Notizblog (1): Sexy Lokale, saure Rechercheure

Passend zum Thema „kleine Eitelkeiten und Gemeinheiten“ in der Branche: Das „Netzwerk Recherche“ hat sich zu seiner Jahrestagung nach Hamburg einen ganz besonderen Gast genehmigt. Mit Carsten Maschmeyer kommt einer der umstrittensten und zudem schweigsamsten Unternehmer der Republik und lässt sich dort interviewen. Die Kollegen, die den (sehenswerten) Maschmeyer-Film in der ARD gemacht haben und seit Monaten auf ein Gespräch mit Maschmeyer warten, gehen dagegen leer aus. Das „Netzwerk Recherche“ hat den Autoren allerdings freundlicherweise beschieden, man könne sich ja ins Publikum setzen und ggf. von dort aus Fragen stellen. Prima, wenn ein Netzwerk für vermeintlich investigative Recherche jemandem eine hübsche Bühne bieten will, der wegen seiner Methoden hochumstritten ist und sich seine Gesprächspartner schon selbst aussuchen mag. Aber klar, solche Erwägungen sind für das NR und seinen Vorsitzenden Thomas Leif eher unerheblich. Könnte ja sonst sein, dass man beim täglichen Ego-Googlen sonst plötzlich zwei Treffer weniger hat. Und für Maschmeyer war´s ein wunderbarer Schachzug, der ihn nicht mal was gekostet hat. Schön, wenn Journalisten so einfach an ihrer Selbstverliebtheit zu packen sind. Sogar das NR. Dass NDR-Autor Christoph Lütgert selbst Mitglied des NR ist (und dann wohl demnächst austreten will), gibt dem Ganzen eine schöne Ironie. Und nebenher denkt man sich, dass der Grundsatz in so wenigen Mauschelclubs Vereinen und Organisationen wie möglich dabei zu sein, sich jedes Jahr aufs Neue als vollkommen richtig erweist. Obwohl, eines würde man vom NR dann doch schon noch gerne wissen: Wer soll euch eigentlich noch ernst nehmen?

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Wenn wir dann gerade schon beim Thema Eitelkeiten sind: Zumindest in dieser Woche habe ich den Begriff „Eigenmarketing“ (gelegentlich auch: „Selbstmarketing“) im Kontext mit Journalismus entschieden zu oft gehört. Doch ja, ich finde es natürlich auch toll, wenn wir jetzt alle im Netz berühmt werden und uns selbst verlegen und vermarkten können. Aber ein bisschen mehr über unseren Job reden als darüber, wie wichtig wir jetzt plötzlich auch als Personen sind, ginge das? Danke. Schönes Gegenbeispiel in diesen Tagen: das Duslog der Kollegen Niggemeier und Heinser. Leute, die wie ich sich ungefähr gar nicht für den ESC interessieren, dazu zu bringen, sich jeden Tag ein Video zum ESC anzusehen und sich danach auch noch bestens unterhalten zu fühlen – große Kunst. Und ja, auch das ist Eigenmarketing. Aber eben basierend auf so was merkwürdigen wie einer gewissen Qualität. Muss man ja auch mal sagen dürfen in Zeiten, in denen sich künftig selbst vermarkten. Wer macht dann eigentlich noch Journalismus?

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Lokaljournalismus müsse endlich wieder sexy werden, hieß es in dieser Woche bei einer vom BDZV veranstalteten Tagung in Berlin. Und natürlich findet man auch diese Idee richtig gut, auch wenn sich die Frage stellt, wieso in dieser Forderung „wieder“ auftaucht. War er also jemals sexy, der Lokaljournalismus? Diese Frage ist natürlich reine Spekulation, aber man die grundsätzliche Forderung nur unterstützen, wenn man sich die jeweiligen Seitenaufmacher und ihre Überschriften des Leib- und Magenblatts PNP vom Samstag anschaut. So richtig sexy ist das noch nicht.

 

(Alle Überschriften stammen aus der Samstagsausgabe der PNP und sind allesamt Seitenaufmacher. Tröstlich für uns Ältere: Demenz ist gar nicht so schlimm).

 

(Die Scans sind übrigens nicht mit einem Scanner gemacht, sondern mit einer nur mittelguten iPad-App namens Scan2PDF. Aber man kann ja nun nicht wirklich überall einen Scanner dabei haben.)