Warum ich kein (reiner) Journalist mehr bin

Vor ein paar Tagen war es dann soweit: Ich hatte ernsthaft überlegt, doch noch mit Flattr zu beginnen. Aus Prinzip, Protest und überhaupt.

Der Reihe nach: Meine grundsätzliche Haltung zu Flattr hat sich nicht verändert, ich halte übrigens auch die Meinung von Sascha Lobo dazu zwar nicht wirklich für stringent, aber dennoch nachvollziehbar (das gilt für keine eigene Meinung zum Thema übrigens auch). Aber in den letzten Tagen habe ich öfter wieder ein paar praktische Einblicke in das Leben freier Journalisten und damit auch in den redaktionellen Alltag bekommen. Das ist alles ziemlich ernüchternd und irgendwie macht man sich ein wenig Sorgen um den Journalismus.

Vorweg ein paar Geständnisse, für die sich mich gerne prügeln können: Ich verdiene mein Geld nicht (mehr) mit reinem Journalismus. Ich arbeite immer noch gerne journalistisch. Ich gehe gerne raus, produziere was. Heute fast noch lieber als früher. Weil ich nicht mehr festgelegt bin, weil ich mir aussuchen kann, ob ich ein Video oder doch lieber einen Text mache. Und weil Onlinemedien mir die Möglichkeit geben, mich nicht mehr an radikalen Platzbeschränkungen und Formalia der analogen Medien halten zu müssen.

Und es gibt noch einen Grund: Weil ich es nicht muss. Ich muss es nicht, weil es andere, lukrative Möglichkeiten gibt, im Bereich Medien Geld zu verdienen (ohne, bevor jetzt jemand auf den Verdacht kommt, in einer Werbeagentur zu arbeiten, was ich nicht anrüchig finde, dafür aber keinerlei Talent besitze). Ich muss die elende Jagd nach 100-Euro-Aufträgen nicht mitmachen und ich muss mich nicht für 100 Euro-Honorare einen Tag oder länger an eine gute Geschichte klemmen.

Wenn ich es müsste, würde es mir keinen Spaß mehr machen. Ich müsste jeden Tag rechnen und massenhaft produzieren (vermutlich darunter auch viel Unsinn), wollte ich es auf ein überlebensfähiges Einkommen schaffen. Stefan Niggemeier hat unlängst bei seiner ersten Flattr-Abrechnung vorgerechnet, für einen Beitrag rund 100 Euro zugeflattrt bekommen zu haben. Und dass dies mehr sei, als manche Zeitung für einen Beitrag bezahlt. Stimmt, nur dass dies leider nicht nur bei Zeitungen der Fall ist: Auch große Online-Portale bezahlen für fertige Beiträge gerne Honorare in dieser Größenordnung. Man kann sich also leicht ausrechnen, wie viel man am Tag produzieren muss, um auf das vom DJV ausgerechnete monatliche Durschnittseinkommen freier Journalisten von gut 2000 Euro zu kommen. Man müsste, Wochenenden weggerechnet, jeden Tag mindestens eine 100-Euro-Geschichte verkauft bekommen. Man darf keinen Tag krank sein, keinen Tag Urlaub oder frei machen. Wohlgemerkt, dabei reden wir immer noch von gut 2000 Euro im Monat. Dass man damit nicht sehr weit kommt und dies ein Einkommen ist, für das man eigentlich nicht studiert und etliche andere Sachen absolviert haben muss, braucht man nicht dazu zu sagen. Motivation für hochwertigen Journalismus? Wie gesagt, Sie dürfen mich prügeln, aber mit 100 Euro für einen möglicherweise tagesfüllenden Job ködern Sie mich auf gar keinen Fall. (Andere übrigens auch nicht).

Dabei ist es ja gar nicht nur das zeitliche Problem. Mindestens genauso schwierig (und ärgerlich für freie Journalisten) sind die ökonomischen Zwänge, denen sich viele Redaktionen inzwischen ausgesetzt sehen. Natürlich versteht man den Betriebswirt, dessen Job es ist, dafür zu sorgen, dass die Zahlen in Ordnung sind. Dennoch ist diese Fokussierung auf Zahlen fatal: Über kurz oder lang werden sich die guten Geschichten aus dem klassischen Journalismus rausverlagern. Wer nicht zu den wenigen gehört, denen man per se jede Geschichte wegen ihres großen Namens abnimmt, hat ein echtes Problem: kein Platz, kein Budget,  keine Fremdgeschichten mehr — ich habe diese Sachen in den letzten Tagen selber wieder oft genug erlebt. Hinterher war ich froh, dass ich mein Leben nicht danach ausgerichtet habe, als Freier jeden Tag Geschichten verkaufen zu müssen. Und mindestens genauso glücklich war ich in diesem Moment, dieses Blog hier zu haben. Ich habe mich aus Südafrika richtig ausgetobt, ich musste niemanden fragen, ob ihm die Geschichte passt, ich musste mir keine Budgetdebatten anhören.

Was passiert unter dem Strich? Unser Beruf (Sie sehen, ich schreibe immer noch „unser…“) wird zunehmend unattraktiver. Stephan Ruß-Mohl hat unlängst bei sueddeutsche.de süffisant ausgeführt, dass ihm die Redaktion für einen Text mit rund 10.000 Zeichen ein Honorarangebot gemacht habe, das sich nicht einmal das „Goldene Blatt“ zu unterbreiten getraut habe. Es müsse also eine außerordentliche Ehre sein, für sueddeutsche.de schreiben zu können, folgerte er. Da hat er wohl recht, im Umkehrschluss heißt das aber auch: Ruß-Mohl schrieb für die Online-Ausgabe der SZ, weil er es sich leisten konnte.

Diesen absurden Vorgang muss man sich mal vorstellen: Nur wer es sich leisten kann, schreibt ganz entspannt an einem ausführlichen Stück für ein Qualitätsmedium. Weil das aber sehr viele gar nicht können und eventuell auch gar nicht wollen, wandern sie ab. In Branchen, die besser bezahlt sind. Deutlich besser, das muss man wohl dazu sagen. Natürlich war es schon immer so: Wem es ausschlißelich darauf ankam, schnell viel Geld zu verdienen, der sollte nicht in den Journalismus gehen. Journalismus war schon immer eine Sache, die auch ein gewisses Maß an Leidenschaft und Idealismus verlangte. Von Leidensfähigkeit, mit absurden Honoraren über die Runden kommen zu müssen, was allerdings nie die Rede.

Aber um nochmal bei der netten Geschichte von Ruß-Mohl und der SZ zu bleiben: Er rechnete aus, wie hoch sein Stundenlohn für diesen Text war und kam zu dem Schluss, dass ein Hartz4-Empfänger sich dagegen wie ein Krösus ausnehme. Und, noch mehr: Er hoffe doch, schrieb der Professor, dass er nie wieder zu solchen Konditionen einen Text produzieren müsse.

Das, was Ruß-Mohl einigermaßen süffisant beschrieben hat, wird auf Dauer zu einem sehr ernsthaften Akzeptanzproblem im Journalismus führen. Für Honorare wie diese werden wir dauerhaft nicht das bekommen, was uns seit Jahr und Tag als der große Vorteil von Journalismus gegenüber Bloggern, Communitys und anderen verkauft wird: Qualität, lesens- und sehenswerte Sachen.

Der Journalismus wird eine ganze Reihe von Talenten verlieren und auch eine Menge an Nutzern. Und auch daran ist nicht Google schuld.

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11 Kommentare

  1. Die spannende Frage ist doch, wie finanziert sich Qualitätsjournalismus im Web-2.0-Zeitalter. Wer ist bereit dafür zu zahlen? Wieviel Geld gibt’s für diesen Blogartikel? Wieviel verdient die online-Ausgabe der SZ? Gute Arbeit muß auch gut bezahlt werden – aber eben auch refinanziert!

  2. Die Frage ist doch eher, wie hat sich Journalismus denn frueher finanziert?

    Gab es da mehr Kunden, waren die Zeitungen teurer?

    Oder gibt es heute zu viel Konkurrenz und die Minimumqualitaet, ab der Leute zahlen, ist gesunken?

  3. Früher waren Verleger Menschen, denen etwas an echter Information lag, die wussten, dass diese nur durch ordentliche Recherche aus Unmengen von Daten gewonnen wurde. Sie wussten, wie wichtig gut schreibende Menschen mit Haltung waren. Sie wussten, es gab nicht allzu viele davon, mussten diese also gut bezahlen, sie bei Laune halten, sie unterstützen.

    Heute kommt es auf Qualität und Inhalt nicht mehr an. Und die Haltung wird vorgegeben – außer man hat sich wie, sagen wir, H.M. Broder genug Feinde gemacht, um hohe Klickzahlen zu erreichen.

  4. Welche Tagessätze schlägt der DJV momentan vor? Als ich das letzte Mal die Tabellen zu Rate zog, lag der bei mindestens 150 Euro. Doch wie häufig schafft man es wirklich, nach Tagessätzen bezahlt zu werden? Bin ich froh, dass es Hartz IV gibt – da sind wenigstens Miete und Versicherung bezahlt. Und wenn man regelmäßig zuverdient, kommt man relativ entspannt zum arbeiten…

  5. Und selbst das ist ja jämmerlich: Rechnet man das als 8-Stunden-Tag, dann arbeitet man für 20 Euro die Stunde. Jeder durchschnittliche Handwerker nimmt dafür seinen Hammer erst gar nicht in die Hand. Und damit will ich nichts gegen Handwerker gesagt haben.

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