Die Zukunft auf dem Smartphone

Gestern war mal wieder so ein Tag. Ein multimedialer Zaubertag oder anders gesagt: einer, der wunderbare Praxiserkenntnisse über das künftige Zusammenspiel von Medien und deren Funktionsweisen gibt.

Man sitzt also im ICE, weiß, dass man für ein paar Stunden unterwegs sein wird, legt sich gefühlte zwei Kilo Papier beiseite, die im wesentlichen die beiden großen Sonntagszeitungen des Landes enthalten – und freut sich auf entspannende Lektüren insbesondere von dem, was man gemeinhin als „Hintergrund“ bezeichnet; also alles das, wozu man während der Woche irgendwie nur so mittelgut kommt. Nein, der Laptop wird bewusst nicht aufgebaut, man möchte ja nicht erst den ganzen Summs mit UMTS-Karte hinter sich bringen, auch wenn das heute schon erheblich schneller und unkomplizierter geht als früher, sich mobil obline zu bringen (außer man fährt durch Franken; dieser Teil Deutschlands ist nach meiner Wahrnehmung vollständig von moderner Kommunikation abgeschlossen; warum auch immer).

Nach geraumer Zeit und erfolgreicher Durchquerung Frankens dann doch der Routine-Blick auf das Smartphone, das always on ist und das schnelle Sychronisieren mit der Gegenwart noch einfacher macht als jeder Laptop. Rumms, schon ist es passiert: Beck ist weg, Münte is Beck (danke, taz, für diese traumhafte Schlagzeile!) – und zwei bestimmt prächtige geschriebene und brilliant analysierende Politikteile zweier großer Sonntagszeitungen sind perdu. Schön zu lesen, was wohl die SPD am Sonntag so alles beschließen würde, ob Steinmeier Kanzlerkandidat wird und wie es um das Verhältnis Becks zu Müntefering bestellt ist. Ein einfacher Vorgang, eine Rücktrittserklärung reicht aus, um die kleine politische Welt in Deutschland vollständig zu verändern und die WamS und die FAS zu einem Haufen Altpapier zu machen (eigentlich schade drum).

Aber was inzwischen auch Lieschen Müller weiß: FAZ und Welt und Spiegel und Süddeutsche und taz und wie sie alle heißen, die gibt´s inzwischen auch online. Und wenn sich jemand mal einen schönen best practice case für die Notwendigkeit crossmedialer Redaktionen und Marken ausgedacht haben sollte, dann kann er ihn seit gestern vergessen; schöner als die Realität geht´s nämlich nicht. Man wechselt online zur Marke seines Vertrauens, dort beginnt die neue Münte-Story, die ich heute klug analysiert im latent altpapierverdächtigen Trägermedium weiterzulesen gedenke, um sie dann während des Tages online weiterlaufen zu lassen.

Die Zeitung meines Vertrauens hat gar keinen wochenendaktuellen Onlineauftritt, werfen Sie gerade ein? Kann sein. Dann bin ich weg, und tschüss, auf Wiedersehen bei jemand anderem. Vielleicht bleibe ich bei dem dann sogar dauerhaft, wenn ich feststelle, dass er einen guten Job macht.

So einfach sind die Erwartungshaltungen von Lesern heute. So müsste es sein, als eine Selbstverständlichkeit und so einfach wäre es umzusetzen.

Ach, Sie wollen da nicht mitspielen und meinen, Sie machen Zeitung und sonst nix? Dann bis bald. Im digitalen Nirvana.

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2 Kommentare

  1. Tja, ich war gestern extrem unhöflich. Statt mir die gekaufte FASZ vor die Nase zu halten, tippte ich die ganze Zeit in meinem Mobiltelefon herum, mal zu dieser Nachrichtenseite, mal zu jener.

    Donnerstag werde ich mir eine Zeit kaufen. Nächsten Montag den Spiegel, vielleicht. Weil die schön lange Zeit hatten, alles nachzubereiten. Doch nicht, weil sie auf Papier wären.

    Aber die FASZ und alle gedruckten Medien vom Sonntag waren in dem Moment nicht mehr interessant, als mich die „Eil“meldung erreichte. Mein Medien-Zeitbudget ging für’s unbequeme Lesen am mobilen Minischirm drauf. Vulgo: „It’s the content, stupid.“

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