden Preis zu bekommen.

Im Online-Journalismus müsste deshalb  eine Entwicklung einsetzen, die auf den ersten Blick paradox erscheint:  Weniger ist mehr. Weg von den atemlos dahingehechelten Eilmeldungen, weg vom zum Scheitern verurteilten Versuch, alle erdenklichen Kanäle irgendwie zuzuschütten. Diesen Kampf, falls er denn je einer war, hat der Journalismus, den man ernstnehmen will, verloren. Gegen die Heftigs und Buzzfeeds dieser Welt. Die sind da, die werden bleiben und das ist auch ok so.

Aber wirklicher Journalismus? Selektiv, ausgeruht, entspannt, so würde man ihn sich wünschen. Reduce to the max, dazu kann es sogar gehören, dass man nicht mehr überall teilweise sinnbefreite Debatten zulässt, wie es „süddeutsche.de“ gerade vorexerziert. Oder anders gesagt: Tempo ist kein Wert an sich, Masse auch nicht. Wenn Journalismus seinen Wert behalten will, dann wird er wieder langsamer und weniger hektisch. Dass ausgerechnet das rasend schnelle und gigantisch dimensionierte Netz dazu beitragen könnte, mag man als paradox bewerten. Die schlechteste Entwicklung wäre es dennoch nicht.