Tagesschau vs. Nichts

Wolfram Weimer war erstaunt. Darüber, dass ARD und ZDF „auf einmal Online-Journalismus betreiben“. Das sei, sagte Weimer bei der CSU-Mediennacht in München, ein „schwerer Eingriff in den Journalismus“. In einer an merkwürdigen Argumenten reichen Debatte über die App der „Tagesschau“ war Weimers Einwurf bei der CSU der möglicherweise merkwürdigste. Weil er, denkt man ihn konsequent zu Ende, zu nichts anderem führen würde als der Forderung, dass sich öffentlich-rechtliche Sender vollständig aus dem Netz zurückziehen müssten.

ARD und ZDF betreiben Onlinejournalismus – da hat Weimer recht. Allerdings tun sie das nicht „auf einmal“, sondern schon seit rund eineinhalb Jahrzehnten. Nicht einfach nur „sendungsbegleitend“, sondern auch mit zusätzlichen und weiterführenden Informationen. Alles andere würde im Netz ja auch keinen Sinn machen, sonst könnte man ARD und ZDF auch zugestehen, lediglich einen etwas besseren EPG zu machen. Trotz aller Auswüchse, die es unbestritten gegeben hat: Der Sinn von ARD und ZDF im Netz ist es nie gewesen, einfach nur Sendungen zu begleiten.

Gleichzeitig ist im Netz etwas entstanden, was es bisher noch nie gegeben hat. Man könnte darüber philosophieren, wie neu und aufregend diese ganzen neuen Dinge sind, man könnte sie aber auch einfach „Onlinejournalismus“ nennen. Einer der Wesensmerkmale von Onlinejournalismus ist übrigens die Multimedialität, die wiederum beinhaltet, dass man mit Videos, mit Audios, mit Fotos und auch mit Text arbeiten kann. Es ist also ziemlich absurd, wenn jetzt gefordert wird, dass ARD und ZDF deutlich weniger Texte machen sollen. Man könnte dann ebenso gut verlangen, dass ARD und ZDF einen Onlinejournalismus mehr betreiben dürfen. Das wiederum würde die Sender de facto tatsächlich auf den Stand eines besseren EPG bringen.

Die Argumente, die gegen die Apps der öffentlich-rechtlichen vorgebracht werden, gehen an der Realität weitgehend vorbei. Eine „Staatspresse“ – wie momentan immer wieder gerne behauptet wird – entsteht alleine schon deswegen nicht, weil wir es nicht mit einer Presse zu tun haben, sondern (wie Weimer es ungewollt ja selbst einräumt) mit Onlinejournalismus. Und weil die Zahl von Texten im Onlinejournalismus nicht einfach mit Quoten zu versehen ist, wie das Bürokratie-Monstrum Drei-Stufen-Test jeden Tag aufs neue belegt. Schließlich, nicht zu vergessen: Die App der „Tagesschau“ ist nichts anderes, als das in Appform gegossene mobile Angebot der „Tagesschau“. Im Netz ist das ok – und als App ist sie eine Existenzbedrohung für eine ganze Branche?

Der Kausal-Zusammenhang, der momentan gerne behauptet wird, ist ebenfalls nicht erkennbar. Wenn 1,7 Millionen Menschen die App der Tagesschau laden, ist die Zukunft von Zeitungen bedroht? Das würde voraussetzen, dass Menschen generell nicht bereit sind, für Journalismus zu bezahlen. Das ist ungefähr der größte Denkfehler, den man machen kann, insbesondere übrigens im Kontext mit einem Publikum, das sich Tablets leisten kann und will. Der Umgang des Menschen mit Geld mag irrational sein, aber so absurd dann doch wieder nicht. Wer mehrere hundert Euro für ein iPad auszugeben bereit ist, wird nicht wegen ein oder zwei Euro auf seine Zeitung verzichten wollen. Selbst dann nicht, wenn die „Tagesschau“ kostenlos daneben steht. Zulässig wäre übrigens dann auch der Gegenschluss: Wer schon jetzt Zugriff auf die Informationen der „Tagesschau“ hat und wem es wirklich ums Geld sparen geht – der wird auch das gedruckte Blatt nicht mehr kaufen. Tun sie ja auch nicht mehr, mag man jetzt einwenden – aber das hat ganz andere Gründe als die kostenlose Tagesschau-App.

Das eigentliche Problem ist möglicherweise ein ganz anderes: Ja, ich würde mir die SZ jeden Tag aufs Tablet holen, selbst wenn´s die „Tagesschau“ kostenlos gibt. Es gibt nur gar keine SZ, die ich mir holen könnte.