Und alles Gute noch bei der Revolution

140 Zeichen erlauben nicht viel an Inhalt – und dennoch: Fast nichts gab in den letzten Monaten so viel Gesprächsstoff her wie „Twitter“. Jetzt stößt der Kurzmitteilungsdienst an Grenzen – Ende eines Hypes?

Ein paar Gesichter sind noch grün eingefärbt. Wobei es spannend wäre zu wissen, ob sie sich noch erinnern können, warum sie sich einstmals einen Revolutionsanstrich gaben – all jene Twitterer, die sich unlängst mit den iranischen Widerständlern solidarisierten, vermutlich weniger, weil sie deren Ziele unterstützten (oder gar kannten), als vielmehr deswegen, weil sie das irgendwie cool fanden: jetzt sogar eine echte Revolution, unglaublich, was dieses Twitter so alles bewegen kann. Ein kurzer Mausklick und das eigene Portraitfoto war grün eingefärbt, als Zeichen der Unterstützung derjenigen, die in Teheran twitterten, um die Welt über die Ereignisse in Iran auf dem Laufenden zu halten.

Inzwischen sind die Proteste in Iran weitgehend wieder verstummt. Und niemand spricht mehr davon, dass Twitter ein irgendwie revolutionsförderndes Tool sein könnte. Zeit also, sich mit dem 140-Zeichen-Phänomen auseinanderzusetzen, ohne dass sofort der Einwand kommen könnte, Twitter habe ja schließlich die politischen Verhältnisse in Iran grundlegend geändert.

Nüchtern und mit ein wenig Abstand von den jüngsten Geschehnissen in Iran betrachtet, ist die Sichtweise des Kulturkritikers David Golumbia ziemlich gut nachvollziehbar: Er bezweifle, so sagte Golumbia unlängst in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, dass die Auswirkungen von Twitter auf die Revolutionäre wirklich derart groß gewesen seien, „wie einige Leute das gerne gehabt hätten“. Im Gegenteil: „Wenn man die gesamte Kommunikation betrachtet, die zu den Protesten geführt hat, tendiert Twitters Beitrag eher gegen Null.“ Technik-Fans glaubten anscheinend, man könne soziale Probleme mit digitalen Mitteln lösen. Und in der Tat: Gelöst wurde in Iran gar nichts, zumindest nichts, was unmittelbar auf Twitter zurückzuführen wäre. Zumal – ebenfalls nüchtern betrachtet – Twitter zwar ein schneller und für die Regierung in Teheran kaum zu kontrollierender Kommunikationskanal ist, dennoch aber Revolutionen und Revolutionäre sich schon immer eine Stimme verschaffen konnten, und wenn es ganz banale Flugblätter waren. Revolution und Veränderungen können jetzt zwar schneller und einfacher kommunizieren, deswegen aber macht Twitter noch lange keine Revolution.

Vielleicht hängt diese Idee, Twitter könne ganze Revolutionen machen oder wahlweise auch mal den Journalismus von heute grundlegend verändern, mit einer falschen Vorstellung zusammen. Nämlich mit der, dass es sich bei Twitter um ein eigenes Medium handle; ein sehr verknapptes zwar, dafür aber um ein sehr schnelles, ein authentisches, für jedermann nutzbares und deshalb auch schwer kontrollierbares. Das mag in der Beschreibung der Eigenschaften alles zutreffen. Das gilt aber für Flugblätter ganz genauso, trotzdem ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, ein Flugblatt als Medium zu bezeichnen. Das Flugblatt erwacht erst durch seinen Inhalt zum Leben, ebenso Twitter. Ein Instrument also, mit dem man Nachrichten ins Internet schreibt – nicht mehr und nicht weniger ist Twitter, wenngleich zugegebenermaßen eines, das in den vergangenen Monaten intensiv genutzt wurde.

Die Debatte also normalisiert sich – und auch das gehört zu den vielen kleinen Anzeichen, die darauf hindeuten, dass es sich beim Netzgezwitscher eben doch auch um eine ziemlich gehypte Geschichte handeln könnte. Ob die Bedeutung von Twitter für die Unruhen tatsächlich so groß war, wie es Twitter-Euphoriker behauptet haben, sei dahingestellt. Sicher ist, dass ein klassisches Hype-Anzeichen in den vergangenen Monaten unübersehbar war: rasantes, mit normalen Argumenten kaum erklärbares Wachstum, das plötzlich, ebenso unerklärlich, stagnierte. Im Jahr 2008 wuchs der Dienst so, wie es Betriebswerte gerne „organisch“ nennen: konstant, in überschau- und erklärbaren Sprüngen, die darauf hindeuteten, das sich Twitter schlichtweg zunehmend wachsender Beliebtheit erfreuen durfte. Monatlich stieg die Zahl der „unique visitors“ – und sieht man mal von einem minimalen Knick zwischen November und Dezember des Jahres 2008 ab, dann wuchs Twitter letztes Jahr kontinuierlich von rund 1,7 Millionen auf rund 4,3 Millionen Besucher pro Monat. Danach dann aber das klassische Hype-Phänomen: Alleine zwischen Februar und März 2009 verdoppelte sich die Besucherzahl beinahe (von rund 7,9 auf gut 14 Millionen Visits), um im Folgemonat noch einmal erheblich zuzulegen: 19 Millionen Besucher zählte die Twitter-Seite im April 2009 – um dann im Mai auf nahezu demselben Wert stehen zu bleiben.

Eine Entwicklung, die nach dem explosionsartigen Wachstum der Monate davor zumindest erstaunlich ist. Und eine Entwicklung, die man leicht so interpretieren könnte, dass das neue Spielzeug allmählich wieder an Reiz verlieren könnte.

Es gibt aber auch anderes, was man als Phänomene eines Hypes ausmachen kann: beispielsweise , dass die pure Masse, die man in letzter Zeit gerne angeführt hat, um die stetig wachsende Bedeutung von Twitter zu belegen, ohnehin schnell in sich zusammenfällt, wenn man genauer hinsieht. Experten gehen davon aus, dass 90 Prozent des Twitter-Traffics durch gerade mal zehn Prozent der User erzeugt werden (wer einen eigenen Twitter-Account hat, wird dies übrigens gerne glauben, selbst ohne wissenschaftliche Unterfütterung). Und weiter: 60 Prozent der Accounts sollen Karteileichen sein, 80 Prozent der untersuchten Accounts haben lediglich einen einzigen Follower oder folgen umgekehrt nur einem einzigen User. Könnte es also schlichtweg nicht so sein, dass sich ein ganz erheblicher Teil der Neu-Twitterer der letzten Monate einfach mal angemeldet hat (geht ja ganz schnell und außerdem hört man neuerdings so viel von diesem Twitter), um danach mit der ohnehin sehr mobilen Online-Karawane weiterzuziehen?

Völlig neu wäre dieses Phänomen nicht. Schon bei den „großen“ Blogs wird eine ganz ähnliche Tendenz wie jetzt bei der Microbloggern beobachtet: Es gibt eine überwältigend große Masse, die sich mit dem Thema Blogs auseinandersetzt, vielleicht auch mal selbst voll des guten Willens ein eigenes Blog anlegt. Nur um dann festzustellen, dass man fürs bloggen vielleicht doch nicht geboren und außerdem gutes bloggen ja auch eine Menge Arbeit ist. Die Zahlen jedenfalls sind ähnlich: 10 Prozent der Blogger sorgen für rund 90 Prozent des Traffics, es gibt zwar unzählig viele Blogger, als relevant wird dennoch nur ein Bruchteil wahrgenommen. Das ist nicht weiter verwerflich, nur eben bezeichnend: Die bloßen Zahlen und die Wachstumsraten sagen weder bei Twitter noch bei den Bloggern irgendetwas über die Relevanz aus. Ein Blogeintrag, ein Tweet nur – und schon sieht zumindest die Statistik weitere Zuwächse. „One post wonders“, nennt man das spöttisch; es gibt sogar ein eigenes Blog dazu —  und verwunderlich wäre es demnach nicht, wenn es auch bei den Microbloggern derlei gäbe.

Manch einer fühlt sich inzwischen auch an „Second Life“ erinnert. Man erinnert sich, da war mal was. Nämlich eine virtuelle Parallelwelt, in der sich innerhalb kürzester Zeit hunderttausende Avatare tummelten und in der es die ersten Cleverles ziemlich schnell mit virtuellen Waren zu realen Millionen brachten. Die Argumente, die damals für die virtuelle Welt am PC ins Gespräch gebracht wurden, ähnelten verblüffend denen in der Twitter-Debatte, insbesondere wenn es um die Auswirkungen für Medien und deren Macher ging: Eine Präsenz im zweiten Leben sei unverzichtbar, Kommunikation werde sich zunehmend auch in virtuellen Welten abspielen. Der Springer-Verlag reagierte seinerzeit zügig und brachte eine deutlich an „Bild“ angelehnte Parallel-Boulevardzeitung auf den virtuellen Markt. Eine Idee, die damals als ziemlich hip erschien – und für die man heute, würde man sie äußern, vermutlich milde belächelt würde. Aber was heißt schon „damals“? Der Höhepunkt des Hypes liegt gerade mal drei Jahre zurück.

Und ähnlich wie auch bei Second Life, sind inzwischen auch die Spammer, die digitalen Umweltverschmutzer da, reichlich sogar. Wer sich am Anfang noch über eine deutlich steigende Zahl von Followern wunderte, die einem namentlich so gar nichts sagten, war spätestens dann desillusioniert, als sich die vermeintliche Interessentin für den täglichen 140-Zeichen-Output dann doch nur wahlweise als „scharfe 18jährige“ oder auch mal als „reife Frucht“ entpuppte. Wo die Masse, wo der Hype ist – da werden solche merkwürdigen Figuren angelockt wie Fliegen vom Dreck. Die Blogger haben das bereits hinter sich, die Twittersphäre lernt es gerade schmerzhaft.

Die Revolution endete dann übrigens auch bei „Twitter“ ziemlich abrupt und eher unspektakulär. Sie habe ihr Gesicht jetzt wieder entgrünt, ließ eine der einstmals solidarischen Twitterinnen wissen. Nichtsdestoweniger wünsche sie den Aufständischen in Iran weiterhin „viel Erfolg“.

Man muss befürchten, dass sie das ernst meinte.