Das i des Columbus

Das iPad kommt und langsam drehen auch die durch, die vorher nicht durchgedreht waren. Gut, das waren eh nicht mehr viele, nachdem Springer-Chef Matthias Döpfern die Hysterie mit seinem Satz salonfähig gemacht hatte, die Verleger hätten Steve Jobs auf Knien für diese wunderbare Erfindung zu danken — schlichßlich sei es doch nicht weniger als Rettung der darbenden Verlagsbranche. Warum es das sein soll, weiß so richtig niemand. Aber immerhin, aus der Angst heraus, schon wieder einen Megatrend zu verschlafen, arbeiten sie jetzt wie wahnwitzig an iPad-Lösungen, die Verlage. Ganz so, als würde ein hübsches neues Spielzeug irgendwas am eigentlichen Problem ändern.

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Bevor wir zum eigentlichen Problem kommen, erst einmal: Zahlen: Um die 8 Prozent der deutschen Internetnutzer wollen sich ein iPad zulegen, ergab jetzt eine Umfrage. Das wären in etwa (setzt man ca. 40 Millionen voraus) 3,2 Millionen Menschen, die irgendwann in der nächsten Zeit ein iPad besitzen. Zieht man dann noch in Betracht, dass einen Monat nach dem iPad-Start in den USA unter den 20 beliebtesten Apps kein einziges Angebot aus einem Verlagshaus war, dann ist es keine sehr gewagte Prognose, dass sich die Potenziale für die Verlage zunächst einmal in sehr, sehr überschaubaren Grenzen halten werden. Zum Retter von allem und jedem sollte man das Ding jedenfalls noch nicht hochjazzen.

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Der „Spiegel“ hat in dieser Woche ebenfalls über die iPad-Bemühungen geschrieben und ist dabei ungewollt komisch geworden. Man schilderte ein wenig die Einfallslosigkeit der Verlage, monierte u.a., dass bei vielen die Apps eher PDFs denn interaktiven Applikationen glichen. Der App der „New York Times“ bescheinigten die Hamburger, dass sie in „wenig erfrischender Erscheinung“ daherkomme. Auch die Magazine seien „bislang kaum mehr als auf den Bildschirm gebrachte Teile der Printausgaben, die nicht mit den visuellen und interaktiven Möglichkeiten des iPad spielen“. Und schließlich erntet auch das „Wall Street Journal“ den sanften „Spiegel“-Spott. Insbesondere dafür, dass das WSJ auf dem iPad teurer ist als im Print-Abo. Der Unterton ist unverkennbar: Man muss schon ziemlich doof sein, eine solche Preispolitik zu betreiben.

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Danach wirft man einen Blick auf den auf die Spiegel-App auf dem iPhone und wischt sich verwundert die Augen. Die Miniaturausgabe (was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist) des Magazins kostet mit 3,99 € genau 19 Cent mehr als die gedruckte Ausgabe. Man bekommt zwar dann noch das e-Paper kostenlos dazu, aber das stünde zwei Wochen später ja ohnedies kostenslos im Netz (und wenn man etwas fürs iPhone/iPad haben will, ist eine PDF-Ausgabe nur so eine mittelgute Alternative als Dreingabe). Über die Optik und die technische Ausgereiftheit der „Spiegel“-App muss man nicht allzu viele Worte verlieren, das alles ist mit trostlos gnädig umschrieben. Und sowieso ist die „Spiegel“-App ohnehin nicht sehr viel mehr als ein Lesegerät. Man hätte über die anderen im In- und Ausland also gar nicht so viel schreiben müssen — eine Beschreibung der eigenen App-Aktivitäten hätte womöglich schon ausgereicht um aufzuzeigen, dass den deutschen Verlagen bisher auch noch nicht so rasend viel eingefallen ist in Sachen Apfeltablett.

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Spiegel Online hingegen hat das neue Wundergerät ebenfalls einem Praxistest unterzogen und kommt zu einem sehr ähnlichen Ergebnis wie die FAZ. Beide kommen zu dem wenig überraschenden Resultat, dass der Hype möglicherweise viel größer ist, als es die Realität rechtfertigt. Das iPad ist verdammt teuer, kann vergleichsweise wenig für viel Geld, wird sich aber trotzdem durchsetzen, weil hinten ein angebissener Apfel drauf ist. Und den Apple-Jüngern kann man ja bekanntermaßen alles verkaufen.  In den Praxistests von FAZ und SPON ist übrigens relativ wenig die Rede von journalistischen Angeboten, fällt mir eben auf. Aber daddeln lässt es sich mit der Kiste prima.

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(Off topic: Morgen schaue ich übrigens lieber nicht die Twitter-Timeline. Ich möchte echt nicht den ganzen Tag Statusmeldungen über das „unboxed iPad“ lesen.)

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Aber bleiben wir doch noch ein wenig beim Thema „Medien und iPad“. Bisher kenne ich noch kein Modell, das etablierten Medien dauerhafte Zuwächse oder wenigsten Kompensation der bisherigen Verluste garantieren würde. Der eigentliche Fehler, den man jetzt zu korrigieren versucht, liegt ja auch schon ein wenig zurück und hat mit dem Verbreitungskanal gar nicht so viel zu tun. Über inzwischen etliche Jahre hinweg haben insbesondere Verlage in Deutschland tatenlos zugesehen, wie sich neben ihrer Welt auch noch eine Parallelwelt aufbaut. Eine, durch die sie letztendlich ihr wichtigstes Gut zumindest teilweise eingebüßt haben: Relevanz und Bedeutung.  Man kann heute einigermaßen gut und informiert über die Runden kommen, ohne morgens eine Zeitung im Postkasten zu haben oder das Radio einzuschalten. Man kann sich über Hobbys oder Fachgebiete ganz wunderbar schlau machen, ohne auch nur ein einziges der einstmals monopolartigen Fachmedien zu kaufen. Kurzum, mit einem herzhaften „weiter so“ haben sich viele Verlage in eine Situation gebracht, aus der sie heute nur noch mit Hilfe einer iPad-Applikation herauszukommen glauben. Das wiederum ist ein Trugschluss. Das iPad ist eine hübsche Multimediamaschine, kein Lesegerät. Man kauft sich nicht für 600 Euro eine solche Kiste, damit man darauf Zeitung lesen kann. Das ist, wie die ersten Erfahrungen aus den USA zeigen, ein netter Nebeneffekt, nicht mehr, nicht weniger.

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Man müsste also endlich mal Dinge wie Multimedialität, Interaktion, Vernetzung begreifen. Man müsste, noch banaler, das Internet verstehen. Doch genau das ist der Punkt, an dem es bei vielen Printmenschen komplett hakt. Sie halten immer noch das Netz für eine Art elektronischen Bildschrim, für eine Art Zeitung, der die Haptik fehlt. Ich spreche nur selten mit Zeitungsmenschen, bei denen ich wirklich den Eindruck habe, sie hätten das Netz begriffen. Ihnen ist nicht klar, dass das Netz mit all seinen Möglichkeiten auch einen komplett neuen Journalismus erfordert. Den müsste man langsam entwickeln; langsam vielleicht, aber eben doch entwickeln. Stattdessen klammern sich die Verlage an Bezahlmodelle und dröge iPad-Apps.

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Fünf Jahre gibt man übrigens verlagsintern noch der gedruckten „Financial Times“. Nicht unrealistisch, das. Nur: Wenn so weitermachen, können sie den Appendix „gedruckt“ streichen.

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4 Kommentare

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  2. Wir sollten ein wenig vorsichtig sein. Ich bin alles andere als ein Apple-/Jobs-Jünger, halte den beiden allerdings zu Gute, Impact zu erzielen.

    Smartphones [generisch wie markenrechtlich] gab es bereits vor dem iPhone, es hat bloß kaum jemanden interessiert. Die Bedienung war mäßig, der Nutzen unklar, die ZG irgendwo zwischen Technik-Freak und CEO; die meisten Menschen wollten einfach nur telefonieren, die Nutzung als umfassendes Internetteil war nicht einmal angedacht. Nebenbei bemerkt, PDAs waren auch bereits vom Aussterben bedroht. Und dann wirft Apple ein Gerät auf den Markt, dass Telefonie und Internet kombiniert, unheimlich viel Spaß bringt, deutlichen Nutzen für jeden mitbringt – außerdem ist das Ding sexy.

    Ohne Apples iPhone wären die Mobilfunkpreise für Datendienste sicher immer noch in Größenordnungen, die selbst größere Konzerne nur wenigen Mitarbeitern zahlen möchte. Doch auch das iPhone ist technisch nur so lala, von Anfang an hinkte es hinter der Konkurrenz her – aber es war sexy.

    Das iPad wird möglicherweise nicht die Welt retten, sicherlich auch nicht gedruckte Zeitungen, schon gar nicht deren Verlagsbetriebswirtschaftler. Ich kann mir vorstellen, dass die neuen TabletPCs, die aufgrund des iPads demnächst massenweise den Markt fluten werden, das Sterben noch beschleunigen. Zumindest wenn Journalisten endlich begreifen, dass Vertrieb und zum Teil auch Marketing von Texten und Bildern ganz ohne Verlag auskommen.

    Döpfners voreiliger Spruch vom Retter iPad bezieht sich doch nur auf Apples äußerst restriktives zugangsmodell. Zum einen glaubt der Springer-Mann wohl, da könnten Verlage gegenüber Apple besser auftreten als einzelne Journalisten. Vielleicht freut er sich aber auch daran, dass Apple eine ebenso raffiniertes Ausschlusssystem nutzt, wie es Verlage über Jahrhunderte gebaut haben. In beidem irrt Döpfner – wie kaum anders zu erwarten.

  3. Er hat ja absolut recht. Da ist nicht der Journalismus neu erfunden worden, sondern ein Spielzeug. Das ist nichts zum Geldverdienen, aber sehr wohl was zum Ausgeben. An Tag 3 stehe ich bei minus 960 € (im einzelnen: 800 für die Hardware, 50 für Apps, 70 für die Tastatur, 40 für nen Ständer. Dem gegenüber steht: Keine App meiner Zeitung. Und trotzdem: Na und?

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