Ideenlosigkeit in minimalmedial

Es ist gerade mal drei oder vier Jahre her, da konnte ich die Texte, die ich per Mail bekam, fast schon auswendig: Ob ich wohl ein Seminar machen könne zum Thema Video, das sei gerade so angesagt und man werde in jedem Fall in den kommenden Monaten ganz groß einsteigen. Inzwischen bekomme ich immer noch eine Menge Mails, aber Nachfragen nach einem reinem Videoseminar waren schon lange nicht mehr dabei. Das könnte man erstmal für Zufall halten, aber wenn man sich ein wenig umschaut, wie es die meisten Redaktionen aktuell mit dem Thema Video halten, dann tut man wahrscheinlich niemandem unrecht, wenn man sagt: Wenn es nicht gerade Fernsehsender sind, dann hat sich das Thema bewegtes Bild nicht nur wieder auf, sondern unter Normalmaß zurechtgestutzt. Kaum ein Zweifel, dass sowohl Menge als auch Qualität von Videos im deutschen (Online-)Journalismus schon mal ausgeprägter waren. Man sieht ziemlich viel Agenturzeug, ab und an Eigenproduktionen, selten etwas, was wirklich den Möglicheiten von Webvideos gerecht würde. Kurz: All die Ambitionen, die man noch irgendwann in der Zeit um 2008 hatte, sind erledigt, viele Blätter, die sogar ihr eigenes „XY TV“ annonciert hatten, bringen heute bestensfalls noch was, wenn es etwas von dpa oder Reuters gibt. Mir fallen auf den Schlag vielleicht noch fünf Zeitungen ein, die Bewegtbild wirklich systematisch nutzen.

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Man solle Steve Jobs jeden Tag…man muss den Satz nicht zu Ende schreiben, um zu wissen, wer und was gemeint ist. Tatsächlich ist man beim iPad (und seinen Epigonen) ziemlich schnell nach den ersten Betrachtungen auf die Idee gekommen, dass das ein toller Platz für bewegtes Bild sein könnte. Das Tablet wäre überhaupt ein ziemlich guter Platz, um endlich die Versprechungen wahr zu machen, die der Onlinejournalismus schon seit Jahren abgibt: die Möglichkeiten des multimedialen Erzählens für alle Sinne auszureizen, Geschichten über mehrere Stationen und Darstellungsformen hinweg zu erzählen. Das Webangebot der Gegenwart und die iPad-Apps der Zukunft müssten demnach so aussehen: voll mit guten und bisher eher selten gesehenen Videoformaten, multimedialen Reportagen, gut gemachten Fotos, interaktiven Anwendungen. An mangelnder Technik kann es inzwischen nicht mehr liegen, die gibt es zuhauf und inzwischen auch in Preislagen, die kein Argument mehr gegen ihre Anschaffung sein sollten.

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In den vergangenen Tagen habe ich mich, weil ich es ohnehin tun musste, mal wieder mit dem Zustand der Onlineausgaben und der iPad-Apps journalistischer Erzeuger (nennen wir das mal so) befasst — und fand den Befund ziemlich niederschmetternd. Statt der erwarteten Feuerwerke fand ich: von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen kein einziges erwähnenswertes Videoformat. Eine gen null tendierende Nutzung des Mediums Audio. De facto nicht existente Multimedia-Reportagen. Seitenlange Textstrecken ohne ein einziges visuelles Element. Kurz, alles, was in den Kapiteln von „Universalcode“ steht (dazu gehört auch Datenjournalismus) wird in der Praxis sehr wenig oder wenn, dann eher uninspiriert umgesetzt. Wäre es zuviel gesagt, wenn man Onlinejournalismus in Deutschland als mehrheitlich scheintot bezeichnet?

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In diesen Tagen jährte es sich übrigens zum 20. Mal, dass Rosa von Praunheim Homosexuelle einem öffentlichen Zwangsouting unterzog. Betroffen war damals auch Hape Kerkeling, worauf nicht wenige Redaktionen auf die spannende Idee kamen, eine Klickstrecke zum Thema zu machen, die sich dann durch Kerkelings halbes Leben mäanderten, nebenher in sieben oder acht Bildern nochmal die Tatsache aufarbeiteten, dass Kerkeling nicht „Wetten, dass…“ moderieren wird, um schließlich festzustellen, dass Kerkeling sehr viele Gesichter habe und auch durchaus beliebt sei. Mit der Geschichte über das Zwangsouting hat das alles natürlich nicht das Geringste zu tun, aber das macht nichts. Der Onlinejournalist liebt die Klickstrecke und hat sie in den vergangenen Jahren zu seinem bevorzugten Instrument ausgebaut. Die Klickstrecke ist in ihrer ganzen inhaltlichen Beliebigkeit überall anzuwenden und so exzessiv, wie sie in Deutschland angewendet wird, haben sich Redaktionen ein prima Dauerargument geschaffen, sie eigentlich immer und überall einzusetzen: Wenn man eine Geschichte über Zwangsouting mit Bildern von Kerkeling bei „Wetten, dass…“ totklickstrecken kann, kann man jeden noch so absurden Zusammenhang konstruieren. Generell gilt inzwischen: Wenn in irgendeiner Geschichte ein halbwegs bekannter Name auftaucht (und in welcher tut er das nicht?) — Klickstrecke einsetzen, am besten mindestens das halbe Leben in Bildern. Die Klickstrecke ist, wenn man so will, der Tod des ernstzunehmenden Journalismus. Nein, nicht wegen ihrer elenden Klickschinderei. Sondern weil sie den Onlinejournalismus in Relevanz und Ernsthaftigkeit und auch im Umgang mit dem Medium Foto vollständig ruiniert.  Es spräche ja nichts gegen Bilderstrecken, wenn man tatsächlich eine Auswahl guter, sehenswerter und mit einem gewissen Informationswert versehener Fotos bekäme. Meistens aber handelt es sich einfach nur um eine lieblos hingeworfene Resteausschüttung aus dem Archiv. Als vergangene Woche übrigens Thomas Gottschalk seine dann doch endgültig wirklich allerletzte „Wetten, dass…“-Sendung gemacht hatte, sahen die darauffolgenden Klickstrecken aus, als wenn sie ein geheimes Klickstreckentool, das in allen deutschen Onlineredaktionen zur Grundausstattung gehört, ausgeworfen hätte.

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Apps werden gerne mal als völlig neues Lese-Erlebnis angekündigt. Als neuartiger Journalismus, als Information, die man noch nie hatte. Gleichzeitig sagen die User der Reynolds-Studie in den USA, dass sie von Apps tatsächlich auch etwas Neues erwarten. Einen Mehrwert beispielsweise. Gut, was die Befragten nicht sagen ist, wie dieser Mehrwert aussehen soll. Es ist vermutlich eher ein unbestimmtes Gefühl: Nutzer haben eine Ahnung, dass dieses Tablett sehr viel mehr sein könnte als ein schnödes Lesegerät oder ein Netbook ohne Tasten. Für dieses Gerät — dass für sie für Vergnügen, Ästhetik, Vielseitigkeit steht — möchten sie die entsprechenden Inhalte. Zugegeben, das ist ein etwas unfaires Spiel, weil einem auf der anderen Seite jemand mit sehr hoher Erwartungshaltung gegenübersitzt, ohne formulieren zu können, was genau er denn gerne hätte. Man muss aber nicht mal sehr hohe Ansprüche haben, um von dem, was viele abliefern enttäuscht zu sein. Ideenlosigkeit in minimedial, es gibt kaum ein Leben jenseits der Klickstrecke.

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Das hat natürlich wieder einmal nachvollziehbare Gründe. Die man auch alle diskutieren könnte, würden sie nicht die bisherige Geschichte des digitalen Journalismus nochmal nacherzählen. Es ist wieder die selbe Zaghaftigkeit wie schon vor 15 Jahren, das gleiche Abwarten. Und wieder schafft es fast niemand, einen wirklich neuen journalistischen Ansatz zu kreieren. Und das hängt natürlich auch wieder mit einer vielerorts anzutreffen mangelnden Investitionsbereitschaft zusammen. Dem eigentlichen vermeintlichen Kerngeschäft wird nach wie vor oberste Priorität eingeräumt, mit der Konsequenz, dass die Abläufe in den nächsten Jahren ähnlich sein werden wie wir das schon beim Wechsel vom analogen in den digitalen Journalismus erbet haben: Auf den Tablets wird sich anderes etablieren. Andere Angebote, anderer Journalismus, andere Anbieter. Natürlich wissen wir jetzt noch nicht, wie diese Angebote aussehen werden, aber es wird sie geben, so wie sich auf Onlineplattformen auch andere Dinge durchgesetzt haben als die „Zeitung am Bildschirm“, von der man Ende der 90er dachte, das sei es nun. Um herauszufinden, was es sein könnte, müsste es (Achtung, Neudeutsch!) multimediale Thinktanks geben, die Ideen für einen neuen Journalismus entwickeln. Die gibt es nicht. Stattdessen gibt es Bildstrecken und Agenturvideos. Der Onlinejournalismus ist kein bisschen weiter als 2008. Und es wäre nicht verwunderlich, würde man den selben Satz in ein paar Jahren auch über die Lage auf den Tablets schreiben müssen.

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2 Kommentare

  1. Das mit den multimedialen eZines für das iPad wird wohl nicht laufen – weil es sich nicht rechnet. Die Produktion von Video-Footage, Audios und interaktiven Elementen ist locker geeignet, die redaktionellen Entstehungskosten einer Geschichte locker mehr als zu verdoppeln. Auf der anderen Seite ist kaum jemand bereit, für einen Download mehr zu bezahlen als für ein physisch vorhandenes Print-Objekt (ist bei MP3-Downloads das Gleiche), und dazu kommen dann auch noch die im Vergleich zu Print lächerlichen verbreiteten Auflagen. 1/1 4c im „Stern“ kosten laut Mediadaten knapp 60.000 Euro. Gehen wir mal davon aus, dass der real gezahlte Preis im Schnitt bei vielleicht 25.000 Euro liegt und dass ein „Stern“ auf 50 Seiten bezahlte Anzeigen kommt (wild guess), dann haben wir 1,25 Mio. Einnahmen pro Woche. Und wie viel Einnahmen bringt eine „Stern-App“? Bei Springer verschenken sie meines Wissens App-Werbeplätze an Print-Werbekunden, so begehrt sind die. Und so lange sich Apple von jedem Euro-App-Erlös 30 Ct. in die Tasche steckt, reißen es noch nicht einmal die Vertriebserlöse richtig raus.

    Ich habe 2009 Clay Shirkey interviewt, der ein radikales Zeitungssterben vorausgesagt hat. Seine These: Jeder Wirtschaftsbereich, in dem das Internet eingedrungen ist (Flugtickets verkaufen, Bücher verkaufen, Musik etc.) wurde durch das Internet einfacher, schlichter, schneller, billiger. Aber nie wurde es aufwändiger, tiefer, schöner.

    Es rechnet sich eben nicht.

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