Eine kleine App-Kritik (1): taz, Brand 1, Österreich

So langsam kommen sie ja dann mal in die Gänge, die deutschen (und nicht nur die) Verlage. Für das vermeintlich lebensrettende Gerät aus dem Hause Apple sind inzwischen dann doch ein paar Zeitungs-Apps zu haben. Zeit, sie sich mal näher anzuschauen.

1. taz:  Die unerträgliche Sinnlosigkeit des Seins

Seit einigen Wochen plagt mich ganz persönlich eine Frage, mit der sich Menschen meines Alters vermutlich des Öfteren auseinandersetzen müssen: Werde ich langsam blind oder wenigstens kurz-bzw. weitsichtig? Ich ertappe mich jedenfalls zunehmend dabei, wie ich mir das eine oder andere Schriftstück etwas weiter von mir entfernt halten muss, um Buchstaben entziffern zu können (das spricht, glaube ich, für Weitsichtigkeit). Am Freitag dann brachte mir eine Teilnehmerin eines Seminars in Hamburg eine Brille mit, damit ich mal testen konnte, wie schlimm es um mich steht. Als ich nach Aufsetzen der Brille ungefähr nichts mehr erkannte, wusste ich, dass es noch nicht so schlimm sein kann. Die taz hat allerdings das Kunststück fertig gebracht, mich an dieser Erkenntnis wieder massiv zweifeln zu lassen. Die Seiten, die man auf der App zu sehen bekommt, sind derart klein, dass man sie auch bei viel gutem Willen nur als Miniatur bezeichnen kann. Vergrößern lassen sie sich auch nicht wirklich, den Grund dafür habe ich später in der Gebrauchsanleitung der App gelesen. Bei den Seiten handelt es sich nämlich nur um Faksimiles, die eigentlich auch gar nicht richtig zum Lesen gedacht sind, sondern dafür, dass man sich einen Überblick über die Druckseite verschaffen kann. Lesen soll man die taz dann in einer eigenen Leseversion, die auf alles verzichtet, was Lesegenuss ausmachen könnte. Keine Bilder, keine Grafik, kein Layout, einfach nur: Bleiwüsten. Bleiwüsten auf dem iPad, das muss man sich mal vorstellen.

Ich glaube ja zwischenzeitlich, dass viele Zeitungen gerne vergessen, was ihren Vorteil ausmacht. Da reden sie immer von Haptik, aber die interessiert mich nicht. Ich mag ein gutes Layout, ich mag eine ansprechende Optik. Ob die jetzt knistert und raschelt, ist mir einerlei. Das, was die taz abliefert, ist optisch so gelungen wie eine Loseblattsammlung des Steuerberaterverbandes. An einem Tag wie heute, wo auch noch die Sonntaz dabei ist, ist es besonders ärgerlich, wenn man 250-Zeilen-Stücke ohne jedes optische Aufbereiten hinwirft. Außerdem beraubt sich die taz mit dieser lieblosen Aufbereitung auch einer ihrer größten Stärken: Ich mag im Regelfall ihre Titelseiten, ich mag auch ihre eigenwillige Optik. Weg, einfach so. Und auch ein anderes bei der taz gerne gepflegtes Prinzip wird ohne Sinn und Verstand aufgegeben: Wenn man schon Schwerpunkte in einer Ausgabe setzt, dann wäre es prima, die einigermaßen gebündelt und (Achtung, Freunde in Berlin, so gehen digitale Medien!) verlinkt zu bekommen. Man fühlt sich ein kleines bisschen veralbert, wenn als Fußnote unter dem 200-Zeilen-Riemen steht, dass dieses gute Stück in der gedruckten taz auf Seite X zu finden sei und dass in der selben Ausgabe auf Seite Y ebenfalls was zum Thema steht. Gerade das iPad würde die schöne Möglichkeit bieten, solche inhaltlichen Schwerpunkte weiter über die Zeitung zu verteilen — und sie dennoch gebündelt zu präsentieren.

Man kann zwar, wie beispielsweise auch bei der App der „Zeit“ zwischen Lesemodus und Seitenansicht springen, die Seite selbst lässt sich aber nicht bewegen, sondern nur minimal vergrößern (und wird dabei so unscharf, dass man dann doch lieber im Lesemodus bleibt). Eine Zeitung, die man nicht als Zeitung lesen kann? Dann lasse ich es lieber bleiben. Zugegeben, das mag geschmäcklerisch sein, aber ich lese auch keine Google-Reader: Für mich spielt Optik auch bei Webseiten immer noch eine Rolle.

Überflüssig zu erwähnen, dass die taz auch sonst keinerlei zusätzlichen Angebote in ihrer App macht. Gut, dafür kostet sie mit 79 Cent auch weniger als die Druckausgabe, aber das ist zumindest für mich nicht das entscheidende. Ich zahle auch gerne den Preis der Druckausgabe, wenn ich dafür ein ausgereiftes und vergleichbares Produkt bekomme. So aber ist das keine Zeitung, kein Multimedia, es ist einfach gar nichts. Für die 79 Cent hätte ich mir besser eine Tüte Weingummi am Kiosk gekauft.

2. Brand eins: Konsequent Brand Eins

Brand Eins macht nichts von dem, was Brand Eins nicht beherrschen würde. Brand Eins liefert das Heft eins zu eins auf das Tablet, schlicht-edel wie immer. Klar und einfach navigierbar, schön zu lesen — und gut ist. Brand Eins ist nun mal ein Magazin, das in erster Linie von seinen Geschichten und seiner Optik lebt. Warum also sollte man irgendwas dazu packen, nur damit irgendwas dazu gepackt ist? Vielleicht gehört das ja auch zu den ersten großen Missverständnissen in der noch ziemlich jungen App-Geschichte: zu glauben, dass man auf dem iPad mit Brachialgewalt multimedial sein müsse. Mir reicht es, Brand Eins zu bekommen. Spätestens seit der letzten „Spiegel“-Ausgabe bin ich in dieser Meinung ziemlich bestärkt: Neben sinnlos eingestreuten Audio-Sideshows bestach der „Spiegel“ dabei durch das Video mit einem Redakteur, der eine Geschichte in Australien gemacht hatte. In dem Video saß der Redakteur auf einem Pferd, erzählte im Wesentlichen, jetzt auf einem Pferd zu sitzen, obwohl er doch gar nicht reiten könne, um den Ausflug ins multimediale Wunderland mit der Feststellung zu beenden, er würde es jetzt aber doch mal probieren mit dem Reiten. Dann lieber gar kein Multimedia. Und dafür ein gutes Brand Eins-Heft.

3. Österreich: G´schenkt

Auch die österreichische Tageszeitung, die sich den Landesnamen direkt in den Titel geschrieben hat, verzichtet auf alles Multimediale. Es gibt die Zeitung 1:1, allerdings in Original-Zeitungsoptik, was ein überaus beglückendes Gefühl ist, wenn man sich vorher durch die taz gequält hat. „Österreich“ kostet nix und setzt damit konsequent auf eine Reichweitenstrategie, was vielleicht gar nicht mal so dumm ist. Technisch ist das Ding ausgereift, läuft stabil und ist auch ansonsten so, dass man sich sicher die eine oder andere Ausgabe lädt, wenn man sich für Österreich interessiert. Unter den deutschsprachigen Tageszeitungen bleibt aber immer noch die App der „Frankfurter Rundschau“ mein Favorit.


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