Wir basteln uns einen Schill

Für Thilo Sarrazin und seine Marketingstrategen müssen die vergangenen zwei Wochen ein Traum gewesen sein: Reichweiten in Millionenhöhe in Zeitungen und im Fernsehen, Sarrazin jeden Tag als die Dauerschlagzeile und als das Thema, das das Land bewegte. Und das alles, weil er ein Buch geschrieben hat, bei dem selbst Menschen, die Sarrazin wohlgesonnen sind, eine gewisse Indifferenz monieren. Man könnte auch sagen: Der Genforscher, Historiker, Politologe und Finanzexperte, gewissermaßen also das letzte Universalgenie, hat ziemlich krudes Zeugs verzapft. Was ziemlich egal ist, so lange er die Medien des Landes wie tapsige Tanzbären am Nasenring durch die Arena führen kann. Was wiederum ziemlich einfach ist, wenn man als langjähriges Mitglied des Berliner Politbetriebs eine Ahnung hat, wie reflexartig Journalisten reagieren. Und weil Sarrazin das gut weiß, hat er mal eben ein paar Reflexe zum funktionieren gebracht. Mit dem Ergebnis, dass sein Verlag jetzt mit der Produktion der Sarrazin-Genforschung kaum mehr hinterherkommt.

Es ist eine ziemlich elende Vorstellung, die Journalisten in den letzten zwei Wochen abgegeben haben.  Erst das — Vorabdruck genannte –prominente Platzieren bekannt kruder Thesen. Thesen, deren überaus problematische Wirkung denjenigen, die diese Vorabdrucke veranlassten bekannt gewesen sein muss. Nicht umsonst wird Sarrazin in ungefähr jedem Beitrag als “Provokateur” angekündigt. Man gibt also dem Provokateur die größtmögliche Bühne — und bezeichnet ihn dann später als Rattenfänger, zu dem er aber vermutlich gar nicht werden hätte können, hätten Journalisten dem Rattenfänger nicht erst die ganz große Bühne geliefert.

Danach läuft die mediale Maschine auf Hochtouren, der prvozierende Rattenfänger und sein Verlag freuen sich: Nach Vorabdrucken mit Millionenauflage (alleine “Bild” und “Spiegel” bringen es auf eine Druckauflage von gut vier Millionen Stück) jetzt die elektronischen Medien: N24 berichtet live von der Buchpräsentation. Am Abend dann Beckmann, am nächsten Abend mit Friedman bei Plasberg. Donnerstag dann Thema bei Frau Illner.

Begleitet von einer ganzen Batterie medialen Begleitfeuers: Angeblich soll Sarrazin Friedman „Arschloch“ genannt haben, was insofern nicht erstaunlich ist, weil man ja ahnen kann, was passiert, wenn man den Judengenforscher Sarrazin und den auch mal gerne hinlagenden Friedman aufeinander loslässt. Das Interview sollte übrigens im bekannten Autoren- und Debattenblatt B.Z. erscheinen. Tat es dann nicht, die B.Z. gab aber dann doch die Arschloch-Information an Bild weiter, die daraus eine nette Schlagzeile machten. Der Aberwitz war trotzdem beträchtlich.

Denn auch das ist eine Form des Kalküls: Die Medienfigur Friedman und die Medienfigur Sarrazin (den sich laut bild.de 90 Prozent der Deutschen als Bundeskanzler vorstellen könnten), das produziert vielleicht nebenher eine gehaltvolle Debatte; noch viel größer aber ist die Chance, dass sich die beiden ordentlich die Köpfe einschlagen. Haben sie denn ja auch getan und letztendlich hatten alle was davon. Das seriöse Metier hatte reichlich Stoff für Leitartikel und feuilletonistische Betrachtungen, der Boulevard für die Dinge, die der Boulevard gerne liest. „Bild“ brachte dabei das bemerkenswerte Kunststück zusammen, Sarrazin zum Volkshelden und zum Irren gleichzeitig zu deklarieren, davon abgesehen, dass es schöne Fotos gab, als Sarrazin bei der Bundesbank zu seiner Entlassung vorfuhr. Und natürlich habe ich heute noch keine Ahnung, was der „Spiegel“ am Montag titeln wird, aber es würde mich nicht wundern, wenn der Titel „Die Sarrazin-Debatte“ lauten würde.

Eine ganze Reihe von Redaktionen hat aus Sarrazin des Lothar Matthäus der Politik gemacht.Wie tickt Sarrazin, was macht Sarrazin? Wer ist das eigentlich, der Typ, der auf einmal Judengene entdeckt hat? Momentan mag Sarrazin glücklich sein, weil sich sein Buch sensationell verkaufen wird und er ein paar Tage die Schlagzeilen beherrscht. Aber wäre es ihm wirklich ernst mit seinem Anliegen und seinem Thema, er müsste eigentlich todunglücklich sein. Die Debatte (auch und vor allem in Medien) hat Züge von Monty Python angenommen („Er hat Jehova gesagt!“) — und ein Thema, über das es sich an sich zu diskutieren lohnen würde, wird begraben unter der Debatte, ob es Gene für Juden gibt und ob dieser Sarrazin überhaupt noch alle Nadeln an der Tanne hat. Wenn eine Diskussion erst einmal bei Judengenen angekommen ist, ist sie unrettbar verloren. Das müsste Sarrazin wissen, das müssten Journalisten wissen, trotzdem wird die Debatte munter weitergeführt.

Mit allen Auswüchsen, die man sich vorstellen kann. “Bild” kämpft jetzt für Meinungsfreiheit, worunter man dort versteht, dass man mit dem Argument “Man wird doch noch sagen dürfen…” begründet wird, warum man jedes noch so dumme Klischee und jede noch so billige Verallgemeinerung vorbringen darf, schließlich wird man das doch mal noch sagen dürfen.

Das Paradox ist, dass jetzt so getan wird, als würde Deutschland über Sarrazin und sein Buch diskutieren, ganz so, als sei die Diskussion aus sich selbst heraus entstanden. Man zieht sich plötzlich auf die Position des Beobachters zurück und begründet somit die Notwendigkeit einer Berichterstattung – schließlich reden die Leute ja darüber. Dass sie darüber reden, hatte allerdings andere Gründe: Sie wurden sie in ein mediales Sperrfeuer genommen und die ganzen Liveübertragungen, Talkshows (gab es eigentlich einen “Brennpunkt” dazu??) und seitenweisen Analysen, Kommentare und Berichte erweckten den Eindruck, als habe Sarrazin eine Partei gegründet und sei gerade dabei, mit 20 Prozent Wählerstimmen in den Bundestag einzuziehen. Ganz so, als habe der “Klartext-Politiker” irgendeine politische Relevanz. Der Demagoge und Provokateur bedient latente Grundstimmungen, von denen es keine Überraschung ist, dass es sie gibt (sogar bei Bundesbankern). Dem wird von den Massenmedien eine Relevanz zugebilligt, die es nicht hat. Der vermutlich gewesene Bundesbanker wird sich als ein ähnliches vergängliches Phänomen erweisen wie die ganzen Schills vor ihm auch.

Und vermutlich wird sich dann ein schlauer Kommentator finden, der genau dies beschreibt: dass Rattenfänger eben doch nur Rattenfänger sind. Steht dann bestimmt im “Spiegel”.