FAZ, genauer betrachtet

Der erste Reflex beim inzwischen vollständig und nicht mehr von Geheimnissen umrankten Relaunch der FAZ scheint bei vielen der gleiche gewesen zu sein: Sieht aus wie Spiegel online. Nur in blau. Mein erster Reflex war´s auch, zugegeben. Schade allerdings, wenn man das neue FAZ.net nur nach diesem Gesichtspunkt beurteilen würde. Zwar hat, in der Tat, dieses eine Layout sehr stark um sich gegriffen und manchmal fragt man sich, ob eigentlich Web-Desigern so gar nichts anderes einfällt als der 72. Aufguss von Spiegel Online. Und man stellt auch fest, dass die ganzen Konkurrenten aus der 2. Reihe dafür gesorgt haben, dass Nachrichten-Deutschland im Web ziemlich einförmig aussieht.

Dass die FAZ sich jetzt an diesen Trend anhängt, nunja, man mag es bedauern, es hat aber auch seine Vorteile. Denn leicht haben es die Frankfurtern ihren Nutzern nicht gemacht. Weniger deswegen, weil sie sich trauten, auch mal längere, sperrige Stücke zu machen (dafür muss man sie ja sogar loben). Sondern weil die Seite nach mehrjährigem Nicht-Aufräumen zum einen ziemlich antiquiert rüberkam und zum anderen, weil sie demenstprechend unaufgeräumt war. Man weiß ja aus eigener Erfahrung wie das ist: Man nimmt hier noch eine neue Rubrik dazu, da ein neues Plug-In, entdeckt noch ein nettes Feature zum Draufpacken – bis man irgendwann fest stellt: So geht das nicht mehr weiter, hier muss dringend aufgeräumt werden. Wenigstens das hat man getan. Die Neugestaltung ist zwar nicht gerade designerpreisverdächtig, aber immerhin: wenigstens aufgeräumt. Man kennt sich wieder aus.

Der Vergleich mit SPON zieht aber aus einem ganz anderen, gewichtigen Grund nicht: Die FAZler sind ziemlich unbeeinflusst von dem, was sich andernorts in den Folgen einer unbedingten Klickhörigkeit niederschlägt. Man hat den – überaus angenehmen – Eindruck, dass es hier tatsächlich noch weitgehend um Inhalte handelt und nicht um die elende Klickschinderei, mit der man inzwischen Witze, leere Bierflaschen und nichtssagende Pressekonferenzen zur Bilderstrecke aufplustert. Klar machen auch die Frankfurter Bildstrecken. Gegen die gibt es per se ja auch nichts einzuwenden. Wenn sie journalistisch motiviert sind, wenn sie gute Motive haben, wenn sie eine Story erzählen – natürlich, dann sind Bildstrecken etwas Wunderbares. Bei den Kollegen der FAZ jedenfalls fallen mir auf Anhieb nicht sehr viele Bildstrecken ein, die nicht eine dieser Eigenschaften mit sich gebracht hätten.

Beim Vergleich Optik vs. Inhalt fällt mir dann auch noch der „Tagesspiegel“ ein, dessen Relaunch ich optisch überaus gelungen fand (und finde – obwohl er natürlich, zugegeben, sehr stark von NYT.com inspiriert ist). Was nutzt die wunderbarste Optik, wenn es dann mit den Inhalten eher wieder mau aussieht? Hinter seiner beeindruckenden Fassade liefert der Tagesspiegel leider nicht mehr sehr viel, was das Klicken lohnt. Die FAZ macht´s andersrum – was mir im Zweifelsfall lieber ist.  Insofern: Daumen rauf, Lob an den Main. Well done.

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