Warum das Internet nicht an allem schuld ist

„Es gibt die Tendenz, Regionalzeitungen bis zur Verwechselbarkeit zu modernisieren. (…) Insofern können die Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht nur aufs Internet geschoben werden. Etliche Fehler sind hausgemacht. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Geschäftsführer und Verleger die Ansprüche ihrer Leser unterschätzen. Die Leute wollen meines Erachtens mehr Substanz, als manchmal den Verantwortlichen bewusst ist.“

Giovanni di Lorenzo in einem Interview über Regionalzeitungen und ihr (Nicht-)Verhältnis zu neuen Medien. Und in der Tat: Man macht es sich vermutlich wirklich zu einfach, wenn man alles einfach nur aufs böse Netz schiebt. Ich habe mir in den vergangenen Wochen mit ganz besonderem Interesse die Entwicklung der Passauer Neuen Presse angeschaut, die ja nach Chefredakteurs-Wechsel und einigen anderen Rochaden behaupet hatte: Wir haben verstanden. Ab jetzt machen wir es anders.

Anders sind die Namen, die Zeitung selbst ist es nicht. Noch immer dominieren im Mantelteil die Themen, die schon immer den Mantelteil dominiert haben. Dass die Inhalte in irgendeiner Weise regionalisiert werden, lässt sich nicht beobachten, stattdessen leiert man in gewohnter Routine die übliche Agenda lieblos runter: Gipfeltreffen, Bundespolitik, das alles halt, was in einer klassischen Früh-Agenda der dpa zu finden ist. Tatsächlich ist das, was die PNP machen will (und neben ihr viele andere auch) ein ziemlich müder Kompromiss: Man versucht, ein großes Thema auf lokale Ebene runterzubrechen. Das ist sehr häufig nur eingeschränkt möglich („Was bedeutet der G20-Gipfel für Niederbayern?“) und hat oft nur Alibifunktion. Was man stattdessen bräuchte, wäre ein Abschied von der Vorstellung, dass der Leser einer Regionalzeitung auf den ersten 20 Seiten des Blattes eine gedruckte Tagesschau vom Vortag finden will. Das können andere besser – und das entspricht auch nicht mehr dem Nutzungsverhalten von Medienkonsumenten im Jahr 2009. Das ist bei der PNP so und bei vielen anderen auch.

Wo also bleibt der Chefredakteur, der Verleger, der so mutig ist und sagt: Wir machen eine Regionalzeitung, die tatsächlich den Wünschen unserer Leser entspricht und die Schluss macht mit den Manierismen aus analogen Zeiten („Chefredateur X zur außenpolitischen Strategie von Obama“). Den würde ich gerne kennenlernen.

Und da macht es dann tatsächlich fast nichts mehr aus, dass der Onlineauftritt der PNP unverändert vor sich hin dümpelt. Wenn schon das „Hauptprodukt“ der Gegenwart um Jahre hinterherhinkt, warum sollte es da beim Onlineauftritt anders sein? So gesehen hat di Lorenzo also völlig recht: Für alles kann man das böse Internet nun wirklich nicht verantwortlich machen.

Beteilige dich an der Unterhaltung

6 Kommentare

  1. Wenn es nicht das Internet ist dann eben das Fernsehen, und wird mal wieder ein neuer Bösewicht benötigt Naja das hat man noch die Spielkonsolen oder PC Games!

    Es geht dabei doch weniger um das Internet, sondern meistens darum das die Gesellschaft einen Dummen braucht!

  2. „Die Leute wollen meines Erachtens mehr Substanz, als manchmal den Verantwortlichen bewusst ist.“

    Es ist viel schlimmer.

    „…weil sie – oder genauer ihre macher – ihre leser tief im inneren für dumm halten und ihnen das … direkt ins gesicht sagen.“

    Ein Zitat aus einem Blog, das so schlagend auf die hiesige Monopoltages“zeitung“ passt (in der Pfalz), dass ich es mir notiert habe für das Nichtvergessen.

  3. Hier in Bremen, beim Weser-Kurier, versuchen sie unter neuer Leitung ‚ein wenig‘ den anderen Weg zu gehen, man hievt also das Lokale auf die Titelseite – immerhin. Mit manchmal putzigen Wirkungen: Der Leser darf dann mitdiskutieren, ob die Stadtmusikanten vielleicht zu klein seien oder ob sie am falschen Platz stünden. Die Strategie kann nicht klappen, weil die Stadtmusikanten nur Oma Monsees oder die Touristen interessieren, aber keinen echten Bremer. Wenn man eine gute Lokalzeitung machen will, dann muss man meines Erachtens als erstes den allgemeinen provinzelitären Konsens aufbrechen und die gewachsenen Seilschaften zwischen den Duodezfürsten und den Lokaljournalisten zerschlagen, sonst wird das in Ewigkeit nichts. Die verschnarchte und journalistisch verwöhnte Lokalpolitik wie auch die werte Geschäftswelt, die müssen das Gefühl bekommen, sie hätten plötzlich nicht nur eins, sondern gleich mehrere Frettchen im Bett, die ihnen allesamt an die Eier wollen: Support your local mudraker …

    Der Henning Venske, der hat vor langer Zeit mal ein Buch über die Wilhelmshavener Lokalpolitik geschrieben, ich glaube, es hieß ‚Dreckiger Sumpf‘ – so etwas könnte als Lehrbuch für den Nachwuchs dienen. Das wiederum interessiert dann auch den Leser, darüber will er etwas erfahren …

  4. Würde die von Chat Atkins genannte Bremer Tageszeitung ein Blatt nach seinem Geschmack machen, verlöre sie die meisten Leser, die sie noch hat.
    Es gibt doch eine Zeitung, die ihm liegen müsste: die taz Bremen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.