Ein Abgrund an Journalismus-Verrat

Gerade jetzt in diesen Minuten geht in Berlin ein Ereignis über die Bühne, auf das die Welt gewartet hat. Dementsprechend wird es von N24 live übertragen, bei Bild.de live getickert und auch bei Spiegel Online und anderen entsprechend aufgeregt angekündigt. Es passiert nicht weniger — als dass ein Bundesbank-Vorstand mit ziemlich kruden Ansichten ein Buch vorstellt.

Das müsste eigentlich niemand mitbekommen und eigentlich müsste man sich darüber nicht weiter aufregen. Thilo Sarrazins Äußerungen zu Judengenen und zur ganz natürlichen Dauerverdummung der Deutschen durch  Moslems und anderes ihm anscheinend eher fremden Zeugs sind von einer solchen Idiotie geprägt, dass es ähnlich sinnvoll wie bei Eva Hermanns Autobahn-und Loveparadegeschichten ist, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Es wäre also das Allereineinfachste (und Sinnvollste), jemanden wie Sarrazin blubbern zu lassen und ihm dabei zuzusehen, wie er — ebenfalls wie Eva Hermann — irgendwann mal auf dubiosen Webseiten wirre Kommentare schreibt oder bei NPD-Stammtischen in Mecklenburg-Vorpommern als aufrechter Deutscher gefeiert wird. Die Sache ist in Demokratien doch ganz einfach: Sarrazin darf das natürlich sagen und schreiben — und ich kann das widerlich finden.

Das ist allerdings nicht so einfach, schon gleich gar nicht für jemanden, der dermaßen konsequente Heuchelei in der Sache betreibt wie der “Spiegel”. Es ist bizarr zu beobachten, wie der “Spiegel” Sarrazin eine große Bühne durch den Vorabdruck seines Buches gibt, ihn gemeinsam mit “Bild” erst auf die Stufe eines echten Ereignisses hebt, um danach eine Woche lang konsequent via “Spiegel Online” das Buch und den Autoren zum leibhaftigen Gottseibeiuns zu erklären. Ein übleres Kalkül kann man sich kaum vorstellen: Man druckt einen Autoren ab, dessen steile Thesen bekannt sind. Man druckt ein Buch vorab, dessen Inhalt man ja kennt.  Danach echauffiert man sich, schreit Skandal — und schaut dann genüsslich zu (und schreibt als Gipfel der Heuchelei ein “Liveblog” zur Buchvorstellung), wie sich andere darüber echauffieren, nachdem sie von “Spiegel” und “Bild” eine Woche lang ausführlich über jeden noch so kruden Unsinn aus dem Hause Sarrazin informiert worden sind. Die Welle ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten: Man fragt dann Parteimitglieder, was sie eigentlich so über den Herrn Sarrazin denken, wobei wenig überraschend die meisten in der SPD das nicht so gut finden, woraus man dann wieder prima Schlagzeilen machen kann. Und Liveblogs zur Buchvorstellung.

In einem solchen “Liveblog” macht “Spiegel Online” die perfide Heuchelei dann perfekt. Natürlich echauffiert man sich, gibt den Entrüsteten, verleiht aber durch die “Live-Berichterstattung” dem Ganzen erst so richtig Gewicht.Man kann sich vorstellen, wie Sarrazin und sein Verlag in ihrem tiefsten Inneren ein feistes Grinsen aufsetzen, weil ihnen klar ist, dass die Buchverkäufe dank gnädiger medialer Mithilfe in enorme Höhen steigen werden. Man muss dann nur noch den Auftritt ordentlich über die Bühne bringen, in dem man erwartungsgemäß und pflichtschuldig betont, man sei ja doch von den Reaktionen auf das Buch “überrascht” gewesen (genauso wie bei Eva Hermann, da war man auch “überrascht”).

Vollends zur journalistischen Lachplatte macht man sich dann, wenn man eine gezielte Provokation erst mit reichlich Veröffentlichungen unterstützt, um dann die wirklich dümmste aller dummen Aussagen des Provokateurs, er sei ja von den Reaktionen auf seine Provokation selbst überrascht gewesen, mit solchen “Liveblogs” zu begleiten:

[11:20 Uhr] Verlag gibt sich überrascht von den Reaktionen

Der Verlagschef setzt zur Vorrede an. Und kritisiert gleich mal die Reaktionen vor Erscheinen des Buches. Diese hätten den Verlag “überrascht”. Jetzt müsse die Debatte versachlicht werden. (vme)

Auf einem ähnlich erbärmlichen Niveau wühlt sich “Spiegel Online” durch die gesamte Marketingveranstaltung für ein sturzbescheuertes Buch:

[11.12 Uhr] Die Veranstaltung beginnt. Sarrazin betritt den Pressesaal. Es wird ruhig, dann klatschen plötzlich ein paar Leute. Sarrazin setzt sich vor eine blaue Wand, es gibt minutenlanges Blitzlichtgewitter. (vme)

Und natürlich, so viel steht zu erwarten, wird irgendjemand heute, morgen oder wann auch immer bei “Spiegel Online” kommentieren, wie unsäglich dieses Buch Sarrazins sei und die Frage stellen, ob der Provokateur als Vorstandsmitglied der Bundesbank überhaupt noch tragbar sei.

Bei “Bild” sind sie dann wenigstens ehrlicher. Dort hechelt man jetzt schon:

Thilo Sarrazin (65) und sein umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ – zur Stunde stellt er es vor. Kommt es dort zu einem Eklat? BILD.de berichtet live.

So geht das also inzwischen: Man schaukelt ein Buch zum Skandälchen hoch, hofft auf einen Eklat, Inhalte machen leicht gemacht. Bei Bild” wundert man sich darüber ja noch nicht mal, das hat dort Methode — und dass man bei “Bild” Sympathien für Sarrazin hegt, ist ebenso wenig verwunderlich wie neu. Insofern ist das, was “Bild” macht, fast noch so was wie ehrlich. Was der “Spiegel” dagegen betreibt, ist die pure Heuchelei, ein Abgrund an Journalismusverrat.

Nachtrag, 31.8., 10.27 Uhr: Spiegel Online ist erwartungsgemäß heute der Meinung, dass die Bundesbank in der Affäre nicht gut aussieht und fragt sich, warum nicht schon längst jemand eingeschritten ist. Tja.