Die Tagesschau, der neue Bart des Kaisers

Der Streit um die App der Tagesschau geht in eine weitere Runde. Er ist ungefähr so sinnvoll wie die jahrelangen Debatten um ein Leistungsschutzrecht…

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Und jetzt zu den Paradoxen des Alltags. Es gibt ein paar neue Studien, die sich mit dem Mediennutzungsverhalten von Menschen beschäftigen. In diesen Studien tauchen allerlei interessante Zahlen auf. Allerdings keine, die jemanden überraschen würden, der sich mit dem Thema Medienwandel beschäftigt. Dass immer mehr Menschen, insbesondere jüngere, Medien nonlinear nutzen, dass sie sich für die analoge Ausgabe der Welt kaum mehr interessieren: Man muss keine Studien für diese Erkenntnis lesen. Es reicht, wenn man sich ein bisschen umschaut.

Journalismus heute also ist (ob man das mag oder nicht): Informationen auf potentiell unendlich vielen Kanälen, in allen Darstellungsformen und völlig losgelöst davon, ob es dazu auch ein analoges Pendant gibt oder nicht. Es gibt Bewegtbilder in allen möglichen Varianten, Audios, Texte, Animationen, es gibt…äh, sind Sie noch da?

Meanwhile, back in Germany…

Im Jahr 2016 streiten sich Verlage und Sender vor einem Gericht weiter darum, wer was im Internet darf. De facto wollen die (klagenden) Verlage, dass die Claims weiter so abgesteckt bleiben, wie sie es in der analogen Welt auch sind. Presse ist Presse. Rundfunk ist Rundfunk. Fernsehen ist Fernsehen. Das ist ein Gedanke von anrührender Naivität, weil er an der digitalen Realität vollends vorbei geht. Zum Abgleich könnte man ja mal einen User fragen, ob er ins Netz geht, um dort „Presse“ zu lesen und danach Fernsehen zu schauen. Wenn Sie sich von dem erstaunten Blick wieder erholt haben, werden Sie feststellen: Jeder ist alles im Netz.

Im Netz ist jeder alles, ob Tagesschau oder Zeitung

Natürlich ist es legitim, darüber zu streiten, was die Öffentlich-Rechtlichen respektive die Tagesschau im Netz dürfen (und was nicht). Vielleicht darf man darüber debattieren, wie hoch der audiovisuelle Anteil  in der Tagesschau-App sein muss, damit sie nicht mehr als „presseähnlich“ sondern als „rundfunkähnlich“ oder  sogar „fernsehähnlich“ gelten darf.

Aber selbst, wenn man eine solche Formel irgendwann findet und wenn man sich dann auch noch sklavisch daran hält: Es ist der entscheidende Irrglaube der klagenden Verlage, dass sich dann irgend etwas an ihrer Situation ändern würde. Das Problem vieler Tageszeitungen ist schon lange nicht mehr, dass es im Netz noch ein kostenfreies Angebot mit weitgehend überregionalen Nachrichten gibt (klassischen Lokaljournalismus betreiben ARD und ZDF aus guten Gründen ja ohnehin nicht). Das Problem ist, dass das Geschäftsmodell der guten, alten Regionalzeitung gerade wegbricht. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, zu viele, um sie alle aufzuzählen.

Aber wenn man jemanden, der gerade sein Abo eines Regionalblatts gekündigt hat, mal nach den Gründen fragen würde: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird der Grund „Weil es eine kostenlose App der Tagesschau gibt“ nicht dabei sein.

(Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für den BR und damit irgendwie auch für die ARD).

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