Presseähnlichkeit: Der Pyrrhus-Sieg der Verleger

ARD und ZDF werden vermutlich ihre Apps demnächst umgestalten müssen. Damit endet ein bizarrer und seit Jahren währender Streit zum Thema Presseähnlichkeit zwischen den Sendern und den Zeitungsverlagen. Ein Sieg, der teuer erkauft wurde. Und spätestens in ein paar Wochen komplett vergessen ist. “Read

Tagesschau-App: Der Musterschüler

Neu auf dem Markt: die Tagesschau-App 2.0. Sie ist ziemlich chic geworden, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, man sitze vor einer Kreuzung aus Buzzfeed und Snapchat…

Videos im Mittelpunkt, das Format ist (fast) egal

Die „Tagesschau“ orientiert sich eindeutig an dem, was sich in den vergangen Monaten als Standard in den sozialen Netzwerken herauskristallisiert hat: eindeutiger Schwerpunkt auf kurzen Videos, die kurz und prägnant zur Sache kommen. Und die, Text-Inserts sei Dank, auch ohne Ton auskommen. Überhaupt sieht die App an vielen Stellen aus, als hätte sie sich jemand ausgedacht, der viel im sozialen Netz unterwegs ist und das meistens mit dem Smartphone. Was kein Nachteil sein muss, zumal man dann bei genauerem Hinsehen doch erkennt, dass die gute alte „Tagesschau“ dahinter steckt.

Die Debatte „Hoch- oder Querformat“ hat die Redaktion übrigens elegant entschieden: Mit einem „sowohl als auch“. Die Redaktion nimmt für sich in Anspruch, weltweit die erste News-App zu sein, die Videos in beiden Varianten im gewohnten 16:9-Format zeigt. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber es ist zumindest eine sehr angenehme Sache, wenn man sich nicht entscheiden muss. Persönlich mag ich querformate Videos deutlich lieber. Aber wer wollte bestreiten, dass sich die Hochformat-Seher zunehmend mehr durchsetzen?

Für die Technik-Nerds unter den Lesern: Diese Wahl zwischen Quer- und Hochformat ist auch deswegen vergleichsweise einfach möglich, weil die Redaktion ein spezielles Cropping-Tool verwendet. Für jedes Einzelbild wird sofort eine Hochkant-Variante vorgeschlagen. Praktische Sache, das.

Small-Screen-Videos sind endgütig zum Massenphänomen geworden

Klar aber ist: Kurze Videos mit Text-Inserts, hochformatige Videos, Video als das allgegenwärtige Erzähl-Tool ist endgütig im Massenmarkt angekommen. Willkommen in der Digital-Welt 2017!

Dafür spricht auch, dass die Standard-Startseite der App so aussieht, als sei sie gerade bei Buzzfeed entlaufen. Oder als ob sie den Träumen eines gemäßigt radikalen Snapchat-Entwicklers entstammt. Ganz viel bewegtes Bild, nahezu kein Text mehr. Nebenbei bemerkt müsste der Verlegerverband jubeln, er hat aber reflexartig gemault, dass das natürlich alles nicht ausreicht.

Die Videos bzw. Slideshow starten schon auf der Seite, ohne dass man dafür etwas tun muss. Das ist an manchen Stellen etwas verwirrend, vor allem, wenn es sich um animierte Fotos oder um Slideshows ohne Ton handelt. Dann hat man, sofern man den Ton anhat, ein leicht irritierendes Brummen im Hintergrund. Keine Ahnung, ob ich nur zu doof war, um das herauszufinden, aber zumindest bei Fotos finde ich Brummen im Hintergrund befremdlich.

Personalisierung und Chatbot-Optik: Alles drin

Was es sonst noch gibt? Die Tagesschau-App ist jetzt konsequent und bis ins letzte Detail personalisierbar. Und wer sich auf die Suche begibt, bekommt jetzt nicht einfach irgendein Suchfeld, sondern eine Optik, die bewusst an den aktuellen Chatbot-Hype („Was möchtest du noch wissen?“) angelehnt ist.

Auch da ahnt man mittlerweile: Das ist die Richtung, in die die App- und Mobile-Züge in den kommenden Monaten fahre werden. Und damit letztendlich der ganze digitale Jornalismus. Das sich jemand mühselig durch eine Homepage und ihr im Regelfall gigantisches News-Angebot arbeitet, wird immer mehr die Ausnahme denn die Regel.

Daumen rauf oder runter?

Ganz eindeutig ist die Tagesschau-App das, was man so schön State of the art“ nennt. Ein bisschen wirkt sie, als hätte jemand einen Blick in ein imaginäres Lehrbuch geworfen und dann alles reingepackt, was er im Kapitel „Innovationen 2016“ gefunden hat. Das klingt jetzt möglicherweise böser als es gemeint ist, zumal man den öffentlich-rechtlichen ansonsten ja immer gerne einen gewissen Verstaubtheitsgrad vorwirft. Alles in allem ist sowas wie ein App-Musterschüler rausgekommen. Und wie das so ist mit den Musterschülern: An ihnen gibt es nichts auszusetzen, aber insgeheim wünscht man ihnen trotzdem mehr Coolness.

Für mich selbst habe ich entdeckt, dass das Alter immer öfter seine ganzen Tücken zeigt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen und werde mich auch sicher dran gewöhnen. Aber sagen wir es mal so: Die „Tagesschau“ hat mir ungewollt auch all das vor Augen geführt, was ich an Snapchat nicht sonderlich mag…

Die Tagesschau, der neue Bart des Kaisers

Der Streit um die App der Tagesschau geht in eine weitere Runde. Er ist ungefähr so sinnvoll wie die jahrelangen Debatten um ein Leistungsschutzrecht…

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Und jetzt zu den Paradoxen des Alltags. Es gibt ein paar neue Studien, die sich mit dem Mediennutzungsverhalten von Menschen beschäftigen. In diesen Studien tauchen allerlei interessante Zahlen auf. Allerdings keine, die jemanden überraschen würden, der sich mit dem Thema Medienwandel beschäftigt. Dass immer mehr Menschen, insbesondere jüngere, Medien nonlinear nutzen, dass sie sich für die analoge Ausgabe der Welt kaum mehr interessieren: Man muss keine Studien für diese Erkenntnis lesen. Es reicht, wenn man sich ein bisschen umschaut.

Journalismus heute also ist (ob man das mag oder nicht): Informationen auf potentiell unendlich vielen Kanälen, in allen Darstellungsformen und völlig losgelöst davon, ob es dazu auch ein analoges Pendant gibt oder nicht. Es gibt Bewegtbilder in allen möglichen Varianten, Audios, Texte, Animationen, es gibt…äh, sind Sie noch da?

Meanwhile, back in Germany…

Im Jahr 2016 streiten sich Verlage und Sender vor einem Gericht weiter darum, wer was im Internet darf. De facto wollen die (klagenden) Verlage, dass die Claims weiter so abgesteckt bleiben, wie sie es in der analogen Welt auch sind. Presse ist Presse. Rundfunk ist Rundfunk. Fernsehen ist Fernsehen. Das ist ein Gedanke von anrührender Naivität, weil er an der digitalen Realität vollends vorbei geht. Zum Abgleich könnte man ja mal einen User fragen, ob er ins Netz geht, um dort „Presse“ zu lesen und danach Fernsehen zu schauen. Wenn Sie sich von dem erstaunten Blick wieder erholt haben, werden Sie feststellen: Jeder ist alles im Netz.

Im Netz ist jeder alles, ob Tagesschau oder Zeitung

Natürlich ist es legitim, darüber zu streiten, was die Öffentlich-Rechtlichen respektive die Tagesschau im Netz dürfen (und was nicht). Vielleicht darf man darüber debattieren, wie hoch der audiovisuelle Anteil  in der Tagesschau-App sein muss, damit sie nicht mehr als „presseähnlich“ sondern als „rundfunkähnlich“ oder  sogar „fernsehähnlich“ gelten darf.

Aber selbst, wenn man eine solche Formel irgendwann findet und wenn man sich dann auch noch sklavisch daran hält: Es ist der entscheidende Irrglaube der klagenden Verlage, dass sich dann irgend etwas an ihrer Situation ändern würde. Das Problem vieler Tageszeitungen ist schon lange nicht mehr, dass es im Netz noch ein kostenfreies Angebot mit weitgehend überregionalen Nachrichten gibt (klassischen Lokaljournalismus betreiben ARD und ZDF aus guten Gründen ja ohnehin nicht). Das Problem ist, dass das Geschäftsmodell der guten, alten Regionalzeitung gerade wegbricht. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, zu viele, um sie alle aufzuzählen.

Aber wenn man jemanden, der gerade sein Abo eines Regionalblatts gekündigt hat, mal nach den Gründen fragen würde: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird der Grund „Weil es eine kostenlose App der Tagesschau gibt“ nicht dabei sein.

(Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für den BR und damit irgendwie auch für die ARD).

Der neue App-Journalismus

Bisher waren Apps eher so eine Art Reproduktion. Eines Hefts, einer Webseite, irgendeines anderen journalistischen Angebots. Meistens mit vergleichsweise wenig Eigenleben. Ab und an mal mit einem zusätzlichen Video oder einem anderen multimedialen Element. Meistens aber blieb es dabei: Mit copy and paste das eigentliche Produkt rübergehoben, fertig.

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Der „Spiegel“ hatte da bis dato keine Ausnahme gemacht. Wer den „Spiegel“ auf den Tablet las, bekam einen unwesentlich veränderten Druck-Spiegel. Was dazu geführt hat, dass die wichtigste Motivation für das Digital-Abo die war, dass man kein Papier mehr zu Hause mehr haben wollte. Die anderen Dinge waren Gimmicks: dass man das Blatt schon am Freitagabend bekommen konnte, dass es ein paar nette zusätzliche Features gab und dass man sich ein paar Cent gegenüber der Druckausgabe sparen konnte. Dafür fehlten der App ein paar Elemente, die man sich gewünscht hätte…

Seit der aktuellen Ausgabe gibt es den Digital-Spiegel in einer neuen Form. Was diesmal nicht einfach zu ein paar optischen Retuschen geführt hat, sondern dazu, dass sich eine neue Sparte entwickelt, über die wir bisher noch gar nicht so geredet haben: eine Art „App-Journalismus“. Das ist ein Journalismus, der sich dem Endgerät anpasst, der eigenständige Inhalte und eigenständige Optik hervorbringt. Beim „Spiegel“ beginnt das tatsächlich schon mit der Optik: Das Magazin sieht jetzt eben auf dem Magazin tablet-gerecht aus. Davor war es eine mehr oder weniger schnöde 1:1-Umsetzung der Papier-Ausgabe. Sieht man übrigens auch an einer vermeintlichen Kleinigkeit: Wo vorher wie im Heft „geblättert“ wurde, wird jetzt gescrollt. Nicht ganz neu als Idee, aber eben auch ein weiterer Schritt zu einem eigenständigen Ding.

Auch andere Kleinigkeiten – beispielsweise die Tatsache, dass man jetzt nicht mehr die ganze Ausgabe erst komplett laden muss, um einzelne Artikel lesen zu können – zeigen, dass die App als ein mobiles Medium betrachtet wird. Und nicht einfach als „Digital-Ausgabe“.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man an Apps in Zukunft noch stärker journalistisch herangehen muss. Dass man sie als ein eigenständiges Produkt mit eigenen Inhalten machen muss.

Was der „Spiegel“ gemacht hat, sieht jedenfalls schon mal sehr, sehr ordentlich aus. Wer braucht eigentlich noch ein Heft, wenn es solche Apps gibt?

Und wo bleibt eine lokale „Paper“-App?

Seit ein paar Jahren gibt es jetzt „Flipboard“.  Die Seite „Rivva.de“ existiert mit kurzer Unterbrechung auch schon ein paar Jahre, ebenso ein paar andere kleine und mittelgroße Aggregatoren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, dass das Thema Aggregation im Journalismus ein wirklich neues wäre.

Facebook-Paper

Trotzdem bekommt es in diesen Tagen nochmal eine neue Dimension. Weil jetzt ein Player einsteigt, der sich nicht in irgendwelchen mehr oder wenigen kleinen Nischen von mobilen Endgeräten oder im Web rumtreibt. Sondern: der größtmöglich denkbare ist. Facebook hat jetzt in den USA eine neue App  mit dem bezeichnenden Namen „Paper“ herausgebracht (Erscheinungstermin in Deutschland ist noch offen). „Paper“ ist vordergründig betrachtet natürlich kein originär journalistisches Ding. Trotzdem aber werden dort journalistische Inhalte präsentiert werden. Weil dort Inhalte jeglicher Art aggregiert werden können und es natürlich ebenso erwartbar wie folgerichtig ist, dass dort auch Journalismus stattfindet.

Facebook macht jetzt also im Großen das, was „Flipboard“ seit Jahren im eher kleineren Maßstab macht. Der Tag, zusammengefasst und daueraktualisiert in einer einzigen App, die man wahlweise auf dem Smartphone oder dem Tablet mit sich rumtragen kann. Was wäre das anderes als eine Art neuer „Tageszeitung“? Das, wovon Zeitungsmacher schon lange immer wieder mal reden? „Der Tag“, so hieß übrigens auch die App, die der „Spiegel“ als Konsequenz aus seinem Projekt „Tag2020“ entwickelt hatte – und die durchaus einige Parallelen zu Facebooks „Paper“ aufweist.

Was ich daran so erstaunlich finde: Der Gedanke, dass tagesktueller Journalismus im digitalen Zeitalter sowohl eine neue Darstellungsform wie auch ein neues Endgerät benötigen könnte, ist ja nun wirklich kein neuer mehr. Aber wieso ist es – mal wieder – ein branchenfremder Großkonzern, der diese Idee dann letztendlich konsequent umsetzt? Und wieso führen wir in Deutschland seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen vor Gerichten (LSR, Tagesschau-App), anstatt endlich mal damit anzufangen, selbst Lösungen für zukunftsorientierten Journalismus umzusetzen?

Ich kapiere beispielsweise beim besten Willen nicht, warum sich nicht auch regionale Tageszeitungen endlich mal Gedanken darüber machen, wie die Idee eines Aggregators für sie umgesetzt werden könnte. Gerade im Lokalen gäbe es ausreichend Möglichkeiten, eine sich quasi selbst aggregierende Community zu schaffen. Bei der die Inhalte der Tageszeitung ein Bestandteil sind, aber eben nur einer. Wenn Menschen künftig Geld ausgeben werden für Journalismus, dann am ehesten dafür, dass sie zu einer Mischung aus Community und Datenbank Zugriff haben. Und das womöglich noch mobil – denn das mobile Endgeräte nicht die Zukunft, sondern schon jetzt die Gegenwart des Journalismus sind, das ist unbestritten. Ein „lokales Paper“ sozusagen, das ist es, an was lokale und regionale Medien jetzt arbeiten müssten.

Zu befürchten ist allerdings anderes: dass wir irgendwann mal wieder mehr oder weniger absurde juristische Auseinandersetzungen darüber erleben werden, was solche Aggregatoren dürfen – und noch mehr, was sie nicht dürfen. Die Klagewut deutscher Medien ist hinlänglich bekannt. Und die Gerichte mit ihren häufig wirklichkeitsfremden Urteilen bestärken das auch noch: Dass man jetzt Urhebervermerke mitten in Bilddateien platzieren soll und die GEMA ernsthaft über Lizenzgebühren für das Einbetten von Videos nachdenkt, lässt nichts Gutes ahnen.