Da schaum her!

12. Juni 2013 - 10:42 Uhr

Ich weiß nicht, was ich denken soll. Toll, dass öffentlich-rechtliches TV so was auch kann? Oder: Wie übel, dass es sowas im öffentlich-rechtlichen TV so selten gibt? Trotzdem: Anschauen! (Und hallo, ARD, können wir dann mal auch noch über so was wie einen Sendeplatz nachdenken?)

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Bild dir deine Paywall: Was plus, das muss

11. Juni 2013 - 10:48 Uhr

Vermutlich muss man Matthias Döpfner und dem Springer-Verlag dann doch dankbar sein. Dafür, dass sie die “Bild” zum role model gemacht haben, an dessen Entwicklung sich später mal belegen lässt, warum es nur so eine mittelgute und theorielastige Idee war, mit Premium- oder Plusinhalten die Leute zum Bezahlen bewegen zu wollen. Und warum diese Idee an der eigentlichen Problematik bei der Finanzierung von Journalismus haarscharf vorbeigeht.

Aber der Reihe nach: Seit heute gibt es das seit langem angekündigte und mit einigermaßen viel Tamtam vorgestellte Modell “Bild plus”. Das beinhaltet im Wesentlichen, dass auch bei “Bild” ab sofort nicht mehr alles kostenlos sein soll. Vermutlich würden Döpfner und all die anderen Paid-Content-Epigonen das so formulieren: Der Leser muss jetzt endlich mal begreifen, dass guter Journalismus Geld kostet und deshalb bezahlt werden muss. Als Gegenleistung – auch das gehört seit Jahren zu der immer wieder durchgekauten Argumentation – bekommt er noch mehr, noch besseren, noch exklusiveren Inhalt. Wobei man sich übrigens schon auch mal die Frage stellen kann, warum der Leser/Nutzer das bisher noch nicht bekommen hat, aber das nur nebenbei. Jedenfalls, die Formel soll künftig lauten: Mehr Bezahlung = mehr und besserer Inhalt.

Und so sah das heute früh bei bild.de aus:

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Die “Plus”-Inhalte, die ausschließlich den zahlenden Kunden vorbehalten sind, sind an diesem Tag u.a.:

Der Fußballer Robert Lewandowski bekommt eine Verdreifachung seines Gehalts, damit er in Dortmund bleibt.

Beim ZDF sind sie sauer auf Markus Lanz, weil er gerade “Wetten, dass…” totmoderiert.

Ein Interview mit Schumi.

Eine Tabelle, wie viele Rentner auf Hartz4-Niveau leben müssen.

Eine Übersicht, bei welchen Sternzeichen es im Bett besonders knistert.

Bevor es Ihnen selbst einfällt: Natürlich ist es das Dümmste was man machen kann, wenn man seine eigenen Interessen als Maßstab anlegt und dann sagt: DAFÜR würde ich nie im Leben was zahlen. Dass die Bild-Zielgruppe auch mit Bild-typischen Themen gefüttert werden will, leuchtet ein. Dass dazu Fußball und Fernsehen gehören, auch. Das Problem, das “Bild” schon am ersten Tag hat und vermutlich auch weiterhin haben wird: Selbst wenn der Verlag noch so sehr jeden Tag seine Redakteure triezen wird mit der Aufforderung, noch mehr Plus-Content zu erstellen, er wird sich nicht finden lassen. Das Thema Lewandowski beispielsweise ist in den letzten Tagen so ausgiebig in nahezu allen Medien debattiert worden (und dürfte zudem noch so viele Wendungen nehmen), dass die Nachricht, der BVB zahle seinem Topstürmer jetzt erheblich mehr Geld, nur mäßig sensationell ist. Ebenso die Sache mit Lanz und Wetten, dass…: Kaum ein Medium, dass sich nicht mit dem Samstagabend-Desaster auseinandergesetzt hat.  Es kracht ein bisschen hinter den Kulissen? Mag sein, aber ist das jetzt die Premium-Information, für die ich sofort ein Bildplustotaldigital-Abo abschließe? Tabellen mit irgendwelchen Rentner-Einkünften und Übersichten mit der Sex-Kompatibilität von Sternzeichen? Come on, Bild…gibt´s an jeder digitalen Straßenecke.

Und nicht nur, dass die Plus-Inhalte von “Bild” jetzt nicht so wirklich premiumplus sind. Dazu kommt anderes: Die klassischen Bild-Geschichten, die gestern noch kostenlos waren, sollen heute Geld kosten. Kleinkinder beispielsweise, die an einer Schule als Lehrer eingesetzt werden, das sind die Geschichten, die “Bild” mag und die Leser mutmaßlich irgendwie auch. Bis gestern gab es sowas im Überfluss kostenlos, jetzt soll eine dieser Allerweltsgeschichten, die “Bild” seit gefühlten hundert Jahren veröffentlicht, plötzlich bares Geld wert sein? Da werden die Herren Döpfner und Diekmann aber noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis ihnen das jemand ernsthaft abnimmt.

Es ist die alte Problematik und sie ist nicht mal ein Phänomen der digitalen Zeit: Journalismus hat sich noch nie über den Kaufpreis für seine Inhalte finanzieren lassen.  Man kann das beklagen, aber in den Köpfen der allermeisten Nutzer ist Journalismus eben nichts, was teuer bezahlt werden muss, selbst wenn es Matthias Döpfner noch so oft einfordert. Journalismus ist immer da gewesen und wird es immer auch sein müssen, so wie die Fußball-Bundesliga, die ja auch ein elend teures Wirtschaftsgut ist und von den allermeisten Menschen als allgemeines Grundrecht angesehen wird. Fußball ist teuer und muss deshalb bezahlt werden? Frag nach bei den Überresten von Kirch Media und bei “Premiere”, wie einleuchtend eine solche Argumentation wohl ist.

Beides, Bild und Bundesliga, steht deshalb wunderbar exemplarisch für die Reihe: Man müsste eigentlich. Man macht es trotzdem nicht.

“Premiere” und Kirch Media übrigens hat das Beharren auf dem “Man müsste eigentlich”-Standpunkt letztendlich die Existenz gekostet.

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La Bräs Banda findet sich immer noch richtig gut

7. Juni 2013 - 11:08 Uhr

In dem Moment, als die Jungs die Bühne betraten, gab es standing ovations: Das Duo “Y-Titty” wurde bei der Verleihung des Webvideopreises in Düsseldorf gefeiert, als würde es sich um Veteranen der Filmindustrie handeln, die einen Preis für ihr Lebenswerk bekommen. Wenn man so will, dann ist es ja auch so: Die Szene ist noch nicht so alt, als dass sich dort 80jährige ihre Trophäen abholen könnten. Dass bei der Gala über 1000 Gäste anwesend und die Karten zuvor so begehrt waren, dass man sich frühzeitig darum kümmern musste, fand ich noch nicht so wirklich erstaunlich. Was mich viel mehr verblüfft hat, waren die Videos der Preisträger. Das war so kreativ, so überraschend, witzig, hochwertig und vor allem so eigenständig im Stil, wie ich es mir kaum hätte vorstellen können. Und ich fand schon die Preisträger der Jahre zuvor ziemlich gut. Im Stillen habe ich dann noch Abbitte geleistet bei meinen beiden mehr oder weniger halbwüchsigen Töchtern, die immer dann, wenn sie mich in München besuchen, so gut wie nie fernsehen wollen: YouTube ist ihnen viel wichtiger, Y-Titty finden sie lustig, Oliver Pocher eher nicht.  Am Ende blieb mir dann nur noch die Erkenntnis, wie weit sich das konventionelle Fernsehen und das Web inzwischen voneinander entfernt haben. Und die Frage, wie es die konventionellen Sender, insbesondere die öffentlich-rechtlichen, jemals schaffen wollen, diese Webvideo-Generation wieder zurückzuholen. Und weil ich dann eh schon dabei war, mir ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen, kam dann noch dieser hier hinzu: Das Problem der klassischen Medien ist nicht dieses komische Internet, das sie immer noch erstaunlich wenig verstehen. Das Problem ist auch nicht die vermeintliche Kostenlos-Mentalität. Das Problem ist, dass sie das Zeug, dass sie bisher auf analogen Kanälen verbreitet haben, einfach im Netz weitermachen wollen. Ohne verstanden zu haben, dass sich im Netz inzwischen sehr eigene Erzählformen, Darstellungsweisen, Interaktionen und Gewohnheiten entwickelt haben. (Eine Auflistung der Preisträger mit Links zu den jeweiligen Videos gibt es übrigens hier)

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Sie? Ja, man darf bei dieser These schon im Plural sprechen. Natürlich sind es nicht die TV-Sender alleine, die an Boden verlieren. Zeitungsverleger können da ebenso gut mitreden. Zusammen gehen sie momentan – nach etwas längeren politischen Auseinandersetzungen – wieder auf Kuschelkurs. Beim Medienforum NRW versicherten sie sich gegenseitig ihrer Zuneigung, ihrer Nähe zueinander – und dass sie letztendlich ja dann doch die Garanten des Qualitätsjournalismus seien. Dazu passte dann übrigens auch, dass Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart Bloggen als eine Art Publizieren auf Hartz IV-Niveau bezeichnete, aber das nur nebenbei. Jedenfalls war die Tendenz bei Medienforum einmal mehr eine eindeutige: Dem Qualitätsjournalismus muss man nur ein neues, digitales Geschäftsmodell geben – und dann geht alles so gut weiter wie bisher. Auch – und das sei als letzter Schlenker gestattet – bei Springer sind sie davon überzeugt, dass das die große Aufgabe der Zukunft ist: Man muss die Leute jetzt endlich mal zur Vernunft und damit zum Bezahlen bringen.

Was aber, wenn das alles gar nicht das wirkliche Problem  ist, das sie vor allem mit dem jüngeren Publikum haben bei ARD und ZDF, bei der WAZ und bei der der Bild? Was , wenn es für die Millionenrückgänge bei der “Bild”-Auflage auch andere Gründe als das Kostenlos-Netz geben könnte? Was, wenn Claus Kleber recht hat, dass die Art, wie in der “Tagesschau” Nachrichten verlesen werden, sonst nur noch in Nordkorea praktiziert wird? Und  was, wenn speziell jüngere Menschen Blätter wie die WAZ oder die PNP als das begreifen, was sie häufig leider auch sind: als uninspirierte, langweilige und irgendwie aus der Zeit gefallene halbamtliche Organe, deren Lektüre häufig so spannend ist wie eine Folge Telekolleg III (Physik) aus den 70er Jahren? Könnte es also nicht schlicht und ergreifend so ein, dass sich mit dem Netz auch ein neuer Journalismus entwickelt hat, der keineswegs nur von professionellen “Qualitäts”-Journalisten gemacht wird, den aber die analogen Qualitätsmedien mangels Verständnis dafür nicht im Kreuz haben?

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Um auf die Webvideos zurückzukommen: Es sind ja nicht nur die nackten Zahlen, die belegen, dass YouTube et al nicht mehr die Plattformen mit diesem lustigen Katzencontent sind. Wer will, kann heute schon seinen ganzen Bewegtbildkonsum über solche Portale abdecken, ohne ein einziges Mal einen Fernseher einzuschalten oder auf (öffentlich-rechtliche) Inhalte zuzugreifen. Die ganz Harten sagen schon heute, Videoportale seien das bessere Fernsehen. Ob man soweit gehen muss, weiß ich nicht – sicher ist nur, dass die Bräsigkeit, die in deutschen Sendern und Verlagshäusern anzutreffen ist, das möglicherweise größere Gift als jeder Gratisinhalt im Netz sind. LaBräsBanda findet sich selbst immer noch richtig gut und sieht deshalb keinen großen Grund zur Veränderung. Ist es eine gewagte Prognose, wenn man behauptet, dass die “Tagesschau” auch in zehn Jahren noch so tut, als würde sie vom Blatt abgelesen? Und dass in den “Tagesthemen” jeden Abend ein Kommentar gesprochen wird, auch wenn es gar nichts zu kommentieren gibt? Dass das ZDF weiterhin mediokres vor sich hin pilchern als Strategie bezeichnet und alle anspruchsvollen Inhalte sicherheitshalber bei ZDF neo versteckt?  Und dass man in der ARD den “Brennpunkt” für den Gipfel des aufgeweckten, aktuellen und hochwertigen Journalismus hält, ergänzt mit sagenhaften fünf Talkshows pro Woche?

Dabei müssten die Programm-Macher schon alleine beim Blick auf die nackten Zahlen kalte Füße bekommen. Man hat sich möglicherweise inzwischen etwas daran gewöhnt, dass man im Schnitt nur noch Zuschauer kurz über- und unterhalb der 60 Jahre erwischt. Natürlich gehört das ZDF beim Gesamtpublikum immer noch zu den Top 3 in Deutschland, bei den jüngeren Zuschauern liefert es sich hingegen ein packendes Rennen mit Sendern wie Kabel 1 und Vox.  Die Antwort auf die Frage danach, warum das so ist, lässt sich bei ARD und ZDF ganz einfach beantworten: weil es für jüngere Zuschauer kaum einen Grund gibt, die Programme einzuschalten. Erschwerend wird in Zukunft dazu kommen, dass sich eine ganz junge Generation aus der klassischen TV-Nutzung schon lange verabschiedet hat. Und von der Bräsigkeit, mit der sie zunehmend daherkommen, leise das Wort “Sehgewohnheiten” vor sich hin murmelnd.

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Aber es sind ja nicht nur die Sender, die sich als Hüter des Qualitätsdingens gerieren und insgeheim meinen, wenn sie dann mal alle älter sind, dann kommen sie schon irgendwann wieder zurück.  Auch der andere Partner dieses neuen Bündnisses für Qualitätsjournalismus schwächelt nicht nur wegen seiner sinkenden Auflagen und Umsätze, sondern auch wegen seiner Haltung. Ich weiß nicht, wie ernst Steingart seinen Spruch von den Hartz4-Bloggern gemeint hat, vielleicht war das ja auch nur eine sanfte Ironie, von der keiner gemerkt hat, dass es Ironie war. Trotzdem darf man darauf wetten, dass es nicht wenige Kollegen gibt, die wenigstens verstohlen mit dem Kopf nicken, wenn sie solche Sätze hören. Am besten, das suggerieren solche Sätze, soll halt dann doch alles bleiben wie es ist. Und daran wird fleißig gearbeitet: Es gibt immer noch hinreichend viele Verlagsstrategien, die sich letztendlich darauf beschränken, “die Zeitung” ins Netz zu holen, wie auch immer das dann funktionieren soll. Sicher ist nur: das Blatt soll so bleiben wie es ist und das Geschäftsmodell auch. Nicht umsonst hat Springer-Chef Matthias Döpfner die ganze Branche aufgefordert, dem selbsternannten Vorreiter zur Rettung der Bezahlkultur in Deutschland die Daumen zu drücken. Da wird dann als Begründung auch schon mal angeführt, gute Inhalte müssten dem Nutzer halt was wert sein. Was schon richtig ist, gleichzeitig aber eben auch zur Gegenfrage führt: was, wenn nicht?

Und vielleicht ist es ja auch gar nicht mal so schlecht, wenn sich Redaktionen in Deutschland einem unfreiwilligen Lackmustest unterziehen. Gesetzt den Fall nämlich, die Sache mit dem Bezahlen für Inhalte läuft doch nicht so, wie man sich das vorstellt, könnte man vor einer ganz anderen Frage stehen als der nach der Bezahlwilligkeit im Netz: Ist dieser Journalismus, sind diese “Produkte”, die wir da jahraus, jahrein mit größtmöglicher Routine abliefern, überhaupt noch das, was man im digitalen Zeitalter gerne hätte?

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Google mal, wer da spricht!

26. Mai 2013 - 16:34 Uhr

Was ist das eigentlich, was Google in der nächsten Zeit vorhat? Über den Netzgiganten und seine Auswirkungen auf uns und unser tägliches Leben habe ich ein bisschen geplaudert. Mit Daniel Fiene und Herrn Pähler beim Onlinetalk am Samstag bei DRadio Wissen. Nachhören? Hier!

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Achtung! Diesen Beitrag gibt es GRATIS!

21. Mai 2013 - 16:50 Uhr

In den USA ist vor ein paar Jahren ein interessantes Experiment durchgeführt worden: Am Eingang einer Universität wurden an einem Stand zwei Sorten Schokolade verkauft. Die eine war eine durchschnittliche Supermarkt-Schokolade zum Preis von einem Cent. Direkt daneben lag hochwertige Lindt-Schokolade, die allerdings 10 Cent kostete.  Trotzdem verkaufte sich die Lindt-Schokolade deutlich besser. Tags darauf gab es beide Sorten erneut. Die Supermarkt-Schokolade gab es kostenlos, die Lindt-Schokolade kostete einen Cent. Das Verkaufsverhältnis kehrte sich um. Fast alle griffen zur kostenlosen Supermarktschokolade. Falls Sie jetzt denken: Ist doch logisch – dann sind sie dem selben Denkfehler erlegen wie alle anderen, die zur kostenlosen Schokolade gegriffen hatten. Denn tatsächlich hatte die Preissenkung bei beiden Sorten jeweils 10 Cent betragen. Der Begriff “gratis” wirkte allerdings in vielen Gehirnen als derart starker Anreiz, dass das Denkmuster vom Vortag komplett in Vergessenheit geraten war. Im Gegenteil: Am Tag zuvor hatte der Preisabstand noch 9 Cent betragen, jetzt lag er nur noch bei einem. Trotzdem, Strategen aus Marketing und Werbung wissen das schon lange: Schreib irgendwo “kostenlos” drauf – einen stärkeren Anreiz gibt es für das menschliche Gehirn kaum.

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Warum diese kleine Geschichte hier steht und was sie mit Medien zu tun hat? Wenn es um die künftige Finanzierung von Journalismus geht, dann ist gerne die Rede von der “Kostenlos-Mentalität” im Internet, die es zu bekämpfen gelte. Was auf den ersten Blick naheliegend klingt, erweist sich auf den zweiten dann schon als unsinnig: Es gibt nicht nur eine Kostenlos-Mentalität im Netz, sondern auch eine beim Schokolade-Kaufen. Oder sonstwo, wenn es um´s Geld geht. Nicht umsonst trägt das Buch, in dem diese Geschichte beschrieben ist, den wunderbaren Titel “Denken hilft zwar, nützt aber nichts”. Realistischerweise müsste man also sagen, dass man nicht der Kostenlos-Mentalität im Netz den Kampf ansagen will, sondern der generellen Kostenlos-Mentalität von Menschen. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass das eines der am tiefsten verankerten Denkschemata des Menschen ist, klingt das dann plötzlich schon nicht mehr ganz so aussichstreich. Und die gerne vorgetragenen Argumente, man müsse wahlweise den Menschen eben klar machen, dass guter Journalismus halt was koste oder dass man einfach bessere Produkte machen müsste, dann würden die Menschen gerne in Heerscharen bezahlen, hören sich dann auch etwas hohl an. Bei Lindt machen sie bestimmt sehr leckere Schokolade und die ist in ihrer Herstellung sicher auch teurer als die aus dem Supermarkt. Und vermutlich wäre das auch jedem der Versuchsteilnehmer klar gewesen, hätte man ihn darauf hingewiesen. Das im Hirn verankerte “GRATIS!!” war trotzdem stärker.

Aus der Schweiz kommen jetzt auch Zahlen, bei denen man unwillkürlich an die Geschichte von der Schokolade denken muss. Demnach hat die NZZ seit der Einführung ihrer Paywall gerade mal rund 800 Menschen dazu bewegen können, ein Abo ihrer Webseite abzuschließen. Dabei sind die Parallelen zu Lindt augenscheinlich: Niemand würde bezweifeln, dass die NZZ hochwertigen Journalismus abliefert, dass ihre Webseite zu den besseren im deutschsprachigen Raum gehört und dass sie ein Publikum anspricht, das nicht jeden Rappen zweimal umdrehen muss und das zudem sicher verständig genug ist um zu verstehen, dass die Produktion von gutem Journalismus Geld kostet, richtig viel sogar. Man könnte jetzt eine ganze Menge Überlegungen anstellen, warum sich dann trotzdem nur so vergleichsweise wenige Leser für ein Abo entschieden haben. Aber an einer wird man nicht vorbeikommen: Es gibt (zu) viele Alternativen, auf denen immer noch das Etikett “gratis” pappt. Warum man für etwas bezahlen soll, was es anderer Stelle kostenlos gibt, ist immer noch für die meisten Menschen eine Frage, die sie nicht wirklich befriedigend beantworten können.

Das macht die Argumente, man müsse hochwertigen und besonderen Inhalt liefern, um Kunden zum Bezahlen zu bewegen, nicht per se verkehrt. Es relativiert sie nur ein gutes Stück. Nämlich dahingehend, dass es schon sehr spezieller und sehr hochwertiger und sehr seltener Inhalt sein muss, wenn die Sache mit dem Bezahlen klappen soll. Das ist Journalismus per se eher selten, selbst wenn man sich noch so viel Mühe gibt. Mag sein, dass das im Hinblick auf die künftige Finanzierung von Journalismus keine sehr erfreuliche Nachricht ist. Aber wenn wir schon bei den unangenehmen Wahrheiten sind: Vielleicht wäre es auch allmählich an der Zeit sich einzugestehen, dass nicht jeder, der sich heute noch Marktteilnehmer nennt, die nächsten fünf Jahre überstehen wird.

 

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Das journalistische Placebo: Vergesst Crossmedia!

19. Mai 2013 - 12:36 Uhr

Natürlich könnte man jetzt erstmal ein paar Nachrichten aus der zunehmend alberneren Debatte “Print vs Online”aufzählen: Der Zeitungsdesigner Norbert Küpper erregt sich beispielsweise gerade über einen Text von “Cicero Online”, in dem Petra Sorge der Auffassung war, eine ganze Branche verharre im Gestern. Küpper schrieb keinen Kommentar unter Petra Sorges Text, sondern veröffentlichte auf Slideshare eine ganze Präsentation, in dem er Petra Sorges Text, nun ja, auseinander nahm. Küpper moniert u.a., die Autorin halte sich nicht an gängige journalistische Maßstäbe, das werde er nicht tolerieren. Argumentativ stört sich Küpper u.a. daran, dass er von Petra Sorge als “weißhaarig” bezeichnet wird, was nicht falsch ist, von Küpper aber irgendwie als suggestiv wahrgenommen wird. Der Rest erinnert mich in vielem an das, was ich schon als Volontär beim “Dingolfinger Anzeiger” gehört habe, wenn irgendjemandem was nicht gepasst hat. Man mault halt rum. U.a. schreibt Küpper, Petra Sorge haben den Satz kreiert, die Zukunft der Medien habe irgendwie mit dem Internet zu tun und dass sie mit diesem Satz zeige, dass sie der Auffassung sei, die Zukunft der Zeitung liege tendenziell eher im Internet (tja…). Ansonsten das übliche Zeug von allen Fronten:  Man streitet sich ermüdend lange und irgendwie ergebnislos darum, wie viel Netz es denn jetzt sein darf und ob Paywalls gut oder schlecht sind. Ansonsten aber räumen nahezu alle Menschen und womöglich sogar Norbert Küpper ein, dass Medien und Journalisten irgendwie crossmedial aufgestellt sein müssen. Wer besonders viel auf sich hält, wirft momentan gerne auch den Begriff “Transmedia” in die Runde, das klingt dann nochmal einen Tick besser.

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Zeitung

Es gibt also momentan eine ganze Reihe von Veranstaltungen, Schulungen und Diskussionen, die im Kern eines beinhalten: die Annahme, man müsste künftig einfach nur crossmedial arbeiten und dann wird alles wieder gut. Man macht also schlichtweg ein bisschen mehr als vorher, bedient noch ein, zwei zusätzliche Kanäle – und das war´s dann wieder. “Stimmt ja auch”, mögen Sie sich jetzt insgeheim denken. Dabei ist es genau andersrum: Vergesst Crossmedia! Das mag jetzt eine etwas merkwürdig wirkende Forderung für jemanden sein, der ein Buch namens “Crossmedia” geschrieben hat und dauernd Seminare zum Thema “Crossmediales Arbeiten” gibt. Aber spätestens bei “Universalcode” hat sich die Richtung bei genauem Lesen schon etwas verändert. Nämlich hin zu: Es geht um neuen Journalismus, neue Ideen eines journalistischen Berufsbildes und die Überlegung, wie man digitalen Journalismus so definieren kann, dass er mehr ist als die Summe seiner Teile. Genau zu dieser fatalen Rechnung verführt allerdings das Buzzword “Crossmedia”: Print plus ein bisschen Online plus ein bisschen Social Media ist gleich guter, neuer, zeitgemäßer Journalismus.

Man denkt dann unweigerlich an die ersten Ausgaben der “Tagesschau” in der ARD. Die kamen die ersten Jahre immer daher wie die Wochenschauen im Kino. Was vermutlich schlichtweg daran lag, dass man mit diesem komischen neuen Medium Fernsehen noch keine wirklichen Erfahrungen hatte und man deshalb einfach die Darstellungsformen aus dem alten in das neue Medium transferierte. Was ja auch irgendwie nahelag: Beide Male handelte es sich schließlich um Nachrichten in bewegten Bildern, nur dass der TV-Schirm  ein bisschen kleiner war. Es hat ziemlich viele Jahre gedauert, bis TV seinen eigenen Stil gefunden hatte. Und irgendwann war auch klar, dass das Medium TV der bessere Platz für Nachrichten ist; man würde jedenfalls vermutlich etwas irritiert schauen, wenn heute vor dem Blockbuster erstmal Nachrichten zur Lage in Afghanistan und über die neuesten Arbeitslosenzahlen kämen.

Warum dieser Vergleich? Weil vielerorts immer noch das passiert, was im Fernsehen der 50er und 60er Jahre zu beobachten war: Man versucht, alte Medien im neuen Gewand zu machen. Kein Problem der Verlage allein, ganz sicher nicht. Radiosendern fällt häufig noch nicht sehr viel Originelleres ein, als gesendete Beiträge oder Formate auch zum Download anzubieten und das Ganze dann “Podcast” zu nennen. Wenn TV-Sender ins Netz gehen, dann entsteht dort nur in den seltensten Fällen etwas anderes, als ein TV-Beitrag, der dann halt einfach im Netz zu sehen ist. Und dass viele Tageszeitungen immer noch meinen, das Netz sein prima Kanal, um dort eine bildschirmlesbare Zeitung ins Netz zu stellen, ist ja seit etlichen Jahre eine etwas beklagenswerte Tatsache. Diese Geschichten könnte man noch ziemlich lange weiter erzählen; auch im sozialen Netz lesen sich viele Medienaccounts wie eine elektronische Programmzeitschrift mit Kommentar- und Teilfunktion. Tatsächlich Neues und dem Kanal Angemessenes – meistens Fehlanzeige, weil man es im Jahr 2013 bei vielen Redaktionen immer noch als Fortschritt werten muss, wenn es einen Facebook-Account gibt. Wer dann noch twittert, gilt beinahe schon als König, selbst dann, wenn Sendungen, die im linearen Programm regelmäßig mehrere Millionen Zuschauer schaffen, im Netz bei ein paar Hundert Fans und Followern hängenbleiben. Daran ist übrigens und nur am Rande bemerkt natürlich das Netz schuld, nicht derjenige, der seine Unlust zur Kommunikation öffentlich zur Schau stellt.

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Die inflationäre Verwendung des Begriffs “Crossmedia” ist also alles andere als ein Segen. Er stand mal, ganz am Anfang, für eine gute Idee, eine Richtung, die man einschlagen müsste, wenn man was geschafft bekommen will. Inzwischen behauptet jeder Manager (mittlerer Ebene), der mit seinem Haus auf mehr als einem Kanal vertreten ist (und wer ist das nicht mehr?), er habe eine crossmediale Strategie. Bevor sich jetzt alle Journalisten die Hände reiben und mit dem Finger auf die Kollegen aus den Geschäftsführungen zeigen: Leider gibt es auch ausreichend viele Journalisten, die sich selbst eine anständige crossmediale Expertise bescheinigen würden, nur weil sie schon mal mit dem Smartphone  Videobilder gedreht oder einen Tweet abgesetzt haben. Aber das sind rein technische Vorgänge, alle erlernbar, sie haben nichts mit dem Paradigmenwechsel zu tun, den man als Journalist vollziehen müsste, wenn man sich in seine neue Rolle in der Gesellschaft einfügen will. Diese Rolle ist zunehmend weniger die des Informationsbeschaffers. Information als Rohstoff gibt es inzwischen mehr als genug, wir brauchen nicht noch mehr Leute, die sie besorgen. Was an dieser Informationen ist real, wie zu gewichten, wie einzuordnen? Wenn Journalisten ihren Job ernst nehmen wollen, dann konzentrieren sich auf die Rolle als Kurator, Moderator und Analyst.

Dabei – um das jetzt auch irgendwie endlich mal loszuwerden – spielt es nur eine sehr untergeordnete Rolle, auf welchem Kanal man das macht. Die immer noch geführte und immer noch sehr leidvolle Debatte “Print vs. Online” ist dabei so irreführend wie die Dauerverwendung des Schlagworts Crossmedia. Ob jemand guten Journalismus gedruckt oder online oder mobil verbreitet, ist mir persönlich so egal wie der VfL Wolfsburg. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre ist also vielmehr, wie Journalisten und Redaktionen künftig mit den Inhalten umgehen wollen und ob sie endlich verstehen, dass weder crossmediales Arbeiten noch die Präsenz in sozialen Netzwerken ein Selbstzweck sind, den man erfüllt, weil man dass jetzt eben so hat. Beides keine Frage der Quantität, sondern eine Frage, welche Haltung und wie viel Idee dahinter steckt. Konkret: Wenn ich ein crossmedial angelegtes Projekt entdecke, dann finde ich es nur spannend, wenn jeder Kanal so genutzt ist, wie es seinen Möglichkeiten entspricht. Wenn jemand zu irgendeiner Geschichte irgendein Video dreht, dann ist das nicht Crossmedia, sondern erst mal nur eine Geschichte und ein Video. Wenn jemand bei Twitter oder Facebook einfach nur seine Links absetzt, ist das nicht sozial (im Sinne von: gemeinsam), sondern einfach nur noch ein Verbreitungskanal. Genauso wenig, wie es etwas mit “Social TV” zu tun hat, wenn jetzt regelmäßig Tweets eingeblendet oder (beinahe noch öder) von der obligatorischen Twitter-Tussi on air vorgelesen werden. Sozial heißt gemeinsam, soziale Medien sind demnach solche, deren Weg und Entstehung gemeinsam gegangen wird.

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Man sollte also eher besser weghören, wenn es demnächst auf Schulungen und Seminaren und anderem Kram um Crossmedia oder Social Media geht. Das sind intellektuelle Placebos, die man jemandem verabreicht, damit er wenigstens für eine kurze Zeit meinen kann, dass es wirkt. An der tiefergehenden Analyse, an der Suche nach einem neuen journalistischen Selbstverständnis, kommt man deswegen trotzdem nicht vorbei. Einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt entkommt man schließlich auch nicht, nur weil man jetzt öfter die Zähne putzt.

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Universalcode: Die Apps kommen

15. Mai 2013 - 18:32 Uhr

Selbst im hohen Alter gibt es noch Dinge, die man zum ersten Mal macht. Beispielsweise eine App bauen. Momentan sitze ich mit dem Artdirector der ABZV, Andy Artmann, zusammen – und gemeinsam schrauben wir an der ersten von mehreren geplanten Apps zu “Universalcode”. Die erste, so viel kann ich schon verraten, wird sich mit dem Thema Datenjournalismus befassen.

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Ein paar grundsätzliche Sachen dazu: Natürlich werden die Apps nicht einfach E-Books. Schon alleine deswegen nicht, weil es “Universalcode” ja schon lange als E-Book u.a. bei Amazon und bei Apple gibt. Aber es würde auch so wenig Sinn machen, ein Buch einfach in eine App zu konvertieren. Die Apps werden deshalb zu einem großen Teil aus Videos und Tutorials bestehen, dazu kommen kurze erklärende Texte. Texte aus dem Buch sind nicht enthalten.

Für alle, die es interessiert: Wir bauen diese App mit einer Software namens “Tango”. Wer es ausprobieren will und Tutorials braucht – bitte hier entlang.

Mir ist natürlich klar, dass man komplexe Themen wie den Datenjournalismus nicht mal eben im Vorbeigehen in einer App erklären kann. Aber ich wollte immer, dass “Universalcode” nicht einfach ein Buch mit angeschlossener Website ist. Deswegen gibt es auch die “Universalcorner” im Radio, das E-Book und bald eben die Apps.

Die Apps werden kostenlos im Apple-App-Store zu haben sein, wann genau, das wird hier bald stehen. Und sorry,auch wenn es jetzt zu Protesten kommt: vorerst kein Android. Für eine kleine Nonprofit-Truppe wäre das im ersten Schritt schlichtweg zu viel gewesen.

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rp13-Videos: Freddie, Fiene und ix

10. Mai 2013 - 10:34 Uhr

Und jetzt aber, versprochen, zum allerallerletzten Mal das Thema rp13. Da gibt es zum einen natürlich noch das letzte Video von Daniel Fiene und mir aus unserer kleinen Universalcorner nachzutragen.

Irgendwann ist in diesem Video auch vom Finale mit “Bohemian Rhapsody” die Rede. Nicht gesehen? Bitte sehr, so sah das aus:

Multi-view Bohemian Rhapsody at re:publica 2013 from rha:publica on Vimeo.

Alle Videos von der rp13 finden sich übrigens in einem YouTube-Channel. Wobei – mein ganz persönlicher Favorit ist ja das hier. Tausend mal mehr Hirn,Witz und Esprit als der eine oder andere, der für sich reklamiert, Hirn,Witz und Esprit zu haben:

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Leben in den medialen Paralleluniversen

9. Mai 2013 - 21:43 Uhr

Wenn es um den aktuellen Zustand der Onlinewelt geht, dann kann man gerade jetzt, einen Tag nach dem Ende der re:publica, gerne zwei sehr konträre Meinungen hören. Die re:publica und mit ihr ihre Protagonisten seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen, textete beispielsweise die SZ in dieser Woche.  Unsinn, befand wiederum Springers “Morgenpost” – da blieben eben dann doch nur die Nerds unter sich, in der Mitte der Gesellschaft seien weder die Themen noch ihre Protagonisten angelangt. (Freundlicher Hinweis: Meine persönliche Meinung dazu, habe ich bei “Cicero” aufgeschrieben).

Liveblog

Zumindest wenn es um Medien im weiteren und den Journalismus im engeren Sinn geht, dann ist es kein Fehler, sich ab und an zwischen beiden Welten zu bewegen. Ich bin während der re:publica zweimal nach Leipzig gependelt, habe dort am “Medientreffpunkt Mitteldeutschland” teilgenommen – und war danach erstens müde und zweitens baff erstaunt. Weil mir nicht klar war, wie groß der (digitale) Graben immer noch ist. Womöglich, auch wenn man das kaum für möglich halten soll, ist er sogar größer geworden. Ich habe jedenfalls noch nie so unmittelbar zwei derartig verschiedene Kulturen so heftig aufeinanderprallen gesehen. Nicht man unbedingt nur deshalb, weil die re:publica ein dreitägiges Gewusel im hochkreativen Chaos ist und man beim “Medientreffpunkt” ganz ordentlich Mittagspausen mit Buffett und Smalltalk macht und man bei den einen Club Mate und bei den anderen stilles Wasser trinkt. Sondern weil man bei Besuch in Leipzig das Gefühl nicht los wird, dass man in der analog lebenden Medienwelt zwar gerne und viele Bekenntnisse abgibt, wie wichtig dieses digitale Zeugs doch sei, ansonsten aber zum einen dann doch lieber weiter machen möchte wie gehabt. Und man zum anderen immer noch in Denkweisen verhaftet ist, von denen selbst Pessimisten denken könnten, sie seien endgültig Vergangenheit. Sind sie aber nicht.

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QWERTZ

Man sitzt dann also auf einem Panel, das sich mit Blogs und Podcasts und solchem Zeug beschäftigt. Und man liest die Ankündigung für dieses Panel, die beinahe so absurd ist wie die wundervolle Formulierung des ARD-Morgenmagazins, die re:publica sei Deutschlands wichtigste “Internet-Messe”:

Podcaster und Blogger widmen sich ihren Produkten oft mit viel Hingabe und Know-how. Dabei verfolgen sie selten das Ziel, reich und berühmt zu werden. Das Motiv liegt irgendwo zwischen Hobby, Reputation und Eitelkeit. Ihre Abonnenten haben einen klaren Mehrwert und sind meistens treue Nutzer.

Für einen Moment lang dachte ich, es handle sich dabei um einen hübschen Ironieversuch. Als ich dann die Eingangsfrage gestellt bekam, welche dieser drei Motive mein wichtigstes sei, war ich leider zu überrumpelt, um wirklich schlagfertig zu sein. Eigentlich hätte ich sagen müssen: Eindeutig die Eitelkeit, ich stehe auch morgens vor dem Spiegel und küsse mein Ebenbild. Tatsächlich ging die Debatte dann leider auf dem Level auch so weiter. Die Rede war dann auch davon, dass im Journalismus und in Blogs immer mehr Meinung statt Information produziert werde, weil das sehr viel billiger sei als harte Recherche. Das alte Lied also: Da schreiben und senden irgendwelche Leute das Internet zu, während unser schöner Qualitätsjournalismus den Bach runtergeht. In dem Moment musste ich an ein Zitat der “Dresdner Neuesten Nachrichten” denken, das Sascha Lobo am Montag Abend in seinen Vortrag gepackt hat: Den Weggang Stefan Niggemeiers vom “Spiegel” schmückte man dort mit der Formulierung aus, bei Niggemeier handle es sich um einen “sehr überschätzten Web-Blogger”. Sieht man von dem sprachlichen Auffahrunfall “Web-Blogger” ab, zeigt das die ganze Verachtung, die immer noch in vielen Analog-Köpfen steckt. Ob die gleiche Redaktion, sagen wir, Claus Kleber als einen “sehr überschätzten Fernsehansager” bezeichnet hätte? Ich bin dann übrigens irgendwann man ziemlich bockig geworden und habe gesagt, angesichts der vielen Journalismussimulationen in der analogen Welt sähe ich jetzt keinen Grund für irgendwelche Überheblichkeiten. Und was passiert? Ein Tweet:

Blogger schlagen zurueck: Ein Grossteil der medialen Berichterstattung ist “Journalismussimulation”. Christian Jakubetz gerade beim MTM-Lab.

Es ist aber auch ein Elend mit diesen “Web-Bloggern”: Kaum kritisiert man sie ein wenig, schlagen sie auch schon wieder unbarmherzig zurück.

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Meine nächste Veranstaltung am kommenden Tag wiederum trug den schönen Titel “Wie gelingt der Umstieg von gratis auf kostenpflichtig im Netz?”. Nach einer etwas längeren Einleitung dann der gestrenge Hinweis: “Es gilt weiterhin ins Bewusstsein zu rufen: Qualitäts- Journalismus will bezahlt werden.”  Eigentlich war da schon meine Verzweiflung angemessen groß und als die Rede dann auch noch auf die inzwischen totdebattierte “Kostenlos-Mentalität” im Netz kam, war es vermutlich nur meinem sonnigen Gemüt zu verdanken, dass ich nicht unfreundlich wurde.  Alles wie gehabt also: Eitle und überschätzte Hobbyblogger auf der einen, kostenlose Schnorrer auf der anderen Seite – wie soll das jemals nochmal etwas werden mit diesem Journalismus im Netz? Ich fürchte, in den Vorstellungen von Leipzig (und auch andernorts, wie wir gleich noch sehen werden) hieße die Lösung: Man muss den Jungs im Netz nur mal ordentlich Mores lehren, ihnen ihre Blogs und Podcasts wegnehmen und gleichzeitig eine allgemeine Zahlungspflicht einführen. Und vermutlich findet man dort sogar die Argumentation der Drosselkom schlüssig und stringent.

Die Kollegin Petra Sorge hat unterdessen in Wien den “European Newspaper Congress” beobachtet – und ist, was Zeitungen angeht, zu einem Ergebnis gekommen, das vermutlich als “typisch für diese Blogger” bezeichnet würde, wenn es denn einer dieser üblichen verdächtigen Blogger gewesen wäre, der zu diesem Ergebnis gekommen ist: “Eine Branche verharrt im Gestern”, betitelt sie ihren Beitrag. Wäre ich nicht selbst mal wieder in diese analoge Welt geplumpst, ich hätte vermutlich im Stillen gedacht, dass die Kollegin Sorge da aber dann ein bisschen arg dick aufträgt. So aber – glaube ich jedes Wort und wundere mich nicht einmal. Dabei hatten sie sich sogar die Wissenschaftlerin Emily Bell nach Wien geholt, die ihnen Dinge auf den Kopf zusagte, die sehr viel unangenehmer sind als das meiste, was man in Deutschland so zum Thema zu lesen bekommt.

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Wie wandlungsfähig ist diese analoge Medien-Welt also noch? Nach den Erfahrungen und der Lektüre der letzten Tage geht meine Tendenz zu: gar nicht. Dass man im Jahr 2013 die re:publica und einen durchschnittlichen Medienkongress als zwei Paralleluniversen wahrnehmen muss, ist jedenfalls kein wirklich gutes Zeichen.

14 Kommentare » | MEDIENZUKUNFT

#rp13, Tag 1: Telekomgesellschaftserdrosselung

6. Mai 2013 - 21:53 Uhr

Immer, wenn die Re:publica stattfindet, ist das auch ein ganz guter Anlass darüber nachzudenken, wo wir denn jetzt aktuell stehen mit unserem digitalen Leben, auch und gerade, wenn es um uns in den Medien geht. Man steht dann morgens vor der dann doch ganz beachtlichen Schlange, wartet eine knappe Stunde, bis man drin ist – und denkt sich: Wir sind viele (und wir werden immer mehr). Das Schöne wie auch Bezeichnende ist: 5000 Menschen sollen es in diesem Jahr sein und trotzdem kennt man sich. Digitale Klassenfahrt, Kindergeburtstag, das digitale Leben in Deutschland ist auch unter 5000 Menschen noch überschaubar. Soll man sich da jetzt freuen – oder doch wundern, dass das Zukunftsthema schlechthin immer noch in vergleichsweise kleinen Zirkeln ausdiskutiert wird? Günther Dueck sagt´s ganz schön bei einer der ersten Sessions: Hier drin sind wie viele, da draußen immer noch vergleichsweise wenige.

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Die Themen sind in den ersten Stunden halbwegs erwartbar: Das freie Internet muss verteidigt werden, ein Zweiklassen-Internet darf es nicht geben, für das mittelmäßige und rückwärtsgewandte in dieser Onlinewelt steht gerade, wenig überraschend, die Telekom, für die Dueck den sehr schönen Begriff der “Telekomgesellschaftserdrosselung” kreiert. Tatsächlich kontrastiert kaum etwas so schön den Unterschied zwischen digitaler Konferenzirgendwas und dem digitalen Alltag: Hier reden wir darüber, was alles sein könnte und sollte, draußen fällt den Providern nichts Sinnigeres ein, als das Internet zu drosseln, weil es gerade so groß wird. Ich habe hier übrigens schon einige Stände gesehen, von der Telekom war keiner dabei. Dafür immerhin von der Commerzbank einer, auch wenn ich nicht so recht weiß, was die hier macht.

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Und dann habe ich mir noch das völlige Kontrastprogramm zum deutschen Digitalalltag gegeben, in dem ich mir Betsy Hoover angehört habe. Miss Hoover hat die digitalen Kampagnen von Barack Obama verantwortet und ist sehr amerikanisch: “How are you”, beginnt sie ihren Vortrag, was der digitale Morgenmuffel des Landes D. mit einem bestensfalls freundlichen Lächeln quittiert, keineswegs aber mit massenhaft rausgeschleuderten “great”, wie es wohl in den USA gewesen wäre. Danach lernt man zwei Dinge: Die Amis beherrschen diese Sache mit der Emotion und dem Einsatz von Videos in einer unfassbaren Perfektion. Und man hört von ihr Dinge, die an sich wenig überraschend sind: Leute da abholen, wo sie sind, mit ihnen in einen Dialog treten, sie zu Beteiligten machen. All das findet man völlig ok, aber nicht unbedingt wahnsinnig erhellend, weil man sich das schon irgendwie dachte. Dann aber, während man gerade beginnt, Miss Hoover auf ihr Strahlelächeln und ihre amerikanisch gute Laute zu reduzieren, macht man dann den Realitätsabgleich mit dem gequälten “muss ja irgendwie”, mit dem in Deutschland Medien, Politik und Gesellschaft an das Digitalthema herangehen. Und man denkt sich: Gemessen an dem sind wir dann doch noch ein digitales Entwicklungsland. Und deswegen freut man sich dann doch, dass es lange Schlangen am Eingang gibt und immerhin 5000 Menschen hierher kommen. Und man denkt sich: Irgendwann werden sie es schon noch lernen, bei der Telekom, in den Redaktionen und vielleicht sogar in der Politik.

1 Kommentar » | NUR SO DAHINGESAGT

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