Die unheimliche Macht: Wie der „Spiegel“ Medienpolitik macht

Der „Spiegel“ hat in seiner aktuellen Ausgabe eine „Unheimliche Macht“ entdeckt: ARD und ZDF. Und schickt gleich hinterher: „Wie ARD und ZDF Politik betreiben“. Danach kommt ein bisschen Generalkritik. An Anstalten, denen „im Netz Hass entgegenschlägt“. Dass ausgerechnet der „Spiegel“ eine derart populistenfreundliche Titelgeschichte bringt, hätte man sich bis vor kurzem auch noch nicht vorstellen können. “Read

Der neue App-Journalismus

Bisher waren Apps eher so eine Art Reproduktion. Eines Hefts, einer Webseite, irgendeines anderen journalistischen Angebots. Meistens mit vergleichsweise wenig Eigenleben. Ab und an mal mit einem zusätzlichen Video oder einem anderen multimedialen Element. Meistens aber blieb es dabei: Mit copy and paste das eigentliche Produkt rübergehoben, fertig.

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Der „Spiegel“ hatte da bis dato keine Ausnahme gemacht. Wer den „Spiegel“ auf den Tablet las, bekam einen unwesentlich veränderten Druck-Spiegel. Was dazu geführt hat, dass die wichtigste Motivation für das Digital-Abo die war, dass man kein Papier mehr zu Hause mehr haben wollte. Die anderen Dinge waren Gimmicks: dass man das Blatt schon am Freitagabend bekommen konnte, dass es ein paar nette zusätzliche Features gab und dass man sich ein paar Cent gegenüber der Druckausgabe sparen konnte. Dafür fehlten der App ein paar Elemente, die man sich gewünscht hätte…

Seit der aktuellen Ausgabe gibt es den Digital-Spiegel in einer neuen Form. Was diesmal nicht einfach zu ein paar optischen Retuschen geführt hat, sondern dazu, dass sich eine neue Sparte entwickelt, über die wir bisher noch gar nicht so geredet haben: eine Art „App-Journalismus“. Das ist ein Journalismus, der sich dem Endgerät anpasst, der eigenständige Inhalte und eigenständige Optik hervorbringt. Beim „Spiegel“ beginnt das tatsächlich schon mit der Optik: Das Magazin sieht jetzt eben auf dem Magazin tablet-gerecht aus. Davor war es eine mehr oder weniger schnöde 1:1-Umsetzung der Papier-Ausgabe. Sieht man übrigens auch an einer vermeintlichen Kleinigkeit: Wo vorher wie im Heft „geblättert“ wurde, wird jetzt gescrollt. Nicht ganz neu als Idee, aber eben auch ein weiterer Schritt zu einem eigenständigen Ding.

Auch andere Kleinigkeiten – beispielsweise die Tatsache, dass man jetzt nicht mehr die ganze Ausgabe erst komplett laden muss, um einzelne Artikel lesen zu können – zeigen, dass die App als ein mobiles Medium betrachtet wird. Und nicht einfach als „Digital-Ausgabe“.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man an Apps in Zukunft noch stärker journalistisch herangehen muss. Dass man sie als ein eigenständiges Produkt mit eigenen Inhalten machen muss.

Was der „Spiegel“ gemacht hat, sieht jedenfalls schon mal sehr, sehr ordentlich aus. Wer braucht eigentlich noch ein Heft, wenn es solche Apps gibt?

Lesen bildet (Spiegel-Titel)

Sie würden gerne mal auf einem Spiegel-Titel landen? Heißer Tipp: Schreiben Sie ein Buch, drücken Sie es den Kollegen in die Hand – und achten Sie darauf, dass Ihr Buch so formuliert ist, dass man daraus eine knackige Titel-Headline machen kann.

Irgendwas mit Abrechnungen und bröckelnden Landschaften beispielsweise. Oder mit Helmut Kohl.

Deshalb: Hier sind ein paar Spiegel-Titel der letzten 6 Wochen, die irgendwie mit Büchern zu tun haben, gerne auch mal mit solchen, die Spiegel-Kollegen geschrieben haben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und ohne die Geschichten, die zwar von Büchern inspiriert wurden, es aber leider nicht auf den Titel, sondern irgendwo in den Innenteil geschafft haben.

Keine Ahnung übrigens, ob diese eigenwillige Methode, zu Titelgeschichten zu kommen, damit zusammenhängt, dass sie in Hamburg momentan etwas arg viel mit sich selbst beschäftigt sind – aber schauen wir doch einfach mal, welche Titelgeschichten seit dem 1.9. 2014 irgendwas mit frisch erschienenen Bücher zu tun hatten:

Nr. 36, 1. September 2014, „Gegen die Uhr“

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Die Titelgeschichte stammt von Jörg Schindler und beschäftigt sich mit dem Stress, die die neuen, hekischen, digitalen Zeiten so mit sich bringen. Am Ende der Titelgeschichte zeigt sich Jörg Schindler transparent und schreibt:

„Der Text basiert auf einem Kapitel des soeben erschienenen Buches des SPIEGEL-Redakteurs Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss – warum wir weniger brauchen als wir haben“.

Nr. 37, 8. September 2014, „Der Bröckelstaat“

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„Eine Abrechnung mit den Lebenslügen der Republik“, kündigt die Redaktion an. Die Substanz Deutschlands sei marode.  Zu der Auffassung ist der Spiegel gekommen, weil er ein Buch des „Regierungsberaters“ Marcel Fratzscher gelesen hat. Das Buch heißt „Die Deutschland-Illusion“, Autor und Buch werden in dem Titel hinreichend vorgestellt und gewürdigt. Für die Tablet-Ausgabe gibt Spiegel-Redakteur Michael Sauga, einer der Autoren des Titels, in einem Video „einen Überblick über die These und den Autor des Buches“. Der wird sich gefreut haben, nehme ich an.

Nr. 40, 29. September 2014, „Der Seher“

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Vor 100 Jahren beschrieb Franz Kafka die Ängste des modernen Menschen. 2014 wiederum beschreibt Reiner Stach in einem Buch die „frühen Jahre“ Kafkas. Das Buch und der Autor landen auf dem Titel. Wer Stach einmal live erleben will: „Stach wird jetzt erst einmal auf Lesetour gehen“, schreibt der Spiegel.

Danach einen kafkaesken Traum gehabt: Stach geht auf Lesetour und hat all die anderen Autoren dabei, die der Spiegel in den letzten Wochen so vorgestellt hat. Am Ende verwandeln sie Wolfgang Büchner in einen kleinen hässlichen Käfer.

Nr. 41, 6.10.2014, „Die Abrechnung“

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Der „Spiegel“, schreibt „Spiegel Online“, zitiere exklusiv aus den Gesprächsprotokollen von Altkanzler Helmut Kohl mit seinem Ghostwriter Heribert Schwan. Das ist immerhin nicht gelogen.  Aber auch nicht so ganz richtig. Tatsächlich hat der Spiegel das Buch „Vermächtnis – die Kohl-Protokolle“ gelesen, das zufällig diese Woche erscheint. Zudem hat der Spiegel nochmal (zum wievielten Mal eigentlich?) aufgeschrieben, dass das Verhältnis von Kohl zum Spiegel etwas schwierig war. Und das zwischen Strauß und Kohl auch. Das ist eine hochinteressante Geschichte, sofern man die letzten 30 Jahre auf einem fernen Planeten verbracht hat und jetzt erstaunt feststellt, dass auch nochdiese Mauer zwischen Ost und West verschwunden ist.

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Unknown-1Ach, ähm, liebe Kollegen, bevor ich es vergesse: Ich habe da ein Buch geschrieben, es heißt „Der 40-Jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand“ –und irgendeine knackige Generationen-Titelgeschichte wird sich doch daraus machen lassen, oder?

Der „Spiegel“, das SAT 1 der Magazine

Man muss sich das vermutlich so vorstellen: Beim „Spiegel“ haben sie in Wirklichkeit zwei Redaktionen. Eine für die harten Themen und eine für Rückenschmerzen, Tatort und  alles mit Hitler. Eine Redaktion darf immer dann ran, wenn man einen echten „Spiegel“ machen will. Die andere macht das Heft, wenn man das Gefühl hat, man bräuchte mal wieder Kiosk-Verkäufe.

In dieser Woche war wieder die Kiosk-Redaktion dran:

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Ganz im Ernst kommt mir der „Spiegel“ seit geraumer Zeit vor wie das SAT 1 der Magazine: Vor lauter Neupositionierung wissen die langsamer selber nicht mehr, wofür sie eigentlich stehen.

Und, ach ja, bevor Sie sich durch den Titel mühen, hier das tl,dr: In Deutschland schauen viele Menschen gerne den Tatort, obwohl der Tatort nicht jedesmal gut ist.

Und wo bleibt eine lokale „Paper“-App?

Seit ein paar Jahren gibt es jetzt „Flipboard“.  Die Seite „Rivva.de“ existiert mit kurzer Unterbrechung auch schon ein paar Jahre, ebenso ein paar andere kleine und mittelgroße Aggregatoren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, dass das Thema Aggregation im Journalismus ein wirklich neues wäre.

Facebook-Paper

Trotzdem bekommt es in diesen Tagen nochmal eine neue Dimension. Weil jetzt ein Player einsteigt, der sich nicht in irgendwelchen mehr oder wenigen kleinen Nischen von mobilen Endgeräten oder im Web rumtreibt. Sondern: der größtmöglich denkbare ist. Facebook hat jetzt in den USA eine neue App  mit dem bezeichnenden Namen „Paper“ herausgebracht (Erscheinungstermin in Deutschland ist noch offen). „Paper“ ist vordergründig betrachtet natürlich kein originär journalistisches Ding. Trotzdem aber werden dort journalistische Inhalte präsentiert werden. Weil dort Inhalte jeglicher Art aggregiert werden können und es natürlich ebenso erwartbar wie folgerichtig ist, dass dort auch Journalismus stattfindet.

Facebook macht jetzt also im Großen das, was „Flipboard“ seit Jahren im eher kleineren Maßstab macht. Der Tag, zusammengefasst und daueraktualisiert in einer einzigen App, die man wahlweise auf dem Smartphone oder dem Tablet mit sich rumtragen kann. Was wäre das anderes als eine Art neuer „Tageszeitung“? Das, wovon Zeitungsmacher schon lange immer wieder mal reden? „Der Tag“, so hieß übrigens auch die App, die der „Spiegel“ als Konsequenz aus seinem Projekt „Tag2020“ entwickelt hatte – und die durchaus einige Parallelen zu Facebooks „Paper“ aufweist.

Was ich daran so erstaunlich finde: Der Gedanke, dass tagesktueller Journalismus im digitalen Zeitalter sowohl eine neue Darstellungsform wie auch ein neues Endgerät benötigen könnte, ist ja nun wirklich kein neuer mehr. Aber wieso ist es – mal wieder – ein branchenfremder Großkonzern, der diese Idee dann letztendlich konsequent umsetzt? Und wieso führen wir in Deutschland seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen vor Gerichten (LSR, Tagesschau-App), anstatt endlich mal damit anzufangen, selbst Lösungen für zukunftsorientierten Journalismus umzusetzen?

Ich kapiere beispielsweise beim besten Willen nicht, warum sich nicht auch regionale Tageszeitungen endlich mal Gedanken darüber machen, wie die Idee eines Aggregators für sie umgesetzt werden könnte. Gerade im Lokalen gäbe es ausreichend Möglichkeiten, eine sich quasi selbst aggregierende Community zu schaffen. Bei der die Inhalte der Tageszeitung ein Bestandteil sind, aber eben nur einer. Wenn Menschen künftig Geld ausgeben werden für Journalismus, dann am ehesten dafür, dass sie zu einer Mischung aus Community und Datenbank Zugriff haben. Und das womöglich noch mobil – denn das mobile Endgeräte nicht die Zukunft, sondern schon jetzt die Gegenwart des Journalismus sind, das ist unbestritten. Ein „lokales Paper“ sozusagen, das ist es, an was lokale und regionale Medien jetzt arbeiten müssten.

Zu befürchten ist allerdings anderes: dass wir irgendwann mal wieder mehr oder weniger absurde juristische Auseinandersetzungen darüber erleben werden, was solche Aggregatoren dürfen – und noch mehr, was sie nicht dürfen. Die Klagewut deutscher Medien ist hinlänglich bekannt. Und die Gerichte mit ihren häufig wirklichkeitsfremden Urteilen bestärken das auch noch: Dass man jetzt Urhebervermerke mitten in Bilddateien platzieren soll und die GEMA ernsthaft über Lizenzgebühren für das Einbetten von Videos nachdenkt, lässt nichts Gutes ahnen.