Blubb macht die Satzblase

Morgen geht´s zum Süddeutschen Journalistentag nach München und trotz eines denkbar seltsamen Themas freue ich auf das Panel mit netten und sehr geschätzten Kollegen. Trotzdem frage ich mich gerade im Moment, einen Abend vor der kleinen Debatte, warum wir eigentlich ernsthaft über die neuen Sündenfälle in digitalen Medien reden müssen, wo es doch bestimmt auch genügend über die neuen Sündenfälle in alten Medien zu debattieren gäbe.

Beispielsweise hat es mein Leib- und Magenblatt „Süddeutsche“ innerhalb einer Woche gleich dreimal ziemlich böse erwischt. Das monothematische SZ-Magazin der letzten Woche enthielt ein paar denkwürdige handwerkliche Schnitzer, danach veröffentlichte man auf der Medienseite zunächst einen zumindest nicht sauber ausrecherchierten Beitrag über die künftige Auftragsvergabe beim „Nordkurier“ – und schließlich lieferte Willi Winkler noch ein Stück ab, das an Peinlichkeit kaum mehr zu übertreffen war. Winkler monierte, dass es im Online-Shop des „Spiegel“ auch Bücher rechtsradikalen Inhalts zu kaufen gab, vergaß aber während der Windens wohlklingender Satzgirlanden, dass es diese Bücher auch im Onlineshop der SZ gibt (was schlichtweg damit zusammenhängt, dass solche Shops zumeist Kooperationen mit externen Partnern sind; auf den Inhalt haben also de facto weder SZ noch Spiegel wirklichen Einfluss). Jedenfalls musste ich an den wunderbaren Satz denken, den ich mal bei einer Kollegin (sie weiß, dass sie gemeint ist…) gelesen habe: Blubb macht die Satzblase, wenn sie platzt.

Ich will ja auch gar nicht lange darauf rumreiten und schon gar keine Vergleiche anstellen, aber zweierlei fand ich dann doch bemerkenswert. Korrigiert hat sich die SZ lediglich bei der Winkler-Geschichte, vermutlich auch deswegen, weil es nicht mehr anders ging, zumal „Spiegel Online“ ordentlich zurückgekeilt hatte und sich die Panne wirklich nicht mehr verstecken ließ. Es scheint also immer noch furchtbar schwer zu sein, einen Fehler ganz einfach einzugestehen, selbst dann, wenn er schon von anderen öffentlich gemacht wurde.

Und was ich ebenfalls interessant fand: Was wäre wohl passiert, wenn eine Online-Redaktion (oder, noch fürchterlicher: ein Blogger, die ja bekanntermaßen unendlich viel Schwachsinn schreiben) innerhalb einer Woche drei haarsträubende Fehler begangen hätte? Hätte Wolf Schneider wieder zur Attacke geblasen, hätten sich die Gäste beim Riehl-Heyse-Preis der Süddeutschen in der Annahme bestätigt gefühlt, dass es eben doch nur das gedruckte Papier sei, das zählt? Oder hätten wir ein neues Essay von Bernd Graff über die „Idiotae 0.0“ zu lesen bekommen?

Was ich sagen will:  Erstens herrschen immer noch ziemlich ungleiche Maßstäbe, wenn es um die Gewichtung von Fehlern geht. In den alten Medien gibt es die „Kann ja mal passieren“-Haltung, bei Bloggern hingegen den „Typisch!“-Reflex. Und zweitens: Es gibt keine Qualitätsprobleme in den neuen Medien. Es gibt gute Sachen hüben wie drüben. Idioten leider auch.

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