Die neuen Nummer Einsen

Vermutlich gibt es in jeder Redaktion wahlweise analoge Archive oder digitale Datenbanken, in denen manche Überschriften auf Vorrat gedruckt bzw. angelegt werden. In Nachrichtenredaktionen beispielsweise gibt es ein bis 2017 reichendes Reservoire des Satzes „XXX stößt auf Kritik“, im Sport finden sich Phrasensammlungen, die gelegentlich von Computern zu ganzen Fußballberichten zusammengewürfelt werden. Und im Feuilleton finden sich unter „Versuch einer Annäherung“ hübsche Variationen.

Bei den Mediendiensten/Seiten/Redaktionen dieses Landes ist in diesem Jahr neu aufgenommen worden: „So will XXX (ersetze durch: stern, focus, bild.de) Spiegel online überholen“. Alleine bei Herrn Turi habe ich im Laufe der letzten beiden Wochen zweimal diese Ankündigung gelesen (stern.de, bild.de) und so gesehen würde ich jedem Bewerber um ein Volontariat in einer Online-Redaktion auf die Frage, was denn sein journalistisches Lebensziel sei, dringend die Antwort empfehlen: den Spiegel überholen!

Zu bezweifeln wage ich ja immer noch, ob man jemals in irgendwas Nummer eins wird, wenn man sich statt auf anständigen Journalismus auf Klamauk konzentriert (und so sakrosankt, als wäre er nicht zu knacken, ist der Spiegel ja nun wirklich nicht). Stattdessen macht beispielsweise der Stern belanglose „News“-Portale, die nicht viel mehr sind als Bookmarks anderer Angebote (weswegen das dann tausendreporter heißt, bleibt erst mal unklar) oder schlecht getarnte Amazon-Verkaufsförderungsveranstaltungen. Und auch beim Focus werde ich das Gefühl nicht los, er interessiere sich in der aktuellen Abwägung mehr für Community-Zeugs als für Journalismus. Die Süddeutsche lässt seit letzter Woche Autos testen und stellt fest, dass irgendein Monster-BMW für 100.000 Euro zwar chic aussehe, aber irgendwie null Flirt-Faktor habe. Ach?

Ich lobe mir übrigens nach wie vor den Tagesspiegel. Wie der von einer leicht angerosteten Standardseite zu einem wirklich sehens- und vor allem lesenswerten Angebot geworden ist, alle Achtung. Ich mag vor allem deren unaufgeregte Art zu berichten, das Verzichten darauf, jeden Unfug zur Eilmeldung aufzublasen und jedes noch so abstruse Thema mit 35seitigen Bilderstrecken zu versehen. Kurz gesagt: Dort stehen nach meiner Beobachtung Inhalte im Vordergrund. Die Klicks kommen dann schon. Von ganz alleine.

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3 Kommentare

  1. Stilistisch magst du in Bezug auf den Tagespiegel ja recht haben – dafür poppten dir aber lange Zeit die Werbebanner dort wie Mückenschwärme entgegen. ‚Werben & Verkaufen‘ war eine Oase der Ruhe dagegen …

  2. Nun ja – was sind das für mediale Räume, die man nur noch geschützt durch die Rüstung eines Ad-Blockers betreten darf? Und was wäre dann der höhere Sinn von’s Janze?

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