Traumwandelnd in Digitalistan…

Ein Live-Echtzeit-Bewegtbild-Virtuelles-Netz: Wir erleben gerade, wie sich digitaler Journalismus und das Netz neu erfinden. Und diesmal ziemlich sicher alle zurücklassen werden, die einfach nur weiter Löcher stopfen wollen. Crossmedia? Tot. Willkommen in Digitalistan.

cwki56kxgaaczsx DigitalistanZwei Dinge, die mir in den letzten Tagen über den Weg gelaufen sind. Das eine: ein Interview mit Joachim Braun, Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“ im neuen „Journalist“. Daran ist nicht nur bemerkenswert, dass das DJV-Verbandsorgan noch lebt. Sondern auch die erstaunliche Karriere von Joachim, der innerhalb weniger Jahre vom Lokalchef in Oberbayern mindestens zum Messias all derer geworden ist, die wissen, dass es mit den Zeitungen so nicht weitergehen kann, die Blätter trotzdem nicht über den Haufen werfen wollen. „Wie wollen Sie die Lokalzeitung retten?“, fragt der Journalist den guten Joachim, den ich im Übrigen, nur mal als Klarstellung, wegen seiner angeborenen Bissigkeit ziemlich schätze.

Außerdem gehört er zur Generation 50plus, in der man ungefähr alles sagen darf, weil´s eh schon wurscht ist. Joachim Braun jedenfalls, um wieder zum Thema zu kommen, glaubt nicht daran, dass die meisten Verlage wirklich gut auf diese Sache mit Digitalistan vorbereitet sind.

Das ist ebenso richtig wie wenig überraschend. Und natürlich praktisch, für mich zumindest. Weil damit Joachim Braun das sagt, wofür man mich wieder als Verlags-Basher bezeichnen würde.

Man muss sich also ziemlich schnell ziemlich viel einfallen lassen, wenn man die Kurve ins gelobte Digital-Land noch bekommen will. Wie das im Einzelnen aussehen soll, verrät Kollege Braun im ausführlichen Interview mit dem „Journalist“; auf das hiermit verwiesen sein soll, wenn es denn jemals bei den Abonnenten des DJV ankommen wird.

Die zweite Sache: ein junger Mann, deutlich jünger als Joachim Braun und auch phänotypisch nicht ganz vergleichbar. Rotes FC-Bayern-Jäckchen, optische Erscheinung so wie man sich die eines Social-Media-Managers beim FC Bayern München vorstellt.  Mit Verlagen hat er nichts am Hut, mit klassischem Journalismus auch nicht. Warum auch? Als Leiter der Social-Media-Abteilung beim FC Bayern erreicht er täglich 60 Millionen Fans auf der ganzen Welt. Wenn der FC Bayern oder einer seiner Spieler also irgendwas loswerden will, den Umweg über eine Pressekonferenz oder andere Dinge muss er immer seltener gehen.

Natürlich wird auch das Weltunternehmen FC Bayern nicht völlig auf Journalismus verzichten können und nicht jeder Fußball-Fan ist hinreichend beglückt, wenn er paar bunte Snaps und Tweets serviert bekommt. Aber 60 Millionen sind 60 Millionen. Wenn man sich dann noch vorstellt, wer inzwischen alles über soziale Netzwerke kommuniziert und wie mächtig Facebook und Freunde inzwischen geworden sind, der hat auch eine Ahnung, dass eine solche Entwicklung zu Lasten des konventionellen Journalismus geht.

60 Millionen Fans weltweit, künftiger Fokus auf mehr Bewegtbild und mehr Live-Events: Social-Media-Strategie beim FC Bayern. (Foto: Jakubetz)

 

Dabei wollen sie beim FC Bayern in den kommenden Monaten schon wieder ein paar ganz andere Schritte gehen. Mehr Video, mehr Live-Events. Kurz gesagt: Geschichten erzählen in Beinahe-Echtzeit mit vielen bewegten und vermutlich manchmal auch bewegenden Bildern. Das ist nur konsequent, weil soziale Netzwerke, so wie wir sie gerade kennen, ihrem Ende entgegen gehen. Statusmeldungen, Textpostings, Links auf irgendwelche Geschichten? Willkommen im Jahr 2012. Die Zukunft wird eher eine Art Social-Live-TV, angereichert mit virtuellen Realitäten und 360-Grad-Anwendungen. Eine virtuelle Echtzeit-Parallel-Welt, gegen die unsere frühere Idee von einer Art schwarzem Brett, an das jeder irgendwas dranpinnen kann, rührend antiquiert wirkt.

Die Löcher sind noch nicht gestopft, da kommt in Digitalistan schon das nächste große Ding…

Was uns dazu führt, ob die Zeitungen und all die anderen konventionellen Medien ihre perspektivische Frage um „Sein oder Nichtsein“ beantworten können. Dass sie nicht richtig auf den digitalen Wandel eingestellt seien, sagt auch Joachim Braun (zurecht). Was allerdings auffällt: Die vergangenen Jahre Hütte man nutzen müssen, um diese Lücke zu schließen. Wenn ich mir aber gerade so anschaue, was an neuen Entwicklungen kommt, dann wird mir, ebenfalls perspektivisch, für einen großen Teil konventioneller Medien ziemlich bange. Und damit meine ich keineswegs nur Zeitungsverlage…

Was ich in der Praxis als Status quo immer wieder mitbekomme, ist das hier: Man akzeptiert inzwischen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht. Man weiß auch, dass man mit einer Webseite alleine noch lange nicht in der digitalen Gegenwart angekommen ist. Man ahnt, dass man Social Media betreiben muss und Videos machen und multimedial Geschichten erzählen sollte. Dort aber hört es vielerorts schon wieder auf. Multimediales Storytelling? Schön und gut, aber wie genau soll das funktionieren? Videos? Sollte man haben, geht aber ohne ein bisschen Know-how und Equipment nicht.

Und überhaupt, bräuchte man für all diese hübschen Dinge nicht mehr und, sorry Kollegen, auch mal anderes Personal?  Es ist vermutlich zu viel verlangt von Menschen, die seit 25 Jahren Zeitung, Radio oder Fernsehen machen, plötzlich zum multimedialen Storyteller zu werden, selbst wenn das theoretisch noch so wichtig wäre. Dieser Status Quo in vielen Häusern ähnelt also oft immer noch eher einer provisorischen Mängelverwaltung als einer wirklichen Idee.

Während also die Lücken noch gar nicht geschlossen sind, kommt  die nächste Welle. Mit VR, mit 360-Grad-Produktionen, mit einem Allzeit-Live-Bewegtbild-Netz, das eher einer Neuerfindung des Fernsehens gleicht als dem guten, alten StudiVZ. Und dann schaue ich mich bei einer ganzen Menge Häuser um – und denke mir: Wie zur Hölle wollt ihr das eigentlich noch gestemmt bekommen?

Das ist nur was für Nerds? Die Argumentation gibt es schon seit 15 Jahren.

Schon klar, man kann darauf verweisen, dass VR und 360 Grad und all der ganze andere Kram noch ganz am Anfang stehen. Eine Sache für Nerds sozusagen. Und dass der durchschnittliche Leser/Hörer/Zuschauer irgendwo in der deutschen Provinz nicht darauf wartet, endlich seine Nachrichten durch eine VR-Brille sehen zu können. Dumm nur, dass man genau diese Art von Argumentation in den letzten 15 Jahren immer und immer wieder gehört hat. Und dass genau wegen dieser konsequent durchgehaltenen Wagenburg die Lage heute so ist, wie sie beispielsweise Joachim Braun (und neben ihm natürlich auch noch ein paar andere helle Köpfe) beschreibt.

Diesmal aber wird einiges anders sein. Weil wir gerade erleben, wie das Netz endgültig zum Netz wird. Keine Adaption mehr von Zeitung oder Fernsehen oder Radio. Sondern ein sehr eigenes, spezielles Medium. Das man verstehen und bespielen kann oder eben auch nicht. Zeit also, nicht nur Lücken zu schließen. Sondern sich an einen neuen, digitalen Journalismus zu machen – time will wait for no one…