Ein Buch – das Update (37): Hier spricht Marion Schwehr

Wie läuft das jetzt eigentlich mit dem Buch, dem Verlag und allem anderen? Ein Kommentar von Jens Arne Männig hat ein bisschen für Diskussionen gesorgt (die durchaus berechtigt sind). Und weil wir ja offen kommunizieren wollen, habe ich schon mal geantwortet und auch Marion Schwehr von Euryclia hat sich die Mühe gemacht, die ganze Geschichte nochmal ausführlich zu erklären. Hier ist ihr Beitrag:

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Christian Jakubetz hat in seinem letzten Blogbeitrag zum Buchprojekt über das „Modell Euryclia“ gesprochen. Er hat mich eingeladen, mal mit meinen Worten zu sagen, was das „Modell Euryclia“ (wie er es nennt) ausmacht. Das mache ich natürlich gerne! Wenn Christian Jakubetz immer wieder betont, dass euryclia kein „normaler“ Verlag ist, hat er damit völlig Recht. Was aber so „unnormal“ an euryclia ist – und zwar so unnormal, dass ich selbst nicht ohne ein Zucken von euryclia als Verlag spreche, will ich Ihnen erklären.

Lassen Sie mich bei der Buchbranche im Allgemeinen beginnen, weil die Situation der Buchbranche Aufschlüsse gibt über das Buchprojekt und das „Modell Euryclia“ gleichermaßen. Die Buchbranche ist derzeit sehr stark im Wandel. Viel wird über die Zukunft klassischer (Buch-) Verlage und über ihre generelle Zukunftsfähigkeit diskutiert. Wo die Reise hingehen muss, skizziert z.B. Ehrhardt F. Heinold auf seinem Blog zum Publishing-Business durch den von ihm geprägten Begriff „Verlag 3.0“ und er meint damit, dass sich Verlage „vom Content-Provider zum Network-Organizer“ entwickeln (müssen), zu einem „Unternehmen also, das Information und Kommunikation nicht mehr „einkanalig“ steuert, sondern im Zentrum einer Community steht und diese organisiert. … Vor allem erfordert dies einen Wandel im verlegerischen Selbstverständnis, bei dem nicht mehr nur der Content, sondern vor allem der Kunde im Mittelpunkt steht.“

Wenn man sich jetzt das Buchprojekt „Universalcode“ ansieht, merkt man schnell, dass Christian Jakubetz und all die anderen Autoren hier etwas umsetzen, das die Verlage sowie die Buchbranche im Gesamten noch vor sich hat. Nämlich den Weg von Content-Provider zum Network-Organizer! Im Buchprojekt geht es nicht darum, (nur) den Content abzuliefern, aus dem dann ein konventioneller Verlag ein Buch nach seinen Vorstellungen macht, sondern darum diesen Content für und mit der Zielgruppe auf den Weg zu bringen. Von der ersten Idee an, über das „Zusammensammeln“ der Autoren, über die Diskussion erster Thesen und Exposees. Die Zielgruppe ist bestens informiert über den Fortgang des Projekts und gleichzeitig auch inhaltlich eng eingebunden, kann mitdiskutieren, Fragen aufwerfen, sich aktiv einbringen. Selbst über Formate wurde diskutiert: Braucht ihr überhaupt ein Printbuch oder wäre eine digitale Plattform, die lebt und sich entwickelt, dem Thema nicht angemessener? Eine andere Frage, die diskutiert wurde: Brauchen wir einen normalen Verlag oder machen wir das selbst? Das ist alles sehr nahe dran an den „Lesern, … ihren Wünschen und Bedürfnissen“. Das ist Kommunikation „mit der Zielgruppe auf Augenhöhe und einem hohen Maß an Interaktion, Dialog und Service“, wie es Carsten Raimann auf seinem Blog Books&Brains als Vision für die Buchbranche sieht. Um es nochmal klar zu sagen: worüber hier innerhalb der Buchbranche diskutiert wird, ist nichts, das in den nächsten zwei Jahren tatsächlich umgesetzt wäre. Das ist weit in die Zukunft gedacht. Dies unterstreicht noch einmal mehr den Eindruck, dass die Verlage vom Buchprojekt und den Autoren, die es umsetzen, doch einiges lernen können. Denn so wie die Autoren vom Buchprojekt heute schon agieren, wollen es Verlage in Zukunft tun, damit sie zu Verlagen 3.0 werden!

Nun stellt sich aber doch eine Frage – und diese Frage hat sich das Buchprojekt vor ein paar Monaten gewiss auch selbst gestellt: Was könnte es denn dem Buchprojekt bringen, sich mit einem Verlag zusammen zu tun? Bringt es überhaupt was oder ist es eher ein Rückschritt? Vom Network-Organizer zurück zum Content-Provider! Zum Textlieferanten, der seine Inhalte dem Verlag übergibt – und das war´s?

Wenn man aber Network-Organizer bleiben möchte und das Buchprojekt genau in der Art weiterführen möchte, wie bisher – mit dem direkten Kontakt zu den Lesern, mit der Entscheidungsfreiheit, in welche Richtung man den Content entwickelt und was man aus dem Content macht, ob Printbuch, eBook, Plattform und in welcher Form, wenn man also selbst die Zügel in der Hand behalten möchte, dann sollte man eher nach anderen Lösungen suchen. Dann sollte man sich Möglichkeiten suchen, das finanzielle Risiko beim Herausbringen eines Buches abzufedern und auch noch jemanden, der ein Buch professionell umsetzt. Am besten einen, der den eigenen Weg als Network-Organizer mit Konzepten und Hilfmitteln unterstützt und begleitet.

Genau hier kommt (jetzt endlich) euryclia ins Spiel. euryclia ist eine Plattform, die über das Modell der Vorbestellungen, Autoren in die Lage versetzt, ein Buchprojekt wie den Universalcode risikolos selbst auf die Beine zu stellen. Die Rechte an den Texten bleiben dabei bei den Autoren. euryclia agiert für die Autoren als Dienstleister und erbringt im Falle des Universalcodes vor allem drei Leistungen:

– euryclia kalkuliert für die Autoren, wieviele vorbestellte Exemplare ein Buchprojekt (bei jeweiliger Ausstattung, Auflage, usw.) braucht, um kostendeckend umgesetzt werden zu können, und bietet über das Subskriptionsmodell eine Möglichkeit, das tatsächliche Interesse der Leser abzuschätzen, so dass finanzielle Risiken weitestgehend ausgeschlossen, zumindest aber berechenbar werden. In jedem Falle schafft dieses Modell für die Autoren ein wirtschaftlich solides Fundament und Planungssicherheit, damit sie bei allem Engagement, das sie in den Univeralcode stecken, nicht noch auf Kosten sitzen bleiben.

– Gleichzeitig übernimmt euryclia für die Autoren „verlagsähnliche“ Leistungen wie die Durchführung der Buchproduktion, die Bereitstellung der ISBN, die Organisation des Vertriebs, usw.

– Und zum dritten – was im Falle des Universalcodes ganz wesentlich ist – unterstützt und begleitet euryclia die Autoren in ihrer Rolle des Network-Organizers mit Konzepten und Hilfsmitteln (wie z.B. dem Widget, das die Möglichkeit bietet, den Universalcode im Netz zu verbreiten und ein Netzwerk assoziierter Blogs und Websites für den Universalcode zu etablieren: eine vernetzte, aktive Community, die weit über ein bloßes „Buch“projekt hinausgeht).

All dies zeigt: euryclia ist kein Verlag im klassischen Sinne! Der Begriff „Verlag“ ist sogar, wie ich finde, sehr irreführend. euryclia ist Enabler, nicht Rechteverwerter. Gedanklich ist euryclia aus der Beobachtung entstanden, dass die Buchbranche derzeit (und in den nächsten Jahren noch mehr) ein Experimentierfeld für neue Konzepte und Denkansätze ist. Mit der Gründung von euryclia in 2010 sollte genau dies aufgegriffen und in neue Möglichkeiten für Buchprojekte umgesetzt werden – und zwar für genau solche Buchprojekte wie den Universalcode, die nicht nur jederzeit auch in einem klassischen Verlag unterkommen könnten, sondern tatsächlich über das Spektrum klassischer Verlage hinaus bereits neue Wege gehen oder gehen wollen.

Was bedeutet das nun für den Universalcode, für Christian Jakubetz und die anderen Autoren und für Sie als Zielgruppe und Leser?

Das Buchprojekt ist bisher sehr stark für und mit der Zielgruppe entstanden. So kann, muss und wird es weitergehen! Die Leser bleiben eng ins Projekt eingebunden: über das Widget, durch das die Entwicklung und das Wachsen des Buches mitverfolgt werden kann. Über die Vorbestellungen des Buches, um so die wirtschaftliche Grundlage für den Universalcode zu schaffen. Über das Einbinden des Widgets in den eigenen Blog, um den Universalcode weiter bekannt zu machen und um aus einem Buchprojekt mehr zu machen als nur ein Buch, nämlich eine ganze Community von Leuten, die sich für ein Thema interessieren und es gemeinsam weiterentwickeln. Und über die Gelegenheit zusammen mit den Autoren das Erscheinen des Buches mit einer Party zu feiern, weil man es tatsächlich gemeinsam auf den Weg gebracht hat. Für die Autoren bedeutet das „Modell Euryclia“, Entscheidungsfreiheit wie sie das Projekt inhaltlich, aber auch hinsichtlich der Formate weiterentwickeln. Die Einnahmen kommen außerdem in einem viel höheren Maße tatsächlich den Autoren zu Gute, so dass deren geistige Leistung deutlich höher als in klassischen Verlagsmodellen belohnt wird. Da im Buchprojekt alle Autoren auf ihr Honorar verzichten, kann dieses Geld für die Weiterentwicklung des Projektes (z.B. in Richtung Plattform) und damit zum Nutzen der Community verwendet werden. Und dann zur wichtigsten Frage: Was bringt es für den Leser? Einen kleinen, aber feinen Unterschied! Er ist und bleibt im „Modell Euryclia“ mit seinen Anforderungen und Vorstellungen in das „Buch“projekt eingebunden. Er wird gehört, kann tatsächlich aktiv teilnehmen und sich einbringen. Das ist eine erhebliche Aufwertung des Lesers und führt – denkt man es konsequent zu Ende – im Idealfall dazu, dass diese klassische Trennung „da sind die Autoren, die machen ein Buch“ und auf der anderen Seite „sind die Leser, die kaufen es dann“ so nicht mehr gilt. Diese Trennung wird aufgehoben in einer Community von Leuten, die zusammen ein Thema inhaltlich und in verschiedenen Formaten weiterentwickeln. Dass sich das am Anfang vielleicht noch komisch anfühlt, mag sein. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Leser des Universalcodes mit die ersten sein werden, die sich in „Leser 3.0“ verwandeln.

Von diesem außerordentlichen Projekt und ungewöhnlichen Weg zum Buch (und mehr) werde ich zusammen mit Christian Jakubetz auch auf der Buchmesse in Leipzig erzählen und davon wie es ist, wenn Journalisten und Leser zusammen ein Buch feiern. Vielleicht wird der ein oder andere Verlag unter den Zuhörern sein, um mehr über diese erstaunliche Geschichte zu erfahren!

Auf alle Fälle sind Sie herzlich eingeladen, es sich anzuhören und mit uns zu diskutieren: 19.03.2011 um 15 Uhr im Congress Center Leipzig – Mehrzweckfläche 4 unter dem Titel „Journalismus in digitalen Zeiten – wenn Journalisten und Blogger gemeinsam ein Buch feiern“.