Die Datenbank ist die neue Zeitung

Wie soll es denn jetzt weitergehen mit dem Journalismus, mit den Medien? Die aufgeregte Dauerdebatte der letzten Wochen hat auch damit zu tun, dass das Gerede vom Medienwandel die Metaebene verlassen hat. Zum ersten Mal reden wir nicht von irgendwelchen abstrakten Dingen, die sich irgendwann mal ändern könnten. Und wir debattieren nicht mehr darüber, ob dieses Internet dem Papier überlegen ist. Sondern stattdessen: rund 500 Journalisten, die in den letzten Wochen ihren Job verloren haben. Kein Grund zur Häme, das. Kein Grund zu sagen: haben wir euch ja schon immer gesagt. Aber natürlich ist die Situation eine andere, jetzt, wo die Einschläge näher kommen und man feststellt, dass wir keine kleine akademische Debatte vor der Tür stehen haben, sondern mitten drin stecken in einer Krise, die für einige Redaktionen bereits tödlich war und vermutlich für eine ganze Reihe Angehöriger unseres Berufs jetzt oder demnächst existenzbedrohend wird.

Man könnte jetzt schlichtweg einwenden: Internet und dieses ganze digitale Zeugs, das ist die Zukunft. Löst euch vom Papier und von den linearen Programmen, ersetzt es durch das Netz und durch soziale Netzwerke, werdet selber zu Publizisten und Eigenverlegern und macht euch selbst zur Marke. Klingt gut und wird in dem einen oder anderen Fall womöglich auch funktionieren, wenn auch nicht bei allen. Im Gegenteil. Eher: bei den wenigsten.

Natürlich könnte man man jetzt dagegen all die bekannten und leider weitgehend standarisierten Argumente bringen: Guter Journalismus kostet und muss uns was wert sein (ergo: bezahlt werden). Online gibt es bisher keine funktionierenden Geschäftsmodelle. Noch hat niemand auch nur einen Euro verdient. Der Burda-Satz von den “lousy pennies” ist inzwischen Legende – und erst vergangene Woche hat Frank Schirrmacher lautstark beklagt, diese ganzen Online-Propheten seien den Nachweis ihrer Geschäftsfähigkeit bisher schuldig geblieben. Sieht man davon ab, dass diese Argumente so pauschal schlichtweg nicht richtig sind, kommt noch anderes hinzu: Die bisherigen Ideen, Journalismus und Medien im digitalen Zeitalter rentabel zu machen, kranken sehr häufig daran, dass sie versuchen, ein Geschäftsmodell aus analogen Zeiten nahezu unverändert ins Netz zu übertragen. Das funktioniert aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht. Einer davon ist: Andere (Inhalte-)Anbieter haben bereits Maßstäbe gesetzt, an denen Medien nicht mehr vorbeikommen werden. Das Prinzip ist nicht mehr “Inhalt gegen Geld”, ist nicht mehr das wie auch immer geartete Abo eines einzelnen Produkts oder des Zugangs zu einer Webseite. Das Modell der Zukunft heißt: Datenbank. Zugriff auf Datenbanken, bezahlt in Form einer Flatrate. Das sei das selbe, sagen Sie? Nein, es gibt einige sehr wesentliche Unterschiede.

Bücherwand

Beispiel 1: Bücher. Ich lese sehr viel und sehr gerne und neben den Büchern, die ich ohnedies unbedingt lesen will, probiere ich gerne auch mal was aus. Autoren, die mir empfohlen worden sind. Bücher, bei denen ich vermute, dass mich das Thema interessieren könnte. Das hat einige Vor-, allerdings auch Nachteile. Einer davon ist, dass dieses Experimentieren gelegentlich ein teures Vergnügen ist, was mir spätestens dann dämmert, wenn ich für ein Buch 20 Euro bezahlt habe und dann zur Hälfte feststelle, dass es jetzt doch nicht so ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Der zweite: Natürlich gibt es Bücher, die neben dem Lesevergnügen auch noch die wunderbare Funktion als Dekorationsstück in der Wohnung haben. Das sind dann, gemessen an der Zahl dessen, was man in seinem Leben so liest, dann doch nicht so viele – und man weiß das ja, wie schnell Bücherregale voll sind, selbst wenn man ihnen großzügigen Platz zumisst. Zweitens gibt es Bücher, die mit der Zeit erstens viel an (inhaltlichem) Wert verlieren und die dann auch im Poser-Bücherregal unfreiwillig komisch wirken. Bei meinem letzten Umzug habe ich unter anderem Taschenbücher über den Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine und ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent namens Barack Obama gefunden. Gut, vielleicht habe ich Glück und eines Tages haben diese Werke historischen Wert. Falls dies aber erwartungsgemäß nicht der Fall sein wird, werden allenfalls mal meine Enkel beim Stöbern in der Hinterlassenschaft des Analog-Opas amüsiert feststellen, dass dieser Lafontaine und dieser Obama ja wirklich mal gelebt haben müssen. Bisher kannte man die nur aus dem Geschichts-Unterricht.

Kurzum, ich habe mich oft schon geärgert über Bücher. Darüber, dass sie mich enttäuschten oder dass sie nach einem Mal lesen in irgendwelchen Ecken verschwanden und nicht mal als Deko tauglich waren. Inzwischen gibt es ein Modell, das Menschen wie mir (und anderen) ziemlich weiterhelfen kann: eine digitale Bibliothek,  in der ich mir Bücher “ausleihen” kann. Tatsächlich ist das ein Begriff, der nur ein wenig verheimlicht, um was es dort wirklich geht. Nämlich um eine Bücher-Flatrate, die ich nach Belieben nutzen kann. Es gibt nämlich keine Ausleihfristen, ich darf mir nur nicht mehr als 5 Bücher auf einen Schlag ausleihen. Ich müsste also nach Überschreiten dieses Limits ein Buch wieder “zurückgeben”, was aber nichts macht, weil ich mir dort ohnehin nur die Bücher besorgt habe, die ich aus Interesse lesen, nicht aber zwingend besitzen will. Kurzum: Was ich will, ist der Zugriff auf eine digitale Datenbank. Und dieses Modell wird funktionieren, weil es im Gegensatz zu diesem ganzen Paywall-Gedöns tatsächlich den digitalen Anforderungen entspricht: Wenn man gelernt hat, dass digital alles in Sekundenschnelle in nie gekanntem Umfang verfügbar ist, dann hätte man das gerne auch für Medien.

Nicht sehr viel anderes ist das bei Musik bei mir: Ich mag mir Sachen auch mal aus reinem Interesse anhören, ohne sie gleich kaufen zu müssen. Die Anzahl der ehemaligen Platten und CD´s´und leider auch MP3-Alben, die ich nicht mehr als dreimal gehört habe, übersteigt die Zahl meiner echten Favoriten vermutlich um ein Vielfaches. Auch hier ist meine Lösung: der lizensierte Zugriff auf eine Datenbank. In der kann ich für meine Flatrate stöbern und hören, wie ich lustig bin. Und wenn ich wirklich mal zu der Auffassung komme, das gute Stück gehöre jetzt aber in der Deluxe-Edition ins virtuelle oder auch echte Regal, bitte sehr. Dann gerne auch das.

Nebenbei bemerkt: Eine der vermutlich wichtigsten Konsequenzen daraus ist, dass künftig das Tablet eben nicht einfach nur ein etwas flacherer und mobilerer Computer ist. Er ist das multimediale Zugriffsgerät für solche Modelle, die den lizensierten Datenbankzugriff zur Mediennutzungsart der Zukunft machen. Die “Zeitung” der Zukunft wird auf dem Tablet gelesen. Nur nicht mehr als Zeitung wie wir sie bisher kennen, nicht als E-Paper und auch nicht als aufgehübschte App.

Was das alles mit Medien zu tun hat? Die neue Zeitung in einem digitalen Zeitalter heißt – Datenbank. Mit einer sehr monomedialen Aufarbeitung von (Tages-)Themen wird in Zukunft niemand mehr allzu weit kommen. Auch dann nicht, wenn man seine aktuelle Ausgabe in einer App mit ein paar Videos oder eine hübschen interaktiven Anwendung anreichert. Dahinter liegt immer noch der Gedanke einer “Zeitung”, egal, in welcher Erscheinungsweise auch immer. Es ist immer noch der Gedanke: Eine Redaktion “schreibt” (in des Wortes Sinne) Inhalte zusammen, die man dann wahlweise gedruckt oder eben auf einem Tablet lesen kann. Tatsächlich müsste der Zugriff anders erfolgen, in allen denkbaren Kategorien und Darstellungsformen, als Flatrate-basierter Zugriff auf ein komplettes Angebot; der “Spiegel” ist mit diesem Gedanken übrigens schon relativ weit. Stefan Plöchinger hat das unlängst “Leserclubs” genannt. Ich finde den Begriff zwar charmant, weil er so wunderbar antiquiert daherkommt, halte den Gedanken auch für richtig, denke aber, dass er in der Konsequenz zu kurz greift.

Aber um bei den Beispielen vom Kollegen Plöchinger zu bleiben: Für meine Flatrate für die Süddeutsche hätte ich gerne den vollen Zugriff auf alle Inhalte der SZ, gerne auch innerhalb einer App oder sonstwie gearteten SZ-App. Da hätte ich gerne die Zeitung, die Webseite, die Social-Media-Aktivitäten und auch das Material, das “Süddeutsche TV” produziert. Und wenn ich das auch noch personalisierbar und mobil bekäme…

Kurz gesagt, das was Stefan Plöchinger einen “Club” nennt, müsste zwingend auch mit einem solchen Flatrate-Modell wie bei Büchern oder Musik verbunden sein. Ich glaube gar nicht mal, dass alle deutschen Verlage zusammen ein “deutsches iTunes” brauchen, so wie das schon seit Jahren immer wieder mal im Gespräch ist. Dass so etwas jemals Realität wird, halte ich ohnedies für ausgeschlossen – aber die Problem wird es auch gar nicht sein, alle noch so unterschiedlichen Angebote in einem digitalen System zu vereinen. Sondern das zu tun, was Google und Apple und eben auch Inhalteanbieter wie Spotify oder Skoobe jetzt schon machen: geschlossene Systeme zu schaffen, innerhalb derer sich der Nutzer mit den Inhalten der gesamten Marke auseinandersetzen kann. Die Angebote und auch die Apps bisher sind lediglich ein zusätzlicher Weg, einen Teil der Inhalte zu bekommen. Wenn ich die SZ gelesen habe, muss ich von der App trotzdem wieder ins Web und wenn ich wissen will, was dort gerade auf den sozialen Kanälen passiert, muss ich wieder wechseln. Das ist in etwa so, als würde ich bei iTunes für die Medien Musik, Hörbuch und Film drei verschiedene Apps nutzen müssen, die miteinander nicht kompatibel sind.

Nur so käme man auch aus dem Teufelskreis heraus, in dem sich viele Häuser gerade im Netz befinden. Im Vergleich zu Google etwa ist auch die SZ nur ein winziger Zwerg, der keine realistische Chance mehr hat, die Spielregeln im Netz und vor allem die Präferenzen der Nutzer zu verändern. Im gigantischen Newsstream von Google et al ist auch eine SZ nur einer von vielen, den man sich mal eben rauspickt, wenn es etwas Interessantes gibt. Das Problem ist also nicht die angeblich ungeschützte und kostenlose Leistung, die sich Google von den Redaktionen “klaut”, sondern das Interesse und das Verhalten der Nutzer: schnell und umfangreicher Zugriff auf so ungefähr alles. Das alles bietet beispielsweise Google, schnell, einfach, unkompliziert – und praktischerweise gleich noch ergänzt mit Mailfunktionen und Kalendern und Office-Applikationen.Innerhalb des “closed shops” von Google werden SZ und Co. immer nur sehr kleine Nischenanbieter bleiben. Wenn sie nicht auf die Idee kommen, eigene Shops zu eröffnen, die sich die Prinzipien des sozialen, interaktiven, multimedialen und schnellen Medienmachens so zu eigen machen wie Spotify begriffen hat, dass es eben nicht nur um den Abruf von Musikdateien geht (empfehlenswert dazu diese Geschichte von Dirk von Gehlen, wobei ich glaube,dass sich die in der Geschichte geschilderten Prinzipien nahezu mühelos auch für Medienhäuser anwenden lassen).

Das neue Geschäftsmodell heißt Zugriff – und die Datenbank wird die neue Zeitung.