2011: RTL wird verkauft, Niggemeier singt, Don rupft Konstantin

Normalerweise ist jetzt die Zeit der Jahresrückblicke. Weil es davon aber eh viel zu viele gibt und weil wir Medienblogger uns gerne selbst nachsagen, alles grundsätzlich schon vorher gewusst zu haben — gibt es hier und heute zwar einen Jahresrückblick, aber keinen auf 2010, sondern auf 2011. Und glauben Sie mir: 2011 war ein derart bewegtes und interessantes Jahr, dass wir alle gerne darauf zurückblicken.

Januar: Während der Tage zwischen den Jahren 2010 und 2011 stellt der Blogger Don Alphonso fest, dass sich ein unbekannter Kommentator mit 261 verschiedenen Psedonymen in seinem Blog eingenistet hat. Dort diskutiert er teilweise lange mit sich selbst, beschipmft die FAZ als rückwärtsgewendetes Unternehmen,  kündigt die Insolvenz von Google für 2011 an, nennt sich selbst jeweils zu 25 Grozent grün, gelb, rot und schwarz und fordert die sofortige Abschaffung des Begriffs Hartz 4. Don Alphonso wird stutzig, als der unbekannte Kommentator behauptet, Stefan Niggemeier zu sein. Auf den öffentlich geäußerten Verdacht, es handle sich bei dem Kommentar um einen bekannten ehemaligen Kölner Zeitungsverleger reagiert dieser mit dem Eingeständnis, dass die Kommentare zwar von seinem Rechner  geschrieben seien, aber nicht von ihm stammten. Vielmehr habe sich ein bekannter Medienjournalist Zugang zu seinem Rechner verschafft und unter seinem Namen kommentiert. Fortan beschimpfen sich Don Alphonso und der ehemalige Verleger auf altgriechisch. Der Ex-Verleger lanciert zwischenzeitlich ein eigenes TV-Format, dass es aber nicht ins öffentlich-rechtliche Fernsehen schafft, sondern lediglich bei einem weitgehend unbekannten Lokalsender im Ruhrgebiet ausgestrahlt wird. Der Ex-Verleger spricht dennoch von einem epochalen Durchbruch und kündigt an, demnächst die Nachfolge des ZDF-Intendanten anzutreten und Apple kaufen zu wollen.

Februar: Steve Jobs kündigt an, ein neues Gerät auf den Markt bringen zu wollen. Es soll sich iSurprise nennen, das man im Wesentlichen für alles und nichts verwenden kann und das zwar niemand braucht, dennoch aber irgendwie toll ist. Matthias Döpfner lässt daraufhin via Livestream den „Berliner Kniefall“ live übertragen und kündigt an, jedes seiner künftigen Kinder „Steve“ nennen zu wollen, auch die Mädchen. Die deutschen Zeitungsverleger strengen dennoch eine Verfassungsklage gegen Jobs an. Der Blogger Richard Gutjahr legt sich mit Schlafsack und bayerischer Fahne drei Monate lang vor den Apple-Store in Singapur und hält schließlich am Ende als weltweit erster Sterblicher ein iSurprise in der Hand. Vor laufenden Kameras sagt Gutjahr: „Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es ist wirklich großartig.“

März: Nach dem Erfolg mit „oslog.tv“ streben Stefan Niggemeier und Lukas Heinser jetzt nach Höherem. Niggemeier will selbst beim Grand Prix singen und glaubt unbestätigten Gerüchten zufolge, er sei Lena Meyer-Landrut. Lukas Heinser komponiert für ihn den alten Trio-Song „Bum Bum“ um; in der neuen Version heißt er jetzt „Bam Bam“. Nach seiner eher mäßigen Performance als Sänger in einem Vodafone-Werbespot wird allerdings Sascha Lobo als Backgroundsänger abgelehnt und durch Felix Schwenzel ersetzt.

April: Die Rhein-Zeitung in Koblenz gibt das Ende ihres Erscheinens auf Papier bekannt. Chefredakteur Christian Lindner will fortan nur noch twittern und schreibt den ersten Leitartikel der deutschen Mediengeschichte in 140 Zeichen.

Mai: Beim „Handelsblatt“ wird Gabor Steingart als Chefredakteur gefeuert. Die geplante Verpflichtung von Thomas Knüwer als Nachfolger scheitert allerdings daran, dass Knüwer kurz davor in einem Blogbeitrag das „Handelsblatt“, den Verlag und die Mitarbeiter als „unfassbar rückständig und verquast“ bezeichnet hat und sich außerdem nicht verbieten lassen will, aus der Redaktionskonferenz zu twittern und dabei ein paar Kekse zu essen. Nachdem Holtzbrinck ohnedies ein paar Zeitungen loswerden will, stellt er das Handelsblatt zum Verkauf. Das funktioniert nicht, stattdessen wird die Zeitung umgewandelt zum „Handelsblog“ und in das Onlineangebot der FAZ integriert. Die Tatsache, dass der seit seiner Niederlage beim Grand Prix beschäftigungslose Stefan Niggemeier nun auch dieses Blog übernehmen soll, wird vom Grimme-Institut mit einem Ehrenpreis für das Lebenswerk gewürdigt.

Juni: Mario Sixtus lässt über den 73. Dummy eines potentiellen eventuellen Vielleicht-Nachfolge-Formats des „Elektrischen Reporters“ abstimmen. So richtig zufrieden ist aber niemand damit, auch nicht Chefkritiker Felix Schwenzel, der in seinem Blog dem Format einen bösen Verriss wirdmet und dafür 23,98 Euro an Flattr-Einnahmen bekommt. Das ZDF beschwichtigt und lässt mitteilen, dass ihr die Formatsuche ohnehin etwas arg schnell gehe. Der El-Rep-Nachfolger soll aber dennoch bereits im Jahr 2016 auf Sendung gehen.

Juli: RTL gibt die Besetzung des Dschungelcamps 2012 bekannt. Pikant: Ein ehemaliger Kölner Zeitungsverleger, um den es in den letzten Wochen etwas ruhig geworden war, soll eine tragende Rolle übernehmen

August: Der ehemalige Kölner Zeitungsverleger kündigt via Twitter an, RTL kaufen zu wollen. Neuer Chefredakteur soll angeblich ein gewisser Kai D. werden.

September: Der Deutsche Journalistenverband verabschiedet den zweiten Teil seiner „Essener Erklärung“. Begleitend marschieren 13 Redakteure durch die Essener Innenstadt und versammeln sich um 5 vor 12 zu einer Protestkundgebung. Unangenehm wird es, als die DJV-Presseabteilung versehentlich das Video vom vergangenen Jahr bei YouTube einstellt und es niemand merkt. Dem Pressesprecher wird daraufhin ein Job in der ARD angeboten, wo er künftig die Ausstrahlung der Grußworte der Bundeskanzlerin zum Jahreswechsel verantwortet.

Oktober: Wikileaks veröffentlicht die „geheimen Mediendepeschen“. In diversen Fachmagazinen und Blogs ist in den folgenden Wochen genau nachzulesen, wer was von wem in Wirklichkeit denkt. Für Aufsehen sorgt die Einschätzung von US-Diplomaten, wonach sich ein ehemaliger Kölner Zeitungsverleger um eine Kandidatur bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen bemühen will. Niggemeier will Lena Meyer-Landrut heiraten, Don Alphonso hat in Wirklichkeit einen Opel Astra, wohnt in Kreuzberg und kann nicht Rad fahren.

November: Der „Focus“ veröffentlicht ein Foto einer leeren Zigarettenschachtel und behauptet, sie stamme von Stefan Raab. Raab lässt daraufhin eine 32seitige Gegendarstellung durchsetzen, in der er u.a. Wert auf die Feststellung legt, keine Stammkneipe zu haben und dass sein Vater strikter Nichtraucher gewesen sei und er sich zudem die Haare nicht färbe. „Focus“-Chefredakteur Weimer stellt in einem Interview fest, dass dies ein weiterer Beleg für die gesellschaftliche Relevanz seines Magazins sei, kann aber seine Entlassung nicht mehr verhindern. Sein Nachfolger, ein gewisser Helmut Markwort, erhält einen bis zu seinem 85. Lebensjahr befristeten Vertrag. Als eine seiner ersten Amthandlungen kündigt er an, als Zeichen der Innovationsfreude die stillgelegte Seite von „Focus Online“ reaktivieren zu wollen; selbst gegen den entschiedenen Widerstand von Phillip Welte.

Dezember: Der Springer-Verlag will den Abopreis seiner Facebook-Ausgabe und seiner Tweets deutlich heraufsetzen. „Stehen v. Ren. der Tweets, muss aber was wert sein“, twittert @doepfner. Der BDZV veranstaltet die Konferenz „Die Bedeutung von Qualitätstweets für die Zeitung“. Keynote-Speaker Christian Lindner, inzwischen Chefredakteur der im „Verband innovativer Regionalzeitungen“ zusammengeschlossenen Blätter, beendet seinen Vortrag nach 63 Sekunden und veranlasst danach eine rege Diskussion bei Facebook. Das deutsche Zeitungsmuseum weckt bei seiner Neueröffnung in der KND-Straße in Köln nostalgische Erinnerungen an die Zeit des Papiers. Die erste Sonderausstellung heißt „lousy pennies“.