Heiß-hassgeliebte Bubble

Erika Steinbach, eine erzkonservative Politikerin und langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat etwas wenig Überraschendes gemacht: Sie hat einen Tweet abgesetzt, über den man sich aufregen kann, weil er potentiell fremdenfeindlich ist. (Man kann es auch lassen, weil es nur Erika Steinbach ist, aber dazu später):

steinbach

Wenn man auch nur ein bisschen weiß, wer Erika Steinbach ist, dann kann man an diesem Tweet nichts wirklich Überraschendes finden. Frau Steinbach äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Was übrigens ihr gutes Recht ist, ebenso wie es das gute Recht anderer ist, diesen Tweet wahlweise doof, ärgerlich, rassistisch oder einfach nur billig zu finden.

Wenig überraschend war dann auch das, was kurz darauf in meiner Filterblase einsetzte: Empörung. In meinen diversen Timelines tauchten in einem erwartbarem Tempo erwartbare Äußerungen auf. Ob diese Frau noch ganz bei Trost sei, dass dies eine Unverschämtheit ganz der Nähe geistiger Brandstiftung sei, dass diese Frau Steinbach…(setzen Sie hier bitte Beschimpfungen aller Art ein).

Ich habe mich, zugegeben, amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass es Menschen, die mit gezielten Provokationen Menschen provozieren wollen, immer noch vergleichsweise einfach haben, selbst bei Menschen, von denen ich eigentlich denke, dass sie für psychologische Taschenspielertricks wenig empfänglich sind. Und zum anderen darüber, wie sehr erwartbar leider auch meine eigene Filterbubble ist. So wie die Steinbach-Filterbubble erwartungsgemäß „Gutmenschen“ quäkt, brüllt meine eigene sofort „Brandstifterin“ oder Ähnliches. Das ist natürlich völlig in Ordnung so, zeigt aber, warum es so schwierig, ja beinahe unmöglich geworden ist, sich im digitalen Zeitalter in sozialen Netzwerken ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und es zeigt auch, warum es soziale Netzwerke so furchtbar schwer machen, sich auch mal mit der – selbstredend unwahrscheinlichen – Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass der andere Recht haben könnte. (Bevor ihr jetzt laut losbrüllt, nein, ich denke nicht, dass Frau Steinbach Recht hat). Immerhin wurde der Steinbach-Tweet fast tausend Mal gelikt, was zumindest den Rückschluss zulässt, dass es noch mindestens eine andere Filter Bubble gibt, die von sich ebenso wie wir glaubt, sie leben in der einzig richtigen Filter Bubble.

Was mich stört und weswegen ich mich nicht über diesen Tweet öffentlich ausgekotzt habe: Speziell in sozialen Netzwerken sind Likes und andere Sachen so furchtbar billig zu bekommen, wenn man nur genügend Poser-Naturell in sich hat und weiß, worauf die Horde abfährt. Die Steinbach als durchgedrehte, alte Irre darzustellen? So einfach wie billig. Dafür gibt´s ganz viel virtuelles Schulterklopfen aus der eigenen Blase, was man sich ganz leicht zunutze machen kann, wenn man denn nur weiß wie.

***

Ich geb´s gerne zu, dass es solche Tage wie der Steinbach-Tweet-Tag sind, die mein latentes Unbehagen mit meiner eigenen Was-mit-Medien-Blase weiter steigen lassen. Weil sie letztendlich den selben Herdentrieben folgt wie alle anderen Blasen auch. Weil es ein paar ungeschriebene Gesetze gibt, an die man sich genauso wie in anderen Milieus  gefälligst zu halten hat. Weil es genau solche Poser und Wortführer wie andernorts gibt, ebenso wie die treudoofen Dackel, die alles geil finden, so lange es von den richtigen Leuten kommt. Und ich mag es nicht, wenn man sich andauernd gegenseitig auf die Schulter klopft. Du findest die Steinbach auch krank? Dann gehörst du zu uns, Freibier für alle!

Und leider, liebe Bubble, ist die Welt nur selten schwarz oder weiß, sondern allermeistens einfach nur grau. Mit die besten Titelseiten und Geschichten zum Thema Flüchtlinge habe ich in den letzten Wochen ausgerechnet in der „B.Z.“ gesehen, während die größten medialen Enttäuschungen der letzten Monate ausgerechnet von Leuten verantwortet wurden, von denen ich das als allerletztes erwartet hatte.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.