Daueraufgeregt im Gutti-Gate

Vermutlich muss man, bevor man sich zu dem überaus heiklen Thema Guttenberg äußert, ein paar erklärende Sätze vorweg sagen.  Vor allem den, dass ich keineswegs irgendetwas Rechtfertigendes schreiben will. Dass Guttenbergs Arbeit in weiten Teilen ein Plagiat ist, dürfte feststehen. Dass sie somit keineswegs die Ansprüche an eine ordentliche Doktorarbeit erfüllt, auch. Und nein, das ist kein Kavaliersdelikt, keine lässliche Jugendsünde, nichts, was man augenzwinkernd mit einem „haben wir doch alle schon mal…“ rechtfertigen kann. Ob Guttenberg zurücktreten muss, mag ich hier nicht beurteilen, aber zumindest eines dazu sagen: Leider existieren für Fragen des politischen Anstands und der sich daraus ergebenden Rücktrittsanforderungen keine Regeln, keine Gesetze, keine Verordnungen, nicht mal ordentliche Erfahrungswerte. Der Vorsitzende der Christlich Sozialen Union und Bayerische Ministerpräsident beispielsweise ist Vater eines unehelichen Kindes und immer noch im Amt. Jürgen Möllemann ist wegen eines Briefs zurückgetreten, in dem er Werbung für einen Einkaufswagenchip seines Schwippschwagers machte. Phillip Jenninger ist nach einer selten dämlichen Rede zurückgetreten, Edmund Stoiber beließ es wegen seiner Verwicklungen in den Amigo-Hofstaat des Franz Josef Strauß  bei einem knappen „mea clupa“ und wurde danach beinahe noch Bundeskanzler, während wiederum Cem Özdemir sich (vorübergehend) von seinen Ämtern zurückzog, weil er privat ein paar Bonusmeilen der Lufthansa verflog. Die moralische Rücktrittskeule ist immer schnell gezückt, vor allem dann, wenn man sie gerade selbst gut gebrauchen kann. Und nicht zu vergessen: Bei vielen, die jetzt das Ende des Ministers G. fordern, ist auch handfestes politisches Kalkül mit im Spiel.

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Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen. Sondern eher um das, was Journalisten im weitesten Sinne seit gut einer Woche so alles anstellen in der Causa G. Sorry, es kommt nochmal ein erklärender Satz vorweg: Ich halte es keineswegs für eine „Hetzjagd“ oder gar eine Kampagne, die da inszeniert wird. Wenn ein Minister und Vielleicht-irgendwann-mal-Kanzlerkandidat mit unrechtmäßigen Mitteln an einen akademischen Titel gekommen ist, müssen Journalisten berichten, das ist überhaupt keine Frage (wobei ich schon gerne mal eine Geschichte darüber lesen würde, wie es eigentlich in unserem wissenschaftlichen Betrieb möglich ist, dass eine derart offensichtlich ungenügende Arbeit nicht nur durchgeht, sondern auch noch mit der Bestnote bewertet wird, aber das ist wieder was anderes). Interessanter sind da schon die Auswüchse des medialen Interesses und die überaus merkwürdigen Formen, in denen der Fall Guttenberg beleuchtet wird. Da ist beispielsweise Frau Anne Will, die am Sonntag zu einer Art öffentlichem Familiengericht geladen hat, mit einem Plenum, angesichts dessen man  auch gut das ganze Thema Talkshows in Frage stellen könnte. Als Richterin geladen ist beispielsweise Alice Schwarzer, die momentan sich zur obersten moralischen Richterin des Landes aufschwingt. Frau Schwarzer kann zu allem etwas sagen, ob zu Kachelmann, ob zu Guttenberg und vermutlich auch zum lieben Gott, dem alten Macho. Hans Ulrich Jörges vom „Stern“ hat ebenfalls die herausragende Fähigkeit, zu allem etwas sagen zu können. Besonders gerne spricht er schon auch mal über die drohende Verflachung politischer Talkshow-Debatten („Denn der verschärfte Existenzkampf der Moderatoren zwingt zu härterer Zuspitzung, zu noch griffigeren, populäreren, quotenbaggernden Fragestellungen. Damit schwindet der Raum für Aufklärung, für konzentrierte, an der Sache orientierte Behandlung eines Themas.“).  Das hält ihn aber keineswegs davon ab, in jeder noch so flachen Talkshow-Debatte zu jedem Thema irgendwas sagen zu können. Und wenn das nicht mehr hilft, sieht so ein erhobener Zeigefinger ja auch immer ganz gut aus. Zwei also, die zu allem was sagen können und das auch fleißig tun, dazu Dieter Wedel (??) und ein  Einspieler, in dem im Vergleich zwischen Thomas Gottschalk (??) und Guttenberg dargelegt werden, wie Menschen erst hochgejubelt und dann wieder niedergeschrieben werden. Mit dem kleinen Unterschied, dass Gottschalk Entertainer ist, an dem sich einige im Laufe der Jahre etwas satt gesehen hatten. Und der andere Minister, der bei seiner Doktorarbeit irgendwie vermutlich gemogelt hat. Wenn man solche unwesentlichen Unterschiede aber einfach mal weglässt, dann eignet sich der Vergleich zwischen Gottschalk und Guttenberg ganz prima, noch dazu, wo beide aus Franken stammen und der Vorname mit G. beginnt.

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Bei Frau Maischberger diskutieren sie das Thema dann schon ein bisschen bemühter, was aber nichts daran ändert, dass der Erkenntnisgewinn solcher Veranstaltungen gen null geht. Die üblichen Talkshowmöbel äußern mehr oder minder Plattheiten und ab und an ruft eine gestrenge Moderatorin ein bisschen was dazwischen. Das also ist bisher die Art, wie die ARD mit solchen Themen umgeht.

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Auch in an sich hoch renommierten Redaktionen lässt man da schon mal alle Vorsicht fahren. Die „Süddeutsche“ meldete am Wochenende, Guttenberg trage sich mit Rücktrittsgedanken. Liest man die entsprechende Meldung, wundert man sich. Schließlich wird in ihr lediglich Horst Seehofer zitiert, der einräumt, Guttenberg zum „Durchhalten“ geraten zu haben. Also, so die Schlussfolgerung, müsse Guttenberg sich mit entsprechenden Gedanken befasst haben. Dass Seehofer einfach mal einen möglicherweise sogar unerbetenen Ratschlag gegeben hat, kommt in diesem Konstrukt nicht vor, aber es sind ja auch bewegte Zeiten.

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Darf einer, der insgesamt acht Beiträge für die „Welt“ geschrieben hat, in seinem Lebenslauf angeben, er habe als „freier Journalist“ für das Blatt gearbeitet? Darüber kann man streiten, von der Hand zu weisen ist es jedenfalls nicht. Bei Guttenberg wird daraus die Vermutung: Jetzt hat er auch noch seinen Lebenslauf geschönt! Hat Praktika zu „beruflichen Stationen“ gemacht und zudem eine Tätigkeit als Geschäftsführer einer GmbH angegeben, die nicht sonderlich anspruchsvoll gewesen sei.  Wie gesagt, man kann darüber debattieren, man tut sich damit nur innerhalb einer Branche etwas schwer, in dem ich aus meiner eigenen Erfahrung  von der anderen Seite des Schreibtisches mit gutem Gewissen behaupten würde, dass nach diesen Maßstäben ungefähr vier Fünftel aller Lebensläufe geschönt sind. Ich kenne freie Journalisten, die auf ihren Webseiten beeindruckende Auszüge ihrer Kundenlisten vorliegen. Die sind dann nur nicht mehr ganz so beeindruckend, wenn man weiß, dass der hochrenommierte Kunde vielleicht mal einen Zweispalter abgedruckt hat, weil der Kollege der einzig verfügbare vor Ort war. Und dass etliche Freie sich auch die dpa in ihre Kundenliste schreiben, weil sie dort mal zwei Meldungen abgesetzt haben, das ist schon ok und hat mit leichtem Aufhübschen der eigenen Vita natürlich ganz und gar nichts zu tun.

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Hat Guttenberg womöglich sogar einen Ghostwriter beschäftigt? Schon möglich, darüber kann man spekulieren, einen Beleg dafür gibt es nicht im Ansatz. Das hindert die SZ aber nicht, vorsorglich schon mal eine Liste derer durchzugehen, die Guttenbergs Ghostwriter gewesen sein könnten, wenn er denn einen gehabt hätte. Das liest sich dann schon mal so:

Als möglicher Autor wird zudem Hartmut Philippe gehandelt, der von 2002 bis 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter Guttenbergs im Bundestag war. Der Zeitraum passt durchaus, nicht aber, was Philippe in diesen Jahren sonst noch zu tun hatte: Einer Biografie der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge ging der Historiker von 2000 bis 2005 nebenher selbst einem Promotionsstudium in Cambridge nach. Er müsste also weitgehend parallel zwei Doktorarbeiten verfasst haben. Philippe selbst war am Sonntag nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Nochmal zum mit der Zunge schnalzen: Man spekuliert also darüber, dass Guttenberg evtl. einen Ghostwriter gehabt haben hätte können (ohne irgendeinen Beleg). Dann benennt man jemanden, der dieser Vielleicht-Ghostwriter hätte sein können, weil er (oha, ein echtes Indiz!) in der fraglichen Zeit Guttenbergs wissenschaftlicher Mitarbeiter war. Man stellt dann aber schon fest, dass der Mann vermutlich gar keine Zeit für eine weitere Doktorarbeit gehabt hätte, aber egal: Es spekuliert sich gerade so schön. Mit dem Argument könnte man jeden zu Guttenbergs Ghostwriter erklären, der sich zwischen 2002 und 2006 in dessen Nähe aufgehalten hat und der in der Lage ist, zwei deutsche Sätze unfallfrei aufzuschreiben. Einen weiteren ehemaligen Mitarbeiter Guttenbergs bennennt die SZ mit dem Argument, dass der von seinem Chef „ganz, ganz tolle Arbeit“ bescheinigt bekommen habe — und raunt: „Das klingt verdächtig — mehr aber auch nicht.“ Was passiert eigentlich, wenn jemandem mal auffällt, dass Guttenberg auch seiner Putzfrau ganz, ganz tolle Arbeit bescheinigt hat? In der momentanen freudigen Erregtheit deutscher Journalisten muss man die Schlagzeile befürchten: „Guttenberg: Schrieb seine Putzfrau die Dotorarbeit?“

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Überhaupt, diese freudige Erregtheit. Sie verführt zu einer ganz enormen Zahl von Besinnungsaufsätzen, die heute bei „Spiegel Online“ in Form des dauererregten Franz Walter ihren Höhepunkt finden. Demnach steht das deutsche Bürgertum (whatever this means) unmittelbar vor der Kapitualtion und dem Verrat an den eigenen Idealen. Und irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass es bei uns Journalisten eine Nummer kleiner immer nicht gerade geht. Man erinnert sich dann an Parteispendenaffären und Kohlschen Schwarz-Bimbes und fragt sich dann schon, wie es das deutsche Bürgertum überhaupt noch bis hierin schaffen konnte, um jetzt völlig außer Atem neben einer irgendwie gefakten Doktorarbeit eines Ministers endgültig zusammenzubrechen. Das würde sich doch mal lohnen zu debattieren, nächsten Sonntag bei Anne Will. Alice Schwarzer und  Ulrich Jörges haben bestimmt dazu auch schon eine Meinung.

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5 Kommentare

  1. ….ist diese Daueraufgeregtheit nicht aber auch irgendwie die Fortsetzung dieser „unerretteristda“- Hysterie in der sich Herr Guttenberg ja lange und ausgiebig geaalt hat?

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