Die Sittenschlächter

Wenn ich das nächste Mal Journalisten-Schüler oder Studenten ein wenig zum Lachen bringen will, dann erzähle ich Ihnen die folgende Geschichte: Als ich, es ist schon einige Jahre her, das erste mal wirklich ernsthaft darüber nachdachte, den ehrenwerten Beruf eines Journalisten zu ergreifen, da riet mir mein ganzes Umfeld zu. Meine Großeltern, durch Kriegserfahrungen geprägt, verwiesen nicht nur auf das hohe soziale Ansehen eines Journalisten, sondern auch auf dessen durchaus beachtliche Verdienstmöglichkeiten und die sichere Position, in der sich ein solcher Journalist praktisch befindet.  Das ist wirklich passiert und es ist gerade mal 25 Jahre her. Seitdem hat sich einiges verändert. Wenn man heute einem Studenten erzählen würde, Journalismus sei auch deswegen so erstrebenswert, weil man dort so unglaublich gut verdient und weil man dort  in einer beamtenähnlichen Situation sei, dann würde der Student vermutlich glauben, man wolle ihn ein wenig auf den Arm nehmen. Inzwischen ist es eher umgekehrt: Studenten erzählen gerne mal, sie würden ja gerne in den Journalismus gehen – aber diese katastrophalen Aussichten, diese miese Bezahlung, diese Unsicherheit, nein danke, da gehe man dann doch lieber in die PR, auch wenn´s weh tut. Soll man ihnen böse sein?

Es ist ja tatsächlich so: Es gibt kaum eine Branche, in der die Sitten so heruntergekommen sind wie in unserer. Man merkt das immer dann, wenn man sich mit Angehörigen anderer Berufsgruppen unterhält. Wenn man beispielsweise heute einen Rechtsanwalt oder Steuerberater mit irgendetwas beauftragt, dann ist es üblich, dass Letztere einen durchaus ansehnlichen Vorschuss erhalten. Lustige Vorstellung: Man gehe heute als Freiberufler zu einer Redaktion, schlage ein Thema vor, werde damit angenommen – und sage dann dem Gegenüber am anderen Ende des Schreibtisches, man fange auch sofort an zu recherchieren, sobald der Vorschuss auf dem Konto eingegangen ist. Die Prognose ist nicht allzu gewagt, dass aus diesem Auftrag nichts werden wird. Und aus allen anderen in Zukunft dann auch nicht mehr. Oder man stelle sich vor, man sage einem Rechtsanwalt, er werde demnächst ganz sicher vielleicht irgendeinen Auftrag bekommen. Versprechen könne man natürlich nichts, aber er solle sich schon mal zur Verfügung halten und keine anderen Mandanten annehmen. Gehalt würde man ihm auch bezahlen, man wisse nur momentan noch nicht so genau, wie hoch dieses  ausfalle. Dafür aber komme vielleicht irgendwann mal sogar eine schriftliche Vereinbarung, solange die noch nicht da ist, solle der Anwalt halt schon mal ohne Vereinbarung arbeiten.

Was vom Baum übrig bleibt

Absurd? Wenn man Anwalt oder Steuerberater ist, dann schon. Journalisten erleben solche Geschichten ziemlich häufig. Ich würde sogar sagen, dass solche absurden Dinger eher die Regel als die Ausnahme sind. Warum Journalisten das mitmachen, ist gleich erzählt. Die allerwenigsten sind in einer Position, dass sie solche Rahmenbedingungen ablehnen können. Wenn man Freiberufler  wird, dann denkt man gelegentlich, man ist im Wilden Westen. Aber das Ganze ist ja inzwischen nicht nur ein Problem der Freiberufler. Journalist zu sein, das bedeutet im Jahr 2013 leider auch: immer mehr Häuser, die sich aus den Tarifen verabschieden. Stellenabbau in vielen Redaktionen, Bezahlungen, die sich in der Nähe des Hartz4-Regelsatzes bewegen, wer es nicht glaubt, der muss nicht mal als Freiberufler arbeiten, sondern muss sich nur mal als Redakteur bei einem bayerischen Lokalsender anstellen lassen. Oder als Freiberufler Online-Redaktionen gute Stücke anbieten. Das NDR-Magazin „Zapp“ hat einen Beitrag dazu gemacht – und obwohl man es ja weiß, staunt man dann doch darüber, wie selbstverständlich heute Honorare von 100 Euro auch noch als halbwegs großzügig gelten. Fragen Sie übrigens mal bei Gelegenheit den Rechtsanwalt Ihres Vertrauens, was Sie für 100 Euro von ihm bekommen. Viel wird es nicht sein.

Sie wundern sich, dass in diesem Beitrag bisher nicht viel neues steht? Wussten Sie alles schon? Und womöglich befürchten Sie auch noch, hier werde jetzt eine Neiddebatte angezettelt? Nicht im Geringsten, Gewerkschaftsparolen waren mir seit jeher eher fremd und von mir aus darf jeder so viel verdienen, wie er mag. Dass man sich bei einem Gehaltsvergleich immer auf dünnes Eis begibt, weiß ich auch. Trotzdem: Das, was momentan im Journalismus passiert oder vielmehr noch passieren wird, das hat auch sehr viel mit solchen Entwicklungen zu tun. Natürlich ist man noch nie Journalist geworden, weil man am Ende Millionär sein will, die eher unschönen Aspekte des Arbeitslebens überlässt man ja dann doch gerne Bankern oder so. Aber will man jetzt ernsthaft erwarten, dass wir auch in Zukunft gute, schlaue und engagierte Köpfe von den Unis (oder von sonstwoher) holen, wenn wir ihnen als Perspektive bescheidene Verdienstmöglichkeiten und als Ausgleich dafür andauernde Unsicherheit und mäßige Zukunftsperspektiven anbieten? Nur weil unser Job so schön und so ehrenwert und überhaupt großartig ist? Und gleichzeitig wollen wir uns dann wundern, wenn wir die eher mäßigen Kollegen beschäftigen und uns gleichzeitig durchaus begabte, fleißige, engagierte und alles andere auch Leute in Blogs, sozialen Netzwerken, Podcasts und anderem Kram die Butter vom Brot nehmen?

Um nochmal auf den ZAPP-Beitrag zurückzukommen (in dem es primär um die schlechte Bezahlung von Online-Journalisten ging): Natürlich ist es absurd, ausgerechnet jene, die für ein bisschen Zukunft sorgen könnten und sollten, schlecht zu bezahlen. Darüber schmunzelt jeder BWL-Student (solange er nicht später doch Journalist werden will). Aber das Problem geht weiter, Journalismus wird zunehmend zu einem unlukrativen Beruf, zu einem zudem, in dem mittelfristig Stillstand und eine Abwärtsspirale vorprogrammiert sind.

Man könnte und man müsste gegensteuern. Man müsste etwas investieren, sowohl finanziell als auch ideell. In einen Beruf, in eine ganze Branche. Der Alltag sieht anders aus. Die WAZ feuert mal eben eine ganze Redaktion mit 120 Mann, stopselt sich die Zeitung aus irgendwelchen Fragmenten zusammen, liefert dieses Patchwork-Blatt an die Leser aus und wird sich vermutlich irgendwann in den nächsten Monaten wundern, dass die Auflagen und die Umsätze weiter schwinden. Ich habe keine Ahnung, wie man der Branche im Einzelfall helfen könnte, was ich aber wie ist: Mit dauernden Notoperationen und mit Verhältnissen, die Medienmacher in Zukunft eher abschrecken, werden wir bald von ganz anderen Dingen als einer „Zeitungskrise“ reden.

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12 Kommentare

  1. Gestern in Frankfurt bei einer Podiumsdiskussion zu den Zukunftsaussichten von Lokalzeitungen (http://www.medienmittwoch.de/veranstaltungen/rueckblick/): Der Moderator stellt den Redaktionsleiter der FNP und sein Blatt mit den (ungefähren) Worten vor „Kann stolz sein … schwarze Null im Ergebnis … funktionierendes Geschäftsmodell … Vorbild …“ etc. Der solcherart gebauchpinselte Redaktionsleiter muss dann aber – durchaus ehrlich, selbstkritisch und nicht unsympathisch – doch zugeben, dass das mit der Tarifbezahlung nun nicht so ganz klappen würde – schon gar nicht bei den Freien, die die DNP beschäftigt. Genau da liegt das Problem: Nein, ein Geschäftsmodell, das auf untertariflicher Bezahlung für hochausgebildete und hart arbeitende Mitarbeiter fußt, ist eben kein funktionierendes.

    Unnötig zu erwähnen, dass der einzige in der Runde – natürlich ausschließlich mittelalte bis alte Männer –, der über Journalismus sprach, Ludwig Ederle von der Heilbronner Stimme, von den anderen ob seiner Experimente mit lokalem Videojournalismus belächelt wurde.

  2. Ich hab mir gerade mal den Beitrag von ZAP angeschaut. Und da waren sie wieder alle versammelt, die stylischen Jungjournalisten, die Bachelor of Communicationsgedöns und die dynamischen Onliner. Und sie singen das Klagelied der schlechten Bezahlung der Onliner. Aber ich wage mal eine Prognose. Das wird auf dem Arbeitsmarkt für Journalisten noch schlimmer. Weil immer mehr journalistische Angebote eingestellt werden, sind nämlich immer mehr Arbeitskräfte auf dem Markt, die miteinander um das knappe gut „warmer Platz an einem Redaktionsschreibtisch“ konkurrieren. Und es wird in Zukunft egal sein, ob Online oder Print. Da bin ich mir sicher.

    Und warum wird das so sein? Weil die freigeistigen Journalisten ihren sprichwörtlichen Arbeitnehmerarsch nicht hochbekommen und ihr gemeinsames Interesse nach einer leistungsgerechten Bezahlung auch gemeinsam artikulieren und gemeinsam verfolgen. Den Verlagen kann man ja kaum vorwerfen, dass sie das vermeintlich Beste(kurzfristig renditeorientiert) für sich rauszuholen versuchen, in dem sie aus ihren Angestellten und freien Mitarbeitern rausquetschen, was nur eben geht… und manchmal noch ein wenig mehr. Der Leidensdruck in den Chefetagen der Verlagshäuser scheint ja noch nicht groß genug zu sein, um sich nach ernsthaften Geschäftsmodellen in einer zunehmend digitalisierten Welt umzuschauen.

    Auf der anderen Seite sitzen die Schreiberlinge, egal ob fest oder frei, wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie sitzen zu tausenden vor der bösen Schlange, aber jeder für sich selbst. Geht doch rein in die Gewerkschaft. Werdet DJV-, DJU- oder Freelens-Mitglieder. Wäre die Gewerkschaftsdichte ähnlich hoch, wie in anderen Branchen, ließe sich vielleicht auch mal wieder ein ordentlicher Arbeitskampf auf die Beine stellen – so wie es eben in anderen Branchen Gang und Gäbe ist. Da meckern die Arbeitgeber nichtmal grundsätzlich. Das ist Ritual, das gehört dazu. Bei uns Journalisten hingegen berichtet unsere Fachpostille (ich mag sie sehr gerne), der „Journalist“ monatelang darüber, wenn mal ein paar Hansel bei einem kleinen Schwarzwälder Blättchen (nicht despektierlich gemeint) einen Streik für bessere Bedingungen auf die Beine stellen.

    Aber mit ihren kümmlerich-kleinen Mitgliederkarteien können die journalistischen Arbeitnehmerverbände ja froh sein, wenn sie mit den Mitgliedsbeiträgen noch die Verwaltungskosten stemmen können, die es braucht, um den Laden überhaupt gerade mal so über Wasser zu halten.
    So lange sich das nicht ändert, wird sich die Abwärtsspirale weiterdrehen. Da bin ich mir sicher. Und Schuld sind die Journalisten zu einem guten Teil selbst, weil alles, was sie für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung tun, das Hoffen auf bessere Zeiten ist.

  3. Christoph v. Gallera schrieb: Eine Änderung kann aber nur dann kommen, wenn endlich begriffen wird, dass die Arbeit von Journalisten mehr ist als Schleuderware…

    Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Vor knapp 30 Jahren, als ich in Berlin Publizistik studierte, schrieb ich nebenher Artikel für eine kleine Fotozeitschrift. Der Herausgeber sagte mir, die Zeitschrift sei ein Feierabendprojekt und er könne kein Honorar zahlen. Er sagte mir als Kompensation Naturalien zu und schickte mir ein paar Filme. Ich stimmte zu, weil ich veröffentlicht werden wollte. Auf einem Seminar traf ich einen Gewerkschaftler von der DJU, der mir sagte, dass kein Verleger eine Zeitschrift verlegt, wenn es sich für ihn nicht lohnt, und: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert.“ Danach habe ich aufgehört, Gratis-Artikel für andere zu schreiben. Übrigens: Später arbeitete ich als Redakteur in einer anderen Fotozeitschrift und sah, dass die Fotoindustrie die Redaktionen mit Filmen förmlich überschwemmte. Nichts war in einer Redaktion so wohlfeil wie eine Handvoll Filme…

    Doch die Geschichte setzt sich fort: Vor zwei Wochen habe ich auf Amazon mein erstes eBook veröffentlicht, einen umfangreichen, fiktionalen Roman namens „Red Bullet“, an dem ich drei Jahre lang gearbeitet habe. Der Roman kostet bei Amazon 8,19 Euro, gedruckt würde er vermutlich das Dreifache kosten. Dennoch bekam ich von anderen Kollegen zu hören, der Preis sei allerdings schon sehr gewagt. Ich weiß nicht: Wenn wir jetzt anfangen, freiwillig guten Content für nix zu verschleudern, und zwar auch dort, wo wir selbst über den Preis entscheiden können, dann ist uns doch nicht zu helfen, oder?

    Und noch eine Sache ist mir wichtig: Es muss sich wieder die Vorstellung etablieren, dass es ein völlig seriöses Geschäftsmodell ist, dass Journalisten für ihre Arbeit bezahlt werden. Ein Blogger, der ohne Bezahlung arbeitet und Journalisten „käuflich“ schimpft, muss sich fragen lassen, warum er sich dann die Arbeit macht, die mit dem Erstellen von gutem Content verbunden ist. Ist er von Beruf Sohn? Oder hat er eine Hidden Agenda, die er nicht offen legen möchte?

  4. Und welches ist dann Ihre hidden Agenda, Herr Kemper? Sie betreiben doch auch ein Blog…

    Ich sehe das Problem der Journalisten auf einer ganz anderen Ebene. Gestern habe ich dazu hier schon einen ellenlangen Eintrag erstellt, der nach dem Abschicken leider einfach weg war. Aber nochmal kurz zusammengefasst, was ich sagen wollte: Die Journalisten sind zu einem guten Teil selbst Schuld, dass sie sich so auspressen lassen, untertarifliche Bezahlung und unbezahlte Praktika akzeptieren. Warum können die Verlage sich überhaupt so verhalten? Weil die Journalisten das mitmachen. Hätten wir eine Gewerkschaftsdichte wie andere Branchen, könnte man sich kollektiv für seine Rechte einsetzen. Aber in unserer Branche kocht ja jeder Arbeitnehmer lieber sein eigenes Süppchen. Und die Gewerkschaften nagen mangels Mitgliedern am Hungertuch.

  5. Guter Beitrag, vielen Dank. Auch wenn es keine neuen Gedanken sind, ist es immer wieder wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Damit sich tatsächlich hoffentlich eines Tages mal was ändert.

  6. Ich hab eine simple, wenn auch wenig tröstliche Erklärung: Hier walten schlicht Marktgesetze, namentlich das Gesetz, daß Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen.

    Die Nachfrageseite: Leute, die „etwas um Lesen“ (gerne auch mit bunten Bildern garniert) kaufen. Das ist bewußt kätzerisch ausgedrückt, weil der Qualitätsanspruch um Größenordnungen variiert. Ich kenne keine Statistiken über die Nachfrage in den einzelnen Qualitätsstufen, ein Blick auf einen beliebigen Zeitungsstand offenbart aber das Spektrum und das große Angebot an „fast food“.

    Die Anbieterseite: früher nur gedruckte Erzeugnisse. Da die reinen Produktionskosten einer Auflage (z.B. 20000 Exemplare einer Zeitungsausgabe) hoch sind, orientieren sich die Verkaufspreise daran und die Einnahmen können relativ hohe „Entwicklungskosten“ finanzieren. Durch das Internet hat sich die Zahl der kostenlosen Anbieter sehr stark vermehrt, darunter ist nicht nur Schrott. Das senkt die Auflagen und das finanzierbare Volumen an Entwicklungskosten.

    Das ganze wird überlagert dadurch, daß Google, Stellenportale usw. den Zeitungen die Werbe- und Anzeigeeinnahmen abgraben, die die gehobenen redaktionellen Anteile schon immer quersubnetioniert haben. Gehobener Journalismus war wohl auch früher i.d.R. nicht kostendeckend.

    Selbst unter der Annahme, daß die Werbeeinnahmen keine Rolle spielen, würde m.E. die enorme Vermehrung des Angebots zu einem Preisverfall führen, zumindest für weniger anspruchsvolle Inhalte. Allenfalls die oberen Qualitätsstufen bleiben von der kostenlosen Konkurrenz verschont.

    Aus diesem Grund laufen auch Streikandrohungen weitgehend ins Leere. Generell ist der oben beim Ruf nach starken Gewerkschaften durchschimmernde Glaube weltfremd, ein Produkt, für dessen Erstellung eine sehr hohe Qualifikation und viel Arbeit notwendig ist, könne automatisch in beliebiger Menge zu hohen, „gerechten“ Preisen verkauft werden. Davon kann jeder freiberufliche Musiker ein Lied singen, sogar wenn er Schlagzeuger ist. Übrigens auch die oben erwähnten Rechtsanwälte. Die haben zwar eine Gebührenordnung, aber kein Grundrecht auf Kundschaft.

    Durch die Bildungsexplosion der letzten 20 Jahre sind im Prinzip alle akademischen Berufe von einem Preisverfall bedroht. Die Bildungsexplosion ist kaum trennbar vom rasanten Anstieg des Anteils der Frauen, die einen akademischen Abschluß erreichen. Deshalb sind vor allem die von Frauen bevorzugten Berufsfelder betroffen.

    Das ist zugegebenerweise alles nicht sehr tröstlich, aber man kann die Augen nicht davor verschließen.

  7. Journalismus wird wahrscheinlich nur noch von denen betrieben werden, die es sich leisten können. Es wird eine geringe Anzahl von festangestellten Redakteuren geben, die mit ihrem Gehalt gut klar kommen. Das ist die Spitze des Eisbergs. Darunter sammeln sich Studenten, die dank Finanzierung der Eltern und einfachen Lebensumständen auch zu billigsten Honoraren bis hin für umsonst arbeiten können und werden. Es wird diejenigen geben, die sich ihren Beruf damit finanzieren, dass sie nebenher PR und anderes Mediengedöns machen. Und es wird die geben, die eigentlich Lehrer, Anwältin oder Kellnerin sind, und mit diesem Gehalt ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ab und zu schreibt man dann mal was und hat ein nettes Zubrot. Journalismus wird vom Beruf zum Hobby.

  8. Von welchen Sitten ist hier eigentlich die Rede? Und von welchen Sittenwächtern? Ich glaubte immer,wenn die Kolleginnen und Kollegen wirklich zusammenhalten, können sie den Bedrängnissen durch die Verleger widerstehen. Aber da wurde ich rasch in die Relität zurückgeholt: Beim großen Streik 1990 fiel uns ausgerechnet der BJV-Bezirksvorsitzende in den Rücken; als ich stetig mehr in einer deutschen Wochenzeitung von Rang veröffentlichte, boten sich mehrere „Kollegen“ an, zur Hälfte dessen zu schreiben, das mir bezahlt wurde; und als in Münster eine komplette Lokalredaktion vor die Türe gesetzt wurde, hatten bereits Nachfolger klammheimlich ihre Sessel okkupiert. Einzelbeispiele? Leider nein. Dass cj ehrlich auch vom Reiz der einst guten Bezahlung spricht, ehrt ihn, aber es gab schon mehr Gründe, in den Beruf einzusteigen. Für junge Menschen ohne Beamtenmentalität und mit Fantasie und anhaltender Neugierde gibt es sie auch heute noch. Aber es braucht mehr als zu meiner Zeit (1961!): Flexibel müssen unsere Nachfahren sein, mobil, in stetiger Weiterbildung, dann finden sich auch heute noch nicht nur Nischen. Denn im Gegensatz zu cj bin ich nicht ganz so pessimistisch, weil ich an den Wandel unseres Berufs glaube und an seine Wandlungsfähigkeit. Und immer noch bin ich nicht absolut sicher, dass die Zeitung auf Papier endgültig verschwindet.

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