Der Blogger Andrew Sullivan hat etwas Erstaunliches hinbekommen: Er hat in den letzten Tagen mal eben 100.000 Euro Kapital eingesammelt, um sein famoses Blog „The Dish“ künftig unter eigener Regie weiter betreiben zu können. Nicht ganz so spektakulär, aber ebenfalls bemerkenswert: Der deutsche Journalist Dirk von Gehlen hat es geschafft, für sein neues Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ rund 12.000 Euro an Crowdfunding-Finanzierung zu bekommen.

Unknown

Was diese beiden Dinge miteinander zu tun haben? Sie sind ein schöner Beleg für mehreres. Erstens dafür,  dass das in der alten Welt gerne gebrauchte Argument, im Internet wollten die Leute alles einfach nur kostenlos abgreifen, blanker Unsinn ist. Zweitens dafür, dass Nutzer im Netz genau selektieren, dann festlegen, ob etwas für sie einen Wert hat – und dabei auch Autoren und Projekte unterstützen, die eben nicht in den bekannten Institutionen und Strukturen zuhause sind. Und drittens schließlich, dass es umgekehrt nur einen sehr begrenzten Bonus gibt, wenn eine etablierte Marke ins Netz geht. Ihr Vorsprung mag da sein, aber er reicht keineswegs aus, um sich darauf auszuruhen. Der nächste gute Blogger ist vielleicht nur den abgenudelten Klick weit weg, trotzdem aber eben doch auch: Konkurrent.

Das ist es allerdings womöglich auch, womit wir Journalisten immer noch am meisten zu kämpfen haben. Wo kämen wir schließlich hin, wenn unsere ganze hübsche und hart erarbeitete Ausbildung plötzlich nichts mehr wert wäre und jeder vor sich hinbloggen könnte, womöglich noch unredigiert von anderen? Und dafür auch noch Geld haben will, bei dem man nicht mal weiß, wofür genau? Und wo man doch genau das, nämlich wofür man bezahlt, sehr genau weiß. Und sei es nur dafür, dass wir ja quasi einen Verfassungsauftrag haben.

Stefan Schulz argumentiert im FAZ-Feuilleton – nein, nicht genauso, aber sein Text ist voll mit Missgunst und Häme. Mit einem unterschwelligen: Eigentlich kann der es nicht und dafür will er auch noch Geld. Auszüge:

Der populäre Autor Andrew Sullivan, der seit mehr als 25 Jahren für verschiedene Zeitungen und Magazine schreibt und seit der Jahrtausendwende auch bloggt, also auch unredigiert für sein Publikum da ist…Doch die Frage, warum Sullivan zu bezahlen sei, für seine Kommentierungen von Inhalten, die viele andere Blogger und Medieninstitutionen ihrerseits kostenlos zur Verfügung stellen, wird auch noch zu beantworten sein.

Man könnte Schulz und vielen seiner vermutlich ähnlich argumentierenden Kollegen auf dieser sicher nicht rhetorisch gemeinte Frage ein paar ebenso simple wie ernst gemeinte Antworten geben: Beispielsweise bezahlt man jemanden wie Sullivan (oder von Gehlen oder sonstwen) dafür, dass er regelmäßig sehr originell und geistreich kommentiert. Dafür, dass er lesenswerte Texte abliefert, Perspektiven einnimmt, die andere eben nicht haben, vielleicht von manchen Themen sehr viel versteht. Oder vielleicht auch nur dafür, dass er Perlen aus dem Netz zusammenstellt; das ist dieses Kuratieren, von dem man neuerdings so viel hört. Das alles wären Gründe, so einfach. Die selben Gründe, die jeden Tag auch Menschen bewegen, die FAZ zu bezahlen. Aber vielleicht verliert man auch einfach nur bei eigenen dräuenden Millionenverlusten die Vorstellung dafür, dass so etwas so einfach funktioniert.

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7 Kommentare

  1. Widerlich, wie herablassend dieser FAZke Schulz schreibt, statt vielleicht selbst seiner Zeitung durch ein eigenes Blog einen Mehrwert zu verleihen. Aber wenn Schulz das Bloggen gleichsetzt mit „unredigiert schreiben“, dann frage ich mich, was das ist???

    http://faz-community.faz.net/

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