Gestern, heute, morgen – oder: Online worst (6)

Vielleicht muss man sich einfach mal das, was deutsche Zeitungen jeden Tag im Netz so produzieren, einfach mal ein wenig genauer anschauen, um zu verstehen, warum es den meisten von ihnen im Netz und mit dem Netz nur so mittelmäßig gut geht. Dass es dabei, nur nebenbei bemerkt, mal wieder die PNP erwischt, hat nichts mit irgendwelchen Traumata zu tun, sondern damit, dass die Kollegen halt direkt vor meiner Haustür publizieren und ich insofern viel eher dadrauf schaue als, sagen wir, auf die Braunschweiger Nachrichten, falls es die geben sollte.

Bei der PNP jedenfalls hat man schon seit längerem intern wie extern verkündet, dass man die Bedeutung der digitalen Medien erkannt habe und sie sich dementsprechend zunutze machen wolle. In der Konsequenz hat man die ehemalige 1-Frau-Redaktion um zwei Leute erweitert. Und man arbeitet jetzt mit Blitzmeldungen, zunehmend auch, nachdem man in der Woche, als die CSU mal eben kollabierte, den ungemeinen Reiz solcher Blitzmeldungen entdeckte.

Sehr schön zeigt sich in diesen „Blitzmeldungen“ auch, wie sehr in Zeitungsleuten Zeitungsdenken tief verankert ist. Das ist an sich auch kein Wunder, aber eher hinderlich, wenn man Onlinemedien machen will, die, man weiß das ja jetzt zur Genüge, eben ganz anderen Gesetzen folgen. Dazu gehört beispielsweise, dass Online nicht wie die gute alte Tageszeitung am Wochenende mal eben eine ausgedehnte Pause einlegt, das Hämmerchen fallen lässt und erst zum Wochenbeginn wieder die regulären Betrieb aufnimmt. Auch mit dem Tempo ist das so eine Sache, jedenfalls steht da jetzt seit einigen Stunden auf der Startseite:

So ganz gewiss ist das allerdings nicht. Wenn heute Sonntag ist und der Mann wurde „gestern“ gefunden, dann steht die Meldung entweder schon seit Samstag da und das gestern bezieht sich auf den Freitag. Oder die Meldung stammt von heute (was der Terminus „Blitz“ ja irgendwie suggeriert), dann war´s am Samstag. Oder wurde der Mann am Freitag ermordet und am Samstag gefunden? Das kommt raus, wenn die Zeitungsdenke im Kopf ist, nach deren Logik es ja klar ist, was mit gestern, heute, morgen gemeint ist.

Aber man kann ja gottlob die Fortsetzung nach dem angebrochenen Satz „Sie waren dem Hinweis eines 19-Jährigen…“ (wer macht sowas eigentlich, Sätze abzubrechen?) klicken und dann darauf hoffen, dass das Rätsel eine Lösung bekommt. Bitte sehr, hier ist sie:

Tat also am Freitag, am Samstag gefunden, am Montag Vorführung vor dem Richter. Was man allerdings nur weiß, weil in der Fortsetzung der Geschichte angegeben ist, von wann die Meldung überhaupt stammt (Sonntag, 13.40 Uhr). Dass eine Meldung nach fast vier Stunden aber eher etwas angestaubt und keineswegs mehr eine Blitzmeldung ist, leuchtet einem Onliner ein, einem Printmenschen vermutlich eher weniger. Spannend jedenfalls heute abend zu beobachten: Wie lange wird die Blitzmeldung noch eine Blitzmeldung sein?

Und: Wann schaut sich jemand mal den eigenen RSS-Feed an, nebenbei gefragt? „Pkw ohne ennzeichen“ jedenfalls liest sich mindestens so drollig wie „Kinder besuchen ewegungstag“, nicht zu vergessen natürlich „Leer stehendes Wohnhaus rennt nieder.“ Schöner lödsinn.

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