WAS SOLL DAS, HUFFPO?

In den letzten Wochen vor dem Start der deutschen „Huffington Post“ hat es eine Diskussion gegeben, die sich vor allem um eines drehte: Ist es nicht das bevorstehende Ende des Journalismus, wenn Journalisten und andere Autoren für eine Redaktion schreiben sollen – und ihre einzige „Bezahlung“ ist die Aufmerksamkeit und ein bisschen was vom Ruhm, den ein großer Name abstrahlt? Am Tag 1 der HuffPo zeigt sich vor allem eines: Es war die falsche Diskussion, die man um die neuen „Farben im Medien-Regenbogen“ (schreibt Neu-Herausgeber Cherno Jobatey) geführt hat. Die eigentliche, viel wichtigere und ganz simple Frage lautet vielmehr: WAS SOLL DAS, HUFFPO? (Zumindest hätte die HuffPo Deutschland bei ihrer Neigung zu großen Lettern und schlichten Botschaften so getitelt).

Die mit ordentlichem PR-Geklingel angekündigte deutsche Version ist jetzt also da. Zu den Top 5 der deutschen Nachrichtenseiten wolle man künftig gehören, ließ man verlauten, neben vielen anderen Dingen, die sich zusammenfassen lassen zu der Kernaussage: Ihr werdet euch umschauen, da passiert jetzt ganz was Neues. Passiert sind zunächst ein paar Merkwürdigkeiten, die wahlweise auf eine erstaunliche Unprofessionalität und/oder verblüffend schlechte Kenntnis des deutschen Medienmarktes schließen lassen. Der designierte Chefredakteur Sebastian Matthes (ein im Übrigen sehr anerkannter und guter Journalist) wurde zunächst stolz vorgezeigt und herumgereicht, um dann allerdings kurz vor Start einräumen zu müssen, seinen Job auf unbestimmte Zeit noch gar nicht antreten zu können, weil ihn sein bisheriger Arbeitgeber nicht so einfach ziehen lässt.

Einen Tag vor dem Start freute sich die Burda/Focus-Truppe (die das alles irgendwie mit steuern soll), dass man Cherno Jobatey als Herausgeber gewinnen konnte. Man kann Jobatey mögen oder auch nicht, aber inwieweit Jobatey für journalistisch-inhaltliches Profil steht, bleibt auch nach Lektüre seines ersten Editorials eine überaus offene Frage. Jobatey schreibt darin irgendwas von einem Medienregenbogen und dass das Internet schon wichtig sei und den etablierten Medien ganz schön einheizen könnte. “ Zum Internet gibt es viele bekannte Weisheiten: Das „Empowerment“, also dass „einzelne Meinungen zum Fliegen bringen“, ist so eine. Wir kennen die Geschichten von Personen, die groß rauskamen und etwas veränderten. Auch der Arabische Frühling gehört dazu. Wir alle kennen mittlerweile den Begriff der Facebook-/ Twitter-Revolutionen,“ schreibt Jobatey.

Das steht da wirklich.

Wenigstens in einem ist dieses Editorial erhellend: So platt und belanglos geht es an vielen Stellen des Angebots weiter.

Und dann kündigte man kurz vor Start noch einen anderen Autoren an: Boris Becker. Wer bei dieser Bekanntgabe sich fragte, wann sich dann noch Lothar Matthäus dazu gesellt, lag gar nicht mal sehr daneben: Meistgeklickter Text auf der aktuellen Startseite ist ein Interview mit Loddar, das in seiner ganzen Einfalt, Belanglosigkeit und Unterwürfigkeit nicht mal die wohlwollendsten Matthäus-Freunde bei der Bild so hinbekommen hätten. Das so genannte Interview geht dann so:

HuffPost: Wie jung fühlen Sie sich noch? Könnten Sie heute noch 90 Minuten auf dem Rasen überstehen?

Matthäus: In meinem Tempo ja.

HuffPost: Ein bisschen gemäßigter also?

Matthäus: Wie es sich für einen 52-Jährigen gehört. Und für einen solchen bewege ich mich noch ganz gut. Gehe auch vier-, fünfmal die Woche ins Fitnessstudio. Gegen Leute in meiner Altersklasse könnte ich locker spielen, auch gegen etwas jüngere, aber natürlich nicht gegen einen Özil oder einen Schweinsteiger.

HuffPost: Im Gegensatz zu manchem Ex-Kollegen haben Sie sich äußerlich jedenfalls ziemlich gut gehalten!

Matthäus: Ich bin dafür bekannt, dass ich auf gewisse Dinge achte.

Falls Sie sich übrigens darüber wundern, warum hier der Text von Sportskamerad Becker nicht weiter erwähnt wird: Es steht nix drin, was man erwähnen könnte, außer, dass man sein Buch lesen sollte, das ziemlich toll ist.

Wäre man zynisch, man könnte behaupten, dass sich wenigstens Inhalt und Optik bestens ergänzen. Dass die HuffPo optisch zumindest für unsere deutschen Augen etwas, nunja, ungewöhnlich daherkommt, war nicht anders zu erwarten. Aber hätte man dem Praktikanten nicht wenigstens vorher eine kurze Photoshop-Schulung geben können? Dann wäre möglicherweise etwas anderes rausgekommen als das hier:

huffpo

 

Das ist so gruselig, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll zu erklären, warum es gruselig ist. Und man weiß auch nicht, ob es nicht völlig sinnlos ist, das zu erklären, weil selbst ein Sechstklässler  im Gymnasium nach seinem ersten Photoshop-Versuch bei diesem Ergebnis eine Ahnung hätte, dass da noch Luft nach oben ist. Was im Übrigen ein bisschen schade ist, weil sich dahinter ein ordentlicher Text von Sebastian Christ verbirgt, den man hinter einer solchen Aufmachung nicht vermutet hätte.

Aber halt, was ist mit den ganzen anderen bekannten Namen, die für die HuffPo wenigstens zur Premiere schreiben? Mit von der Leyen, Beggruen, dem Erzbischof Zollitsch? Ist das nicht ein Beleg dafür, dass man das neue Angebot durchaus ernst nehmen sollte? Genau das zeigt die Crux der HuffPo: Sieht man davon ab, dass beispielsweise dem von der Leyen-Text unschwer anzumerken ist, dass ihn irgendjemand in der Pressestelle aus einigen sattsam bekannten Baukasten-Elementen zusammengeschustert hat, mag man sich vermutlich nicht wirklich ernsthaft mit Themen wie der Todesstrafe oder der Zukunft der Arbeit auseinandersetzen, wenn daneben Lothar Matthäus und Boris Becker den Nachweis zu erbringen versuchen, dass das Hirn noch arbeitet. Man mag sich auch mit einer Analyse der Koalitionsgespräche in Berlin nicht auseinandersetzen, wenn die Schlagzeilen auf der Startseite in einem marktschreierischen Duktus daherkommen, der zwar laut ist, natürlich irgendwo das Wort „exklusiv“ einstreuen muss, aber ansonsten eher wie eine unfreiwillige Satire daherkommt. Die Behauptung „schon jeder dritte Deutsche“ wolle Neuwahlen suggeriert eine Aufgeregtheit im politischen Deutschland, die vermutlich außer der HuffPo bisher noch niemand so wahrgenommen hat. Dass es drei Wochen nach einer Wahl noch keine fertige Koalition gibt, ist so erwartbar wie Dunkelheit am Abend oder Schnee im Winter.

Aber vielleicht ist das ja auch so gewollt. Eine Art von Strategie. Die ganze HuffPo kommt dauerhaft aufgeregt daher, das liegt wohl auch an ihrem Selbstverständnis. Man ist schhließlich nicht einfach eine weitere Nachrichtenseite, nicht nur eine weitere Farbe im Regenbogen. Man ist ein Pionier, der „einen neuen Blick auf eine neue Zeit eröffnet“ (schreibt Sebastian Matthes in seinem Editorial). Und ja, natürlich will man in Zukunft „unverzichtbar“ sein.

Wenn das wirklich der Anspruch der HuffPo sein sollte und es sich dabei nicht nur um das übliche PR-Gedöns handelt, dann ist die Redaktion an ihrem ersten Tag an diesem Anspruch krachend gescheitert. Eine krude und aufmerksamkeitsheischende, in weiten Teilen aber substanzlose Mischung aus Focus Online und Bild, die aussieht, als sei sie von Praktikanten zusammengestopselt worden – das hat der deutsche Medien-Regenbogen nun wirklich nicht gebraucht.

Und auch die eingangs zitierte Debatte um die kostenlosen Beiträge bekommt angesichts dessen nochmal eine neue Dimension: Wenn es denn Ruhm und Glanz sein sollten, die man als Autor für die HuffPo ernten sollte, dann beantwortet sich die Frage danach, ob man auf dieses Angebot eingehen sollte, ganz schnell von selbst.