Totschlagargument Klicks

Ich habe nach diesem Eintrag und dem Verweis auf die enstprechende Studie, in der es um die Erosion von Qualitätsjournalismus im Netz geht, mich in den letzten Tagen dabei ertappt, häufiger gezielt und bewusst nach diesen Kriterien zu lesen – und wundere mich nunmehr über mich selber: Insgeheim war mir ja beim Lesen der Studie schon klar, dass da viel Wahres dran ist, aber was da momentan auf dem IVW-Altar der Klicks so alles zu Grabe getragen wird, war mir irgendwie entgangen. Und nein, ich habe jetzt nicht vor, die ganzen DSDS-Live-Ticker und dünnen Geschichtchen über Mark Medlock und Lisa Bund und andere Nichtmal-One-Hit-Wonder nochmal aufzuwärmen. Ich mag mich auch nicht mehr darüber auslassen, wie sueddeutsche.de mit den 100 (!) besten Witzen auf der Startseite Klicks zu generieren versucht und dann kurz darauf stolz Pressemitteilungen in die Welt jagt, die Klickzahlen seien so hoch wie noch nie (wenn ich es mir recht überlege, sind angesichts dessen Klickzahlen ohnehin das Uninteressanteste, was ich mir vorstellen kann). Und schließlich wundert es mich auch nicht mehr, wenn sich bei N24.de direkt nebeneinander als quasi ebenbürtige Aufmacher als Themen der Besuch von Köhler bei Klar und die Gefängnisstrafe von Paris Hilton finden. Mit Klicks lässt sich heute alles begründen, sie sind das Totschlagargument gegen jede Form von anständigem Journalismus geworden. Man muss sich das mal vorstellen: RAF-Terrorismus und Paris Hilton auf Augenhöhe.

Mir geht es nicht einmal um irgendwelche hochethischen Überlegungen. Sondern viel mehr darum, dass Journalisten ihren Job nicht richtig machen. Und das auf breiter Ebene: Spiegel, SZ, N24, das alles sind keine Zwerge, sondern große Marken, die eigentlich für Journalismus stehen sollten (im analogen Leben tun sie es ja auch: Kann sich jemand einen in Ehren ergrauten Nachrichtensprecher vorstellen, der mit sonorer Stimme als zweite Meldung verkündet: „Paris Hilton muss ins Gefängnis“? Der Chefredakteur himself würde in dem Moment vermutlich eine Bombe in seinen Newsroom werfen). Wer gagaisiert und Paris Hilton und Lisa Bund ähnlichen Stellenwert einräumt wie Horst Köhler und Christian Klar, der desinformiert und relativiert.

Diese Unsitten haben im Web grauenvoll überhand genommen. Man findet inzwischen auch Berichte über die Hinrichtung von Saddam und ein redaktionell getarntes „Special“ über Push-Up-BH´s auf einer Seite, man findet als Thema direkt unterhalb der französischen ganze Themenblöcke über DSDS, die Boulevardisierung und Trivialisierung ist längst nicht mehr ausschließlich Sache derer, deren Geschäft Boulevard ist.  

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Thomas Mrazek

    Ich habe dem Chefredakteur von Sueddeutsche.de gestern per E-Mail ernsthaft die Frage gestellt: „Gibt’s demnächst den Quelle-Katalog bei Sueddeutsche.de?“ Leider hat er noch nicht geantwortet. Angeregt zu dieser ungewöhnlichen Frage haben mich die „Die neuesten Uhren 2007“ (immerhin 125 Modelle werden bei Sueddeutsche.de angeboten, äh dargestellt).

  2. Jan

    Mit Interesse habe ich ihren Artikel gelesen. Es ist immer eine Ansichtssache, worüber geschrieben wird und was der Zeitung wichtig ist. Im Vordergrund steht wohl bei der Printausgabe, dass diese Lesenswerte Artikel enthalten muss, sonst kauft diese kein Mensch. Bei der Onlineausgabe, die sich über die Anzahl der Werbeeinblendungen finanziert, ist wohl ein Ziel möglichst viele kleine Seiten zu zeigen, die schnell betrachtet und weitergeklickt werden. Damit wird der Leser net Müde und der Vermarkter freut sich über die anzahl der PI’s bzw. Klicks …

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