Zum Fenster rauswerfen – und zur Tür wieder reinlassen

Mit der Musik ist das inzwischen so eine Sache: Man muss nicht mal mehr Musik als digitales File besitzen, um sie hören zu können. Streaming-Abos machen das Vollmüllen von ganzen Festplatten mit mp3-Files vollständig überflüssig (vom  Zustellen ganzer Schrankwände mit CD´s oder Platten ganz zu schweigen). Natürlich können sich jetzt Nostalgiker, Exoten und Freaks zur Wehr setzen: dass beispielsweise eine LP immer noch besser klingt als so ein komisch gestreamtes File, dass man ein Cover und all diese hübschen Dinge (Haptik!) ja auch in der Hand halten will und man mit diesem ganzen neumodischen Kram eh nichts anfangen kann. Das ist schon richtig und auch akzetabel. Es ändert nur nichts an zweierlei: dass erstens sich die Gewohnheiten der Masse extrem verändert haben und nicht mehr dorthin zurück kehren werden, wo sie einmal waren. Und dass zweitens damit aus rein ökonomischer Sicht der Wert eines einzelnen Stücks oder eines Albums dramatisch sinkt. Wer für 10 Euro im Monat unbegrenzten Zugriff auf Millionen von Titeln bekommt, wird kaum mehr auf die Idee kommen, diesen Betrag für ein einzelnes Album auszugeben.

Was also die von uns Journalisten gerne mal belächelte Musikindustrie (die sich über viele Jahre an den Erhalt der guten alten CD als einzig mögliches Geschäftsmodell klammerte) inzwischen langsam und mühevoll hinbekommt, steht uns in den Medien erst noch bevor. Nämlich eine etwas unangenehme Erkenntnis: Der Wert unserer Arbeit hat sich verringert, ohne dass dabei leider (wieder nüchtern ökonomisch betrachtet) unsere Produktionskosten spürbar gesunken sind. Auch wenn man natürlich heute in der Herstellung deutlich günstiger arbeiten kann, guter Journalismus kostet immer noch (viel) Geld: Recherche ist leider weder zu digitalisieren noch zu automatisieren.

Trotzdem müssen wir uns vermutlich darauf einstellen, dass wir unser Finanzierungsmodell komplett überdenken müssen. Ein paar Vergleiche mit der Musikindustrie schaden da nicht — weil auch sie einen radikalen Wandel hinter sich hat und noch lange nicht am Ende dieses Wandels angekommen ist. Weil man auch dort dachte,  man müsse einfach nur am bewährten Modell festhalten und dem Kunden sagen, dass das so, wie er möchte, eigentlich nicht geht.

Ziemlich ähnlich ist das momentan im Journalismus. Da ist einmal die Sache mit der Entwertung: Ob uns das gefällt oder nicht, aber es sollte uns langsam klar werden, dass es von dem, was wir produzieren in der Quantität wesentlich mehr gibt als noch vor einigen Jahren. Weswegen es sich in letzter Konsequenz nicht mehr nach dem Modell verkaufen lassen wird, wie wir es gewohnt waren. Der Wert einer Nachricht, eines Textes, eines Videos, hat sich dramatisch nach unten verschoben. Einen Ausweg aus dieser Misere werden wir nicht finden, in dem wir Paywalls vor unseren Angeboten aufbauen. Sondern indem wir die Dinge anders machen, besser machen als vorher. Und möglicherweise andere Geschäftsmodelle finden müssen. Man könnte böse gesehen auch sagen: Möglicherweise müssen wir das Geld (den Inhalt) vorne zum Fenster rauswerfen, damit es durch die Tür wieder reinkommt.

Diese drei Dinge hängen unmittelbar zusammen: das Überangebot an Inhalten, die Chance, als Journalisten eben doch mehr zu können als der Betreiber der kleinen Hobbyseite — und der Wunsch des Users nach anderen Möglichkeiten, Inhalte zu nutzen und sie ggf. auch zu bezahlen. Schließlich gehört auch das zu den größeren Missverständnissen und Parallelen zur Musikindustrie: So wie es einer der größten Fehler der Musikindustrie war, User zu kriminalisieren und sie in Bausch und Bogen als zahlungsunwillige Musikdiebe zu stigmatsisieren, so ist es ein Denkfehler zu glauben, der Online-User sei ein raffgieriger Schnorrer, der generell einfach nicht bezahlen und deshalb alles umsonst haben will. Dass es Zahlunsgwilligkeit gibt, hat die Musikindustrie erfahren, als sie Modelle entwickelte, die den Kundenwünschen entgegen kam. Ja, es gibt immer noch viele illegale Downloads und es wird sie weiter geben, so wie es leider auch weiter Ladendiebe geben wird. Aber es gibt eben auch ein florierendes iTunes und andere Donwload-Dienste. Es gibt die erwähnten Streaming-Dienste und es gibt Konzerte, mit denen man jetzt eben mehr Geld verdient. Wenn man also so will: Das Geld vorne rauswerfen und es durch die Tür wieder reinlassen.

Generelle Bezahlschranken werden nicht funktionieren. Weil es dem Nutzungsverhalten und den Userwünschen widerspricht. Und weil viele Onlineangebote nicht mehr in der Lage sein werden, so viel exklusiven, hochwertigen Inhalt anzubieten, dass die Leute dafür bezahlen wollen. Das bedeutet natürlich ausdrücklich nicht, dass die Menschen keinen (hochwertigen) Journalismus mehr wollen. Sie wollen ihn vielleicht sogar mehr denn je. Aber anders, schneller, interaktiver, vernetzter, konfektionierter.

Vorerst also ist der Journalismus am Zug. Er wird sich verändern müssen, er wird neue Angebote machen müssen – ehe er dafür Geld erwarten kann. Für das Auslaufmodell wird niemand bezahlen wollen.

Und das haben wir vermutlich mit allen Branchen dieser Welt gemeinsam. Kein Grund zum Jammern also.

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2 Kommentare

  1. Jetzt wollte ich den Beitrag gerade flattrn, aber Sie haben den Button wie (Sie ansprachen) wieder entfernt … Gar kein Flattr mehr (nach der kurzen Testphase)?

    So oder so: ganz tolles Blog, lese es sehr gern, da es schön schlicht gehalten und aufs Wesentliche reduziert ist.

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