Raue Wirklichkeit 2016

Usability first: In den kommenden Jahren wird es vor allem darum gehen, neue Redaktions-Pakete für den Nutzer zu schnüren. Das ist schon wieder der nächste Schritt auf dem Weg zu einem digitalen Journalismus.

Paul-Josef Raue, altgedienter Ex-Chefredakteur, Journalistenausbilder und Autor, hat sich über die „Zukunft des Journalismus“ ausgelassen. Einigermaßen wortreich beklagt er die Lähmung, die der Streit zwischen Print- und Digitallager in vielen Häusern auslöse. Nicht ohne allerdings dann doch ein paar Schlenker loszulassen, möglicherweise, um seinem Ziehpapa Wolf Schneider noch ähnlicher zu werden, der ja das Internet auch irgendwie doof findet, sich aber an und an etwas ausdrucken lässt, um dann festzustellen, dass er natürlich  Recht hat, womit auch immer.

Jedenfalls schreibt Raue darüber, wie man in manchen Häusern einigen „Internet-Gurus“ auf den Leim gegangen sei, wobei Wolf Schneider wahrscheinlich und zurecht den Begriff „Guru“ als Phrase rot unterschlängelnd würde. Diesen Gurus sei nicht sehr viel mehr eingefallen als einen Blick in die USA zu werfen und noch ein paar andere Sachen, die der Rede nicht wert sein. Beim „Spiegel“ wiederum habe Cordt Schnibben eine „weitgehend folgenlose Debatte begonnen, die er nicht weiterführte, weil das Interesse in der Branche gering war“.

So ist das in der Welt des Paul-Josef Raue: Internet-Gurus leimen arglose Verlage und verlangen viel Geld für unsinnige Ratschläge. Grunddepressive Topjournalisten starten folgenlose und uninteressante Debatten und geraten dann selbst in Turbulenzen. Wenn das so wäre, verehrter Herr Raue, dann müssten sich allerdings auch etliche Verlage ein neues Management suchen, wenn sie von Blendern und Schnibben so leicht übers Ohr zu hauen sind.

Umgekehrt gibt es dann noch ein paar Ratschläge, die Zeitungs-Guru Raue den Journalisten als Beitrag zur Rettung ihrer Branche mit auf den Weg gibt. Man solle verständlich schreiben, beispielsweise. Oder seinen Leser achten. Lauter so schneiderhafte Dinge, die natürlich ganz wunderbar aufrichtig klingen, bestimmt nicht falsch sind und trotzdem kein einziges Journalistenleben retten werden.

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Wenn man sich also darauf einließe, es würde wieder genau das entstehen, was Raue vermeintlich doch beenden will: die unsinnigen Debatte zwischen Onlinern und Analogen, die ein einziger Anachronismus ist. So 2004 irgendwie. Die Debatte würde uns wieder auf die Frage zurückwerfen, welche Form des Publizierens die bessere sein und wie man dieses Internet irgendwie in die Abläufe eines erfolgreichen Verlags integrieren könnte (eher unzureichende Vorstellungen dazu finden Sie übrigens im letzten „Handbuch“ von Schneider und Raue).

Dabei ist das im Jahr 2016 beim besten Willen nicht mehr die Frage. Es geht nicht mehr darum, wie wir einen read-and-write-Modus aus der Zeitung jetzt irgendwie auch ins Netz oder sogar, wohoo, aufs Handy übertragen. Es geht nicht darum, ein Produkt einfach mal eben ins Digitale zu transformieren.

Tatsächlich kommen im Falle der digitalen Medien noch ein paar Besonderheiten hinzu. Noch nie ist ein Medium derart rasant zu einem Massenphänomen geworden. Innerhalb von nur zehn Jahren ist es aus einer kleinen Nische und einer minimalen privaten Verbreitung zu einem Gegenstand des täglichen Gebrauchs geworden. Es ist inzwischen müßig geworden, mit irgendwelchen Zahlen zu hantieren, die diese Entwicklung belegen sollen. Zumal diese Entwicklung ja immer noch rasant weitergeht und schon wieder ganz andere Formen angeht. Es geht auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr um die Frage, ob die Digitalisierung die klassischen Medien umkrempeln – sondern nur noch darum, wie schnell dieser Umbruch stattfinden wird.

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Gerade jetzt, wo sich die mobile Nutzung von Medien allmählich als Standard durchzusetzen beginnt, nehmen Medien und Journalismus inzwischen eine andere Rolle im Leben der Menschen ein. Verkürzt gesagt: Medien sind inzwischen ein Begleiter durch den ganzen Tag. In allen nur denkbaren Situation, auf potenziell unendlich vielen Kanälen.

Nimmt man die Sache genau, dann ist Mobilität in Bezug auf Medien mittlerweile ein ohnehin wenigstens irreführender Begriff. Weil er suggeriert, dass man im klassischen Sinne unterwegs sein müsse, wenn man „mobile“ Medien nutzen will. Das ist schon alleine deswegen inzwischen eine überholte Vorstellung, weil Menschen ihr Smartphone inzwischen wie selbstverständuch auch zuhause dauernd in der Hand haben. Streng genommen ist es also nur das Endgerät, das potenziell mobil ist. Sein Nutzer muss es schon lange nicht mehr sein.

Es geht also um: Usability. Um Interaktion. Um Beziehungsmanagement, um das, was die Engländer so schön costumer service nennen (und mit Kundenservice nicht wirklich gut übersetzt ist). In den kommenden Jahren geht es also nich (oder: nicht nur) darum, verständlich zu schreiben, sondern für „Kunden“ ein Paket zu schnüren, in dem er sich in jeder Station wohl und gut informiert fühlt. Das hat viel mit Technologie zu tun, natürlich. Aber auch mit einem grundlegend geänderten Verständnis des Begriffs „Redaktion“.

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Von dem her ist es kein Wunder, dass ein Begriff wie responsive design inzwischen nicht nur aus optischer Sicht bedeutend geworden ist, sondern wie ein Synonym für die gesamte Entwicklung der Digitalisierung steht: Es kommt immer auf den Anlass, das Gerät, den Kontext an. Und so wie für das Design gilt auch für Inhalte und Geräte: Es kommt auf den Anlass und die Umgebung an. Unser User ist inzwischen flexibel geworden und wir müssen es auch sein. Wir müssen uns seinen Lebenssituationen, seinen Bedürfnissen, seinen Gewohnheiten anpassen. Nicht umgekehrt.

Ein Stück weit also gilt: die Usability des digitalen Lebens entscheidet darüber, ob wir Nutzer überhaupt noch erreichen. Das ist ein ziemlich neuer Aspekt, für Journalisten zumal. Galt doch noch bis vor kurzem das Mantra, dass es ausschließlich auf den Inhalt ankomme. Und dass ein guter Inhalt noch so bescheiden verpackt könne – solange er gut genug sei, erreiche er seine Adressaten immer.

(Foto auf dieser Seite: Jens Schmitz_pixelio.de)

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